RE:Leukippos 13
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| Begründer d. atomist. Schule | |||
| Band XII,2 (1925) S. 2266–2277 | |||
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13) Der Begründer der atomistischen Schule, als Eleate, Abderite, Milesier – dafür Diogenes Laert. IX 30 die Verschreibung Μήλιος – bezeichnet (Diels Vorsokr. 54 A 1). Da derartige Bezeichnungen sowohl den Geburtsort, wie länger dauernden Aufenthalt als Schüler oder Lehrer bedeuten, manchmal auch nachträglich aus der s ach -liehen Zugehörigkeit zu irgendeiner Schule er-3 0 schlossen sein können, so ist die schließlich auch unerhebliche Frage nach der Geburtsstadt schwer zu entscheiden. Die zuverlässigste, auf Theophrasts phys. opin. (frg. 8, Doxogr. 483) zurückgehende Tradition bezeichnet die Stelle des Sim-plikios zur Physik 28, 4: 4, Ol ὁ Ἐλεάτης ἡ Μιλήσιος (ἄμγοτερως γὰρ λεγεταὶ περὶ αὐτὸν) κοινωνήσας Παρμενίδηι τῆς φιλοσοφίας, ὅν τὴν αὐτὴν ἐβάδισε Παρμενίδηι καὶ Ξενοφάνει περὶ τῶν ὄντων ὀδόν, ἄλλ' ὡς δοκεὶ τὴν ἐναντίαν. Dieser 40 gleich noch näher zu erläuternde Sachverhalt liegt der anderen Nachricht zugrunde, die L. zum Schüler Zenons macht (Diels A 1, 4. 5.10). L. scheint also von der milesischen Schule ausgegangen zu sein; diese war ja mit Anaximenes noch nicht zu Ende, wie Burnet-Schenkl Anf. d. gr. Phil. 300. 320 mit Recht hervorhebt; Diogenes von Apollonia knüpft in seiner Hauptlehre an Anaximenes au, daneben an L., Anaxagoras und Empedokles (Diels Rh. Mus. XLII [1887] 9); er 50 ist der extremste Fall eines Eklektizismus – τὰ μὲν πλεῖστα συμπεφορημενως γέγραφε Simpb phys. 25. 2 Theophr. phys. opin. frg. 2, Doxogr. 477, 6 – wie er freilich in der Geschichte der vorsokratischen Philosophie in den sehr viel tieferen Versuchen der Synthesis entgegenstehender Meinungen mannigfaltig vorbereitet ist. Platon hat im Sophistes p. 242c die beiden Grundmotive in der Philosophie seiner Vorgänger: den Wechsel, die Vielheit und Bewegung als Grundtat-60 Sachen der wirklichen und gegebenen Welt auf-zufaseen, und demgegenüber die Lehre des ,elea-tischen Volkes¹ von dem einheitlichen ruhenden Sein klar bezeichnet und alle spätere Philosophie als âne strengere (z. B. Herakleitos) oder laxere (Empedoklee) Synthese dieser beiden Grnndmotive aufgefaßt. Erklärung dieser Stelle – die Philosophen na men sind bei Platon nicht genannt – bereits bei Simplikios zur Physik, S. 50, 15 [2267] 2267 Leukippos
Diels; besprochen bei Burnet-Schenkl 329. Reinhardt Parmenides 155Π.). Über die sachliche Berechtigung, die Lehre des L. als eine Vereinigung milesischer Natur- und eleatischer Nusphilosophie aufzufassen, soll unten gesprochen werden; hier kommt es zunächst nur darauf an, das Schwanken der Überlieferung hinsichtlich der Lokalisierung des L, zu erklären; nach den Gepflogenheiten der damaligen Zeit ist eine ausgiebige persönliche Berührung des L. mit den eieatischen Philosophen durchaus wahrscheinlich, und dies drückt die Überlieferung durch die Bezeichnung ὁ Ἐλεάτης aus.
Der dritte Ort, der für einen längeren Aufenthalt des L. in Frage käme, ist Abdera; doch ist diese Nachricht des Diogenes, von ihm selbst mit ὡς 3é τινες gegeben, am schlechtesten bezeugt und in ihrer Herkunft sehr deutlich. Das merkwürdige Verschwinden des L. hinter seinem Schüler Demokrites, die stehende Zusammenstellung L. und Demokrites lassen es sehr erklärlich erscheinen, daß man ihn schließlich auch selbst am Orte der Schule seines Schülers lokalisierte.
Von der Lebenszeit des L. ist nur so viel zu Sagen, daß er der Lehrer des Demokritos war, dessen Blüte nach Apollodoros in das J. 420 fällt. Genauer könnte seine Lebenszeit nur bestimmt werden durch die aus dem Inhalt seiner Lehre zu erschließenden Beziehungen zu Anaxagoras und Empedokles – falls diese zur vollen Evidenz zu bringen wären; aber selbst dann bliebe der Spielraum groß genug. Was weiter unten über diese Dinge zu sagen sein wird, kann nur zu größter Vorsicht und Zurückhaltung veranlassen.
