RE:Lex

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Jurist. t.t.
Band XII,2 (1925) S. 23152319
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Lex [...] [2316] [2317] [2318] [2319] Lex. I. Das lateinische Wort I. gehört zu jener anscheinend ziemlich alten Gruppe von Suffixbildungen auf s wie nex, pax, lux, von Adjektiven rapax oder audax, denen allen gemeinsam ist, daß sie einen Zustand der Dauer bezeichnen. Demnach ist I. die dauernde Bindung, eine ähnliche Bildung wie später (ob)ligatiof noch später ligatura. (Nur teilweise übereinstimmend .The rin g Kleist des röm. Rechts F 1907, 216. Mommsen St.-R. III 1, 308. Walde Lat.-Etym. Wörterb. unter lego. Wlassak Röm. Prozeßgesetze II 1891, 94 unter Berufung auf Rubino Untersuch. I 254, 351ff. Wenger Ztschr. f. Rechtsgesch. XXXVIII1904,433; Wörter und Sachen I 1909. 84. Me ringer ebd. 204. 205 mit Literatur (Indogerm. Forsch. XVII 153). Bruck Grünhuts Ztschr. L 1908, 149ff.; vgl. ferner Jung Problem des natürlichen Rechts 1912, 150.155.157. Bardt Berl, philol. Wochen-schr. 1906, 1298). Nach der Auffassung des römischen Rechts kann nun diese Bindung entweder eine öffentliche, von Staats wegen eintretend sein, dann spricht man von einer 1. publica, oder sie kann eine von Parteiwillkür gesetzte sein, wobei der Vertrag oder das Rechtsgeschäft wiederum privat- oder öffentlich-rechtlich ist, dann spricht man von einer I. dicta.

II. Was nun die I. publica betrifft, so ist ihr Ausgangspunkt die I. rogata. die durch Beschluß der Comitien zustandekommt (s. darüber Liebe nam o. Bd. IV S. 684 (comitia curiata), 694 (comitia centuriata), 704 (comitia tributa), [2316] und ebd. Art. S. 1826 Curiata L., dort auch über den Hergang bei der Abstimmung, dazu auch Bd. IA 8. 999 und auch u. Art. Tabella-riae leges). Das ordnungsmäßig beschlossene Gesetz wird lediglich mündlich kundgemacht, ein Vorgang, der ursprünglich nicht renuntiatio (wozu Mommsen R. St.-R. III h 418; Jur Schr. III 1907, 299. Klingmüller u. Bd. IA 8. 600), sondern proquiritare heißt (Weiß Glotta 10 XII Heft 1. 2). Eine äußere Geschichte der römischen Gesetzgebung insbes. bis zum Prinzipat bieten Bruns-Lenel in HoltzendorffKohlers Enzyklop. d. Rechtsw. I? 1915, 318. 324. 336ff. Eine zeitlich geordnete Zusammenstellung der röm. leges publiées mit Quellen- und Literaturangaben und einer ausführlichen Einleitung bietet das gleichnamige Buch von Rotondi 1912 (Auszug aus Enciclopedia Giuridica Italiana).

Insbesondere für die Frage, ob es schon zur 20 Königszeit in Rom eine Gesetzgebung gegeben hat, läßt sich aus dem archaischen Cippus vom römischen Forum (Bruns FIRF 4. Dessau4914) nichts entnehmen, weil, wie Rosenberg u. Bd. I A 8. 703 bemerkt, wir nicht wissen können, ob wir einen Monarchen oder einen Opferkönig der Republik vor uns haben. In unserer Überlieferung tauchen vielfach (gesammelt z. B. von Bruns FIR F 1ff. Riccobono-Baviera Fontes I 5ff.) leges regiae sakralrechtlichen In-30 haltes auf, die in einem ius Papirianum genannten Sammelwerk vereinigt wurden, s. darüber Steinwenter o. Bd. X S. 1285 und noch Curcio Storia della letteratura Latina 1920, 58. 59. Martini Grundr. d. Gesch. d. Röm. Lit. I 1910, 26. Liegen demnach die Anfänge der römischen Gesetzgebung im Dunkeln (vgl, auch über das erste röm. Gesetz Cic. de rep. II 53), so kennen wir doch das letzte Volksgesetz. Es ist dies doch wohl das auf Antrag Nervas 40 ergangene Ackergesetz 96–98 n. Chr., s. V a n -cura o. 8. 1184. Der Stil der römischen Gesetzgebung wechselt. In den 12 Tafeln ist er kurz und übersichtlich, manchmal absichtlich sprachlich mehrdeutig (I 1: Si in ius vocal, [ito]). Später erscheinen die Gesetze vielfach in langen Perioden, die alle Möglichkeiten umfassen sollen. Abweichend Leo Röm. Literaturgesch. I 1913, 31. Karlowa Röm. Rechtsgesch. I 1885, 462. 1 verweist darauf, daß es bezeichnend für 50 das Verhältnis der L. zur Magistratur ist, daß sie, worauf Rudorff Ad legem Aciliam 415 aufmerksam macht, bei Anweisungen an höhere Magistrate wie den Praetor sich des Konjunktivs, bei solchen an einen Magistratus minor wie den Quaestor sich des Imperativs bedient. Vgl. zum Imperativ in den Gesetzen weiter Scho eil Legis XII Tab. Rei. 79ff. L. in Alba Longa CIL I 807.[1] XIV 2387.[2] Dessau 2988 (leege Albana).

