RE:Laertes 2
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| Vater des Odysseus | |||
| Band XII,1 (1924) S. 424–445 | |||
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2) Λαέρτης, der Vater des Odysseus. Seeliger Mytholog. lei II 1787. Höfer ebd. 1788 (Laertiades).
1. Die Namensform. Bei Homer findet sich nur Λαέρτης (Gen. -ao, -sw, nachhomerisch ebenso und -ov, vereinzelt Eur. I. A. 204 -a, s. den Art. L a e r t a s Nr. 1). Doch muß den epischen Dichtern auch eine Form Λαέρπος bekannt gewesen sein, denn nur von dieser, nicht von Λαέρτης kann man das häufige Patronymikon Λαερτθάδης ableiten. Das haben schon die alten Grammatiker beobachtet, Eustath. Il. 13, 35. Etym. M, 554, 35. Etym, Gud. Cramer Anecd. Oxon. I 258. Die Dramatiker brauchen im iam-bischen Vers und sonst Λαέρτως, Soph. Ai. 101. Eur. Hek. 402; Rhes. 669, oder kontrahiert Λάρτιος, Soph. Ai. 1, wozu Lobeck. 380; Phil. 401. 1286. Eur. Tro. 421. Ar. Plut. 312. 4αρτιάδας Eur. Rhes. 907, oft wohl aus metrischen Gründen. Warum die epischen Dichter Λαέρτιος, das sich in den daktylischen Hexameter fügt, und die dramatischen Λαέρτης mieden, wissen wir nicht und ebensowenig, welche von beiden Formen die ursprüngliche ist. Vgl. Fick Bechtel Griech. Personennamen 396. – Über das zweite a der von Λαέρτως abgeleiteten Form •ιάδης vgl. Sobol. Hom. II. XV 527 zu Λαομεδοντιάδης, über die Form Ἀαίρτα? s. den Art. Laer-tas Nr. 1.
Der Beiname Laertios des Verfassers der Phi-losophenviten Diogenes hat mit unserem L., -tios) nichts zu tun; Diogenes stammte aus dem Kastell Laerte[s] in Kilikien. Für dieses aber ist Zugehörigkeit zu unserem L., insonderheit Gründung des Kastells durch rhodische Argeier und Benennung nach dem Vater des Odysseus (welcher Grund sollte dazu auch vorgelegen haben?) nirgends bezeugt und von Gruppe Gr. Myth. 626. 639 sicher nur rein äußerlich und willkürlich aus der Namensähnlichkeit erschlossen. Gruppes Hinweis (626, 2) auf λίθος Λάοτως, D i 11 e ἡ -) berger SyU. Π² 560, 9 (= P~338, 7, auch IP 570, 22), eine Gesteinsart, deren Zusammenhang mit unserem L. doch unerweislich ist, besagt nichts.
Im Lateinischen lautet der Name Laertes, -is, Ovid. her. I 98. 105; met. XIII 144. Sen. Thyest. 587. Genetiv Laertis [Prisc. VI, wie P a pell e n s e 1 e r Wörterb. gr. Eigennamen, oder Prisc. VI p. 705, wie Klotz Lat. Wörterb. [425] 425 Laertes (Etymologie}}) zitiert, doch nicht in Keils Ausgabe]. Hygin. fab. 95 (89, 2 Schm.). Acc. Laertem Ps.-Auson. perioch. Od. 24 p. 405, 10 P. Abi. Laertë Ovid. met. XII 625; – oder Laer la, -ae, Accius bei Non. p. 314, 24 nach der Lesung bei Ribbeck Tr. Lat. Fr.³ 131. Cic. sen. 54. Ovid. her. III 29. Hygin. fab. 173 (28, 16 Schm.). 201 (128, 3 Schm.). Sen. Tro. 699 [701]. Acc. Laerten Ovid. her. I 113; – oder Laertius (so wie Λαέρτως = Λαέρτης war), doch nur im älteren Latein, Liv. Andron. und Laevius bei Prisc. VII 18; die Späteren, Ovid. met. XIII 124; tr. V 5, 3. Verg. Aen. III 272. Culex 327. Stat. A. I 675. II 30. Ps.-Auson. perioch. Od. 7 p. 395. 9 p. 396, gebrauchen Laertius adjektivisch.
2. Die Etymologie des Namens ist unsicher; keine der bisher vorgebrachten Deutungen befriedigt.
Manche alten Gelehrten stellten Λά- zu λάας, ἔρ- oder ἄερ- zu ἀείρειν, ἀερτάζειν, Eustath. 1475, 25. Etym. M. 554, 47. Etym. Gud. Das nahm Seeck Quell, d. Od. 271 an, der eine Bestätigung der Deutung ,Steinheber* darin fand, daß Odysseus nach einer Version Sohn des L. ist, nach einer anderen (s. u. Abschn. 5 e) ein solcher des Sisyphos, der ja ewig einen Stein wälzen muß. Danach sind ihm Sisyphos und L., der Steinwälzer und der Steinheber, ein und dieselbe Figur (über Steinwälzer = : Meer s. u.). Doch ist diese Erklärung ganz unsicher. Gruppe Gr. Myth. 626, 2 bemerkte wohl richtig, daß λά- im ersten Teile zusammengesetzter Eigennamen sonst nie ,Stein* bedeutet; vgl. Bechtel Histor. Personennamen 275; danach ist dies auch für den Namen L. wenig wahrscheinlich. Vor allem aber ist die Heranziehung des unhomerischen und späten Verbums ἀερτόθειν (statt ἀείρειν), auf das man ersichtlich nur verfiel, um das x in dem Namen zu erklären, unberechtigt. Drittens erscheint L. nicht als Heros von besondrer Kraft, worauf doch ,Steinheber* deuten sollte. Schließlich ist die Version von der Abstammung des Odysseus von Sisyphos wohl keine echte alte Sage, s. u. – Über Döhrings Deutung des ,Steinhebers* s. Abschn. 6 d.
Andre stellten Aa- zu λαός, Eustath. a. a. O. (ὡς τὸν ὕπ' αὐτὸν λαὸν ἀείρων); Benseler im Wörterb. gr. Eigennamen (s. u.) übersetzte ,Voll-gard*, d. i. das Volk vereinend, wobei er ἔρ- zu εἰρειν stellte, so wie Etym. M. 209, 9; vgl. 554, 57 in dem Namen Βούσιρις; auch F i c k - B e c h -t e 1 Gr. Personennamen 396 übersetzten Λά- mit Volk. Aber L. erscheint auch nie als besondrer Förderer des Volks; dadurch wird auch diese Erklärung zweifelhaft. Über G r u p p e s ,Räuber des Volks* s. Abschn. 6 b.
Als weitere Möglichkeit bliebe die, den Namen nicht als redend aufzufassen, was ja durchaus nicht für alle Namen des Epos und Mythos nötig und angängig ist (Kretschmer Glotta VIII 1215. über Herakles), sondern als solchen des Alltagslebens, der auf eine Figur des Epos ohne besondere Absicht übertragen sei. Dem steht wieder entgegen, daß sich L. sonst als Name nie findet (selten Laertas, s. d.).
Auch mit dem Appellativum ὁ λαέρτης kommt man nicht weiter, das nach Telephos bei Aelian. hist. an. X 42, Müller FHG III 635, 3 eine Art [426] Laertes (in der Odyssee) 426 todbringender Ameisen oder eine Wespenart bezeichnete. Nicht hätte danach Benseler a. a. O. als weitere Übersetzung von L. jAmeis¹ Vorschlägen sollen; denn bei diesem Namen denkt man an einen emsigen Menschen, der Name Λ. würde aber einen gefährlichen, mörderischen oder (Wespe) einen lästigen oder einen mit dünner Taille bedeuten. Daß die Mode der Taillenschnürung bei Männern sich über die kretisch-myke-10 nische Zeit hinaus erhielt, zeigen die Dipylonvasen. L. würde dann ein vornehmer, eleganter Mensch sein, so wie vielleicht Kalypso (o. Bd. X S. 1777, 43) die vornehme ,Dame im Schleier*. Doch ist das unbeweisbar.
Offen zu lassen ist vielleicht die Möglichkeit vorgriechischen (kretisch-mykenischen?) Ursprungs.
3. Die Rolle, die L. in derOdyssee spielt, wird hier als bekannt vorausgesetzt; im wesent-20 liehen handelt es sich um die Stellen I 189–193. XI 187–196. XV 353–357. XVI 138–145. XXIV 205 bis Ende; knappe Inhaltsangabe bei Seeliger. Alle auf L. bezüglichen Stellen der Odyssee sind bei Ebeling Lexie. Hom. I 964 gesammelt; das überhebt uns hier ihrer Anführung. Die dort sich findenden kleinen Ungenauigkeiten in der Erklärung von IV 111. XXIV 205ff. 336. 378 wird man leicht selbst korrigieren (XXIV 205ff. 336 ist nicht gesagt, daß L. agrum 30 ex inculto cultum fecerat· 378 falsch auch bei Ameis-Hentze: Nerikos, ein Teil das kephal-lenischen Reichs; richtig: an der Spitze meiner Untertanen, der Kephallenen; vgl. XXIV 355).
Zur Genealogie desL. macht die Odyssee nur die Angabe XVI 118t: Arkeisios (vgl. XXIV 270. 517 und unten) - L. - Odysseus -Telemachos; das Geschlecht ruhe immer nur auf zwei Augen. Daraus ist Apollod. I 112 geschöpft. Nach Rothe Od. als Dicht. 123 soll, was nicht 40 unglaublich ist, damit betont werden, daß Verwandte des Odysseus im Freierkampfe nicht vorhanden sind; vielleicht soll die Angabe auch die Hilflosigkeit Penelopes und Telemachs den Freiern gegenüber schon vor dem Kampfe erklären. Thomson Studies in the Odyssey 59, 3 erklärt den Umstand, daß Telemachos der einzige Sohn der Penelope ist, mit einer Gleichung Penelope = Atalante = Kallisto – Auge (= Artemis), die alle nur je einen Sohn haben. Aber 50 selbst wenn die Gleichsetzung richtig wäre, so wäre damit noch nicht erklärt, warum auch Odysseus und L. einzige Söhne waren.
