RE:Hymen, Hymenaios
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
|---|---|---|---|
| |||
| Gott der Eheschliessung und Ehe | |||
| Band IX,1 (1914) S. 126–130 | |||
| Hymenaios in der Wikipedia | |||
| GND: 1054945144 | |||
| Hymenaios in Wikidata | |||
| Hymenaios bei Trismegistos | |||
| Bildergalerie | |||
| Register IX,1 | Register hi | ||
| |||
Hymen, Hymenaios [...] [127] [128] [129] [130]
RE:Hymen, Hymenaios
Hymen, Hymenaios (Ὑμήν, Ὑμέναιος), Gott 40 der Eheschließung und der Ehe. Die Etymologie ist unsicher. Auszuscheiden sind die antiken Etymologien aus δμονοιῖν oder δμον valsiv. Möglich ist eine Beziehung zur Vsü, gebären, welche auch in νίός Sohn vorkommt. Andererseits ist eine etymologische Verwandtschaft zwischen dem Substantiv νμήν, ἔνος, Häutchen, Band, Membran mit νμνος, Band, Gefüge nicht ausgeschlossen (vgl. ai. syüman, Band, Naht).
1. Als göttliche Figur läßt sich H. außer-50ordentlich schwer fassen, was Usener (Götternamen 326) veranlaßte zu vermuten, daß H. ein älterer indogermanischer Gott gewesen sei, den Griechen nur bekannt aus dem Kehrvers ihrer volkstümlichen Hochzeitslieder, die nach dem regelmäßig am Ende wiederkehrenden Anruf selbst Hymenäen genannt wurden. Usener bringt diesen älteren Gott auch etymologisch in Verbindung mit dem indischen Gott Soma (Nebenform: Soman; vgl. Windischmann Abh. Akad. Münch. IV 60 2, 129) und sagt weiter: .als die Griechen in ihren Hochzeitsliedern längst nur die Hochzeit des Zeus und der Hera als Vorbild der irdischen schildern konnten, wie das am Schluß von Aristophanes Vögeln geschieht, haben sie den Kehrvers getreulich dem alten Gotte gewahrt, der längst vergessen war und selbständiges Leben nicht wieder gewinnen konnte¹.
RE:Hymen, Hymenaios
Sicher ist es, daß bei Homer die adjektivische [127] 127
Hymen
Form Ὑμέναιος Diu XVIII 493 bei der Beschreibung des Achilleischen Schiidee sich nicht auf einen Gott, sondern auf ein Hochzeitscarmen bezieht. Dasselbe gilt für die ausführlichere Hochzeitsbeschreibung bei Hesiod (Sent Here. 274), wo gleichfalls BL nicht als Person aufgefaßt werden kann. Als Anruf finden wir in späterer Zeit Ὑμήν und Ὑμέναιος regelmäßig bei Hochzeitsbeschreibungen (Sappho frg. 91. 107. 108 Bgk.; Eur. Troad. 310. 314. 322. 331; Herk. 917; Phaöt Nauck frg. 781, 14; Aristoph. Fax 1332. 1334. 1335; Av. 1736. 1742. 1754 usw.).
Indessen tritt später doch wieder eine mehr faßbare Götter- oder Heroenfigur hervor, mit der sich eine Reihe von Mythen und Sagen in Verbin-dung bringen läßt. Man kann also entweder annehmen, daß nur durch Zufall ans der älteren Literatur keine Spuren dieses Gottes auf uns gekommen sind, oder man muß, was in der Mythologie keine Seltenheit wäre, schließen, daß sich zu dem alten Namen eine neue Göttergestalt gebildet hätte.
R. O. Schmidt, der über H. und den römischen Hochzeitsgott Talasius (q. r.) eine vortreffliche Doktorarbeit ,De Hymenaeo et Talasio (Kil. 1886)‘ geschrieben hat, der wir im folgenden vieles entnehmen, glaubt den alten Charakter des Gottes aus seinen Mythen und der Beschreibung seiner Person teilweise rekonstruieren zu können, und bringtihn. worauf wir später zurückkommen werden, in Verbindung mit dem Zeugungsgott Dionysos.
2. Die späteren Mythen, welche sich auf H. beziehen, lassen sich in vier Gruppen zerlegen, a) H. als Sohn einer Muse; b) H. als frühgestorbener Jüngling; c) H. als Jüngling, der einige Jungfrauen aus Räuberhänden errettet; d) H. als Sohn des Dionysos und der Aphrodite.