Bei dieser, wie selbst bei Berücksichtigung der allgemeinen Unsicherheit gerade der äußeren Leben sdaten griechischer Philosophen zuzugeben ist, auffallenden Unbestimmtheit des äußeren Bios des L. und bei dem fast vollständigen Zusammenfall aller Lehren, die ihm zugeschrieben werden (über 4 Abweichungen s. u. S. 2276), mit solchen seines Schülers, konnte bereits im Altertum der Zweifel entstehen, ob denn L. überhaupt gelebt hätte, und ob nicht alle Schriften, die dem Lehrer zugeschrieben wurden, ganz eigentlich dem Schüler nach Inhalt und Form geSörten. Wir fassen diese Ansicht zuerst bei Epikuros (A 2. Diog. X 13 dU’ ovii Λ εὐκιππόν riva γεγενησθαὶ φηοὶ φιλόοοφον. Dann noch einmal in der dem Aristoteles zugeschriebenen, aber sicher spät gefälschten Schrift 5 de Melisso Xenophane Gorgia p. 980 a 7: καῦάπερ ἐν τοῖς Λευκίππου καλουμένοις λόγοα γέγραπται (Diels Verh. d. 35. Philol.-Versamml. 105, 30 will diesen Zusatz lediglich auf die Un-gewöhnlichkeit (?) des Ausdruckes λόγοι beziehen; bei der Ungenauigkeit und Unzuverlässigkeit des fraglichen Autors fällt sein Zeugnis in keinem Falle schwer ins Gewicht). Bestimmtere Anzeichen dafür, daß die aus diesem Ausspruch zu erschließende Meinung des Epikuros – die er nicht ein- 6( mal überall festhält, vgl. den Nachtrag D i e 1 s’ zur 4. Auflage I IX. II VII – auf einer allgemeineren wissenschaftlichen Ansicht beruht, sind nicht greifbar; ja Diels bringt an dieser Stelle noch ein neues Zeugnis dafür bei, daß die epikureische Schule durchaus an L.s Existenz geglaubt hat: Pap. Hercul 1788 (Coll, alt vol. VIII) frg. 1 (Crönert Kolotes und Mened. 147): [2268] Leukippos
2268
γραφῶν ὅτι ... τά) αὐτὰ πρότερ(ον εἰρηταὶ ἐν) τωὶ Με(γ)άλω(ι διακόσμω)ι ὅν φασιν εἰναζὶ Λευκίππου.) καπ(ί) το(σ)οῦτο τό 6 τῶν ἄλλ)ων (ἰδιοποιούμενος ἔλεγχετ' ὀ)υ μόνον ὕν τώ(ι Μικρώι δι)ακόσμωι τιθεί(ς ὰ καν τθί) Με(γάλωι κεῖτακ
10 Trotzdem hat diese These Epikuros’ in Rohde einen beredten Verteidiger gefunden und seine Gründe, die er im J. 1880 auf der 34. Philo-logenversammlung zu Trier entwickelte (erschienen Leipzig 1881 = Kl. Schrift. I 205–245) und nach der Entgegnung Diels’ auf der Stettiner Versammlung des nächsten Jahres weiter ausführte (Jahrb. f. Philol. u. Päd. CXXIII (1881) 7413. = KL Schr. I 245–255), sind von Na torp Rh. Mus. XII (1887) 349 und neuerdings
20 wieder von Nestle aufgegriffen worden (Philol. LXV1I [1908] N. F. XXI 549; Berl. Phil. Woch. XL [1920] 1089; Neubearbeitung von Zeller I⁶ 1040); auch Brieger hatte im J. 1901 im 36. Bd. des Hermes (S. 161) die These Rohdes zu stützen und die Autorität des Aristoteles und Theophrast, die nie einen Zweifel an der Existenz des L. aufkommen lassen und ihm die beiden Schriften περὶ νου und μύγας διάκοσμος zuschreiben, von einer neuen Seite zu untergraben ge-Î0 sucht: die ganze Atomistik steht nach seiner Ansicht in gar keiner Beziehung zum Eleatismus. sondern hätte lediglich die Lehre des Anaxagoras umgestaltet. Ohne klare Stellungnahme glaubt an den Sieg der Sache Rohdes Bokownew Die Leukippfrage, Dorpat 1911. Es ist hier zweierlei zu unterscheiden: einerseits die Tatsachen, die durch diese unerhört kühne These erklärt werden sollen – eine These, die einen Philosophen, den Aristoteles an mehreren Stellen allein und an :0 vielen Stellen neben Demokrites nennt, einfach aus der Geschichte streichen will, und zweitens dis subjektiven Gründe, die gerade diese Erklärung jener Tatsachen in alter und neuer Zeit psychologisch verständlich machen. Auffallend ist, wie bereits gesagt, die mangelhafte Überlieferung des äußeren Lebens des L, und die Aufnahme seiner Schriften in das Corpus der demokriteischen. Aber für die richtige Beurteilung dieser Sachverhalte kommt alles darauf an, daß der erste als 0 die Folge der zweiten verstanden wird. Wie allenthalben in der griechischen Philosophiegeschichte, wie bei Platon und Aristoteles, ist das Form problem, die Frage der Überlieferung der Lehre, zuerst zu betrachten. Es genügt nicht, allgemein auf die geringe Rolle hinzuweisen, die der Begriff des geistigen Eigentums überhaupt gespielt hat, sondern es ist die besondere Art philosophischer Überlieferung zu untersuchen. Durch Jaeger (Studien zur Entstehungsgeschichte der) Metaphysik des Aristoteles 138) ist die halbe
