RE:Kratylos
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| Herakliteer, Gestalt d. gleichnamigen Dialogs Platons | |||
| Band XI,2 (1922) S. 1660–1662 | |||
| Bildergalerie | |||
| Register XI,2 | Register kl | ||
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Kratylos, Herakliteer, nach Platons Dialoge dieses Namens (440 D ἔτι γὰρ νέος εἰ) jüngerer Zeitgenosse des Sokrates. Ebd. 429 E wird als Beispiel dafür, daß man falsche Aussagen machen könne, was K. bezweifelt, der andere Mitunterredner Sohn des Smikrion aus Athen genannt – es liegt nahe, dies als den vollen Namen des K. auf-00 zufassen. Die spärlichen Nachrichten bei Diels Vorsokr. nr. 52. Das Wichtigste ist sein Verhältnis zu Platon, dessen erster philosophicher Lehrer er nach Arist. metaph. A 6, 987a 32 war: demgegenüber fällt das Zeugnis des Diog. III 6, der Platon bei K. erst nach Sokrates hören läßt, nicht ins Gewicht. Aus Platons Dialog K. ist einiges über seine Persönlichkeit zu erschließen. Am eingehendsten ist diese Frage von v. Wilamowitz [1661] 1061
Kratyios
Platon I 89. 285. II 439 behandelt; ,Hartnackig-keit und starkes Selbstgefühl' treten an der Dialogfigur hervor; jedenfalls behandelt Sokrates den jüngeren Mann ziemlich rücksichtsvoll; dazu mag stimmen, was Aischines (frg. 50 Dittmar, Krauss XXII) bei Arist. Rhet. I 1417b, 1ff. über die Äußerungen der Leidenschaftlichkeit mit-teilt: durch den Zusatz »zischend und mit den Händen schlagend* hat ihn Aischines als παθητικός charakterisiert; doch vgl. Wellmann Erseh u. Gr. II 39. 292.
Über seine Lehre, die eine Fortführung (Z e 1 –1 e r I⁵ 723, 3) des Heraklitismus bis zu einem radikalen Skeptizismus bedeutet, erfahren wir einiges aus Arist. met. A 6, 987 a 29; ,daß alles Wahrnehmbare in stetem Flusse sei und es davon kein Wissen gäbe⁴, habe Platon stets festgehalten. Während aber Platon diese Ansicht nur als den negativen Unterbau einer positiven Erkenntnislehre benutzt (trotz Gercke Einl. i. d. Altertumswiss.¹ II 311; vgl.auchH. Maier Sokrates 91. Pohlenz Aus Platons Werdezeit 401. 403) und später übrigens wesentlich modifiziert hat, blieb K. dabei stehen, die gesamte φύσις als in ewiger Veränderung befindlich aufzufassen und damit jede Veränderung, jede gültige Aussage für unmöglich zu erklären, den Gebrauch der Worte bereits für eine unzulässige Fixierung der Wirklichkeit anzusehen, auf Worte zu verzichten und schließlich nur den Finger zu bewegen (Arist. met. I 5, 1010 a 13). Er überbietet seinen Lehrer, der gesagt hatte, man könne nicht in denselben Fluß zweimal steigen: auch nicht einmal könne man dies tun. Eine anschauliche Schilderung dieser Geisteshaltung gibt Platon im Theaitetos, bes. 179 E ff. Daß die hera-klitisierenden Lehren in der Schrift des hippokra-teischen Corpus περὶ διαίτης gerade auf K. zurückgehen, ist möglich (Zeller I⁵ 749), aber nicht mehr. Auch die Ansichten des K. über die Sprache, die Platon uns mitteilt, sind das Gemeingut sophistischer Betrachtung und zeigen die typische Angleichung herakliteischer an eleatisehe Lehren. K. bestreitet die Möglichkeit einer falschen Aussage: πώς ἄν λίγων γὲ τις τούτο δ λέγει ου τδ ὅν λέγοι, Krat. 429 D; damit hebt er die Möglichkeit richtiger Aussagen natürlich ebenfalls auf und kann ganz folgerichtig behaupten, daß das, was jeder meint, er natürlich wirklich meint, die Worte und ihr Sinn also stets von Natur richtig sind, und zwar in allen Sprachen, bei Griechen und Barbaren (383 A). Denn er bestreitet, daß es irgendein übersubjektives Kriterium, einen objektiven Gegenstand gäbe, an dem ein Gesetzgeber verschiedene Worte hinsichtlich ihres Sinnes messen könnte. An dem Begriff der ,natürlichen Richtigkeit der Worte* setzt die sokratische Kritik ein und führt zu der gegenteiligen Ansicht, die Platon am Schlüsse des Dialogs zusammenfaßt. Für K. muß Wort und Sinn unmittelbar zusammenfallen, d. h. ein Wort ist so richtig wie das andere; diese eigenartige »Richtigkeit* der Worte, die wenigstens einen Augenblick das, was im Worte gemeint ist, fixieren, brachte den K. ja gerade zu dem bereits geschilderten, jenem Widerspruch ausweichenden Paradoxon, den Gebrauch der Worte überhaupt zu vermeiden. Diese allgemeine Stellung zur Sprache verträgt sich an und für sich schlecht mit dem im Dialog K. von Platon diesem zugeschriebenen [1662] Kraunoi
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Bestreben, in den Worten neben jener der herakli-tischen Position durchaus entsprechenden subjektiven Richtigkeit, die eben gar keine ist, auch eine objektivere allgemeine ὀρνότης zu finden und durch Etymologisieren herauszuholen (vgl. Kiock De Cratyli Platonici indole ac fine, Brest 1913, 43; verkehrt Dümmler KL Schr. I 5). Aber man darf hier mehreres nicht vergessen; einmal hat das ganze Etymologisieren nur soweit für 10 den platonischen K. Interesse, als es die Grund-ansicht vom Flusse aller Dinge bestätigt. Als Sokrates die gegenteilige Ansicht ebenso aus den Worten herausliest, ist K. deshalb durchaus nicht widerlegt und braucht es auch nicht zu sein, und so betont er 440 D sein unerschütterliches Festhalten an der Lehre Heraklits auch gegen das Zeugnis der Wörter. Man darf das gelegentliche hypothetische Zugeständnis, daß ohne die Ideen eine Erkenntnis unmöglich wäre, 440 A, nicht als ein Zu-20 geständnis des K. im Sinne Platons fassen (Kiock 44). Beide ziehen aus denselben Prämissen entgegengesetzte Folgerungen. Zweitens mag Burnet Anfänge der griech. Philosophie übers, von Else S c h e n k 1 328 recht haben, daß den der Sophistik in jedem Belange Nahestehenden K. das rein rhetorische Interesse zum Etymologisieren anreizte; verschmäht doch auch Platon gelegentlich dieses Mittel der ψυχαγωγία nicht. Vor allem aber muß damit gerechnet werden, daß Platon in 30 das Bild des K. Züge von Philosophen seiner eigenen Zeit hineingetragen hat, so vorsichtig man im einzelnen und mit Nennung bestimmter Namen sein muß. Dies zeigt die bereits zitierte umsichtige Dissertation von Kiock. Vgl. zu den logischen Problemen, die sich an die ganze Frage anknüpfen, Hönigswald Die Philosophie des Altertums 199, zum Ganzen außer dem bereits Zitierten Praechter Überwegs Grundriß11 66. Stein-t h a 1 Gesch. d. Sprachwissensch. bei d. Griech. u.
40 Röm.¹ 41ff.