Als Sohn einer Muse finden wir H. zuerst bei Pindar frg. 139 Bgk. (= Schol. Vat. ad Eur. Rhes. 895). An dieser sehr korrupten Stelle wird erzählt von Musen, welche ihre Söhne durch einen frühen Tod verloren haben. Neben Linos und lalemos wird auch H. genannt. Welche Muse jedoch H.s Mutter ist, wird nicht erwähnt. Als Sohn der Kalliope nennen H. Asklep. Tragil., Schol. ad Pind. Pyth. IV 313 und Seid. s. θάμνρις. Sohn der Klio heißt er Apollodor Schol. ad Eur. Rhes. 342 und bei Hygin (in Dosith. Exc. ex Hygin. geneal.). Bei Catull. 51, 2 und bei Nonn. Dionys. XXIV 88. ΧΧΣΙΠ 67 wird Urania seine Mutter genannt. Während bei Alki-phron ep. I 13 Terpsichore als solche gilt.
Mit Recht nimmt Schmidt a. O. 6, 7 an, daß in den meisten dieser Fälle Apollon als Vater zu gelten hat, obwohl auch Ausnahmen hierfür zu finden eind!
Schon die Pindarstelle zeigte uns H. als einen in der Blüte seiner Jahre gestorbenen Jüngling. Näheres über seinen Tod erfahren wir durch Serv. Aen. I 651, wo erzählt wird, daß er an seinem Hochzeitstage durch ein zusammenstürzendes Haus erdrückt worden ist Doch wird schon hier mit einer gewissen Skepsis darauf aufmerksam gemacht daß dieses nicht gerade ein Grund sei, ihn von da an immer bei Hochzeiten anzurufen, sondern eher ein Grund, »einenNainen zu verschweigen (vgl. Euststh. II. XVHI493). Proklos (Phot uibl. 821 a 17) dagegen erzählt, daß er nicht an seinem Hochzeitstag gestorben, sondern [128] Hymen 128.
entrückt sei. Cora. Ballras (bei Serv. Aen. IV 127) teilt mit, daß EL, nachdem er auf der Hochzeit des Bacchus und der Althaea religiöse Lieder gesungen hatte, gestorben ist, und daß dieses der Grund sei, weshalb man bei Hochzeiten seinen Namen anzurufen pflegte, während bei dem Comment. Lemovic. ad Eclog. VIII 80 nur erzählt wird, daß er auf der Hochzeit des Bacchus und der Ariadne seine Stimme verloren hat Nach 10 den Orphikern soll Asklepios den Toten wieder erweckt haben (vgl. Schol. Pind. Pyth. III 90 und Schol Eur. Ale. 1. Apollod. III 10, 3). Obwohl wir mit Schmidt diese Mythengruppe nach dem Sterben des H. genannt haben, ist es doch klar, daß wenigstens in einem Teil der Erzählungen das Singen an einer Gütterhochzeit den wichtigsten mythischen Zug bildet.
Etwas ausführlicher sind wir Über jene romantischen Mythen unterrichtet, wo H. als Er-20 retter mehrerer Jungfrauen geschildert wird. Am ausführlichsten erzählt die Geschichte der Comment. Floriac. ad Aen. IV 99. H. ist hier ein athenischer Jüngling, so schön, daß man ihn für ein Mädchen halten könnte, er liebt eine adlige Jungfrau, wird aber, da er selbst geringer Herkunft ist, abgewiesen. Bei den Eleusinischen Mysterien folgt er seiner Geliebten in Frauenkleidern und wird mit ihr und anderen jungen Mädchen von Seeräubern geraubt. Die Piraten bringen ihre 30 Beute nach einer entfernten Küste und schlafen dort ein. H. tötet sie, kehrt nach Athen zurück und fordert die Athener auf, die Mädchen zurückzuholen, wobei ihm als Belohnung die Ehe mit seiner Geliebten versprochen wird. Quod eon-iugium quia felix fuerat, placuit Atheniensibus, omnibus nuptiis Hymenaei nomen intéressé, Vgl« Lactant. Plac. ad Stat. Theb. III 283. Mythogr. Vat. I 75. II 219 und Rohde Griech. Roman² 47. Ähnliche Geschichten finden sich bei Proklos 40 Phot bibl. 321 a, 17. Donat. ad Terent. Ad. V 7, 6 und Serv. Aen. I 651. Bei Tzetzes Chil. XIII 596 ist dieser Mythus sinnlos geworden, indem hier erzählt wird, daß H. die Räuber zwingt, die Mädchen in legitimer Ehe zu heiraten. Manchmal wird H. auch als Argiver, die Mädchen als pelasgisch dargestellt z. B. Schol Hom.Il.XVHI493 Sohn des Dionysos und der Aphrodite genannt Daß wir diese Verwandtschaft mit etwas Vorsicht auffassen müssen, beweist, wie es uns 50 scheint, eine Stelle aus dem Mythogr. vatic. III 11, 2, wo gesagt wird: Veneri et Baccho fingitur Hymenaeus, quia ob vini petulantiam libido excita ri seiet. Daß die Abstammung hier sinnbildlich gemeint ist, scheint ziemlich sicher. Weniger sicher ist dieses bei Seneca Med. 110 und bei Donat. ad Terent Ad. V 7, 6. Auch der Comment. Floriac., der, wie wir oben gesehen haben, an einer Stelle H. als mediocriter ortus beschrieb, sagt ad Aen. IV 127: Fenerw et Liberi 60 filium dicunt primum nuptiis prospéré usum.