Publizität des zunächst als ,Vorlesung* gedachten ionischen Logos gerade an dem Schrifttum desjenigen Philosophen entwickelt worden, der als der Lehrer des L. angesehen werden muß: an Zenons Schrift; deren Vorlesung, wie sie im platonischen Parmenides geschildert wird, ist nach Jaegers zwingendem Gedankengang durchaus als die Praxis des historischen Zenon anzusehen, als [2269] 2269 Leukippos
Vorlesung eines geschriebenen Logos im engen Kreise der ἐταίροι; so lernt Sokrates nach Phaidon 97b auch die Schrift des Anaiagoras kennen: einer liest aus dem Buche vor. Wenn die Berücksichtigung dieser Praxis noch bei der Erschließung des Aristoteles so glänzende Erfolge zeitigt, wie Jaeger zeigt, so ist für den zeitlich dazwischenliegenden L. natürlich ein entsprechender Rückschluß gestattet. Auch die Lehrschrift über das Gute erscheint ja bald als Platons, bald als der Schüler 10 Schrift, denn Speusippos, Herakleides Pontikos, Xenokrates »lasen¹ über diese Schrift, sie lasen sie vor und knüpften dann ihre Bemerkungen daran; und es wäre wunderbar, wenn die Ergebnisse der Diskussion nicht allmählich bei der Wiederholung der Vorlesung eingearbeitet und so allmählich das Werk des Lehrers zum ,Eigentum¹ des Schülers geworden und gelegentlich als ,echtes* Werk dieses Schülers aufgefaßt worden wäre. So konnte es in der späteren Schulgeschichte tatsächlich allmäh- 20 lieh unklar werden, wessen Werk mit irgendeinem Zitat gemeint ist; denn gerade einzelne Stellen mögen in verschiedenen Autoren genau gleich gestanden haben (so etwa Simplikios zur Physik des Aristoteles, S. 151, 7 Diels). Doch eine Schwierigkeit im Falle des L. darf nicht so leichthin übergangen werden, wie es, soweit ich sehe, allenthalben geschieht. Warum werden hier stets die Lehren und Schriften des Lehrers dem Schüler zugeschrieben, und nicht umgekehrt? Die einfache 30 Berufung auf die Berühmtheit des Demokritos genügt nicht, denn sie ist ja erst eine Folge des Umstandes, den sie erklären soll, eben jener Bildung des ,Corpus Democriteum¹. Man vergesse doch nicht, daß die bedrohte Originalität des berühmten Schülers, der, wenn es einen L. gab, alle Grundlehren dem Lehrer verdankt, ja bei Rohde eingestandenermaßen das Hauptmotiv der Athe-tese ist Der Hinweis von D i e 1 s in der im ganzen entscheidenden Widerlegung Rohdes (Verh. d. 40 35. Philol.-Versamml. zu Stettin, erschienen 1881, S. 99), daß in das Corpus Hippocrateumvor-und nachhippokrateische Schriften Aufnahme gefunden haben, beweist nichts gegen die allgemeine Tendenz derartiger Sammlungen, J üngeres auf ältere Autoritäten zurückzuführen; es ist dies ja der allgemeine Zug der pythagoreischen und noch anderer philosophischen Sammlungstätigkeit. Freilich bedürfen alle diese Fälle gesonderter Behandlung; aber gerade aus dieser Erwägung heraus 50 muß gefragt werden, welche Gründe im Besonderen Falle die Aufsaugung des Lehrers durch den Schüler hier gehabt hat.
Auch hier kann meines Erachtens nur die folgerichtige Durchführung des Formproblems bei Demokritos weiterführen; freilich sind wir bei der Überlieferung seiner Werke, von deren Bruchstücken in jüngster Zeit ein neuer Abstrich gemacht wurde, auf das stilistische Urteil des Altertums angewiesen und auf die entsprechenden Er- 60 scheinungen anderer Philosophenschulen, von denen ja bereits gesprochen wurde. Eine Stelle des Philo-ponos zu Aristoteles de anima I 2 p. 75, 34 Hayd. führt hier weiter. Dort erläutert der Kommentator die Worte: Ὀμοίως 6ὲ καὶ ἐν τοῖς Περὶ φιλοσοφίας λεγομενοις durch folgende Bemerkung: Tà Περὶ τάγαῦοῦ ἐπιγραφόμενα Περὶ φιλοσοφίας λέγει· ἐν ἰκείνοις θ ri? ἀγράφσῦς [2270] Leukippos 2270
συνουσίας τοῦ Πλάτωνος ἰστορεὶ θ Ἀριστοτέλης · ἔστι δὲ γνήσιον αὐτοῦ τὸ βιβλίου.}} Man ersieht daraus, daß eine Umsetzung des Gehaltes einer Lehrschrift in einen zur Veröffentlichung bestimmten Dialog möglich war, wie wir ja das Umgekehrte, die Aufnahme stilisierter Dialogteile in Lehrschriften, des öfteren bei Aristoteles antreffen, z. B. Stücke aus περὶ φιλοσοφίας im 1. Buch de caelo (Jaeger Arist. 318). Nun ist in unserem Zusammenhänge der L.-Frage noch nicht beachtet worden, daß die Werke des Demokrites stets mit den Dialogen Platons zusammengestellt werden (vgl. die von Diels 55 A 34 unter der Überschrift ,Stil‘ zusammengestellten Urteile des Cicero und Dionysios); hier wird gerade die Kunst der Darstellung, die Annäherung an das Poetische als beiden Philosophen gemeinsam bezeichnet und gerade die Mischung der stilistischen Farben hervorgehoben. Vielleicht verdient in diesem Zusammenhang auch die Tatsache Beachtung, daß die psychologische Erfassung des genialen Dichters bei Demokrites frg. 17. 