RE:Kronios 3
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| Philosoph | |||
| Band XI,2 (1922) S. 1978–1982 | |||
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3) Kronios, Philosoph. Er wird Syr. in Metaph. 109, 11 Kr. den Platonikern beigezählt, freilich in Verbindung nicht nur mit Amelios, sondern auch mit Numenios, der sonst gewöhnlich als Pythagoreer (so bei Origenes, Eusebios, Chal-cidius, Nemesios, Suidas [S. 1. 28. 46. 49. 53.
20 67. 68 Thed.]), selten (so Procl. in Remp. II 96, 11 Kr.) als Platoniker bezeichnet wird, ersteres im Hinblick auf seine Verehrung für Pythagoras, von dem er Platons Lehre herleitet, letzteres mit Rücksicht auf seine intensive Beschäftigung mit Platon, dessen Philosophemen er zustimmt. In Gesellschaft des Numenios erscheint K. auch sonst häufig, daneben in Verbindung mit Platon (Arnob. adv. gent. II 11), den Platonikern Thrasyllos, Severus, Gaios, Attikos und Longinos, den Neu-
30 pythagoreern Moderatos und Nikomachos und dem seiner Richtung nach unbekannten Apollophanes (Porph. Vit. Plot. 14. 20. 21 [S. 19, 40f. 20, 35 Müll.]. Euseb. hist. eccl. VI 19, 8). Porphyr. de antr. nymph. 21 S. 71, 1 N. 2 nennt ihn ἐταίρος des Numenios, wobei er vielleicht nur die Gemeinschaft des Standpunktes der beiden Männer, und zwar zunächst in dem zur Verhandlung stehenden Problem im Auge hat (vgl. Zeller III 2⁴, 241, 5). Jedenfalls bekannte sich K. wie
40 Numenios zu der pythagoreische und platonische Doktrin vereinigenden Richtung, die, an altakademische Tradition anknüpfend, im mittleren Platonismus des 1. und 2. Jhdt. n. Chr. zu neuer Blüte kam und in den Neuplatonismus überging. Zu den Philosophen ἀπὸ Πλάτωνος rechnet ihn auch Nemes. 2 S. 117, 1 vgl, mit 116, 3 Matth. Dagegen heißt er Pythagoreer bei Porphyrios, Stob. Ecl. II 14, 17 W. – also das gleiche Schwanken wie in der Schuleinreihung des Nu-50menios. Für die Lebenszeit des K. bildet die Lehrtätigkeit des Plotinos, der ihn mit seinen Schülern las (Porph. Vit. Plot. 14), einen Terminus ante quem (bestätigt durch Longin bei Porph. Vit. Plot. 20 S. 19, 40 Müll.); genauer wird man ihn seiner philosophischen Richtung und Verwandtschaft mit Numenios entsprechend dem 2. Jhdt. n. Chr. zuteilen dürfen. Dazu stimmt seine höchst wahrscheinliche Identität mit dem Adressaten von Lukians Peregrinos (vgl. Bernays
60 Lucian u. d Kyniker 3f.). Obwohl die Häufigkeit und Art seiner Erwähnung und insbesondere seine Verwendung im Unterrichte Plotins erkennen lassen, daß ihm Bedeutung beigemessen wurde, ist uns nur wenig Näheres über ihn bekannt. An Schriften wird nur ein Buch Περὶ παλιγγενεσίας, das die Seelenwanderungslehre betraf, bei Nemes. 2 S. 117, 1 mit Titel genannt. Ein Kommentar zur platonischen Politeia, oder [1979] ἴυνυ
Kronios
Erörterungen zu einzelnen Teilen derselben, ist aus Procl. in Remp. II 22, 20ff. 23, 6ff. 110, 4 Kr., ein Kommentar zur homerischen Darstellung der Nymphengrotte aus Porph. de antro nymph. S. 55, 17ff. 71, 1ff. N.² zu erschließen, letzterer vielleicht Teil eines größeren, den Homer allegorisch ausdeutenden Werkes (Porph. bei Stob. Ecl. II 14, I5ff.). Ὑπομνήματα von ihm, welchen Inhaltes wird nicht gesagt, las Plotin nach Porph. Vit. Plot. 14. 1