Kinder des L. und der Antikleia waren außer dem einzigen (s. o.) Sohne Odysseus noch Ktimene und andre Töchter, Hom. Od. XV 363f. Diese Angabe stimmt freilich auffällig wenig zu der übrigen Odyssee. Allerdings wird ihr nie direkt widersprochen; ja, man hat sogar X 441 mit XV 363 in Verbindung gebracht. 60 Aber bei der Redseligkeit des Epos fällt es doch sehr auf, daß die Töchter sonst nie erwähnt werden; wo sind die (unverheirateten?) Schwestern Ktimenes während des Freiermords, und warum begrüßen sie nach diesem nicht ihren Bruder Odysseus?
Nachhomerische Genealogie s. Abschn. 5 b und e.
L.s Leben in einfachen Verhältnissen ist als [427] 427 Laertes (in der Odyssee) selbstgewähltes äußeres Zeichen der Trauer um Odysseus und als Beispiel der bei den Griechen freilich überaus seltenen freiwilligen Kasteiung aufzufassen; denn als die Trauer infolge der Abreise des Telemachos noch wuchs, steigerte L. auch die Einfachheit der Lebenshaltung, Hom. Od. XVI 142. Das verkannte Friedreich Realien² 418, der aus dem einfachen Leben des L. schloß, man habe Alte und Schwache nicht für fähig zum Königtum gehalten. 10
Warum Telemachos XVI 138ff. den L. so hart behandeln läßt, daß er trotz der Kunde von seiner großen Trauer, trotz Eumaios’ Aufforderung, ihm die glückliche Rückkehr des Enkels sofort zu melden, und trotz der Möglichkeit, dieser Aufforderung zu genügen, darauf verzichtet; ja, warum dann sogar Eumaios vor Penelope den Auftrag vergißt, eine Magd zu L. zu schicken, hab ich nie begriffen und finde auch in den Kommentaren keine rechte Erklärung dafür. In ähnlicher 20 Weise soll IV 735 auf Penelopes Befehl Dolios zu L. geschickt werden; aber der Befehl wird nicht ausgeführt. Erklärungsversuche von v.Wi-lamowitz Hom. Unt. 71, der Telemachs Verfahren mit Recht grundlos nennt; von Rothe Od. a. Dicht. 50, gezwungen; am ehesten annehmbar Pinsler Hom² II 288 (zu IV 735). 369 (zu XVI 138): der Dichter habe am Abend Eumaios wieder nötig; und an beiden Stellen werde, scheinbar freilich überflüssig, an L. erinnert, 30 damit ihn der Leser im Gedächtnis behalte; dadurch solle Buch XXIV vorbereitet werden – was dann allerdings nicht recht geschickt geschehen wäre.
Der Irrtum von Seeck Quell, d. Od. 76. 139, wonach L. laut Eumaios’ Bericht XV. 354 nicht in seinem Landhause, sondern im Palaste wohne, was eine Unstimmigkeit zu I 189f. und XXIV ergebe, ist schon von Ameis-Hentze im Anhang z. d. St. berichtigt worden; οἰζ ἐν μεγάοοι- 4( otv bezieht sich auf das Landgut. Vgl. Cauer zu XV 354 und Hennings Homers Od. 580 Anm.
Über den Garten des L. steht einiges Wenige bei Friedreich Realien² 275 und bei Marie G o t h e i n Gesch. d. Gartenkunst I 56f. 59.
4. L. und die Komposition der Odyssee; Echtheit des L.-Buches (XXIV).
À. Allgemeines. Buch XXIV der Odyssee, das eigentliche L.-Buch, ist mit dem Schluß 51 von XXIII von Aristophanes von Byzantion, Aristarchos und seiner Schule für unecht erklärt worden (Schol. Hom. Od. XXIII 296), und tatsächlich konnte man im 3. Jhdt. v. Chr. die Odyssee ohne dieses Buch lesen (v. W i 1 a m o -w i t z H. u. Hom. 487: dagegen Bethe, s. u.). Auch Payne Knight ließ in seiner Ausgabe XXIV einfach weg (Römer Hom. Aufs. 106). Spohn De extrema Odysseae parte 1816 (,tüch-tige Arbeit* v. Wilamowitz Hom. Unt. 67)6 suchte die uns nicht überlieferten Gründe zu finden, die Aristophanes usw. zu der Athetese veranlaßten; er leugnete die Echtheit des Schlusses der Odyssee mit grammatischen, metrischen und lexikalischen Argumenten. Obwohl Thiersch Urgestalt der Od. 1821, 95ff. wenigstens die L.-Episode XXIV 212–380 zu halten gesucht hatte, verwarf diese und den Kampf mit denVerwandten [428] Laertes (in der Odyssee) 428 der Freier von neuem Liesegang De extr. Od. parte, Progr. Bielefeld 1855, 7. 15 mit nicht unbeachtlichen Gründen, und die Niehtzugehörig-keit von XXIV zur Odyssee wurde dann lange fast allgemein angenommen, so auch von Seeliger. Das wichtigste Argument freilich, mit dem sie zu beweisen gewesen wäre, hat weder Spohn noch Liesegang noch einer der Folgenden gesehen; s. u. Abschn. C und D. Weitere Literatur: Bergk Gr. Litt.-Gesch. 1872 I 721. Kirchhoff Die hom. Od.² 1879, 557 (die ganze Schlußpartie das Werk des Bearbeiters; deswegen wies Kirchhoff alle die zahlreichen Stellen in I–XXIII, die sie voraussetzen, der jüngeren Bearbeitung zu). Kammer Einheit der Od. 1873, 7430. 752 (hielt die L.-Szene 226–352 für echt). Niese Entw. d. hom. Poesie 1882, 143f. (der Schluß der Odyssee keine Interpolation, sondern die selbständige, wenn auch nicht überall glückliche Fortsetzung eines Dichters), v. Wilamowitz Hom.Unters. 1884, 670. Nach ihm ist das L.-Gedicht ,ohne Frage ein ganz junges Machwerk*. Die epische Sprache erscheine darin in Verfall, die Motive der Handlung, die Personen, zumal Dolios (s. o. Bd. V S. 1284, 23), und die einzelnen Verse seien zum größten Teile entlehnt; die Zeit der Abfassung ergebe sich daraus, daß sich Odysseus als Mann aus dem Metapontischen ausgebe. Doch sei (73) ¹ diese junge Dichtung von dem Verfertiger von I, dem Bearbeiter unserer Odyssee, bereits vorgefunden und überarbeitet worden. Seeck Quellen d. Od. 1887, 1360. Ed. Meyer Herm. XIX 478. LIII 334. Hennings Hom. Od. 1903, 589. 5920. Blass Interpolationen der Od. 1904, 2140. Erst die jüngste unitarische Bewegung suchte (mit Recht, s. u.) die Zugehörigkeit des XXIV. Buchs oder wenigstens wesentlicher Bestandteile von ihm erneut zu beweisen: JBelzner Hom. Probleme II 1912, 192, 1. 2. 2010. Römer Hom. Studien (Abh. Akad.Münch, philos.-philol. Kl. XXII) 413 (der letzte Gesang, von den wüsten Zudichtungen befreit, sei poetisch höchst achtbar: XXIV 2440. meisterhafte Rede). Römer Hom. Aufs. 1914, 1030. (die Notiz über Aristarchs Athetese sei mißverstanden; ebenso B e 1 z n e r a. a. O. und Heinze bei Bethe, s. u.). Rothe Od. als Dichtung 1914 passim (-der jetzige Schluß der Odyssee sei un-) bedingt notwendig und vom Dichter sorgsam vorbereitet). Finsler Hom.² II 433. 436. 438. B. Von den Einzelanstößen, die zur Athe-tierung von XXIV führten, kommen hier nur die in Betracht, die sich auf die Figur des L. beziehen. Besonders viel hat man sich schon vor und seit Eustathios mit der Frage nach dem πειρασθαί Od. XXIV 216. 240 beschäftigt. Zweifellos fällt es auf, daß sich Odysseus nicht dazu entschließt, sich dem Vater sofort zu erkennen zu geben, 0 sondern ihn erst κερτομίοις ἐπέεσσιν πειρηθηναί will. Wenn er fürchtete, die plötzliche allzugroße Freude könne dem alten Manne schaden, so konnte er ihm ja nach Umschweifen sagen, wer er sei; aber wozu die Lügengeschichte, die zudem gar nichts nützt, da er sich dann doch 321 unvermittelt zu erkennen gibt, so daß der Vater 348 vor Freude ohnmächtig wird? (Unrichtig also Gruppe Gr. Myth. 714.) Aber hier hat [429] 429 Laertes (m der Odyssee) schon Thiersch 96ff. das Richtige geahnt: es widerstrebt dem Schlauen in allen Fällen, sich direkt zu nennen. Nun wandte zwar Liesegang 15 ein, Odysseus nenne sich listigerweise nur dann nicht, wo dies nötig sei, und das gelte nicht von der L.-Szene. Aber wenn auch Odysseus hier ein Versteckspiel nicht nötig hat, der Dichter (Römer Hom. Aufs. 104. Rothe 188f.) hat an diesem seine Freude; durch den Aufschub der Erkennung spannt er gewiß die Aufmerksamkeit der Hörer. Sicherlich also darf man nicht mit Spohn 29, vgl. Hennings 592, diese Szene zur Athetierung von XXIV benutzen. Weiter hatte Liesegang 7, dem Hennings 580f. zustimmte, gegen die L.-Szene als Ganzes eingewandt, die sei in der Ökonomie der Odyssee nicht nötig; L. trete in den früheren Büchern nie persönlich auf und sei nicht eine solche Hauptfigur, daß er am Schluß noch einmal erscheinen müsse. Dagegen bemerkte Kammer 753 sicher richtig, der Grundsatz: ,die Szene ist nicht notwendig* habe auf die reichströmende epische Poesie keine Anwendung; wenn L. vorher vom Dichter nicht persönlich eingeführt sei, so sei dies kein Grund, daß er nie eingeführt werden dürfe.