18 einer der vielen Punkte ist, in denen der späte Platon – mit seiner Lehre vom dichterischen Wahnsinn im Phaidros – von ihm abhängig ist. Nun ist Jäger bei seiner Aufrollung des Formproblems an der genannten Stelle gerade von dem grundsätzlichen Gegensatz des nur vorgelesenen ionischen Logos und dem der Literatur angehörigen, publizierten Buche, wie es der platonische Dialog darstellt, ausgegangen. Ohne also zu der Übertreibung Deussens (Allgem. Gesch. d. Phil. II 1) sich zu versteigen, daß möglicherweise L. wie Sokrates und Jesus gar nichts geschrieben, sondern nur mündlich gelehrt hätte, muß man doch einen scharfen Unterschied machen zwischen den internen Schulschriften des L. und den publizierten Schriften des Demokritos, die mit allem Zauber literarischer Formung ins Weite wirken sollten und wirkten. Τάλαινα φρήν, παρ' ἠμέων λαβοῦσα τὰς κίστεις ἠμέας καταβάλλεις; πτώμά τοὶ τὸ κατάβλημα (Β 125 Diels) zeigt die mimetische Verlebendigung abstrakter Gedanken, die offenbar für Demokritos charakteristisch ist und so schwerlich bei Zenon oder L. sich gefunden haben mag. Der Kampf zwischen Schulschriften und glänzenden literarischen Produkten ist zu ungleich, als daß die völlige Verdrängung der leukippischen Schriften wundernehmen konnte. Selbst Platons Lehrschriften sind schließlich schon im Altertum verloren gegangen, obwohl eine pietätvolle Schultradition an ihrer Erhaltung interessiert sein mußte; von einer solchen darf aber in der abderitischen Schale kaum gesprochen werden. Die bewußt traditionsfeindliche Haltung eines Epikuros kann als symptomatisch betrachtet werden, und ihre charakteristische Äußerung, die Leugnung L.s, ist lediglich dem Bestreben zuzuschreiben, das, was nicht in den Händen des Publikums war, zugunsten der eigenen Originalität zu leugnen, und das, was nicht geleugnet werden konnte, auch Demokritos, herabzusetzen (auf diese Tendenz Epikurs weist Diels 35. Philologenversammlung 97 richtig hin; Diog. Laert. X 8 τοὺς τε κερὶ Πλάτωνα Αἰονυσοκόλακας καὶ αὐτὸν Πλάτωνα χρυσοῦν καὶ Ἀρεστοτέλην ἄσωτον ὅν καταφαγάντα τὴν πατρθαν οὐσίαν στρατεύεσάαι καλ φαρμαχοχωλείν. φορμοφόρον τε [2271] uz il Leukippos
Πρωταγόραν καὶ γραφέα Δημοκρίτου καὶ ἐν κώμαις γράμματα διδάσκειν. Ἠράκλειτὸν τε κυκητην καὶ Δημόκριτον Ληρόκριιον κτλ.}}
Bei dem Überwiegen des Demokrites über L. spielt also die größere oder geringere philosophische Originalität eine ganz nebensächliche Bolle. Wir mögen heute von unserem individualistischen Standpunkt vielleicht es für richtig halten, die philosophischen Leistungen der einzelnen so zu vergleichen und abzu werten; das II vorhellenistisöhe Altertum aber kannte diesen Gesichtspunkt kaum – der unten behandelte Vorwurf des Demokrites, Anaxagoras hätte an L. Plagiat verübt, bleibt dunkel – und deshalb ist irgend etwas, das eine derartige Synkrisis gestattet, ans den antiken Daten schwer heraus-, allenfalls in sie hineinzulesen. In diesem Falle L.s haben jedenfalls literarische Gründe den Ausschlag gegeben. Die wohl auf persönlicher Fühlung mit der Schale der Abderiten beruhende 2( Ansicht des Aristoteles und Theophrast (Diels Vorsokr. 54 B 1 Anm.) hat in dem alexandrinischen Schriftenpinax und Tetralogienverzeichnis des Thrasyllos nur die bescheidenste Auswirkung gefunden. Der Μεγας διάκοσμος erhält dort den Zusatz: 8v οἱ περὶ θεόφραστον Λευκίππου φασίν εἶναι [die von Aëtios (Yors. 54 B 2; Dox. 321) dem L. zugewiesene Schrift περὶ νου (4. Tetralogie) erhält wenigstens einen Zusatz, der eine Doppelfassung vermuten läßt, wie unten erörtert 3t werden wird]; das kann wohl bedeuten, daß Demokrites auch diese Lehrschrift in seinem Stile bearbeitet hat; man könnte ganz wie in dem obigen Falle hinzufügen: ἔστι δὲ γνήσιον αὐτοῦ τὸ βιβλίον; sicherlich ist die Behauptung Boh-des (226), es müßte sich bei dem μικρὸς διάκοσμος um ,den Mikrokosmos* des Menschen handeln, demnach auch beide διάκοσμοι einem Autor gehören, mit Recht von Diels zurückgewiesen worden (S. 101). Bei der Weitschweifigkeit der 40 älteren Prosa kann die literarische Durchformung durch Demokrites zunächst äußerlich eine