Aus der Lehre des K. gilt der Metaphysik die von Syrian in Metaph. 109, 12f. Kroll erwähnte These, worin er, mit Numenios und Ame-lios übereinstimmend, sowohl das Intelligible wie das Sinnliche an den Ideen teilhaben ließ, während Porphyrios, jedenfalls infolge einer engeren Passung des Begriffs der μέθεςις, die Teilhabe nur vom Sinnlichen gelten lassen wollte und lam-blich die πρώτα καὶ ἄριοτα τῶν νοητῶν, und nur diese, als bloße μετεχόμενα vom aktiven μετέχειν 2 ausschloß. Es läßt sich fragen, ob nicht diese Lehre des K. mit einer analogen metaphysischen Grundlegung, wie sie von Numenios in der Stufenfolge der drei Götter, von Amelios in der Stufenfolge der drei Demiurgen oder Könige vollzogen wurde (vgl. zur μέύεξις in diesem Zusammenhänge Zeller III 2S 238, 1 und Procl. in Tim. I 306, 5 D,) in Verbindung stand. Die sonstigen engen Beziehungen des K. zu Numenios empfehlen die Frage zu bejahen. Eine kosmologische Aus-31 führung knüpfte K. an die Besprechung von Plat. Politeia 546 a (Procl. in Remp. II 22, 20ff. Kr. vgl. mit 9, 26ff.). Neupythagoreischer Lehre getreu (vgl. Zeller III 2⁴, 147f.) bekämpfte er die Annahme einer Weltzerstörung und hatte sich dabei angesichts des Weltschöpfungsberichtes im platonischen Timaios mit dem Satze Platons a. a. O. γενομενω παντὶ φύορά ἐστιν abzufinden. Das geschah in der Weise, daß er das Weltwerden des Timaios nicht als ein γίγνεσθαι 4( in dem Sinne verstand, in welchem es das φύειρεσύαι zum notwendigen Korrelat hat. Er bekannte sich also offenbar – seine Argumentation selbst ist nicht überliefert – zu der üblichen (vgl. Überweg-Praechter Grundr. I11 356. 549. 558. 562. 565. 637. 666) peripatetisierenden Auffassung des Timaios, nach der es sich hier nicht um einen zeitlichen Weltanfang (so auch Procl. in Remp. II 10, 5), sondern nur um die seit Ewigkeit bestehende Verursachung der Welt 50 durch den Demiurgen handelt. Als Gegner hat K. besonders die Stoiker im Auge, wenn er gegen die Weltzerstörung durch Feuer geltend macht, daß ,die entgegengesetzten Kräfte¹ dem Feuer Widerpart halten, also das aus Philo de aet. mundi 21 (VI S. 106 C.-W.) bekannte Argument aus der Isonomie der Elemente (vgl. die Platoniker bei Hippol., Diels Dox. 567, 22ff.). Weitere Stützen findet er in Sätzen über Natur und Wirkung des Feuers, die er der Naturkunde, der Paradoxo- 60 graphie und der allegorisch gedeuteten Mythologie entnimmt. Für die Psychologie des K. ergibt sich aus Porph. de antro nymph. 21ff., daß er in Anlehnung an verbreitete Anschauungen (s. P. Capelle De Iuna stelüs lacteo orbe ani-marum sedibus, Halle 1917) und wieder in Übereinstimmung mit Numenios die Seelen aus der Iunaren Region in das Werden herabsteigen und [1980] Kronios
1980
sich von hier wieder zu den Göttern erheben ließ, Vorgänge, auf die er die beiden Tore der homerischen Nymphengrotte (v 109) deutete unter gleichzeitiger Heranziehung des platonischen Er-mythos (Porph. a. a. O. 71, 17. 76, 21ff. N.2 vd Procl. in Remp. II 129, 12f. Kr.). Herniederstieg und Einkörperung der Seele hielt er nach lam-bhch bei Stob. Ecl. II 380,15ff. W. mit Numenios und Harpokration im Anschluß an pythagoreisch-0 platonische Anschauung unter allen Umständen lur übel, während Iamblich a. a. O. 380, 6ff, Unterschiede machte, und ließ durch die Berührung mit der Materie und insonderheit dem Leibe, also von außen her, das Böse in die Seele gelangen (Iamblich a. a. O. 375, 14f., vgl. Plat. Tim. 42a. 44a b und weitere Stellen bei Zeller II 1 ⁴, 855f.). Wenn sich aus Iamblich (a. a. O.) ergibt, daß er diese Ansicht nicht überall vertrat, so liefert dafür seine Erklärung von Plat.
