RE:Krantor
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| von Soloi, Philosoph der älteren Akademie | |||
| Band XI,2 (1922) S. 1585–1588 | |||
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Krantor von Soloi, Philosoph der älteren Akademie, Schüler des Xenokrates und Polemon, Mitschüler und Freund des Krates, Lehrer und' väterlicher Freund des Arkesilaos. (K. war, nach Diog. Laert. IV 22, mit Arkesilaos noch enger befreundet als mit den beiden andern zuletzt genannten Philosophen und wohnte mit ihm zusammen, wahrscheinlich in dem Garten der Akademie, wo sich nach Diog. Laert. IV 19 die Schüler Polemons nah bei dem Musenheiligtum und der Exhedra kleine Hütten gebaut hatten, μικρὰ καλύβια ποιησάμενοι κατψκουν). Als K., der sich schon in seiner Heimat Soloi irgendwie * ausgezeichnet hatte (vielleicht als Dichter, Diog. Laert. iy 24), nach Athen kam, lebte Xenokrates noch, der 315/14 starb. Seine Vorlesungen hat K. noch alle gehört (οἰήκονοε), dann aber, nach Xenokrates' Tode, auch den Unterricht des Polemon genossen, Diog. Laert. IV 24 Ind. Acad. Here. col. 16 und 17. Um die Zeit, als Arkesilaos sich der Akademie anschloß, war K. schon ein selbständiger und angesehener Gelehrter, von dem man erwartete, daß er eine eigne Schule begründen würde. Als er sich eines Tages einer Krankheit wegen in das Asklepiosheiligtum begeben hatte, um sich einer Kur zu unterziehen, fanden sich dort eine Anzahl junger Leute ein. in der irrigen Voraussetzung, K. hätte dieses Heiligtum als Schullokal gewählt. Unter ihnen befand sich auch Arkesilaos, aber aus anderm Grande: er hatte den K. bitten wollen, ihn dem Polemon zu empfehlen und vorzustellen. Man sieht deutlich, daß diese Geschichte auf eine mündliche Mitteilung des Arkesilaos zurückgeht. Diog. Laert. a. a. O. K. lehnte also ab, eine eigne Schule zu begründen, und verblieb auch weiter in der Schule des Polemon. Dieser Vorfall kann etwa in die Zeit,um 290 gesetzt werden. Das oben erwähnte engere Freundschaftsverhältnis des Arkesilaos zu K. erklärt sich also daraus, daß dieser ihn zuerst in die akademische Lehre [1586] eingeführt und erst nachträglich mit Polemon bekannt gemacht hatte. Diog. Laert. IV 28f. K. hinterließ sein Vermögen (12 Talente) dem Ärkesilaos. Von seinen Schriften, deren Gesamt* umfang auf ca. 30000 στίχοι berechnet wird, wurden einige von manchen Kritikern dem Ar-kesilaos zugeschrieben. Es ist immerhin möglich, daß wenigstens gemeinsame Arbeiten des Lehrers und des Schülers darunter waren, die unter dem 0 Namen des Lehrers gingen. Natürlich hatte der junge Ärkesilaos damals noch nicht der Skepsis sich zugewendet, sondern war noch ganz Alt-akademiker. K. starb vor Polemon, dessen Tod in das Jahr des Archon Philokrates fällt, 270/69 (oder 267/6 nach Beloch Gr. Gesch. III 2, 53–55). Er war, als er starb, immerhin schon ein alter Mann, wenn auch nicht im höchsten Greisenalter stehend, Epigramm des Theaitetos bei Diog. Laert. IV 25: καὶ γήρως ἤλυθεν οὐτὶ πρόσω. ἴθ Er wird vom Anfang der 30er Jahre des 4. Jhdts.