Verkürzung bedeutet haben, wie er ja auch die Schrift περὶ νου in zwei kleinere zerlegt zu haben scheint, als er seine Psychologie entwickelte (s. n.). Andererseits ist es* denkbar, daß bei der Buntheit des demokriteischen Stils tatsächlich der eine oder andere wirklich noch die Spuren leu-kippischer Prägung tragende ionische Logos im Sinne des Zenon sich in diese .Literatur* verirrte, 50 als diese – genau so wie das literarische Werk Platens – nach Trilogien und Tetralogien katalogisiert wurde. Dies konnte deshalb leichter geschehen, als etwa eine äußerliche Vermengung platonischer oder aristotelischer Lehrschriften mit edierten Werken, weil ein entscheidendes Merkmal der platonischen und der meisten aristotelischen Literaturschriften, das Dialogische, bei Demokrites wegfiel. Im Schriftenverzeichnis des Thrasyllos läßt zwar die eine oder andere Schrift sich besser in 60 dem schönen Stile denken, den das Altertum an allen Werken des Demokrites rühmte; aber manche tragen so deutlich lehrhaften Charakter, daß vielleicht schon eine feinere stilistische Beobachtung dazu gehörte, den alten ionischen Logos von diesen Produkten zu unterscheiden und so leukip-pisches Gut zwischen den Schriften des Schülers sich erhalten konnte. Vielleicht können manche [2272] Leukippos 2272
philosophischen Schriften Plutarchs, wie weit sie auch von der genialen Charis des Demokritos entfernt sein mögen, eine Vorstellung von dieser literarischen Form der Naturphilosophie geben. Fragmente sind dazu ganz ungeeignet, von einem gelegentlichen Streiflicht abgesehen, wie das oben erwähnte frg. 125 D.
Hiermit dürften die allgemeinen sachlichen Gründe, die zur Leugnung der Eri *enz des L.) führten, erledigt sein. Der geistreiche Einfall Tann érys (Rev. d. étud. Grecq. X 1897, 127), L. sei das Pseudonym des jungen Demokritos, überträgt moderne Möglichkeiten ins Altertum und verkennt die durchaus an die Person gebundene Publizität der antiken Schrift, besonders in der Philosophie. Weil die literarische Wirksamkeit immer nur ein Teil der ganzen Wirksamkeit der Person war, deshalb brauchte bei Lebzeiten des Autors nichts von seinem Leben niederge-) schrieben zu werden; es war kein Gegenstand der Ἰστορία, weil es dem Kreise der Leser bekannt war; und deshalb ist von den Lebensumständen der großen Männer so wenig – eigentlich gar nichts überliefert. Die antike Forschung begann leider immer erst dann, als man wenig mehr wußte (ausführlich über Tannerys These D y -roff Demokritstudien 4ff.). Gegen den subjektiven Grund, daß die ,Originalität* des großen Demokritos geschützt werden müsse, läßt sich) natürlich nur das sagen, daß dann der Leugner den Beweis für die Unmöglichkeit der Existenz L.s anzutreten hat. Diesen Beweis hat Nestle a, a. O. versucht. Dagegen hat Praechterin der Philol. Wochenschr. XL1 (1921) 355 meines Erachtens entscheidend Stellung genommen, und Diels hat Vorsokr. I* Vi–xn noch einmal seinen Standpunkt begründet, und S.XI auch Tannérys These endgültig abgetan. Ihnen schließt sich auch Howald in dem Bericht über die vor-sokratische Philosophie (Bursian 1923, 181) durchaus an. Gegen die Behauptung Nestles, Demokritos hätte wenigstens im frg. 5 seinen Lehrer erwähnen müssen und sich nicht nur zum Falle Troias und zur Lebenszeit des Anaxagoras in zeitliche Beziehung setzen dürfen, νέος κατὰ πρεσβύτην Ἀναξαγόραν, ἔτεσιν ἄντον νεότερος τετταράκοντα, συντετάχθαι δὲ φησιν τὸν Μικρὸν διά' κοσμον ἔτεσιν ὕστερον τῆς Ἰλίον ἄλωσεως τριάκοντα καὶ ἐπτακοσίοις, weist Praech ter darauf hin, daß beide Fixierungen so disparat sind, daß in keinem Falle Demokritos selbst sie so nebeneinandergestellt haben kann» abgesehen davon, daß es sich in dem einen Falle um die Datierung des μικρὸς διάκοσμος, in dem andern um Demokritos’ Lebenszeit überhaupt handelt. Die Erwähnung des Anaxagoras kann meines Erachtens noch den besonderen Grund haben, einen in Athen bekannten Philosophen zum Terminus zu nehmen. Daß Demokritos in Athen, dessen literarische und nun auch philosophische Bedeutung immer mehr zunahm, Anschluß suchte, ergibt sich aus der bekannten Geschichte, daß er zu seiner Überraschung in Athen bei seinem Besuche unbekannt war (frg. 116 Diels. Cic. Tusc. V 104). Wie rasch sich dies änderte, zeigt ja die steigende Berücksichtigung des Demokritos. die bei Platon festgestellt ist und noch einer zu-sammenfassenden Darstellung bedarf. [2273] 2273 Leukippos