So wie diese Anstöße erledigen sich auch andere. Man hat gesagt, L. könne gar nicht wissen, daß die Freier gestern ermordet seien (379). Aber das löst sich sehr einfach damit, daß der Dichter es wußte und ebenso der Hörer, der also an χθιζός gar keinen Anstoß nahm. Hier liegt also nur eine Ungeschicklichkeit vor, mehr nicht. Weiter sieht man allerdings nicht und kann es durch keine Angaben der Odyssee erklären, wie L. ein Landgut erwerben konnte, ,ἔπει μάλα πολλὰ μόγηοεν¹ (207). Aber auch das beweist doch nur, daß der Dichter hier etwas zu sagen unterließ, was er als an sich klar, weil in menschlichen Verhältnissen bedingt, ansah; denn Landgüter pflegen einem nicht in den Schoß zu fallen. [Nicht möchte ich aus dieser Stelle schließen, daß es eine von der Odyssee unabhängige Überlieferung über L. gab, die der Dichter beim Hörer als bekannt voraussetzte und deren Kenntnis ihn einer Erläuterung der fraglichen Worte überhoben hätte. Denn auf solche anderweitige Überlieferung weist sonst gar nichts, s. u. Absehn. 5, und für die Annahme einer solchen wäre 207 eine zu vereinzelte Stütze. Auch die Erwähnung der Einnahme von Nerikos XXIV 377 ist im Zusammenhänge der Stelle dem Hörer an sich klar und braucht nicht auf eine vergessene Sagenüberlieferung zu weisen, wie zweifelnd Thomson Stud. in the Od. 113 annahm.] Ungeschickt ist es ferner freilich, daß Odysseus 221 in den Garten geht, um den Vater zu sehen; denn es hat ihm ja niemand gesagt, L. sei dort. Schwerer noch wiegt, daß sich Odysseus, wenn er die Rache von Seiten der Angehörigen der Freier fürchtete, gar nicht zu L. aufs Land begeben durfte, wobei er ja auch Penelope schutzlos zurückließ, sondern sich besser in seinem festen Palaste zum Kampfe rüstete; brauchte er dort L., Dolios und dessen Söhne als Mitkämpfer, so konnte er sie ja unter irgendeinem Vorwande herbeiholen lassen. Aber alle diese Unebenheiten und so auch die, die Spohn [430] Laertes (in der Odyssee) 480 in der Bekleidung und Beschäftigung des L. finden wollte (woraus er auf eine andere Jahreszeit schloß als sie in den früheren Büchern vorausgesetzt sei; darüber Thiersch 103f.), genügen meines Erachtens doch nicht, die L.-Szene als eine so ungeschickte Dichtung, als die sie Hennings 592 hinstellte, oder als überflüssig zu erweisen. Insonderheit wußte der Dichter, daß er es nach seinem Plane nicht zu einem ernsten 10 Kampfe mit den Angehörigen der Freier kommen lassen werde, sondern zu einer Aussöhnung. Stand ihm aber das fest, so brauchte er auch Odysseus nicht in seinem Palaste zu belassen, sondern konnte ihn aufs Land führen (Rothe 183). Die Ungeschicklichkeiten sind unbestreitbar; aber man merkt sie doch erst, wenn man von jemandem darauf hingewiesen wird, der sie mühsam aufgesucht hat. Dadurch aber sollte man sich die Aug für die Schönheit der Er-20 kennungsszene selbst nicht blenden lassen; wenn der alte, gramgebeugte Mann den so lange und schmerzlich vermißten Sohn wiedererkennt und umarmt, muß man dann wirklich darüber nachgrübeln, daß diese Szene nicht im Garten des Landhauses vor sich gehen durfte, sondern besser in den Palast verlegt worden wäre?
Wichtiger aber als alle diese von der Kritik so spürsinnig aufgesuchten Anstöße wäre doch das in den beiden folgenden Abschnitten zu 30 Besprechende.
C. Sonderbarerweise hat sich noch niemand gefragt, warum L. als kräftiger Mann die Königswürde niederlegte und sie dem Odysseus übergab, der nach II 47 schon vor dem troischen Kriege König von Ithake war; nur gestreift haben die Frage Thomson Stud. in the Od. 57f. und v. W i 1 a m o w i t z II. u. Hom. 486. [Korrekturzusatz: Einzig bei Mül der Bursians Jahres-ber. XLVI 1920, 114 finde ich nachträglich die 40 uns interessierende Frage klar gestellt.]
Odysseus ist in unserer Odyssee bei Beginn des troischen Krieges jung verheiratet und Vater eines kleinen Söhnleins, also etwa 25 Jahre alt zu denken; denn nach zwanzigjähriger Abwesenheit ist er noch ein kraftvoller Mann. Danach war bei Beginn des Krieges L. etwa 50 Jahre alt («πὶ γήραος ὄνδω Od. XV 348, vgl. 357); dazu stimmt, daß er nach der langen Abwesenheit des Sohnes noch lebt, aber als schwacher Greis, dessen 50Teilnahme am Kampfe, was v. Wilamowitz übersah, nur durch ein Wunder ermöglicht wird, XXIV 366ff. 373f. Für den rüstigen Fünfziger lag aber gar kein Grund vor, der Königswürde zu entsagen und diese dem Odysseus zu übergeben, zumal, da dieser noch sehr jung war.
Zur Lösung dieser Schwierigkeit bieten sich zunächst drei Möglichkeiten dar (über eine vierte, von Thomson vorgeschlagene s. Abschn. 6c).
a) v. Wilamowitz, der die Frage nicht 60 so stellte wie hier geschehen, dem aber auffiel, daß L. in unsere Odyssee nicht recht paßt (,der Alte sollte wirklich nicht mehr leben¹ 486), vermutet, in einer früheren Periode der Dichtung sei L. einmal mehr gewesen als der Vater des Odysseus, als der er jetzt lediglich erscheint. ,Heißt doch Odysseus immer der Laertiade, Telemach nie der Odysseide*..Gestehen wir es uns doch ein: wenn Odysseus bei seinem Scheiden [431] 431 Laertes (in der Odyssee)
einen Vater hatte, der zwanzig Jahre später noch zu Felde ziehen konnte⁴ [s. aber o.’], ,so übertrug er selbstverständlich diesem die Sorge für sein junges Weib¹, v. Wilamowitz behebt nun alle Schwierigkeiten zwischen Gesang I– XXIII und XXIV, indem er XXIV als Rest jener Dichtung ansieht, in der L. eine größere Rolle spielte, und beruft sich dafür auf die Exemplare des 3. Jhdts. v. Chr., die XXIV noch nicht kannten: ,auch die Grammatiker, die es [XXIV] 10 aufnahmen, haben es doch abgesondert⁴.
In diesen einem Vorträge entstammenden und also nicht im einzelnen begründeten Ausführungen sieht man nicht, warum es ,sehr anstößig⁴ sein soll, ,daß sich der alte Herr seiner Schwiegertochter gar nicht annimmt, sondern auf seinem Altenteil sitzt und Obstbäume okuliert⁴; das halte ich gar nicht für anstößig, denn L. ist ja sehr altersschwach. Weiter ist nicht klar, warum denn L. aus einer früher aktiven Rolle in die untätige, 20 die er in unserer Odyssee spielt, herabgedrückt sein soll. Wer das tat, hätte doch besser ganze statt halber Arbeit getan und L. gleich sterben lassen; es ist mehrfach, von v. Wilamowitz Hom. Unt. 68 und von Rothe Od. a. D. 183, hervorgehoben worden, daß er ja so gut wie Antikleia hätte tot sein können. War er das, dann stand dem Königtum des Odysseus nichts im Wege. Spielte er aber einst eine aktivere Rolle, so wird die Frage, wie denn Odysseus König sein kann, 3( immer schwieriger. Ein wesentliches Argument für das Alter der Penelope und des L. sieht ferner v. Wilamowitz im Namen des Ikarios, des Vaters der Penelope; s. aber Larner Woch. f. kl. Phil. XXXV 328f. Schließlich haben die Grammatiker allerdings XXIV von den vorhergehenden Büchern abgesondert, aber es ist doch andrerseits mit ihnen verknüpft, wenigstens nach Rothe und F i n s 1 e r, s. o. zu IV 735. XVI 138.
b) Seeck Qu. d. Od. 75f. vermutete, die4 Odyssee des Bogenkampfes habe die Gestalt des L. der Überlieferung entnommen, aber nichts mit ihr anzufangen gewußt und sie wieder fallen lassen. Zur selbständigen Person aber sei (137) L. erst von dem Dichter der Telemachie gestaltet worden, der auch den Sohn als solche ausgebildet habe.
c) Richtiger aber scheint es, wenigstens zunächst (doch s. u.l), daß, wenn man die Frage nach dem Königtum des Odysseus auch nur 5 aufwirft, sich damit schon ergibt, daß der lebende L. keine ursprüngliche Figur des Epos gewesen sein kann, also gerade das Gegenteil des von v. Wilamowitz Angenommenen; und diese Antwort hätte Spohn und Liesegang, die die Zugehörigkeit von XXIV leugneten, das beste Argument geben können. Aus v. Wilamowitz Satze nämlich: ,Wenn Odysseus bei seinem Scheiden einen Vater hatte, so übertrug er diesem die Sorge für sein 1 junges Weib⁴ folgern wir: tat er aber das nicht, so war sein Vater schon tot, und nur dies, nicht die Annahme einer früher größeren Bedeutung des L. in der Odyssee, erklärt uns die Möglichkeit der Königswürde des Odysseus. Und tatsächlich ist ja der frühe Tod des L. (vor der Unterweltsfahrt des Odysseus) literarisch bezeugt, Hyg. fab. 251 (139, 13 Schm.), eine Stelle, die zwar viele [432] Laertes (in der Odyssee) 402 für korrupt ansahen, Maass aber für richtig überliefert hält (s. jedoch u.). Eingefügt könnte danach der lebende L. nur von einem Dichter sein, der die hieraus entstehende Unstimmigkeit geringer schätzte als die unstreitig große poetische Wirksamkeit der Erkennungsszene, und der deswegen XXIV zudichtete.