bis gegen die Mitte der 70er Jahre des 3. Jhdts. gelebt haben. Was wir von der Philosophie des K. wissen, bezieht sich ausschließlich auf das Gebiet der Ethik; die Erklärungen, die er in seinem Kommentar zu Platons Timaios, dem ältesten aller Kommentare zu diesem Dialog, über metaphysische und kosmologische Fragen gegeben hat, dürfen nicht ohne weiteres als seine eignen philosophischen Ansichten aufgefaßt JO werden. Mitteilungen aus diesem Kommentar
in Plutarchs Schrift περὶ τῆς ἐν Τιμαίῳ ψυχογονίας und bei Proclus in Timaeum I p 76, 2. 277, 8 Diehl zeigen ibn als sorgfältigen und verständnisvollen Erklärer. Zeller Phil. d. Gr. II³ 897. Seine ethischen Schriften bestätigen sein treues Festhalten an dem Geist der alten Akademie. Sie strebten unverkennbar auch mit Erfolg nach gemeinverständlicher und geschmackvoller Darstellung. K. legte, wie seine philosophischen 40 Freunde, großen Wert auf den Stil, war ein
Kenner der poetischen Literatur und machte selbst, wenigstens in seiner Jugend, Gedichte. Daß es sich uit Jugendgedichte handelt, geht aus der Nachricht hervor, daß er sie in seiner Vaterstadt Soloi versiegelt im Heiligtum der Athena niederlegte, offenbar ehe er nach Athen ging, um sich der Philosophie zu widmen. Diog. Laert. IV 25. Die Verse des Antagoras auf den Eros, die Diog. Laert. IV 26 mitteilt (λέγεται δὲ καὶ Ἀνταγόρα 50 τὸν ποιητου ὡς Κράντορος εἰς ἔρωτα πεποιημένα ταντίθ waren von dem Verfasser dem K. in den Mund gelegt; sie sollten wohl die Eindrücke widergeben, die Antagoras in einer Vorlesung des K. über den Eros, die wohl an Platons Symposion anknüpfte, empfangen hatte. Die Lieblingsdichter des K. waren Homer und Euripides, während Polemon den Sophokles vorzog. Er bewunderte an dem Stil des Euripides die Vereinigung tragischer Würde mit natürlicher Lebendig-60 keit und Gefühlswärme, welche dieser Dichter der κυρία λέξις abzugewinnen wußte (τδ ἐν τψ κυρίω τραγικώς ἄμα καὶ συμπαθώς γράψαι). Als Beispiel führte er gern den Vers aus dem Bellero-phontes an: οἰμοΓ τὶ δ' οἰμοί; θυητὰ τοὶ πεπόνθαμεν. Seine Stilnrtcile drückte er gern in metaphorischer Form aus, z. B. die θέσεις des Theophrast seien, statt mit Tinte, mit Purpurfarbe geschrieben; die Verse eines schlechten [1587] Dichters nannte er »wurmstichig* (ὀκίφης μίτους) und die Stimme eines Schauspielers »ungehobelt* (ἀπίθίον). Man kann aus diesen Zügen auf die Sorgfalt schließen, die er auf den Stil seiner eignen Schriften verwendete. Die berühmteste unter ihnen war die Trostschrift περὶ πένθους, die er an Hippokies richtete, um ihn über den Tod seiner Kinder zu trösten. Plut. cons. ad Apoll. 6 p. 104 C. Schon Antigonos von Karystos (Diog. Laert IV 27) erklärt diese Schrift 1 für die bewandertste des K., und Cicero im Lu-cullus § 135, der sie ,ein kleines aber goldenes Büchlein* nennt, erwähnt, daß Panaitios dem Tubero geraten habe, sie wörtlich auswendig zu lernen. Cicero hat sie nicht nur für seine eigne Consolât io, durch die er sich über den Tod seiner Tochter Tullia zu trösten suchte, sondern auch an mehreren Stellen des ersten und dritten Buches seiner Tusculanen benutzt. Auch bei Plut. consol. ad Apoll, ist K. περὶ πένθους 2 nicht nur da, wo ausdrückliche Zitate vorliegen, benutzt, und in den Consolationes Senecas stammt einzelnes indirekt aus dieser Quelle. Bezeichnend für die akademische im Gegensatz zur stoischen Trostweise ist, daß sich K. nicht Ausrottung des Affekts (ἀπάθεια), sondern nur Mäßigung (μετριοπάθεια) als Ziel setzt. So wenig wie bei leiblichen Krankheiten und Verletzungen können wir bei seelischen Schädigungen ganz unempfindlich und schmerzfrei zu bleiben wünschen. 