Der nächste Punkt, an dem Praechter, wie ich glaube, völlig überzeugend Nestle widerlegt hat, zeigt sehr deutlich, wie die eindringende Analyse des philologischen Tatbestandes unmittelbar die wichtigsten philosophischen Folgerungen nahelegt. Unter den Argumenten, mit denen die Abfassung der von Theophrast dem L. zugewiesenen Schrift πίρί vov bestritten wird, spielt die Kritik am νους des Anaxagoras, die angeblich der Inhalt dieses Werkes war, eine Hauptrolle; eine solche Kritik wäre für L. zeitlich unmöglich; erst Demokritos konnte sie geben. Nun wissen wir, wie sich oben gezeigt hat, über den Altersunterschied des L, und Demokritos so wenig, daß es wirklich nicht angeht, um seiner Existenz ganz den Garaus zu machen, nun plötzlich eine Genauigkeit der chronologischen Überlieferung vorzutäuschen, die, wie Pracchtcr im einzelnen zeigt, durchaus nicht vorhanden ist. Es ist aber überhaupt ganz unsicher, ob die Kritik des Anaxagoras, im besonderen seines νους, von der Diog. Laert. IX 34 (Vors. B 5) spricht, gerade der Gegenstand dieser Schrift ist. Diels hat schon bei seiner ersten Behandlung dieser Frage vermutet, daß hier die Psychologie behandelt ist, die Lehre von der sinnlichen Wahrnehmung, von den Eidola, die nach Theophrast ebenfalls bereits Eigentum des L. ist (darüber Zeller Arch. f. Gesch. der Phil. XV (1902) 137 = KL Schr. II 185; die Hauptstellen Alex. d. sensu 24, 14 und 56, 12. Diels Vors. A 29). Nestle (Philol. LXVII [1908] 550) aber hat energisch dagegen protestiert, daß je im Altertum eine psychologische Schrift περί vov betitelt sein könne; νους wäre ein kosmologisches Prinzip. Nun ist es nach Aristoteles (de anima A 2, 404 a 27. Diels Vorsokr. 55 A 101 und 18 A 45) für die Atomisten charakteristisch, daß sie νους und ψυχή gleichsetzen. Ja, noch mehr, in dem Schriftenverzeichnis des Demokritos (55 A 33). heißen die letzten beiden Schriften der 4. Tetralogie περὶ νου und περὶ αἰσθησίων mit dem die Sachlage völlig klärenden Zusatz: ταντὰ τινες ὀμου γράφοντες Περὶ ψυχῆς ἐπιγράφουσι. Das steht nun im besten Einklang mit dem doxogra-phiachen Bericht (Dox. 394. 395 = Vors. 54 A 30): Λ. Δημόκριτος τὰς αἰσθήσεις καὶ τὰς νοηθείς Ἐτεροιώσεις εἶναι τοῦ σώματος, und Λ. Δημόκριτος '.Επίκουρος τὴν αἰσθησιν καὶ τὴν νόησιν γίνεσθαι εἰδώλων ἔξωθεν προςιόντων · μηδενὶ γὰρ ἐπιβάλ- « λειν μηδετεραν χωρίς τοῦ προςπίπτοντος εἰδώλου. Mit diesem doppelten Nachweis hat Praechter zunächst jeden chronologischen Einwand gegen die Existenz L.s von dieser Seite her zum Schweigen gebracht. Um so wahrscheinlicher wird nun der Schluß Diels’ (35. PhiL-Vers. 105ff), daß Diogenes von Apollonia, der in den,Wolken* im J. 423 verspottete Verehrer der Luft, nach Theophrasts oben zitierter Stelle (Vors. 50 A 5. Dox. 477. Simpl. phys. 25,, 1) tatsächlich nur von L· f abhängig sein kann, nicht von dem späteren Demokritos.
Doch noch wichtiger istanPraechters Auf weis, daß nunmehr die Richtung klar ist, in der L. denjenigen Begriff weitergebildet hat, der im Mittelpunkt der vorsokratischen Spekulation steht, den des νους. Was Platon im Phaidon an dem voûç-Begriff des Anaxagoras tadelt, das Schwan-
Pauly-Wiaeowa-Kroll XII [2274] Leukippos 2274
ken zwischen einer kosmologischen und im engeren Sinne geistigen, psychologischen Bedeutung, genau das gleiche ist auch der Ansatz der Umwandlung, die sich im Atomismus vollzieht. L. schafft hier die Voraussetzung für die endgültige Klärung durch Platon: er unterscheidet scharf zwischen dem wvj im Menschen und dem im Kosmos. Wilh rend er den letzteren ablehnt und durch den diνος ersetzt, wendet sich seine ganze Aufmerkam-lOkeit der psychischen νόηαις im einzelnen Men
sehen zu, daher die so gar nicht materialistischen Lehren Demokritos’ vom δαίμων im Menschen, von der Genialität usw.; der charakteristische Unterschied aber zwischen Platon und der Atomistik ist der, daß Platon durchaus den früheren, kosmischen rovg-Begriff immer bewußter wieder in sein System einzubeziehen sucht und so zu all den für ihn charakteristischen Lehren vom νοῦς im All (Philebos 30bff. Sophistes 249a) und der Welt-20seele gelangt. Wichtig für die Erfassung des