Außer den Mythen sind einige Lokalsagen über H. anzuführen, die zum Teil mit Kulten zusammenzuhängen scheinen. Schon Schmidt hat darauf aufmerksam gemacht daß in vielen von dieeen Fällen H. in Verbindung mit der Knabenliebe Eht wird. Nach Magnesia führen uns die wo H. als Sohn oder Itekel des Magnes ter des Apollon genannt wird i(WM. [129] 129 Hymen
bei Serv. Aen. IV 127. Apollod. I 8, 3. Anton. lab. transform. 23). Gleichfalls als Sohn des Magnes 'wird er bei Suid. s. Θάμυρίς als Geliebter des Thamyris genannt. Ebenfalls nach Thessalien fthrt die Überlieferung, welche H. als Geliebten des auf dem öta verehrten Hesperos nennt (Serv. Ecl. 8, 80. Nonn. Dionys. XXXVIII 187. Catull 62, 7. 26). Bei Athen. XIII 603 d wird eine Version des Likymnios mitgeteilt, wobei H. Geliebter des sonst mit Agamemnon in Verbin-1 düng gebrachten Argynnos, der ebenso wie Tha-myns als Erfinder der Knabenliebe gilt, genannt wird. Dieses weistauf Böotien hin, wo nach Steph. Byz. s. Ἄργυννος ein Kult der Aphrodite Argynnis gewesen sein soll. Endlich führt eine Lokalsage, bei der H. als Vater des Tantales und des Askalos
und als Gründer von Askalon genannt wird, nach Syrien oder Phrygien (Steph. Byz. s. θβχάῖωή.
Für Argos ist ein Kult des H. bezeugt (Hyg. fab. 278).
3. Ein einheitliches Bild der Gestalt des H.
läßt sich aus diesen teils unvollständigen teils verworrenen Mythen und Sagen kaum gewinnen. Schon die Homer- und Vergil-Kommentatoren fanden sich in dem Material nicht mehr zurecht und machen, wie wir oben gesehen haben, sich widersprechende Angaben. Seine Verbindung mit den Musen und Apollo wird wohl auf die Anrufung im Hochzeitslied zurückzuführen sein. In dem Mythus der erretteten Jungfrauen stecken ί vielleicht Erinnerungen an Übergangszeiten von Brautraub zur mehr gesitteten Eheschließung. Unklar bleibt seine Figur als jung oder am Hochzeitstag Gestorbener, wenn man hierin keine wenig wahrscheinliche Anspielung auf die Zerstörung des Hymen im physiologischen Sinne sehen will. Am ältesten scheint nach Schmidts Auffassung seine Verwandtschaft mit Dionysos, obwohl sie uns nur aus späten Quellen überliefert worden ist Durch einen eingehenden Ver- ' gleich zwischen H. und Dionysos hat Schmidt (20ff.) versucht, eine Wesensgleichheit zwischen diesen beiden Göttern nachzuweisen. Gemeinschaftlich sind ihnen eine Reihe von Zügen, wie das jugendliche, fast mädchenhafte Äußere, ihre Gewandung, ihr Kult und schließlich auch die eigenartige Übereinstimmung in gewissen Mythen, in denen der Übergang der höchsten Freude zur tiefsten Trauer geschildert wird (Schmidt 51f.), sowie die Tatsache, daß sie sich beide in Weiberkleider zu vermummen pflegen (Schmidt 53f.). Alles dieses erklärt jedoch nicht die eigenartige Beziehung des H. zur Knabenliebe. Eine Verwandtschaft mit Dionysos als Zeugungsgott scheint nach Schmidts Ausführung höchst wahrscheinlich, doch muß vielleicht bei H. mehr der Nachdruck gelegt werden auf das Moment der Ehe-Vollziehung. Den besten Beweis für den Zusammenhang der beiden Götter bringt ein in der Anth. hl IX 524 gefundener Beiname des THo-nyaos ö/urif ἴος. Hild bei (Daremberg-S agi io s. Hymenaioe) schreibt hierüber: .wenn'Kpqr vom pbymologuchen Standpunkt das Kennzeichen der Jungfräulichkeit bedeutet, ist * Ypfauoe vielleicht das verpersönlichende Wort für den, der sie zerstört; der Dichter gibt diesen Namen dem Dionysos selbst¹ (vgl. Serv. Aen. IV 99: ,Hymen Mstos memmwta gwost virgmalia pueUae esse
Paaly-Wheowa-Kroll IX [130]
RE:Hymenaios
Hymenaios
RE:Hymenaios
180
RE:Hymenaios
dioitur, qua rupta quia desinat esse sirgo hy-menaei nuptiae dictas'). H. als ausschließlicher Gott der eigentlichen Begattung ließe sich auch leichter in Verbindung mit der Knabenliebe bringen. [Vgl. jedoch den Art. Hymenaios].