0 Politeia 546 af. bei Procl. in Remp. II 23, 6ff. Kr. einen Beleg, wo ihn der Weg der Exegese veranlaßte, das Gegensätzliche zwischen Seele und Leib zurückzustellen. Er bezog hier die beiden Harmonien Platons auf das Männliche und Weibliche von Einfluß war wohl das ἄρρεν und ὕηλν der pythagoreischen sog. Kategorientafel – und setzte dem Verhältnis zwischen diesen dasjenige zwischen Seele und Leib analog. Herrscht in beiden Verhältnissen Harmonie, so ergibt sich) εὐγονία, im andern Falle ἀφορία und παῖδες ἄμουσοι (Plat. 546 a. d.e). In der Seelenwanderungslehre läßt K. wie in dem Namen παλιγγενεσία (Nemes. 117 Matth., vgl. Zeller I 1 6, 560, 1), so auch in der Sache den Pythagoreer erkennen. Er hält alle Seelen für λογικοί und gewinnt durch diese Leugnung eines Wesensunterschiedes zwischen Menschen- und Tierseelen seine Stellung in der Streitfrage nach dem Sinne von Plat. Phai-don 81e ff.: er nimmt den dort behaupteten Über-
I Rang von Menschenseelen in die Leiber von Eseln, M ölten und anderen Tieren für Platons eigentliche Meinung, während andere darin nur einen symbolischen Ausdruck für das Herabsinken von Menschen- in tierische Charaktere erkennen wollten (zu der Streitfrage vgl. Zeller II 1 4 840, 5. III 2⁴, 713. 768, 786, 3; zu der Bedeutung des zugrundeliegenden tierpsychologischen Problems in weiterem philosophiegeschichtlichem Zusammenhänge W. Jaeger Nemesios v. Emesa 117ff).
¹ Der Gepflogenheit seiner Zeit gemäß spielte gewiß in der Tätigkeit des K. die Beschäftigung mit älterer philosophischer oder für die Philosophie zu verwertender Literatur eine Hauptrolle. Mehrere Sätze, die er im Zusammenhang der Exegese vortrug, sind uns schon begegnet. Zu erwähnen ist noch seine Stellungnahme zu Plat. Politeia 614 b. Die Verehrung der großen Weisen des Orients hatte bewirkt, daß manche, wie Procl. in Remp. JI 109, 9ff. Kr. mitteilt, die eschato-logische Kundmachung als Eigentum nicht des Er, sondern des Zoroaster ansahen und soweit gingen, diesen statt jenes in den Platontext zu setzen. Dieser durch den Platongegner Kolotes, den Epikureer, vertrctenenlnterpretenpartei stand eine andere gegenüber, zu der K. zählte. Bei ihr siegte die Autorität des überlieferten Platontextes, doch betrat sie den Weg des Kompromisses, indem sie die Beteiligung eines Zoroaster an dieser [1981] 1981 Kronios
Eschatologie nicht bestritt, ihn aber zum Schüler des Er machte, der damit seine Stelle als Vater des eschatologischen Mythos behalten konnte. Offen blieb dabei (Procl. 110, 5f.), ob unter Zoroa-ster der berühmte Perser oder Ζωροάστρης ὁ Ἀρμενίου Πάμφνλος zu verstehen sei, der angebliche Zeitgenosse eines Königs Kyros, sicherlich des älteren, und Verfasser einer Schrift περὶ φύσεως, die sich mit dem Ermythos berührte (Procl. 