Die leges rogatae werden wieder von der 60 römischen Rechtswissenschaft unterschieden als I. perfecta, imperfecta, plus quam perfecta. Diese Unterscheidung bezieht sich nur auf Verbotsgesetze. Eine I. perfecta ist ein Verbotsgesetz mit ausdrücklicher Sanktion auf Nichtigkeitsfolge. Im spateren Recht ist dies nach einer kaiserlichen Verordnung von Theodosius II. und Valen-tinian II. (Cod. Iust. I 14, 5, 1 von 439) zu vermuten (Söhm-Mitteis-Wenger Instit.17 218). [2317] Ein Gesetz ohne Sanktion ist I. imperfecta, z. B. die I. Cincia de donis et muneribus (Näheres dazu und über das Alter dieser Ansicht Leonhard o. Bd. V S. 1535, 32). Eine I. minus quam perfecta ist dann gegeben, wenn das Gesetz, ohne die Zuwiderhandlung für nichtig zu erklären, sie mit Strafe bedroht, eine I. plus quam perfecta, wenn die Zuwiderhandlung nichtig und zugleich strafbar sein soll; s. dazu Mitteis RPR I 246f.

Zum nachklassischen Gegensatz zwischen leges und ius s. Berger o. Bd. X S. 1193; lex und consuetudo s. unter Mores.

III. Die L. kann aber nicht bloß eine I. rogata sondern auch eine data, d. h. durch einen dazu ermächtigten Imperiumsträger erlassen sein (besonders Mommsen St.-R. II³ 1, 725, III 311). Mommsen knüpft die Befugnis dazu an die konstituierende Gewalt an, die als solche den W eg durch die Comitien nicht erfordert hat (für die Konstituierung der Bürgergemeinde a. O. III 1, 812, andere Beispiele ebd. 311, vgl. Wlassak Röm. Proz.-Ges.II 1891, 91. 105ff. undu.: L.Cor-nelia 1, L. Pompeia, Bupilia, ferner zur I. coloniae Kornemann o. Bd. IV S. 577). Vgl. weiter Wlassak S.-Ber. Ak. Wien CXCV1I(1921) 4, 184, 3. Riccobono-Baviera FIR I 127.

IV. Schließlich bedeutet I. aber auch den Vertrag (I. dicta), und zwar sowohl den Vertrag, den die Behörde mit einem Unternehmer abschließt, als auch den Vertrag zwischen Privatpersonen, doch wohl richtiger des Privatrechts. Die Wendung bezieht sich sowohl auf den ganzen Vertrag als auch auf eine einzelne Bestimmung (Bechmann Der Kauf nach gemeinem Recht Γ. Gesch. des Kaufs im r, R, 1876, 264). Die beidemalc zugrundeliegende Vorstellung ist die einer materiellen Ungleichheit der Parteien. Die erste Gruppe bilden demnach die sogenannten magistratischen leges contractus, wo der Magistrat anscheinend regelmäßig seine Bedingungen vorher kundmacht, auf die der Unternehmer nur einzutreten hat. Diese leges contractus bilden alsbald einen ständigen Gescbäftsstil, etwaige Abweichungen von der üblichen Form werden in den leges censoriae ausdrücklich hervorgehoben (Cie. Verr, I 143. III 16). Näheres bei Heyrovsky 98ff. Solche magistratischen leges finden sich sowohl bei Geschäften, durch die Staatsgut oder staatliche Ansprüche an Private überlassen werden (vectigalia), als auch bei jenen, wodurch Bedürfnisse der staatlichen Verwaltung an Sachen oder Diensten beschafft werden sollen (ultro tributa). So die I. locationis in der L. Iulia municipalis Z. 73ff. und in cap. 63 der L. Malacitana, die I. censoria, s. Kubitschek o. Bd. III S. 1904, 10; ferner die magistratische I. locationis Dig. XLin 9, 1 pr.; 3 (Lenel Edictum perpetuum² § 239 S. 443), dann die vendiiio des ager quae-storius (Rudorff-Lachmann Köm. Feldmesser Γ 115. 116. Bruns FIR Π⁷ 87), ferner bei der redemptio von Bergwerken Alfenus Dig. XXXIX 4, 15 (Caesar cum insulae Cretae cotoria locaret, legem ita dixerat); um eine kaiserliche I. dicta aus der Zeit nach Hadrian handelte sich bei der L. metalli Vipascensis (CIL II 788,[3] S. 5181. Dessau 6891. Bruns FIR I⁷ nr. 112. Riccobono - Baviera FIR I nr. 85). Auf den gleichen Bergwerksdistrikt bezieht sich die noch [2318] unter Hadrian aufgestellte Erztafel Bruns FIR I⁷ 113. Riccobono-Baviera nr. 84, vgl. auch Mittels Ztschr. f. Rechtsgesch. XL 1906, 356. Schulten Klio VII 1907, 204ff.; die Bodenpacht betrafen die L. Hadriana, erwähnt in der sog. Ara legis Hadrianae Bruns FIR I⁷ nr. 115. Riccobono-Baviera FIR I nr. 82, ferner die 1. Manciana Bruns FIR l⁷ 116. Riccobono-Baviera I nr. 81 aus hadrianischer Zeit; aus 10 noch früherer Zeit stammt wohl die mehrfache Erwähnung der L. Manciana in der Inschrift von Villa Magna Riccobono-Baviera FIE I nr. 80. Bruns FIR I⁷ nr. 114. (In den Ausgaben auch die Literatur, woraus Krüger Gesch. der Quellen und Literatur des Röm. Rechts 1912, 256. Mittels Abh. Sächs. Ges. XX 1901, 4, 28–33). Besonders wichtig als I. decumis vendundis aus republikanischer Zeit ist die L. Hieronica (s, u.): weiteres Art. Publicanus. Leges bei ultro-2Qtributa erwähnt Cic. in Verr. I, 134. 146, ferner aus der I. censoria Fest. p. 229 M., 254, 16 L. unter produit. Gell. n.a. XI 17, 2; ferner eine I. tocationis die L. Iulia municipalis Z. 48f., dann eine L. für die locatio der tutela aquarum Fron-tinus c. 96 und das Edikt des Kaisers Augustus über die Wasserleitung von Venafrum (CIL X 10842.[4] Dessau 5743, Bruns FIR I⁷ 250. Riccobono-Baviera FIR I nr. 61 Z. 48), schließlich für die Location von Lieferungen. 30 Liv. XXIII 48; XLIV 16, ähnlich für die Location sakraler Bedürfnisse L. Coloniae Genetivae c. 69, endlich eine I. agris limitandis metiundis Claudi Caesaris bei Rudorff-Lachmann Röm. Feldm. I 211. Besonders wichtig ist die I, prae-diatoria in der L. Malacitana c. 64. 65; Näheres Art. Praes. über die teges templorum s. Wis-sowa o. Bd. IV S. 2358, 48 und Art. Templum.