Wer diese Lösung billigt, braucht nun nicht anzunehmen, die ursprüngliche Odyssee habe einen Vater des Odysseus namens L. gar nicht gekannt und es seien alle Stellen, die L. oder Odysseus als Laertiaden kennen, zu tilgen. Vielmehr leugneten wir nur die Möglichkeit eines in der Odyssee noch lebenden L. Die von einem solchen handelnden Stellen allerdings könnten, soweit sie in I–XXIII stehen, erst eingesetzt sein, als ein lebender L. in der Odyssee überhaupt erschien, d. h. bei der Zudichtung von XXIV.
Nicht zu tilgen waren also Stellen wie I 430. XV 483. XXII 184. 336 und das häufige διογενες Λαερτιάδη, πολυμήχαν' Ὄδυοοεν u. ä. wie IV 555 = IX 505 = IX 531. VIII 18. XXII 191, die L. lediglich kennen. Fallen aber müßten außer XXIV auch alle Stellen, in denen er ausdrücklich als lebend bezeichnet wird: I 188–193. IV 111. 735–740. XI 174. 187–196. XIV 9 = 451. 173. XV 348. 353–357. XVI 138–153. 302. XVIII 267f. XXIII 359f., ferner die Stellen, die) sich auf das ihm zu webende Leichentuch beziehen, und diese ganze List der Penelope selbst, II 97–102 = XIX 144 [= XXIV 135]. (Diese Stellen, aber mit Ausnahme der in XL XVIII. XIX stehenden und XIV 9, wies denn auch Kirchhoff der jüngeren Bearbeitung zu.)
Hier liegt nun aber die Schwierigkeit. XI 187 -–196 läßt sich nicht mechanisch herauslösen, weil Odysseus XI 174 nach L. fragt; ebenso enthält XV 353–357 die Antwort auf die Frage 348. ODa müßte man also sehr gekünstelt annehmen, ursprünglich habe dort Odysseus den L., dessen Tod er ja gekannt hätte, nicht erwähnt, später aber seien XI 174f. mitten im Verse die Worte ἰατρὸς τε und κείνοισιν, XV 349f. ζώονσιν und τεθνασί geändert worden. Auch XVI 138–153 laßt sich nicht ohne weiteres entfernen. Schließlich beweist auch Hygins Zeugnis (s. o.) nichts, denn Maass hielt die in der Tat korrupte Stelle mit Unrecht für richtig überliefert, s. den Art. Ο Kalypso o. Bd. X S. 1797f. Daß nämlich Hyginus eine Überlieferung von jenem uralten Gedicht, in dem L. vor Odysseus starb und dieser deswegen König war, noch irgendwie gekannt haben solle, ist ganz unwahrscheinlich.
D. Deswegen empfiehlt sich eine andre Lösung mehr, und zwar ist sie im unitarischen Sinne möglich.
Nicht zwar so, meine ich. wie sie Rothe Od. a. Dicht. 183f. versuchte. Dieser betont, der 50 Dichter habe L. ebensogut wie Odysseus’ Mutter vor der Rückkehr des Helden gestorben sein lassen können. Daraus, daß er das nicht getan habe, folgert er, daß eben L. von Anfang an dagewesen sei und daß ihn der Dichter als notwendige Figur des Ganzen betrachtet habe. Notwendig aber sei er deswegen, weil Odysseus in dem Schlußkampfe gegen die Verwandten der Freier, der gegenüber dem eigentlichen Freier- [433] 438 Laertes (in der uaysseej
kämpfe XX 41–43 als der schwerere bezeichnet werde, Verstärkung gebraucht habe.
Aber dann mußte doch der Dichter ganz andre Verstärkungen heranführen als den einen L. und Dolios mit seinen Söhnen! Und er operiert doch gar nicht mit realer Glaublichkeit; hatte er den Odysseus mit nur drei Helfern die 108 Freier besiegen lassen – doch recht sehr gegen alle Wahrscheinlichkeit –, so brauchte es ihm auf große Wahrscheinlichkeit auch im 1 Schlußkampfe nicht anzukommen. Vielmehr wußte er, daß er auch in diesem dem Odysseus göttliche Hilfe angedeihen lassen müsse; dann brauchte er sich aber um Verstärkungen nicht besonders zu bemühen.
Vielmehr müßte man in unitarischem Sinne so argumentieren. Wenn die uns beschäftigende Frage, warum L. die Königswürde frühzeitig und ohne Grund niederlegte, im Laufe einer vielhundertjährigen intensiven Durchforschung deri Odyssee kaum je aufgeworfen worden ist, so darf man behaupten, daß sie gar nicht existiert, d. h. die Dichtung ist so komponiert, daß lediglich der grübelnde Verstand, nicht aber der des Kunstwerks sich freuende Hörer – und für solche ist die Dichtung doch verfaßt – diese Frage stellt. Wer das trotzdem tut, dem muß man entgegnen, daß es im Epos viele Dinge gibt, nach denen man tatsächlich nicht fragen darf. Wie kommen die Helden der Ilias dazu, in der i Hitze des Kampfs lange, wohlgesetzte Reden zu halten? Woher hat Kalypso, die als Göttin von Ambrosia und Nektar lebt, diese Götterspeise auf ihrer weltfernen Insel? Woher hat sie, als ein Sterblicher dorthin verschlagen wird, für diesen plötzlich menschliche Nahrung? Diese Fragen ergeben, wenn man sie stellt, für das Epos Unwahrscheinlichkeiten und erweisen die Dichtung als fehlerhaft. Aber wer stellte sie je? Man darf das nicht! Und so in unserem Falle. Odysseus ist König von Ithake, das wissen wir alle; der greise, gramgebeugte Vater erkennt in rührender und sicherlich hervorragend poetischer Szene – die in ihrer Schönheit gewiß ihren Einfluß auf die Vorliebe der späteren Literatur für ἀναγνωρισμοί gehabt hat – den lange vermißten Sohn; wer mag da, wenn er das mit Ergriffenheit hört, recht schulmeisterlich nachrechnen, daß der alte Mann bei Beginn des troischen Kriegs fünfzig Jahre alt war, und folgern, er habe damals keinen Grund gehabt, die Königswürde niederzulegen? Wer hat je, wenn er in der rührenden Klage des Telemachos II 47 diesen von Odysseus sagen hörte, er sei als König den Ithakesiern gegenüber πατὴρ ὡς ἤπιος gewesen, daran Anstoß genommen, weil man einen Fünfundzwanzigjährigen kaum mild wie einen Vater regieren lassen kann – außer wenn ihm dieser Anstoß suggeriert wurde?
Das mahnt, meine ich, eindringlich, die unitarischen Bestrebungen nicht zu mißachten. Es ergäbe sich dann freilich, daß der Verfasser unserer Odyssee einen groben Kompositionsfehler begangen hätte: er führte mit Odysseus einen König ein, der noch gar nicht König sein konnte. Aber das ist nur scheinbar so; denn das, was dem Hörer als Fehler absolut nicht auffällt, ist kein solcher. Wäre es aber einer, so ist es doch [434] hueries juer udvimuiuensuuej *40*4 nicht Aufgabe der Forschung, begangene Fehler durch Streichung oder sonstige Mittel der Kritik in maiorem Odysseae gloriam zu beseitigen. Wir haben sie nur zu buchen. Schön bleibt die Odyssee doch noch.
Strichen wir aber den lebenden L., um dadurch die ursprüngliche Odyssee von einem Korn-Positionsfehler zu befreien, so schieben wir diesen, da der lebende L. doch nun einmal vor-0 handen ist, dem endgültigen Bearbeiter zu. Aber auch dieser war alles andre als ein Stümper (0. Bd. X S. 1794, 25ff.)! Es nützt also nichts, einen alten Verfasser der Odyssee von einem Fehler zu ent lasten, wenn der endgültige, der das nicht verdient, damit belastet werden muß.
So sollte meines Erachtens, ohne daß natürlich die Frage, ob Kritik, ob Unitarismus, von diesem einen Standpunkte aus gelöst werden kann, doch dabei die L.-Frage ein schwerwiegen-JO des Argument zugunsten der Unitarier bilden. (Vgl. noch Bethe Herm. LIII 445f. Dieser Artikel kam mir erst zu Gesicht, als das Vorstehende schon geschrieben war.)
5. Der nachhomerische L. Nichts von dem, was die nachhomerischen Schriftsteller von L. erzählen, weist bestimmt darauf hin, daß er eine im Volke lebende Sagenfigur gewesen sei; vielmehr hat er durchaus als Erfindung und Figur der epischen Dichtung zu gelten. Denn was 10 Spätere von ihm mehr als das Epos wissen, ist nur sinngemäße Weiterbildung des dort Gegebenen, nicht Teil einer selbständigen Volkssage, oder nur Grammatikererfindung.
Diese Feststellung wird uns im nächsten Abschnitte wichtig sein.
a) Viele Stellen über L., die die Lexika gewissenhaft buchen, lohnen kaum das Nachschlagen, da sie uns über ihn nichts lehren.