Richtungssinnes seiner Entwicklung ist, daß Sokrates eigentlich wie die Atomisten durchaus den Logos und νους im einzelnen Menschen und sonst nirgends zu erfassen und zu zeigen sucht. Daraus erklärt sich die irgendwie verdeckte, weil eben die tiefsten Punkte des Systems und der ganzen» Weltanschauung berührende Auseinandersetzung Platons mit dem Atomismus, die ja erst in ihren ersten Umrissen wissenschaftlich erfaßt 30 worden ist. Der ὤλων Platons mit dieser philosophischen Richtung erhält durch den oben versuchten Nachweis noch eine besondere Färbung, daß es auch ein Kampf der literarischen Formungskraft wurde, als Platon auf der Höhe seiner Kraft seinen Gegner recht erkannte und der Auseinandersetzung durchaus nicht auswich, wie die antike Tradition später annahm (Aristoxenos bei Diog. Laert. IX 40. Vors. 55 A 1. πάντων σχεδὸν τῶν. ἀρχαίων μεμνημένός ὁ Πλάτων ὀνδαμου iO Δημοκρίτου διαμνημονεύει, ἄλλ ὄνδ' θθὰ ἀνιειπεῖν τὶ αὐτφ δέοι, δήλον δτὶ εἰδώς ὡς πρὸς τὸν ἄριστον αὐτφ τῶν φιλοσόφων δ (ἀγῶν) ἔοοιτο. Diese Auseinandersetzung zu berücksichtigen, ist deshalb für eine richtige philosophiegeschichtliche Einordnung des L. nötig, weil der späte Platon gerade die enge Verbindung eleatischer und ato-mistischer Motive auf Schritt und Tritt zeigt, eine Verbindung, die zu verstehen für die Genesis des Atomismus aus dem Eleatisinus, die vielen >0so verwunderlich scheint, die wichtigste Voraussetzung ist Zwar ist die These Briegers (Henn. XXXVI [1901] 179), daß der Atomismus eine dreifache Korrektur des Anaxagoras darstellt, in dem Sinne richtig, daß sie das sachliche Verhältnis beider Philosophien in der Frage des Unendlichkleinen, der qualitativen Bestimmtheit des Urstoffes und des Prinzips der Weltordnung bezeichnet. Etwas ganz anderes ist freilich die tatsächliche Abhängigkeit der Atomistik von Ana-JOxagoras, die nach Briegers Ansicht gegen die
Existenz des L. spricht; Kranz (Henn. XLVII [1912] 18ff.) hält chronologisch diese Abhängigkeit mit der Existenz des L. für vereinbar, ebenso Burnet 300, 2; wie oben entwickelt sind die chronologischen Daten für derartige Entscheidungen zu unbestimmt. Diels (Vors. 55B5Anm.) hält gegenüber Kranz daran fest, daß der unbestimmt ausgesprochene Vorwurf des Demokri- [2275] Wib. Leukippos
tos, Anaxagoras hätte an älteren Lehren (άρχαῖαι δόξαι) Plagiat geübt, in erster Linie sich auf ein Plagiat an L. bezieht; er verweist auf die wörtliche Übereinstimmung: Demokritos verspotte tà περὶ τῆς διακοσμήσεως καὶ τοῦ νον: διάκοσμο; und περὶ νον sind gerade die Titel der beiden nach Aristoteles und Theophrast dem L. zugehörigen Schriften, ,aber das ist ein Zufall, der sich aus dem philosophischen Sprachgebrauch dieser Zeit erklärt⁴ (Diels Vorsokr. Π⁴ VIII). Grabowski Empedokles und L.-Demokrit mit besonderer Berücksichtigung des Anaxagoras, Breslauer – nur im Auszug gedruckte – Dissert. 1923, will unmittelbare Abhängigkeit des L. von Empedokles und L. als das in vielen Punkten mißverstandene Vorbild des Anaxagoras erweisen. Demgegenüber ist an der eingangs mitgeteilten Abfolge, die Theophrast angesetzt hat und bereits Aristoteles allenthalben ausspricht, unbedingt festzuhalten: L. ist ,Eleate‘ durch seine unmittelbare Zugehörigkeit zu Zenon, mittelbar demnach zu Parmenides, den er natürlich kaum noch persönlich gekannt haben kann; die Beziehungen zu Anaxagoras und auch zu Empedokles sind demgegenüber weniger wichtig. Wie der Begründer einer ,materialistischen Weltanschauung* freilich von dem Lehrer des ,reinen Seins*, den Verächtern der sinnlichen Erfahrung, herkommen kann, um dies wirklich zu verstehen, ( müßten erst eine Menge von Voruntersuchungen * geleistet sein, die hier nur exponiert werden können. Wenn Burnet (Anfänge d. griech. Philosophie, Übers. 167 schreiben kann: „Parmenides ist nicht, wie einige gesagt haben, der ,Vater des Idealismus*; im Gegenteil, aller Materialismus hängt mit seiner Anschauung der Wirklichkeit zusammen‘; und 397: ,Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die Atomisten, die gewöhnlich als die größten Materialisten des Altertums betrachtet werden, in Wirklichkeit so die ersten waren, welche 4 klar und deutlich auesprachen, daß ein Ding wirklich sein könne, ohne ein Körper zu sein* –-wenn diese Widersprüche möglich sind, so zeigt dies, welche Klärung der in diesen Fragen gebrauchten Begriffe der Materie, des ,Gedachten* oder Geistigen, des «ῦς, des μάτην γίγνεαθαι, des λόγος und der ἀνάγκη nötig ist, und woher das Durcheinander