RE:Leonidas 15

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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von Alexandreia Epigrammdichter der ersten Kaiserzeit
Band XII,2 (1925) S. 20312033
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15) Leonidas von Alexandreia, Epigrammen-dichterder ersten Kaiserzeit. Literatur: Setti Leonida Alessandriuo 1894. Sakolowski De An- 50 thologia Palatina quaest. 53ff. Radinger Rh. Mus. LVIII 294ff. Perdrizet Rev. des études gr. XVII 350ff. Buecheler Rh. Mus. LXI 307f. Reitzenstein o. Bd. VI S. 105f. Christ-Schmid Gesch. der griech. Literatur II⁵ 252.

L.s Epigramme, früher mehrfach zwischen ihm und dem Tarentincr hin und hergeschoben, können jetzt, da ihr durchgängig isopsephischer (s. n.) Charakter feststeht, wenn auch die Berechnung noch nicht überall aufgegangen ist (vgl. 60 Radinger a. a. O. 302), in der Hauptsache als nicht mehr strittig angesehen werden. Ihre Zahl beträgt 40: Anth. Pal. VI 321. 322 [323 Anakyk-lisches Isopsephon, vielleicht Nikodemos angehörig, Radinger a. a. 0 296]. 324. 325. 326. 327. 328. 329. VII 547. 548. 549. 550. 675. Di 12. 42. 78. 79. 80. 106. 123. 344. 345. 346. 347. 348. 349. 350. 351. 352. 353. 354. 355. 356. [2032] Leonidas 2082

XI 9. 70. 187. 199. 200. 231 (nach Radinger 296 eher Lukillios). XII 20.

L.b Leben ist lediglich aus seinen Epigrammen erkennbar. Anfänglich Sterndeuter (IX 344; vgl. Reitzenstein 105), wurde er dann Epigrammen-dichter, und zwar als solcher der Ausschöpfer dos isopsephischen Epigramms, innerhalb dessen zwei Distichen, deren Buchstaben nach ihrem Zahlenwcrte addiert werden, dieselbe Summe er-0 geben müssen. Wie es seit Krinagoras Sitte war, wandte er sich mit seinen Gedichten an die Mitglieder der Kaiserfamilie; er feierte Agrippina durch das Geburtstagsgeschenk eines Isopsephons (VI 329), verteidigte aber gleichwohl den Muttermord Neros (IX 345) und freute sich nachdrücklich an der ,Rettung* (IX 352) des Kaisers, dem er, mit eitelster Betonung vom Werte seiner Gabe, eines seiner isopsephischen Geburtstagsgedicht-chen widmete (VI 321), nicht ohne dieses charak-0 teristisch genug dem Wesen eines Weihepigramms an die Gottheit anzugleichen; auch das 3. Buch dieser Machwerke durfte der Kaiser empfangen (VI 328). Aber obwohl L. der Astrologie entschieden Valet gesagt (IX 80), hielt er es doch für zeitgemäß, Poppaea, jener Freundin der Sterndeuterei (Tac. hist I 22), derselben, die den Nero zum Muttermorde angestiftet, zum Geburtstage einen Himmelsglobus zu schenken (IX 355). In gleicher Gesinnungstüchtigkeit ergab sich dieser) Klebedichter auch noch dem Vespasian, dem er – wieder zu dessen Geburtstage – den heilsamen Gebrauch der Wasser von Cutiliae wünscht (IX 349), die der Monarch alljährlich aufsuchte, Suet. Vesp. 24. Hülsen o. Bd. II S. 299f; Radinger hat 295 die Beziehung von IX 349 auf Vespasian, der, am Abend des 17. November des J. 9 n. Chr. geboren, die Kur im Abruzzenbade nicht gerade zu so vorgerückter Jahreszeit habe gebrauchen können, geleugnet und das Gedicht i mit Claudius in Verbindung gebracht. Aber einerseits ist die Verbindung der Flavier mit Cutiliae doch so ganz besonders eng, daß wir gerade die Begehung des Geburtstages an jener Stelle für sehr begreiflich halten dürfen, anderseits aber brauchte man ja nicht nur die dortigen Bäder, sondern trank auch das Wasser des Kurorts,

Außerhalb seiner Hofpoesie sind fast alle seine Gelegenheitsgedichte Epigramme zu Geburtstagsfesten, z. T. getragen vom hohen Bewußtsein seiner Bedeutung als Schöpfer eines neuen literarischen Genres (IX 356. 328), aber sie gehen doch nicht alle in ergebener »Clientenpoesie* (vgl. VI 322) auf: so haben wir Grüße an Griechen wie Eupolis (VI 325, mit dem gewöhnlichsten Selbstlobe), wie an den weisen Pappos (IX 353). Einen anderen Griechen nennt er bei Gelegenheit einer von diesem ihm zugekommenen Papyrus-sendung, natürlich, um sich ihm gegenüber wieder als μουοοίίόλος herauszustreichen (IX 350); denn auf seinen Nachruhm kommt dem eitlen Gesellen alles an (IX 344). Und doch hatte er nicht sehr viel Grund, sich auf das angeblich von ihm geschaffene Isopsephon zu berufen; denn derartige Spielereien waren schon seit längerer Zeit in Literatur und Religionsübung im Gebrauch, ja wir finden solches auch auf Inschriften (vgl. die Literatur bei Christ-Schmid a. a. O.).