Die einen handeln gar nicht von ihm, sondern 40 von Odysseus, den sie als Λαερτου γόνος o. ä. bezeichnen: Soph. Ai. 1. 101. 380. 1393; Phil. 87. 366. 401. 614. 628. 1286. 1357; frg. 784 Dd. = 827 N. Eur. Hek. 402; I. A. 204; I. T. 533; Rhes. 669; Tro. 421. Ar. Plut. 312. Anth. Pal. VII 1. IX 115. XI 379. XVI 125. 293. 295 (hier immer in der Form Λαρτιάδης --). Alle Stellen mit dem Namen L. bei Qu. Smyrn. Tzetz. Posth. 487. Apollod. III 129; ep. 3, 12. Aelian. hist. an. V 54. XVI 25. Schol. Hom. II. II 173. 50 Accius bei Nonius p. 314, 24 = Ribbeck Trag. Lat. Fr.³ 131; ders. bei Apul. de deo Socr. 24 = Ribbeck Trag. Lat. Fr.³ 524. Ovid. her. III 29; met. XII 625. XIII 48. 124; tr. V 5, 3. Hör. carm. I 15, 21; sat. II 5, 59. Culex 327. Hygin. fab. 95 (89, 2 Schm.). Ps.-Auson. per. Od. 395, 7. 396, 9; – andre stützen sich nur auf die Angaben der Odvssee: Anth. Pal. VII 225. IX 458. Strab. I 3, 18. X 2, 8. 14. 24 (geographische Angaben über L.s Reich). Athen. 601 25b. Apollod. ep. 7, 31. Aelian. var. hist. VII 5. Cic. sen. 54 (daß λιστρενειν Od. XXIV 227 mit stercorari wiedergegeben ist, ist lediglich Irrtum Ciceros). Ovid. her. I 98. 105. 113: met. XIII 144. Verg. Aen. III 272. Sen. Thyest. 587; Tro. 700. Ps.-Auson. per. Od. 405, 10. Dic-tys VI 6 (Tod des L.); so auch die sprichwörtliche Redensart Λαερτου ßiov ζην Plut. Cic. 40 (der dort erwähnte Brief Ciceros ist nicht er- [435] 435 Laertes (der nachhomerische)
halten); – andre behandeln nur die Namensform: Eustath. Il. 13. 35. 1475, 25. Etym, M. 209, 29. 554, 35.
Buch XXIV der Odyssee hieß τὰ ἐν ἄγρῳ und [oder] τὰ ἐν Λαέρτον nach Aelian. var. hist. XIII 14.
Theokr. 16, 56 nennt L. περιοπλαγχνος großherzig, -mütig, ohne daß aber, wie der Zusammenhang der Stelle lehrt, daraus auf eine andre Quelle als die Odyssee geschlossen werden dürfte, obwohl diese L. als besonders großherzig nicht kennt. Theokritos gab ihm das Beiwort nur als allgemein ehrendes Epitheton.
Ähnliches gilt von Plut. an seni 8, wonach Greise wie Peleus und L., die nicht wie Nestor in den Krieg zogen, verächtlich seien; das steht zwar nicht in der Odyssee, ist aber von Plutarch aus der hilflosen Lage des L., der den Freiern nicht zu wehren weiß, nur erschlossen.
Schol. QV Od. XV 16 wissen Philostephanos und (d. h. wohl: aus-; so richtig Seeliger 1788, 1f.) Pherekydes Genaueres über L., der seinem Sohne Odysseus die Penelope wegen ihrer Schönheit und Klugheit als Gattin auswählt und zuführt. Hier liegt eine nachhomerische Quelle oder bloße Erfindung des Pherekydes vor.
Nicht näher greifbar ist des Ion von Chios Dichtung (Tragödie?) L. (ein Fragment bei Athen. VI 267 d) und des Timotheos Dichtung L. (Suid. Τιμόθεος Θερσάνδρου. Gruppe Gr. Myth. 705). Auch wissen wir nicht, welche Rolle L. bei Livius Andronicus und in Laevius’ Sire-nocirca (Prisc. VII 18) spielte.
b) Zur G e n e a 1 o g i e ist zu fügen, daß außer Arkeisios als Vater Schol. Q Od. XVI 118 und Eustath. Od. 1796, 36 die bei Homer nicht erwähnte Chalkomedusa als Mutter kennen (nach Seeliger 1787, 62 aus den Katalogen bezw. Eoien?). Der Stammbaum gestaltet sich dann so:
Arkeisios
cv Chalkomedusa
Laertes
co Antikleia
Odysseus Ktimene u. a.
Die Reihe Iuppiter - Arcesius - L. - Ulixes kennt auch Ovid. met. XIII 144, vgl. Hyg. fab. ed. Schmidt 109 Z. 1 v. u. Die Abstammung des Arkeisios von Zeus kennt Homer nicht; sie ist von Grammatikern daraus erschlossen, daß Odysseus διοτρεφῆς heißt. Über Arkesilaos co Arkeisios phantastisch Gruppe Gr. Myth. 256, 10. Thomson Stud. in the Od. 90.
Wertlos dagegen (obwohl nicht jung, Toepf-fer Att. Geneal. 263) ist der Stammbaum bei
Cephalus = v Procris Arcesius [Archius] Laertes
Hygin.fab. 189 (121, 4 Schm.; s. dieselbe Ausg. 109 Z. 6 v. u.): falls überhaupt der Text richtig überliefert ist, was
Schmidt bezweifelt, so ist doch diese Genealogie handgreiflich nur zu billiger Erklärung des Namens der Kephalle-nen, der Untertanen des L. (s. o. 3) und zu deren Verbindung mit Attika (Toepffer) ersonnen, wo Kephalos und Prokris heimisch waren (nach Gruppe Gr. Myth. 625 und Anm. 1 zur Verbindung mit Argos; Kephalos war mit dem ar- [436] Laertes (der nachhomerische) 436
geiischen Amphitryon gegen die Teleboer gezogen und hatte von diesem die Herrschaft über die nach ihm genannten Kephallenen erhalten).
Mit dieser Kephalosgenealogie scheint zusammenzuhängen und also ebenso wertlos zu sein die Zurückführung des L. auf Hermes bei Eustath. 197, 22 (Ὄδυσσευς ὁ ἀπόΛαέρτου, δς ἐξ Ἔρμου ἔλκει τὸ γένος), Toepffer 85, 1, da für sie 10 Schob II. II 173 [Eustath. II.
Hennes
Kephalos Killens
Arkeisios Laertes
397, 4] genauer der nebenstehend abgedruckte Stammbaum gegeben wird.
Vielleicht liegt hier eine Verwechslung oder
Verquickung mit einem anderen
Hermes
Stammbaume vor, der alt und
Autolykos Antikleia œ L.
zum Teil schon Od. XI 85 bezeugt ist und Odysseus mütterlicherseits mit Hermes ver-
20 bindet; vgl. Ovid. met. XIII 146.
Soph. frg. 142 N.² = 155 Dd. aus Schob Soph. Ai. 190. Sie lag nahe, weil mit einer Abstammung von Hermes Odysseus’ Schlauheit gut erklärt wurde, Eustath. 197, 22.
Uber Döhrings Folgerungen aus der Kephalosgenealogie s. Abschn. 6 d; weiteres über die Genealogie s. Abschn. 5 e.
c) Wohl sicher ebenfalls bloße Gelehrtenerfindung ist es, wenn L. Hyg. fab. 173 (28, 30 16 Schm.) als Teilnehmer an der kaly-donischen Jagd bezeichnet wird. Die Nennung des L. beruht wohl auf dem schulmeisterlichen Wunsche, eine vollständige Liste der Teilnehmer an jenem Abenteuer herzustellen, und die Pseudogelehrsamkeit gefiel sich darin, Namen einzusetzen, die nach der mythischen Chronologie zeitlich zu dem Ereignis paßten. Eine solche Auffassung des Sachverhalts (anders Thomson Stud. in the Od. 90) empfiehlt die 40 Odyssee selbst. Denn wenn das Epos die Teilnahme des L. an der kalydonischen Jagd gekannt hätte, so würde L. Od. XXIV 377, wo er sich seiner kraftvollen Jugend erinnert, dies erwähnen, nicht die unbedeutende Einnahme von Nerikos. Dasselbe gilt von der
d) Teilnahme des L. am Argonautenzug, Apollod. I 112; doch liegt hier die Sache vielleicht ein wenig anders. Denn hierbei wird eine spezielle Einzelheit erwähnt, was 50 darauf führt, daß nicht nur der Name des L. willkürlich in eine Argonautenliste eingereiht ist; Diod. IV 48, 5 weiß, nach dem Raube des goldenen Vließes sei in der Schlacht zwischen Kolchem und Griechen unter anderen L. verwundet und dann von Medeia geheilt worden. Das weist zunächst wohl auf eine (wahrscheinlich poetische) breitere Behandlung des Gegenstandes, die mittelbar (s. u.) Diodors Quelle gewesen wäre. Indes müßte ihr Autor diesen Zug willkürlich 60 zugedichtet und könnte ihn nicht äs alten Bestandteil der eigentlichen Argonautensage übernommen haben; denn Apoll. Rhod., Val. Flacc. und Orph. Argon, kennen L. als Argonauten überhaupt nicht, geschweige denn seine Verwundung, und ebensowenig Dionys. Mytib im 2. Buche seiner Argonautika, Müller FHG II 8, 6 (Versehen bei Gruppe Gr. Myth. 575., 3). Gerade dieser Umstand aber führt nun mit mehr Wahr- [437] 437 Laertes (der nachhomerische) scheinlichkeit nicht auf eine poetische Vorlage, sondern darauf, daß Dionysios Skytobrachion, Diodors unmittelbare Quelle, diesen Zug von sich aus erfunden habe. Denn er verfolgte im allgemeinen die Tendenz, die Sagenkreise ineinander zu schlingen, und rückte wahrscheinlich u. a. durch L.s Teilnahme am Argonautenzug die Argonautensage an die Odyssee, so ansprechend Schwartz o. Bd. V S. 930, 14ff. 30ff. Dann wäre auch dieser Zug der L.-Sage nur künstliche Konstruktion.
e) Sisyphos, nicht L. Vater des Odysseus. Nur in diesem einen Punkt scheint ein bestimmt von den Angaben des Epos abweichender Zug vorzuliegen. Nach Plut. quaest. Gr. 43 erzählten ,mehrere*, Antikleia, Odysseus’ Mutter, sei als Mädchen von Sisyphos vergewaltigt [nach Schob Soph. Ai. 190 = Suid. s. Σίανθος ihm von ihrem Vater hingegeben] worden und habe Odysseus empfangen. Weiter wußte nach derselben Quelle Istros (von Kyrene) [frg. 52 C, Müller FHG I 426], Antikleia habe, schon schwanger dem L. vermählt, auf dem Wege zum Wohnsitz ihres Gatten am Alalkomeneion in Boiotien Odysseus geboren; dagegen ließ ihn Seilenos von Chios nach Tzetz. Lyk. 786 in Ithake beim Überschreiten des Berges Neriton geboren werden.