der verschiedenen Thesen über Abhängigkeiten der Philosophen von einander kommt. Wie oben gesagt, arbeiten eile Philo- 5 sophen seit Parmenides an der Vereinigung der Forderungen der «Vernunft*, wann man so will, mit der sinnlich gegebenen Wirklichkeit; und die Begriffe, die wir oft ohne weiteres ihnen als fertig zuschreiben: Geistiges, aber ebenso auch die ,Materie', die körperliche gesetzmäßige Bewegung usw. entwickeln sich erst ganz allmählich aus ungeschiedenen Vorstellungen, die uns in den Fragmenten oft nur scheinbar ,modem* vorkommen; ob ein «Fortschritt* etwa von den Poroi des Em- 6( pedokles zum ,Leeren* der Atomisten vorliegt, ist sehr schwer zu beweisen, weil der Gang der Geschichte nicht notwendig über dieses Zwischenglied gegangen zu sein braucht Immerhin ist der Hervorgang der atomistischen Philosophie aus dem Eleatismus gerade dann im ganzen erklärlich, wenn man mit Aristoteles und Theophrast den Zenon als den eigentlichen Vermittler ansieht. [2276] Leukippos 2276
Der Begriff eines unendlichen, sich seihst auf-hehenden Fortschreitens liegt allen Gedanken-gangen des Zenon zugrunde: und zwar hat er nach den zwei möglichen Richtungen den Gedanken des Regressus ausgeführt: das Unendlichgroße, das kein Ende hat, sobald die schrittweise Hinzufügung von vielem überhaupt für möglich gehalten wird; ebensowenig die Minderung und die Teilung: Nehme ich überhaupt Teilbares an, so gibt es 10 kein Ende: οὐτως εἰ πολλὰ ἐστιν, ἀνάγκη αὐτὰ μικρὰ τε εἶναι καὶ μεγάλα " μικρὰ μὲν ὥστε μὴ ἔχειν μέγεθος, μεγάλα δὲ ὥστε ἄπειρα εἶναι , frg. 1D,; in diesem Sinne ganz ,eleatisch‘ noch Ana-xagoras frg. 3. Nun hatte Parmenides dem All eine Grenze πέρας gegeben, sonst hätte er es ja nicht mit der Kugel vergleichen können; die ato-mistische Wendung des zenonischen Gedankens setzt einfach auch der umgekehrten Bewegung nach der Kleinheit hin eine Grenze, ein πέρας, 20 und auf das sich hier ergebende,Volle', also nicht
Teilbare, werden alle diejenigen Prädikate angewandt, die für das große Peras des Alls das elea-tische Denken ausgebildet hatte. Daher darf Simplikios an der Eingangs erwähnten Stelle von der der eleatischen scheinbar entgegengesetzten Denkrichtung der Atomisten sprechen (vgl. hierzu noch Diels Vorsokr. F X). Τή dem ausgebildeten Atomismus des Demokritos tritt bei der Abgrenzung dieses πέρας das Mathematische, 10 das in der Kugel des Parmenides ja deutlich wirk
sam ist, noch mehr hervor; das Atom ist mathematische Gestalt, Ἰδέα (vgl. B 5, 1, auch B 155 mit Diels’ Anmerkung). Daß die Atomisten diesen Begriff der Ἰδέα von Anaxagoras entlehnt haben – so Kranz 33 – ist schon deshalb nicht nötig anzunehmen, weil Anaxagoras ja mehr auf die qualitative Bestimmtheit reflektiert und nicht auf die mathematische. Doch liegt vielleicht in der geringeren Betonung des Mathema-0 tischen ein Unterschied des L. von Demokritos :
freilich zeigt Platons Atomtheorie, wie weit die Mathematisierung auch über Demokritos hinaus noch ausgebildet werden kann; vgl. Stenzel Zahl und Gestalt, Lpz. 1924. Was sonst an Unterschieden zwischen Lehrer und Schüler festzu-stellen ist, bezieht sich auf Einzelheiten, z. B. Entstehung des Donners, Gestalt der Erde, die Diels Vorsokr. 54A 25ff. anmerkt. Da unter der Annahme gleichartiger literarischer Form der 0 Aufweis solcher inhaltlicher Abweichungen noch
eine viel größere Bedeutung für die Existenz L.s hatte, so hat man gerade diese Unterschiede wiederholt und genau untersucht; unter der hier zugrunde gelegten Annahme, daß die Schriften L.s vor allem in ein anderes literarisches γένος gehören, als die des Demokritos, sind diese meines Erachtens entweder unerheblichen oder unsicheren inhaltlichen Abweichungen nicht mehr so wichtig. Vgl. hierzu Diels (35. Phil. Verh. 97, 7; Rh. Mus.
) XLII [1887] 10. Dyroff 11 und sonst, vgl. den Anfang seiner Demokritstudien. Brieger 173. Burnet 307. Zur weiteren Entwicklung der ato-mistischen Vorstellung über Entstehung des Donners s. E. Reitzenstein Theophrast bei Epikur und Lucrez, Heidelberg 1924 (Orient und Antike 2). Für die Darstellung des Systems des L. im einzelnen, die ohne stete Beziehung auf das des Demokritos nicht gegeben werden kann, muß außer [2277] 2277
RE:Leukoe
Leukoe
auf die zitierten Arbeiten auf die zusammenhängenden Darstellungen der griechischen Philosophie verwiesen werden.