3( Die Unempfindlichkeit gegen den Schmerz würde allgemeine Unempfindlichkeit und somit eine tierische Verrohung der menschlichen Natur voraussetzen und damit zu teuer bezahlt werden. Die Affekte als solche sind in der menschlichen Natur begründet und nicht ohne Nutzen für den Menschen: ohne Furcht keine Vorsicht, ohne Leiden kein Mitleiden und keine Milde und Barmherzigkeit, ohne Zorn keine Tapferkeit. Die Ethik fordert von uns nur. im Affekt das richtige Maß 4( einzuhalten. Die wichtigsten Trostgründe schöpfte K. ganz platonisch aus der .Mystik. Er nahm an, daß die unsterbliche Seele zur Strafe früherer Verfehlungen an den Leib gebunden sei. und daß der Tod für sie, wenn sie gerecht gelebt habe, Rückkehr zu einem höheren Dasein bedeute. In diesem Zusammenhang schilderte er die Unvollkommenheit und Mühseligkeit des irdischen Lebens, um den Hippokies über den Tod seiner Kinder zu trösten. Eine weitere, nicht benenn- 50 bare Schrift des K. kennen wir durch das lange Bruchstück bei Sextus XI 51–58 (Kayser 49ff.), welches die von K. aufgestellte Rangfolge der Güter (1. Tugend [ἀνόοίία], 2. Gesundheit, 3. Lust, 4. Reichtum) durch eine anmutige Erzählung begründet. Die Güter, als Personen gedacht, die sich um einen Preis bewerben, treten der Reihe nach, und zwar in der umgekehrten Reihenfolge ihies wahren Wertes, in der Versammlung der Panhellenen auf; jedes begründet in kurzer Rede 60 seinen Anspruch auf den ersten Preis und jedem gelingt es, die Panhellenen zu überzeugen, daß sein Verdienst größer als das seiner Vorredner ist. Die Lust kann sich darauf berufen, daß der Reichtum nicht um seiner seihst, sondern um ihretwillen begehrt wird; die Gesundheit kann geltendmachen, daß ohne sie dem Menschen weder Reichtum noch Lust etwas hilft; die Tapferkeit [1588] endlich, daß ohne sie niemand die drei andern Güter behaupten kann, sondern nur, je mehr er von ihnen besitzt, um so sicherer ihrer beraubt wird. Es handelt sich, wie man sieht, um die der akademischen und peripatetischen Schule gemeinsame Güterlehre, die den leiblichen Gütern vor den äußeren, den seelischen vor den leiblichen und äußeren den Vorzug gibt. Es ist aber der Vorzug der Gesundheit und der Tapferkeit nicht entsprechend begründet, wie der der Lust vor dem
Reichtum. Während letzterer auf dem Verhältnis des Zwecks zum Mittel beruht, liegt bei jenen der Vorzug darin, daß sie unerläßliche Voraussetzungen für den Besitz und Genuß der folgenden bilden. Es liegt also nicht im Sinn dieser Geschichte, die Telosfrage zu entscheiden. Folgerichtige Durchführung des Gesichtspunktes ,nicht ohne* hätte zur Umstellung des dritten und vierten Gliedes führen müssen, weil die größte mög-0 liehe Summe von ἠδοναί nicht nur ohne Tapferkeit und Gesundheit, sondern auch ohne Reichtum nicht angeeignet und genossen werden kann. Folgerichtige Durchführung des Gesichtspunktes ,Mittel und Zweck‘ würde in einer populären, auf den gesunden Menschenverstand berechneten Darstellung sicherlich nicht vermocht haben, diese Reihenfolge zu begründen. Nach dem Gesichtspunkt ‚Fortschreiten vom Äußern zum Innern‘ (äußerer Besitz, leiblicher, seelischer) müßten Lust) und Gesundheit ihren Platz tauschen. Wegen dieses Mangels an Folgerichtigkeit können wir dieser anmutigen Erzählung keinen großen wissenschaftlichen Wert beilegen.
v. Bleeck De Crantore Solensi, Arnheim 1837 (Leidener Diss.). M. Η. E. Meier De Crantore Solensi Opuscula II 263- 283. F. Kayser De Crantore Academico, Heidelberg 1841 (Fragment-samml.)- Zeller Phil. d. Gr. IF 897f. Susemihl Gesch. d. gr. Litt. i. d. Alex. I 118f. Gomperz 1 Die herkul. Biographie des Polemon, in ,Philos. Aufs. Zeller gewidmet¹, Leipz. 1887. Περὶ πένθους: Buresch Consolationum hist. crit, Leipz. Studien IX 38–57. F. Schneider De Crantoris libro π. πένθους y Ztschr. f. Altertumsw. 1836T 839f, Heine De fontibus Tuscul. disp., Weimar 1863.