Diese Geschichte wird auch anderwärts viel erzählt oder erwähnt; da die Stellenverzeichnisse bei Gruppe Gr. Myth. 626, 2. W i 1 i s c h in Roschers Myth. Lex. IV 960. Schirmer ebd. I 374. Escher o. Bd. I S. 2425. Robert Hom. Becher (50. Berl. Winek.-Progr.) 90f. zum Teil ungenau oder unvollständig sind, so folgt hier eine hoffentlich verläßliche Liste der Belege, revidiert nach den Angaben von Joh. Schmidt Ulix. posthom. (Berl. Stud. f. dass. Phil. II) 449, 1. 483f., in Roschers Myth. Lex. III 613, 60ff. und freundlicher brieflicher Mitteilung von demselben:
Aisch. frg. [169 N.¹ = ] 175 N.² = 172Dd. Soph. Ai. 188; Phil. 384 [oft übersehen]. 416 (zu ἐμπολητός s. d. Schob). 625. 1311. frg. 142 N.² = 155 Dd. Eur. L A. 524. 1362; Kykl. 103f. [Plut. de aud. poet. 3]. Lyk. 344f. 786 (Geburt des Odysseus in Boiotien wie bei Istros). 1030. Verg. À. VI 529 (s. u.). Ovid. a. a. III 313; met. XIII 31. Hyg. fab. 201 (128, 3 Schm.) (ohne die Geburt am Alalkomeneion). Schol. Soph. Ai. 190 (wonach sich Antikleia auf dem Wege von Arkadien [nicht: Boiotien] nach Ithake mit Sisyphos einließ; eine etwas abweichende Fassung in einem Cod. Laur. Robert 90, 2). Schol. Soph. Phil. 417. 625. Schol. und Tzetzes zu Lyk. 344. [786]. 1030. Schol. Townl. II. X 266. Eustath. Od. 1701, 59. Suid. s. Σίονφος. Serv. Aen. VI 529. Schol. Stat. Ach. 472 [so]. Nicht direkt hierher gehört Soph. Phil. 448f. (angezogen von Joh. Schmidt und von Schirmer I 374; hier wird nur auf Sisyphos’ und Odysseus’ Rückkehr aus dem Hades angespielt), noch weniger Steph. Byz. s. Ἀλκομεναί (nicht Ἀλαλκομεναί· Joh. Schmidt bei Roscher 614, 18). Eur. Or. 520. 1362 (Gruppe 626, 2). Apollod. bei Strab. X 2, 16 (Gruppe 625, 3). Über Darstellungen der Sage auf Vasen s. d. 8. Abschn. b. c.
Die ganze Sage nun ist dem Epos, das durch- [438] Laertes (der nachhomerische) 438
aus nur L. als Vater des Odysseus kennt, völlig unbekannt und widerspricht sogar direkt seinen Angaben, denn nach ihr wäre L.s große Trauer um Odysseus und seine Freude bei der Wiedererkennung XXIV 315. 345ff. unerklärlich. [Auch müßte nach der Fassung bei Istros L. alsbald gemerkt haben, daß man ihm betrügerischerweise ein von einem anderen geschwängertes Mädchen vermählt habe; Od. I 433. XV 3561. aber wird 10 die Ehe zwischen L. und Antikleia als sehr glücklich geschildert. Doch würde sich dies eventuell aus der Verliebtheit des L. erklären, s. u. 8 c.] Auch bei den Kyklikern findet sich keine Spur dieser Überlieferung, Joh. Schmidt 449, 1.
Nur um eine müßige Grammatikererfindung kann es sich jedoch nicht handeln, die etwa den Zweck gehabt hätte, ein auf Ithake befindliches Alalkomenai mit dem boiotischen zu verbinden 20 (so zweifelnd Holzinger zu Lyk. 786; richtig Gruppe 625, 3). Hierzu hat Istros die Version allerdings später benutzt; aber der aischyleischen Zeit, in der sie schon auftaucht, liegen solche Gedanken doch fern. Auch die Etymologie des Namens Odysseus bei Seilenos von Chios, wonach Antikleia diesen »unterwegs bei Regen* geboren habe, ἐπειδὴ κατὰ τὴν ὄδον ὕσεν ὁ Ζευς, Schol. Od. I 75. Schol. Lyk. 786, kann diese Sagenfassung nicht veranlaßt haben. Die Etymologie 30 kann zur Not alt und volkstümlich gewesen sein; etymologische Versuche finden sich ja schon vor den Sophisten und für den Namen des Odysseus schon Öd. I 62. Aber wenn auch Odysseus unterwegs bei Regen geboren werden sollte, so brauchte man doch nicht die Vaterschaft des Sisyphos dazu.
Wenn also nicht als Grammatikererfindung relativ jung, so ist die Version andererseits schwerlich sehr alt und, wie Seeck wollte, eine Erinnerung daran, daß einst L. und Sisyphos 40 identisch waren; s. d. Abschn. 6 a. Ebensowenig möchte ich die Sache schon von Hesiodos, etwa in den Katalogoi, erzählt denken; vgl. Robert; an Hesiodos oder Akusilaos dachte Joh. Schmidt. Gewiß hatte Hesiodos vom schlauen Autolykos berichtet, und danach wird Pherekydes (frg. 63. Schol. Od. XIX 432) die Sache wieder erzählt haben, von wo sie dann zu Hyginus und dem Sophoklesscholiasten gelangt ist; aber in dieser Erzählung (nach Pherekydes) fehlt zunächst, 50 wenigstens für uns, L.
Vielmehr möchte ich die Vaterschaft des Sisyphos als zwar alten, aber lediglich vom Volkswitz ersonnenen und literarisch zunächst lange gar nicht fixierten Versuch betrachten, die beiden schlauesten Griechen, Sisyphos und Odysseus, auch genealogisch zu verbinden; ebenso urteilte Schirmer. Diese Entstehung der Version zeigt sich wohl noch in Hygins ob hoc Ulysses ver-sutus fuit; ähnlich Schol. Soph. Ai. 190; Phil. 60 625; und auch das Sprichwort Ὀδυσσεῦς Σισύφω συνηλθεν ist indirekt hierher zu ziehen, das eine Verwandtschaft der beiden zwar nicht kennt, aber sie wegen ihrer Schlauheit zusammenstellt (nach der Erklärung von Makar. VI 20 [Paroe-miogr. Gr. II 191]: ἐπὶ τῶν ἐν πανουργία ὄμοιων).
Weiter nun war dieser alte genealogische Versuch höchst wahrscheinlich nicht ein solcher der echten Sage, denn als Bestandteil dieser werden [439] 439 Laertes (der nachhomerische)
die Alten die Version gar nicht empfunden haben; vielmehr erzählten sie sie nur als boshaften Klatsch mit hämischer Freude an der Zote. Es ist nämlich zu beachten, daß die Vaterschaft des Sisyphos außer bei Grammatikern, die die Überlieferung einfach buchen, immer Gegnern des Odysseus oder solchen, die ihn herabsetzen wollen, in den Mund gelegt wird: bei Aischylos und in Soph. Ai. dem Aias im Waffenstreite, bei Soph. ferner dem Philoktetes in bissigen Bemerkungen 1 über Odysseus, bei Euripides im Kyklops dem Seilenos, der spöttisch dem κρόταλον ὀριμυ etwas anhängt, in der Iph. A. dem Agamemnon, der dem Odysseus wegen der Opferung Iphigeneias zürnt und 526 seinen Charakter nicht eben liebenswürdig darstellt. Auch Verg. Aen. VI 529 ist es wegwerfend, wenn Odysseus als Aeolides (Aiolos war Vater des Sisyphos) bezeichnet wird; einzig Ovid. a. a. III 313 fehlt bei Sisyphides = Ulixes jede Absicht zu schmähen. Besonders be- ‘ weisend ist dagegen der Waffenstreit Ovid. met. XIII, wo Aias den Odysseus 31 als sanguine cre-tus | Sisyphio furtisque et fraude simillimus illi anredet, Odysseus aber 144S. diesen Vorwurf gar keiner Widerlegung würdigt, sondern, wie Aias auf seine Abstammung von Telamon, ebenso stolz auf die seinige von Iuppiter, Arcesius, L. (und Mercurius) hinweist; das stillschweigende Übergehen des Vorwurfs unechter Abstammung konnte nur erfolgen, wenn dieser eben dadurch als böswillige Erfindung hingestellt werden konnte. Richtig also Eustath. 1701, 59, der darauf hinweist, daß der Name Sisyphides bei Sophokles auf Verleumdung beruhe, während Odysseus doch anderwärts auch Laertiades heiße.
Hielt also das Altertum diese Version selbst nicht für ernsthaft glaubwürdig, so *läßt sich weiter vermuten, daß eine eigentliche literarische Quelle, d. h. eine solche, die die Sage als solche ausführlich erzählte, lange Zeit gar nicht vorhanden war, sondern daß sie eben immer nur als Gerede weitergegeben und literarisch nur erwähnt wurde. Darauf führen auch die mannigfachen Abweichungen in Einzelheiten der Überlieferung. So möchte ich die Ansicht von Gruppe Gr. Myth. 626, 2, die Version gehe auf eine Schmährede eines dem Odysseus feindlichen Helden, z. B. des Aias, zurück, nur bedingt unterschreiben. Vielmehr lief die Version zunächst wohl nur im Volksmunde um, und die Tragiker griffen sie zu gelegentlichen Bemerkungen auf; literarisch fixiert wurde sie nach Ausweis des Vasenbilds wohl erst in euripideischer Zeit in einem Drama, s. u. 8 c, und danach von den Alexandrinern gebucht. Entstanden ist sie aus dem Volks w i t z, der mit großer Komik schon bei der Konzeption des überschlauen Odysseus einen Betrug verübt werden läßt. Vgl. noch v. W i 1 a m o w i t z H. u. Hom. 486.
