RE:Leosthenes 2

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Athenischer Feldherr im Lamischen Krieg
Band XII,2 (1925) S. 20602062
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2) Athener, Feldherr im Lamischen Kriege. Ob er mit L. Nr. 1 verwandt war, entzieht sich der Kenntnis. Über sein Vorleben erfahren wir nichts. Erst kurz vor Alexanders d. Gr. Tode lenkte er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Nach seiner Rückkehr aus Indien hatte der König sämtlichen Satrapen die Entlassung ihrer Söldner befohlen (Diod. XVII 111, 1; vgl. Droysen Gesch. d. Hell.² I 2, 236). Diese brotlos gewordenen Scharen, zu denen noch die zahlreichen griechischen Söldner hinzutraten, die einst im Dienste des Perserkönigs und seiner Satrapen gestanden hatten, strömten zum größten Teile in das Mutterland zurück und vermehrten hier die Zahl der heimatlosen Leute. Viele fanden sich am Tainaron, dem Hauptsammelplatz käuflicher Krieger, zusammen (Diod.). Bei ihrer Überführung nach Griechenland soll nun L. eine Hauptrolle gespielt haben: 50 000 seien von ihm auf Schiffen hinübergeführt worden (Paus. I 25, 5. VIII 52, 5), und zwar gegen den Willen des Königs, der sie zum Teil habe in Asien ansiedeln wollen. Ob L. damals attischer Stratege gewesen ist und die Söldner auf attischen Schiffen übergesetzt hat, wird nicht überliefert. Immerhin weist die Andeutung, Demosthenes habe mit L. in näheren Beziehungen gestanden (Plut. comp. Demosth. et Cic. 3), darauf hin, daß dieser schon vor dem Lamischen Kriege in Athen amtliche Stellungen bekleidet hat. Dagegen beschränkte sich wohl die Zusammenarbeit mit Hypereides lediglich auf den Lamischen Krieg (Plut. de frat. amor. 15. [Plut.] vita X orator. Hyper. 849F. Hyper. VI 3). Die am Tainaron Versammelten, etwa 8000 Mann (Diod. ΧVIIΙ 9, 1), wählten nun L. zum unumschränkten Feldherrn (Diod. XVII 111, 3). Ehe Alexander oder Antipatros dagegen einschreiten konnten, schaffte der Tod des großen Königs eine ganz neue Lage. L. begab sich auf die Nachricht hiervon nach Athen, wo man, wie er wußte, schon seit einiger Zeit wegen der Entscheidung im Falle Samos an eine Erhebung dachte. Um Zeit zu den notwendigen Rüstungen zu gewinnen und auch um genauere Nachrichten aus Asien abwarten zu können, verhandelte der Rat insgeheim mit L. und bewilligte ihm 50 Talente für Truppensold sowie eine Waffensendung: L. sollte seine Werbungen auf eigene Faust fortsetzen und Antipatros so lange wie möglich über die wahre Stimmung in Athen im Unklaren [2061] bleiben. Da Antipatros offenbar die Rüstungen eines Privatmannes nicht für so gefährlich hielt, um sofort dagegen einschreiten zu müssen, hatte L. reichlich Zeit, seine Truppe kriegsmäßig auszurüsten und auch mit den bereits seit einiger Zeit aufsässigen Aitolern in Verbindung zu treten (Diod. XVII 111, 3. 4. XVIII 9, 2). Als dann alles bereit und der Tod Alexanders sicher bezeugt war, erhielt L. von Athen die Aufforderung, nun offen hervorzutreten. Er zog nach Aitolien, verstärkte sein Heer hier mit 7000 Aitolern und forderte auch die Lokrer, Phoker und die anderen Nachbarstämme auf, sich dem Kampfe gegen Makedonien anzuschließen. Inzwischen war in Athen, vielleicht im Beisein des L., der Krieg beschlossen worden, trotz heftiger Gegenwehr der weitsichtigeren Staatsmänner, namentlich Phokions (Plut. Phok. 23; Timol. 6) und des Demades (Diod. XVIII 18. Plut. Phok. 26); Gesandte wurden an alle griechischen Staaten geschickt, um sie für den Befreiungskampf zu gewinnen (Diod. XVIII 10f.). L. wurde an die Spitze der gesamten Heeresmacht gestellt (Hyper. VI 10. 11. Paus. I 1, 3. 25, 5); zugleich sollte er durch 5000 Mann zu Fuß und 500 Reiter von den Bürgern sowie 2000 Söldner verstärkt werden[1]. Er besetzte die Thermopylen, um hier den Anmarsch des Antipatros abzuwarten. Da aber die Boioter und Euboier (mit Ausnahme von Karystos) auf die Seite der Makedonen getreten waren und den athenischen Truppen entgegentraten, rückte er mit einem Teile seines Heeres in Boiotien ein, vereinigte sich mit den Athenern und besiegte die Feinde in der Nähe von Plataiai (Diod. a. O. Hyper. VI 11. Paus. I 1, 3). Dann kehrte er in seine Stellung an den Thermopylen zurück. Antipatros rückte nun heran, wurde aber, da die thessalischen Reiter kurz vor dem Zusammenstoß zu den Verbündeten übertraten, bei Herakleia (Iustin. XIII 5, 8. Vgl. Hyper. VI 12. Paus. I 1, 3: ἔξω Θερμοπυλῶν) geschlagen (Diod. a. O. Arrian. succ. Alex. 9). Er mußte sich über den Spercheios zurückziehen und sich in Lamia, das er mit stürmender Hand nahm (Polyaen. IV 4, 2), einschließen lassen (Diod. a. O. Paus. I 1, 3. Plut. Demosth. 