Wie L. politisch ganz gesinnungslos war, wie [2033] 2033

Le) nidas

er heftig auf die früher von ihm vertretene Astrologie schimpft, so ist der eingebildete Verse-schmied, dessen Rechenkünste nicht selten zur Selbstwiederholung führen mußten (γενεθλιαχαῖσιν iv ἄραις... Λεωνίδεω: VI 321, 1f. = IX 355, 1f.; vgl. VI 325, 4 und IX 355, 4 sowie VI 322, 2 mit 328, 2 u. a.) auch ein ganz grundsatzloser Nachahmer. Vom Tarentiner L. entnimmt er Motive, um sie mehr oder minder umzumodeln (VI 324 .~ L. Tar. IX 322. IX 348 L. Tar. IX 99), sowie auch einzelne Versteile (IX 355, 2 δέξο Λεωνίδεω = L. Tar. VI 300, 2), repliziert aber auch wieder auf dessen Warnung an den Schiffer, vom Grabmale des Schiffbrüchigen abzustoßen (VII 266. 264), mit einem zugleich Theo-doridas (VII 282) benutzenden Gedicht (VII 675) und ahmt vielleicht einen Einfall des Gegners der Leonideer, des Lukillios (VI 17; s. o. und u.) nach (IX 199, vgl. 405, 5f.). Dieselbe Gleichgültigkeit gegenüber literarischen Coterien betätigt er auch sonst. Philippos von Thessalonike sowie dessen Landsmann Antipater waren leidenschaftliche Gegner der Kallimacheer. Diese Parteistellung läßt L. völlig kalt. Er macht sich Philippos' Programm der ὀλιγιατιχίη (III 2, 6; vgl. Par-menion IX 342) auch für seine Ἰοόψηφα zu eigen (VI 327), er schreibt ihn ab (IX 347 = Phil. 299. IX 12 = Phil. 11), er kopiert oder benutzt Antipater (VII 550 = Antip. 289. IX 3 Antip. 79), aber er plündert ebensogut den Kyrenäer (VI 326 ce Kallim. ep. 37 Wil. IX 356, 3 « Kall. hymn. II 113). Das ist aber keine .großzügige¹ Unparteilichkeit, sondern der alexandrinische Versifex nimmt, um seine kümmerlichen Künsteleien zustande zu bringen, Vorwürfe und Formen von überall her; er entlehnt Parmenion (IX 114) ein Motiv (IX 351), desgleichen Zosimos (IX 42 = Zos. 40), er mengt sein Aperçu vom alten Schiff, das seinen Untergang nicht im Meere, sondern durch das Feuer fand (IX 106), aus drei Mustern zusammen (Sekundus IX 36. Anthiphilos 34. Bianor XI 248), und seine Absage an die Astrologie (IX 80) ist ganz im Stile der literarpolemischen Epigramme seiner Zeit (vgl. z. B. Antiphanes XI 322. Philippos 321. 347 u. a.) gehalten. Ähnlich wie dies letztere Epigramm zeigen andere Stücke nur die allgemeine Wiederholung älterer Motive, z. B. VII 668 (ein Schiffer verschwört die Seefahrt) entspricht VII 650 (Phalaikos), XII 20 haben wir die bekannte Pointe mancher päderastischer Gedichte (Dioskorides XII 37. Alkaios 64. Meleager 65), und die Vorschrift für ein Diner (XI 9) ist aus dem Geiste lukillianischer Gastmahlspoesie (XI 10. 11. 205–208. 313. 314; vgl. Prinz Martial u. die griechische Epigrammatik 59ff.). Doch auch diese Stücke wie ferner die Gedichte, die eine unmittelbare Beziehung nur zum Zeitgeschmäcke haben, die Epigramme auf den Zitherspieler, der alle außer einem Tauben tötet (XI 187), auf den Philinos, der nach einer Alten ein Kind heiratet (XI 70), auf die Schwalbe, die ihr Nest auf einem Gemälde der Medea baut (IX 346), und anderes mehr, werden auf direkte, uns noch unbekannte Vorlagen zurückgehen. So bleibt L. v. A. einer der unerfreulichsten Graeculi der Zeit, tief unter seinen auch schon recht bedeutungslosen Mustern stehend.