Damit ist aber L. noch kein Bestandteil der Volks sage. Wir finden also nichts, was auf eine Sagenfigur L. bestimmt hinwiese, und sehen diesen nur als eine Schöpfung des Epos an.
6. Das Endergebnis des vorigen Abschnitts ermöglicht ein Urteil über die Ansichten derer, die einen ehemals göttlichen Charakter des L. vermuteten.
a) Als Meeresgott sah Seeck, s. o. [440] Laertes (aer nacnnomenscne) mu
Abschn. 2, L. an. Nach ihm ist der ,Steinheber* L. = dem Steinwälzer Sisyphos. Nun habe man in Sisyphos längst eine Personifikation des Meeres erkannt, und auch L. werde ursprünglich nichts anderes gewesen sein. Wenn also Odysseus, sei es als Sohn des Sisyphos, sei es als der des L., ein Sohn des Meeres sei, so sei er die Sonne, die sich aus dem Meere erhebe; dies aber ist für Seeck deswegen wahrscheinlich, weil es .0 sich noch mit neunzehn anderen Argumenten stützen lasse (s. u. c).
Nun ist freilich die Gleichsetzung des Sisyphos mit dem Meere den Alten nicht bekannt, Wilisch in Roschers Myth. Lex. IV 967, aber sie wird von Neueren allerdings angenommen, da das Meer Steine wälzt, Wilisch 969f. Danach und weil L. und Sisyphos beide Vater des Odysseus sind, s. Abschn. 5 e, ist allerdings die Deutung des Namens L. als ,Steinheber' und 20 die Gleichsetzung des L. mit dem Meere verlockend. Trotzdem wird es richtiger sein, sie abzulehnen: Λα· in Λαέρτης heißt wahrscheinlich doch nicht ,Stein*, ἄερτ- nicht »Heber*, s. Abschn. 2; die Vaterschaft des Sisyphos an Odysseus beruht wohl eher auf Klatsch und dem Bestreben, Sisyphos und Odysseus genealogisch zu verbinden, s. Abschn. 5 e, als auf ursprünglicher Wesensgleichheit des Sisyphos mit L.; vor allem aber sind irgend welche andre Beziehungen des L. 30 zum Meere als die, die in seinem Namen liegen sollen, weder in der Odyssee noch sonst bezeugt. Für die Glaubwürdigkeit von Seecks Hypothese wäre es aber wesentlich, wenn schon die Alten L. oder Sisyphos auf das Meer bezogen oder wenigstens eine dunkle Erinnerung an diese Beziehung bewahrt hätten.
b) Noch viel weniger glaublich ist Grupp es Ansicht, nach dem (Gr. Myth. 626, 2) L. ,Räu-ber des Volks* heißt und nach dem verschollenen 40Kultnamen eines chthonischen Gottes genannt sei; auch Antikleia habe vielleicht einst göttlichen Charakter gehabt und dem Kreise der Artemis angehört. Dies schließt Gruppe aus der Ähnlichkeit Antikleias, die eine Enkelin des Orsilochos (Ortilochos) von Pharai sei, mit Artemis Orsiloche und Artemis Pheraia; und da diese letztere mit dem chthonischen Hermes gepaart gewesen sei, so sei wahrscheinlich mit diesem L. identisch.
50 Dagegen sprechen eine Menge Gründe. Mit Artemis hat Antikleia gar nichts zu tun. Man staunt, daß Schirmer Myth. Lex. I 374 aus Od. XI 172f, 198f. herauslesen konnte, sie sei eine Freundin der Jagd gewesen. Und auch auf Kallim. hymn. III 211 durften sich mit Schirmer nicht Gruppe und Fischer o. Bd. I S. 2425 berufen; denn daß die dort erwähnte Antikleia nicht die Mutter des Odysseus ist, vermutete schon der Scholiast z. d. St., und aus 60 212f. wird es ganz klar, weil das dort Gesagte in keiner Weise auf die homerische Antikleia paßt. Weiter ist die Antikleia, die Gruppe meint. Schwester und Enkelin von Männern namens Orti-lochos, nicht Orsilochos, nicht mit der unseren, der Gattin desL., identisch, sondern vonSchir-m e r und Escher mit Recht von ihr getrennt. Der göttliche Charakter von L.s Gattin also, der einen solchen auch für den Gatten wahrschein· [441] 441 Laertes (auf german. Inschrift) lieh machen soll, existiert gar nicht. Ferner ist die Etymologie des Namens L. ,Räuber des Volks⁴, die auf einen Todesgott hinweise, unsicher, s. o. Abschn. 2. Vor allem aber spricht im Wesen des homerischen und nachhomerischen L. absolut nichts für die Deutung auf einen chthonischen Gott; wenn er als solcher erwiesen werden sollte, so mußte doch wenigstens bei Homer ein kleiner oder kleinster Schimmer seines ehemaligen Wesens vorliegen.
c) Als entthronten Jahresgott sah Thomson Stud. in the Od. 57f. L. an und erklärte damit die Thronentsagung des epischen L. Nach ihm ist Odysseus ein Eniautos Daimon; solche Jahresgötter aber haben oft einen toten oder entthronten Vater, der, das alte Jahr, seinem siegreichen Nachfolger, dem neuen Jahre, durch Tod oder Thronentsagung Platz mache.
Diese Ansicht ist deswegen sehr verlockend, weil sie uns endlich die Thronentsagung des L. erklären würde, auf deren Deutung wir Abschn. 4 C verzichten mußten. Sie fällt aber damit, daß Odysseus wahrscheinlich kein Sonnen- oder Jahresgott ist, was freilich in diesem Artikel nicht dargelegt werden kann. (So geschickt diese Hypothese von Seeck Quell, d. Od. 267ff. mit zwanzig Argumenten gestützt ist, es sprach sich doch Joh. Schmidt Myth. Lex. III 654, 8fi. zurückhaltend darüber aus, und neuerdings lehnt auch v. W i 1 a m o w i t z II. u. Hom. 493 [s. aber auch 485] göttlichen Charakter des Odysseus ab, den er früher annahm.) Für L. genüge der Hinweis auf zweierlei: nach der folkloristischen Theorie, auf die sich Thomson stützt, sollte vielmehr Ikarios, der Vater der Penelope, der entthronte Jahresgott sein, worüber das Nähere bei T h o m -son nachzulesen ist, der diese ihm unbequeme Tatsache wegzuinterpretieren sucht; ferner erweist göttlichen Charakter mangels aller anderen Argumente die Thronentsagung allein nicht, wenn wir diese auch unerklärt lassen mußten.
d) Heros des nächtlichen Gewitters ist L. für Döhring Griech. Heroen u. Abendgeister 1916, 18f., eine Ansicht, die auf die falsche Etymologie ,Steinheber⁴, o. Abschn. 2, und auf die wertlose Kephalosgenealogie, o. Abschn. 5 b. gegründet ist. Mit starker Phantasie läßt Döhring Sisyphos, L. und Tantalos ,Wolken schieben⁴ wie die Hagestolze, von denen die Sage am Sterzinger Moos erzähle; „die Gewitterwolke, die am (steinernen) Himmel langsam aufsteigt, stürzt .mit Donnergepolter⁴ blitzend hernieder‘ und ist also gleich dem Steine des Sisvphos (’).
e) Wenn nach Arist. mir. ausc. 106 in Tarent T i e r o p f e r für die Atreiden, Tydeiden, Aia-kiden und Laertiaden dargebracht wurden, so weist das nur auf spätere Heroisierung des Odysseus und sonderbarerweise auch des Tele-machos, nicht auf ursprünglich göttlichen Charakter des L.: im Gegenteil, wenn dieser ein Gott war, so wäre nicht einzusehen, warum er vom Onfer ausgeschlossen gewesen wäre.
7. über L. auf einer Inschrift in Germanien steht in den Kommentaren zu Tac. Germ., die ihn bezeugt, meines Erachtens manches nicht Zutreffende. Vgl. Möllenhoff Germ. d. Tac. (= Deutsche Altertumskunde IV) [442] Laertes (aut germait Inschrift) 442138–141. Siebourg Westd. Ztschr. XXIII 1904,312ff. Norden Germanische Urgeschichte in Tac. Germ. 182–202. 216.
Bei allmählicher Erweiterung des geographischen Horizonts verlegte man die Irrfahrten des Odysseus immer weiter nach dem Westen und schließlich außerhalb der Straße von Gibraltar in den Ozean. Einen Beweis dafür, daß Odysseus sogar nach Germanien gekommen sei, fand man 10 auf einem Altar (nicht: Denkstein; gegen Müllen hoff 140: Gudeman a. anzuf. O.), der in Asciburgium, wohl (sicher: Norden 190) Asberg am Rhein, von ihm [so meist die Kommentare, auch Norden 185: Ulixi = ab Ulixe; schwerlich dativisch: ihm; Müllenhoff 140] geweiht sein und seinen Namen tragen sollte. Eine falsche Lesung der Inschrift hielt man deswegen für ausgeschlossen, weil man neben dem Namen des Odysseus auch den des L. zu 20 erkennen meinte. So Tac. Germ. 3, der auch weiter südlich, an der Grenze von Germanien und Ratien, griechische Inschriften erwähnt und nach dessen Wortlaut und Zusammenhang auch die Inschrift in Asciburgium griechisch, d. h. wenigstens in griechischen Buchstaben geschrieben zu denken ist; darüber s. u. – Ein Altar zur Erinnerung an Odysseus’ Anwesenheit stand auch auf Meninx, der angeblichen Lotophagen-insel, Strab. XVII 834, und in Calédonien, Solin. 30 22, 1, dieser ebenfalls Graeds litteris scripta. Nach Gudemans amerikanischer Ausgabe der Germania (unten mit am. zitiert) sei wahrscheinlich Poseidonios die Quelle dieser Nachricht, nach seiner deutschen Ausgabe (unten: d.) derselbe oder Pythcas, nach Siebourg Plinius; Norden 207–216 macht dies besonders glaublich.