27. Arrian. a. O.). Er wurde in schwere Bedrängnis gebracht und versuchte Verhandlungen anzuknüpfen, aber L. verlangte unbedingte Unterwerfung (Plut. Phok. 26). Bei einem Ausfall wurde L. jedoch von einem Stein schwer am Kopf verwundet; am dritten Tage darauf erlag er der Verletzung. Seine Beisetzung erfolgte unter heroischen Ehren (Diod. XVIII 13, 5. Vgl. Iustin. XIII 5, 12. Paus. III 6, 2. Strab. IX 433. Hyper. VI 14). Dem damals besonders Einflußreichen Redner und Staatsmann Hypereides wurde der Auftrag zuteil, den im Lamischen Krieg gefallenen Helden die Grabrede zu halten (Diod. a. O. [Plut.] vita X orator. p. 849 F). Dieser Epitaphios ist als zeitgenössisches Dokument von Wert, wenn er auch seinem Zwecke entsprechend das Verdienst des L. zu stark hervorhebt (Hyper. VI ed. Jensen). Ein Gemälde, das L. mit seinen Söhnen darstellte, von [2062] Arkesilaos stammend, hat noch Pausanias im Peiraieus gesehen (I 1, 3); auch die Gräber der im Lamischen Kriege Gefallenen erwähnt er (I 29, 13). Es unterliegt keinem Zweifel, daß L. ein bedeutender Feldherr gewesen ist. Dafür spricht einmal sein unleugbares Geschick in der Behandlung der Söldner wie später des griechischen Bundesheeres, das sich willig seiner Führung unterordnete und unter ihm Bedeutendes geleistet hat (vgl. Hyper. VI 13). Sein Tod war daher für die Sache der Verbündeten ein vernichtender Schlag; mit ihm ging der überlegene Geist dahin, der allein die Sache zu einem guten Ende hätte führen können (Paus. I 25, 5. Suid. s. v. und dazu Köhler S.-Ber. Akad. Berl. 1890, 572). Sodann beweist sein Erfolg einem so gewiegten Taktiker wie Antipatros gegenüber sein strategisches Talent. Aber auch als Diplomat hat er sich bewährt. Wenn auch die Stimmung in Athen seinem Plane einer Erhebung gegen die makedonische Herrschaft entgegenkam und Hypereides wie früher Demosthenes ihm zur Seite stand, so hat doch sein Drängen die Entscheidung gegeben (vgl. Hyper. VI 10. Plut. Phok. 23). Ihm gelang sodann die Gewinnung der Aitoler. Lokrer und Phoker für den Befreiungskamp — denn das war er in seinen Augen —, und die willige Unterordnung der so schwer zusammenzuhaltenden griechischen Kontingente zeugt wie für seine Befähigung zum Führer so auch für seine diplomatische Gewandtheit. Wenn wir von seiner Charakteristik bei Hypereides absehen, so liegt uns vor allem die Würdigung Diodors, d. h. des Hieronymos von Kardia, vor: XVII 111. 3 ἄνδρα ψυχῆς λαμπρότητι διάφορον (vgl. Suid. s. v.), sowie die Außerungen bei Pausanias (1 25, 5: πολέμων ἔμπειρος, VIII 52, 5), die das eben gegebene Urteil bestätigen. Zu vergleichen ist noch die Anekdote bei Plut. Phok. 23, aus der die mannhafte Gesinnung des L. wohl als historisch hervorleuchtet. Daß er für eine verlorene Sache eintrat, daß im Falle des Gelingens seiner Pläne die Zerrissenheit Griechenlands nur verewigt worden wäre, hat er sich allerdings ebensowenig klar gemacht wie Demosthenes bei seinem Kampfe gegen Philippos und Alexander; doch darf man deswegen den Patriotismus und guten Willen beider Männer nicht anzweifeln. Sein Alter ist nicht festzustellen. Die Anrede Phokions (bei Plut. Phok. 25) ὦ μειράκιον ist natürlich nicht wärtlich zu nehmen, wenn sie wirklich gefallen sein sollte; sie soll lediglich L. als jüngeren Mann verächtlich machen. Aus Paus. I 1, 3 geht hervor, daß L. Kinder hatte. Wir werden also annehmen dürfen, daß L. 323 im mittleren Mannesalter stand. Über seine Frau vgl. Schaefer Demosth. III² 355, 2. Kirchner Prosop. Att. Im allgmeinen sei verwiesen auf Schaefer Demosth. III² 355 ff. Droysen Gesch. d. Hellen. II² 45ff. Niese Gesch. d. maked. u. griech. Staaten I 200ff. Beloch Gr. Gesch. III 1, 71ff.

[Geyer. ]
  1. Es liegt mir fern, an dieser Stelle eine Geschichte des Lamischen Krieges (s. d.) zu geben.