4) Lachares (Suid. 8. Λαχάρης und Σανπηριανός) wirkte um die Mitte des 5. Jhdts. n. Chr. in Athen; sein Lehrer war Herakleon; er selbst 0 stiftete eine hochangesehene Schule. Er heißt, wie bei den rhetorischen Lehrern der Zeit üblich, σοφιστῆς, aber da ihn Marinus (vit. Prodi ep. 11) unverschämt lobt und Damaskios, den Suidas im Artikel Σονπηριανός ausschreibt (s. Küster bei Bernhardy z. St. Asmus Da-maskios’ Leben Isidors, übers. 52), von ihm sagt, er sei φιλόσοφος ἄξιος καλεῖσθαι μάλλον ἡ σοφιστῆς, so ist zu vermuten, daß er Beziehungen
[333]
zum Neuplatonismus hatte. Seine Verdienste wurden durch eine Statue geehrt. Eine Kenntnis seiner Schriftstellerei wurde zuerst durch Walz vermittelt, der in den Rhetores graeci III 712ff. Exzerpte unter dem gefälschten Titel Κάστορος Ῥοδίου θητορος τοῦ καὶ φιλορωμαίου περὶ μέτρων ρητορικῶν veröffentlichte. Dann hat Studemund in der Einleitung zu Ps.-Castoris Excerpta rhetorica (Vratislaviae 1888) alles, was von L. bekannt ist, einschließlich der wenigen Bruchstücke zusammengestellt; dazu fügte Graeven (Herm. XXX 289ff.) ein umfangreiches Exzerpt aus dem Parisinus Suppl. Gr. 670. Die Hauptschrift handelte περὶ κώλου καὶ κόμματος καὶ περίοδοθ und ihr weist man in der Regel die erhaltenen Auszüge sämtlich zu, die sich wesentlich auf die Eurhythmie der Prosarede beziehen. Graeven hat dem widersprochen (a. O. 298) und ein besonderes Schrift-chen angenommen, darin der Redner seine Ansicht von den Versfüßen der Prosarede auseinandergesetzt hatte. Einen durchschlagenden Grund hat er freilich nicht beigebracht außer dem Hinweis, daß in den Exzerpten, die er veröffentlichte, 18 Silben als Höchstmaß eines κώλον τέλειον angegeben werden (Graeven 308), während in einem Bruchstück aus dem Buch περὶ κώλου κτλ. (Walz VII 929, 12) 17 angesetzt seien. Demnach müßte L. seine Meinung einmal geändert haben. Aber es ist nicht sicher, ob man die Worte ὄντω Λαχάρης, die erst am Ende des Kapitels bei Walz erscheinen, auch auf dessen ersten Satz beziehen darf, der lautet: μέτρον μὲν κώλου φαοιν εἶναι συλλαβῶν, δοαὶ πληρονσὶ τὸν τριμετρον Ἴαμβον καὶ τὸν ἠρωικὸν στίχον, und wenn es der Fall ist, so könnte doch L., nach dem φαοιν zu urteilen, die uns auch sonst bekannte übliche Meinung der anderen angeführt haben, die 17 Silben als Höchstzahl ansetzten. Er hat die Beobachtung des rhythmischen Baus der Prosa im einzelnen durchzuführen gesucht, indem er Versfuß für Versfuß abteilte, ein mühseliges Beginnen, wobei wir nicht einmal imstande sind, in der Erkenntnis seiner Meßkunst nachzukommen (Studemund 12. Graeven 309). In hohem Ansehen stehen bei ihm Dionys von Halikarnass, der seine Lehre auch in Einzelheiten beeinflußt (Graeven 312), ferner Longin und Hermo-genes. Nachweisbar ist außerdem die Benützung des Cornutus und in grammatischen und metrischen Dingen des Dionysius Thrax; es zeigen sich auch Berührungen mit Apsines und Syrian (Graeven 308). Nichts weist auf die Heranziehung von rhetorischen Quellen, die älter sind als Dionys. wie man denn überhaupt den Eindruck gewinnt, daß diese Art von Kolometrie erst in der Kaiserzeit ausgebildet wurde. Dabei legten die rhetorischen Lehrer Wert darauf, in der Terminologie wie auch in manchen Einzelheiten der Lehre ihre Originalität zu wahren. Merkwürdig ist, daß L. akzentuierende Satzschlüsse baut, obwohl er in seinem Lehrbuch das Prinzip der Quantitäten verteidigt (Graeven 299f.). Damaskios, der über seine Leistung im ganzen kühl urteilt, hat auch Reden von ihm gelesen, und danach schien ihm der Mann ἐπιμελῆς μὲν εἶναι σφοδρά, τὴν δὲ φύσιν ἀγεννέστερος
[334]
(vgl. Studemundöf. G r a e v e ἡ 313). Das Urteil stimmt zu dem Eindruck, den die theoretischen Schriften machen. Aber Damaskios nennt ihn auch καλὸς καὶ ἀγαμὸς τὴν ὄψιν πρὸς ἀρετήν und hebt rühmend hervor, daß ihm die Götter das verlorene Augenlicht wieder schenkten. Die Bedeutung des L. liegt weniger in seiner Schriftstellerei, von der Suidas noch ein paar Titel gibt, als in der Wirkung, die seine 10 Lehrtätigkeit ausgeübt hat, und die ἐπιμέλεια, die seine Reden beeinträchtigte, wird für den Lehrer und Erzieher eine wertvolle Stütze gewesen sein,