Welcher Irrtum bei der Deutung der Inschrift unterlief, ist noch nicht ermittelt. Nicht in Be-40 tracht kommt die Möglichkeit, daß Griechen oder Römer in Germanien eine der Odysseussage ähnliche deutsche kennen lernten. Hieran dachte Wolff Tac. Germ. 1896. ³1915. Egelhaaf Germ.10 1915 erwähnt zweifelnd die Sage vom Schwanritter, während er an der Möglichkeit, L. auf eine Gestalt der germanischen Götterwelt zu beziehen, verzweifelt; Bezug auf die Sage von Orendel (Kretschmer Gesch. gr. Spr. 85). den seefahrenden Sohn des Königs Eigil, und 50 Deutung des Altars als Eigilstein lehnt Tückin g Germ.⁶ 1885 als zu kühn ab; bei Vilmar Gesch. d. deutsch. Nat.-Litt.23 1890, 155 ist sie zur Erklärung der Tacitusstelle herangezogen. Alle solche Gedankengänge führen irre; Müllenhoff 139. Es ist doch ganz unerweislich, daß es eine so alte, der der Odyssee ähnliche germanische Sage gab (wie alt die von Saxo Grammati· eus um 1200 aufgezeichnete, von F in sie r Hom.³ II 319ff. behandelte Sage ist, läßt sich 60 wohl nicht sagen; ist sie der Odyssee nachgebildet?), und wohl ganz unmöglich, daß vor-taciteische Inschriften existierten, die sich mit Gestalten der germanischen Sagenwelt beschäftigten. Mit Recht lehnte also Schwyzer in der 7. Auflage von Schweizer-Sidlers Germ, den Versuch einer Anknüpfung an eine deutsche Sage ab.
Vielmehr führt Tacitus’ Wortlaut (statt auf [443] 443 naertes (aut german. Inschrift)
eine Verquickung einer nordischen mit der Odysseussage) deutlich auf eine bloße Verlesung von Namen, und zu einer solchen konnte doch der von manchen Gelehrten verfochtene ἐξωκεανισμός recht wohl verleiten. Hierfür sprachen sich G u d e m a n (am., d.) und Seiler in seiner Ausgabe der Germ. aus.
Eine Verwechslung welcher Sprachen oder Alphabete leistete dem Irrtum Vorschub? Mit Mommsen Mitt. d. antiqu. Ges. Zürich VII IC 1853, 201 an nordetruskische Buchstaben zu denken, die man für griechisch gehalten habe (G u -de man am., Wolff, Seiler), liegt meines Erachtens (so auch G u d e m a n d.) kein zwingender Grund vor. Noch weniger hätte man in diesem Zusammenhang Runen erwähnen sollen (Dahlmann Hist. Forsch. I 172; dagegen Müllenhoff 141). Gude man (d.) denkt sich die Inschrift in griechischer Sprache, von griechischen Kaufleuten gesetzt, die von Massalia 20 an den Rhein kamen. Aber falls sie nicht schon halb verwischt war, einen griechischen Text hätte man doch verstanden und nicht so Irriges aus ihm herausgelesen. So handelt es sich am ehesten um eine in griechischen Buchstaben geschriebene keltische Inschrift (vgl. Caes. bell. Gall. I 29. VI 14); solche sind, obwohl nicht zahlreich, erhalten (8 Stücke bei Stokes Bez-zenbergers Beitr. XI 1886, 112ff.; dazu 1917 die des Kasios, s. vorläufig Kunstchronik XXIX 30 1917/8, 223).
Nunmehr wären also keltische Namen zu finden, die man leicht für Odysseus und L. verlesen konnte. Das ist bisher nicht geglückt. Denn verfehlt war es meines Erachtens, wenn nach Müllenhoff Dtsche. Altertumskde. II 191* für Ulixes Gude man (am. ,doubtless‘, d. zweifelnd) und Seiler an das keltische Ulo-hoxis (Holder Altcelt. Sprachsch. 17. Lief. S. 26) dachten oder Siebourg 319 an einen 40 Töpfer Camulixus, Norden 198 an Uxellos (,hoch‘; Uxellodunum, deus Uxellos, Iuppiter Üxellimus u. ä.) erinnerten; da die, die die Inschrift verlasen, sie für griechisch hielten, können sie nur durch einen dem Worte Odysseus, nicht einen der Form Ulixes ähnlichen Namen auf den Irrtum gekommen sein. Für L. verzweifelt Müllenhoff 141 an einer Erklärung; Gudeman (am.) denkt an Mißverständnis des etruskischen Lars, Lartis, schottisch lard, engl. θθ Iord. was gewiß recht fraglich und wohl deswegen in der deutschen Ausgabe nicht wiederholt ist. – Siebourg sieht eine Quelle des Irrtums, der in der ganzen Notiz steckt, schon in einem älteren keltischen Namen von Ascibur-gium, der an Ulixes erinnert habe (wie Olisipo Lissabon).
Nicht genügend scheint mir die Möglichkeit in Betracht gezogen zu sein, daß die fragliche Inschrift nie existierte. [Daß sie zu Tacitus’60 Zeit nicht mehr existierte, schließen Schwyzer, Gudeman (d.), Norden 198. 199. 202 aus Tacitus’ Worten wohl mit Recht; denn zu repertam ist wohl esse zu ergänzen. Oder ist es Partizipialkonstruktion und das zugehörige Verbum adhuc extare?] Bei der notorischen Fälschertätigkeit mancher antiker Gelehrten ist es denkbar, daß ein für die Theorie des ἔξωκεανι- [444] Laertes (in der Kunst) 444
ἰμός besonders Begeisterter diese durch eine glatt erfundene Inschrift zu stützen versuchte; die Altäre auf Meninx und in Calédonien könnten darauf hindeuten, daß man überhaupt derartige ,Beweise' erfand. Ein solcher Zweifel scheint auch dem Tacitus oder seinem Gewährsmann gekommen zu sein. [Korrektur-Zusatz: Die von Mehlis Phil. Woch. XLII HOOff. veröffentlichten etruskischen Inschriften von deutschem i Boden vermag ich nach freundlichst von Mehlis mir übersandter Zeichnung vorläufig nicht für Etruskisch zu halten.]
8. L. in der Kunst.
a) Relief der Sammlung Barracco in Rom, das der kleine Catalogo del Museo di scultura antica, fondazione Barr., Roma 1910 unter nr. 144 so verzeichnet: piccolo bassorilievo, a. 0, 33. 1. 0, 21, dove un eroe con pileo abbraccia un vecchio. Ê probabilmente Ulisse ehe ritrova L. nel suo giardino. Lavoro greco. Proviene da Roma. Nach der Abb. bei Reinach Rép. Rei. III 161 scheint mir die Deutung richtig zu sein. Bei Helbig-Barracco-Bruckmann Coll. Barr, ist das Bruchstück nicht abgebildet.
b) Auf einer zu der Klasse der homerischen Becher gehörigen Kanne des Dionysios, Berlin, Antiquarium, Robert Hom. Becher (50. Berl. Winckelm.-Progr.) 90ff. (noch nicht in Furtwänglers Beschr. der Vasens. im Antiqu.), hellenistisch, ist dargestellt, (a) wie Sisyphos von Autolykos ein geraubtes Rind zurückfordert, (b) wie er Antikleia (ANTIOKAEA) verführt, (c) wie er von Autolykos Abschied nimmt: dabei ist L. ([AJAEPTEC] schon anwesend. Skurrile Darstellung; s. u. Abschn. c am Ende und o. Abschn. 5 e.
c) Die Hochzeit des L. auf einem lukanischen Volutenkrater in München, Jahn Beschr. der Vasensammlg. nr. 805. Das Bild Ann. d. Inst. 1848 tav. G. Wiener Vorlegebl. Conze IV 3. Reinach Rép. Vases I 277. 391. Baumeister Denkm. I 303 und sonst, am besten bei Furtwängler-Reichhold Griech. Vasenm. Taf. 98/9, der uns interessierende Teil klein bei Barnett Herm. XXXIII 641; s. noch Jahn Arch. Ztg. XVIII 77ff. Robert Hom. Becher 92, 5. Dargestellt ist eine Vermählung, bei der der Bräutigam die Braut mit Stirnrunzeln empfängt; auch die Gesten der Begleiter des Bräutigams deuten auf Erstaunen. Im Innern eines durch eine Säule dargestellten Palastes überreicht neben zwei Frauen ein König einem jungen Manne (oder dieser jenem? Diese Auffassung Jahns nicht ganz undenkbar; in der Rechten des Königs der Stiel des Blattes) ein Symbolen, auf dem der Name Sisyphos steht. Über ältere Deutungen unterrichten Furtwängler II 204. Barnett, der nach einer Anregung Roberts in dem stirnrunzelnden Jüngling L. sieht, dem man die schon von Sisyphos geschwängerte (o. Abschn. 5e) Antikleia zuführe. Diese Deutung ist sehr viel ansprechender als frühere. Die ihr sicherlich entgegenstehenden Bedenken, um derentwillen Robert die Vase nicht abbildete, hat meines Erachtens Furtwängler zerstreut, indem er aus dem Vasenbild auf eine allerdings literarisch nirgends ausdrücklich bezeugte [Od. I 433. XV 356f. [445] 44b
uueruus
Soph. Phil. 417 und Schob aber wenigstens angedeutete] Verliebtheit des L. in Antikleia schloß. Von einer solchen muß in der Tat erzählt worden sein, wenn die Geschichte einigermaßen glaublich sein sollte, sei es, daß L. schon vor der Hochzeit erfuhr, er heirate ein von einem anderen geschwängertes Mädchen; oder entdeckte er dies erst nach der Hochzeit, so hätte er Antikleia ohne große Verliebtheit sicher verstoßen. Das Vasenbild stellt also die Version dar, daß Autolykos dem L. schon vor der Hochzeit die Wahrheit mitteilt und daß dieser trotzdem und trotz des Staunens seiner Freunde die Geliebte heiratet. Der Volkswitz ist also hier zum Liebesdrama erhoben, und die Quelle des schönen Vasenbildes kann kaum eine andre sein als ein Drama euripideischer Zeit.