Wahrscheinlich doch aus diesen öffentlich-rechtlichen Anwendungsfällcn stammt der Ge-40 brauch des Ausdruckes I. im Privatrecht. In ähnlicher Weise ist hier die I. eine aus der Machtbefugnis des Eigentümers abgeleitete Verfügung über die Sache, womit sich der Gegner lediglich einverstanden erklärt. Wir begegnen dieser Ausdrucksweise zunächst wieder als I. Iwa-tionis, conductionis, operis, operis locandi, ren-düionis, endtonis, ferner bei Darlehn, Auftrag, Depositum, Schenkung und überhaupt heißt es bei Ulp. Dig. XVI 3, 1. 6: contractus enim legem ex conventions accipiunt (Belege in den Wörterbüchern). Ferner findet sich die I. in Verbindung mit der mancipatio; damit befaßten sich die Mandianae venalium vendendorum leges. Näheres unter Mancipatio und Manilins. Zur Commissoria L. Leonhard o. Bd. IV S. 769. I. P’-gnoris bei Scaev. Dig. XXXI 89, 4 ist vermutlich untechnisch (Mitteis RPR I 1908, 151. 55 unter Berufung auf Sam ter Ztschr. f. Rechtsgesch. XL 1906.151 ff.). Merkwürdigerweise wurden 60 mit dem nach unserem Empfinden archaischen Ausdruck von der nachklassischen Rechtswissenschaft klassische Texte interpoliert, z. B. Pap. Dig. XVI 3, 24 am Ende. Näheres bei Jhering Jahrb. für die Dogmatik des heutigen röm. und deutschen Privatrechts X 1869, 550ff.; Geist des röm. Rechts III⁵ 338. Kniep Societas publi-canoruin I 117 (zu Gaius III 95 a: doti dicet; Gai 1. III 1914, 153. Heyrovsky Über die [2319] 2319 Lex abrogata rechtliche Grundlage der Leges contractas 1881. Pernice Labeo 1 473; Ztschr. f. Rechtsgesch XVIII 1884. lllff. R. Sakralrecht I 16. 3. Mommsen R. St.-R. I³ 77. 78. Mittels RPR I 149ff. E. Krueger De Romanorumlegibus sacr., Königsb. 1912. Bryce Stadies in hist. and jurisprudence, Oxford 1901, II 301f. Zweig Die Lehre vom pouvoir constituant 1907, 11f. [E. Weiss.]

  1. Corpus Inscriptionum Latinarum I, 807.
  2. Corpus Inscriptionum Latinarum XIV, 2387.
  3. Corpus Inscriptionum Latinarum II, 788.
  4. Corpus Inscriptionum Latinarum X, 10842.