109, 14ff.). Dem Konservativismus des K. in dieser literarisch-textkritischen Frage steht eine große Willkür in der eigentlichen Exegese gegenüber. Die beste Probe seines Verfahrens bietet die allegorische Deutung der homerischen Nymphengrotte (v 102ff.), die Porphyr. de antr. nymph. benutzt, vielleicht in weiterem Umfange als die ausdrücklichen Zitate erkennen lassen. Die Auffassung des exegetischen Problems zeigt schon die Weise des Neuplatonismus (man vgl. mit Porpb. 2. 3 Anf. 4 Anf. etwa Procl. in Ale. S 308, 26ff. der Ausg. v. 1864). Homer kann die Schilderung, so meint K., nicht καθ' Ἰστορίαν verfaßt haben, da die Periegesen nichts von einer solchen Grotte auf Ithaka berichten (besser weiß das der gelehrte Porphyrios 4 S. 58, 2ff. unter Berufung auf die Geographen und besonders Artemidor). Ein πλάσσειν κατὰ ποιητικὴν ἐξουσίαν oder εἰς ψυχαγωγίαν (dieser Ausdruck ebenso wie καθ ἰστορίαν auch bei Procl.) ist durch die Unwahrscheinlichkeit des Erdichteten ausgeschlossen. Also bleibt als Absicht des Dichters nur übrig ἀλληγορεῖν τὶ καὶ αἰνίττεσθαι. In der Ausdeutung dieser Allegorie werden die Grenzen des allegorisch Dargestellten von Numenios und K. möglichst weit gezogen: die Nymphengrotte ist Bild und Symbol des Kosmos (Porph. 21). Innerhalb dieses weiten Rahmens spinnen sich in Ausdeutung der Einzelheiten der Grotte die mannigfachsten Fäden, durch die sich Tierkreiszeichen und Sterne, Seelenschicksale, römische Saturnalien, römischer und ägyptischer Kalender, Mithras, Qualitäten der Winde u. a m. verbinden. Die gleiche Methode, durch Aufspürung möglicher Anknüpfungspunkte alles zu allem in Beziehung zu setzen, beherrschte offenbar auch K.s sonstige Homerexegese. Porphyrios in der Schrift über die Styx (Stob. Ecl. II 14, 15ff.) lobt ihn zwar als den geeignetsten Ausdeuter homerischer Allegorien, macht ihm aber zum Vorwurfe, daß er Nichthergehöriges hereinziehe und dem Dichter seine eigenen Meinungen unterlege, ein Tadel, der im Munde eines Porphyrios viel besagt. Es trifft sich hübsch, daß Proklos (in Remp. II 129, 8ff.) über K.s Gesinnungsgenossen Numenios ein ähnlich ungünstiges Urteil fällt, und zwar u. a. gerade mit Rücksicht auf die Astronomisches mit Homer und Platon verquickende Ausführung über den Seelennieder· und aufstieg, die den Beifall des Porphyrios gefunden hatte.
Alles in allem ist K. eine beachtenswerte Etappe auf dem Wege zum Neuplatonismus, zu dessen Ausgestaltung er wTie Numenios beigetragen haben mag. Auch auf die Patristik erstreckte sich seine Einwirkung: Origenes las ihn (Porphyr. bei Euseb. hist. eccl. VI 19, 8), und daß er als eine Quelle des Arnobius in Frage kommt, hat W. Kroll Rh. Mus LXXI 350ff. bemerkt. Der Grund, weshalb er in der über- [1982] Kronos
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lieferung so sehr gegen Numenios zurücktritt, entzieht sich unserer Kenntnis.