RE:Libye 2

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Name d. heutigen Erdteils Afrika im Altertum
Band XIII,1 (1926) S. 149202
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2) [...] [150] [151] [152] [153] [154] [155] [156] [157] [158] [159] [160] [161] [162] [163] [164] [165] [166] [167] [168] [169] [170] [171] [172] [173] [174] [175] [176] [177] [178] [179] [180] [181] [182] [183] [184] [185] [186] [187] [188] [189] [190] [191] [192] [193] [194] [195] [196] [197] [198] [199] [200] [201] [202] 2) Λιβύη (Libya), Name des heutigen Erdteils Afrika im Altertum. Er ist von dem der Völkerschaft der Λίβυες abgeleitet, die als Nachbarn von Kyrene den Griechen zuerst bekannt wurden. Als Ostgrenze des Erdteils bezw. des Teiles Asiens, als welcher L, vielfach angesehen wurde, galt noch bis in nachchristliche Zeit der Nillauf und der westlichste Arm seines Deltas; Ägypten also und Aithiopien oder doch wenigstens die auf der Ostseite des Stromes gelegene Hälfte dieser Länder wurden meist zu Asien gerechnet. Erst verhältnismäßig spät fand die Abgrenzung durch den Arabischen Meerbusen und den Isthmus von Suez allgemeine Anerkennung. Im engeren Sinne wurde der Name Λ. später auf das libysche Binnenland, die ἐντὸς Λ., beschränkt; diese stieß im Norden an d*e drei Teile von »Kleinafrika¹, Mauretanien, Numidien und Africa sowie an die Cyrenaica, im Osten an Ägypten und Aithiopien und im Süden je nach der Auffassung der Geographen entweder ebenso wie im Westen an den Atlantischen Ozean oder an die auf der Südhemisphäre gelegene ἀντωικουμένη deren an die ἐντὸς Λ. angrenzender Teil bei Ptolemaios als ἐντὸς Αἰθιοπία bezeichnet wird. Dieses ,innere Aithiopien¹ und das »innere L.‘ umfaßten zusammen annähernd den gesamten unerforschten Teil des afrikanischen Kontinents. Da die Länder Kleinafrikas (s. den Art. Africa Nr. 2 o. Bd. I 8.713–715: Numidia, Mauretania), Kyrene (s. d. Nr. 2 o. Bd. XII S. 156–169), Xigyptos (Bd. I S. 978–1005) und Aithio-pia (Bd. I 8. 1095 – 1102) in gesonderten Artikeln behandelt sind, können wir uns hier darauf beschränken, die Nachrichten über die antike Entdeckungsgeschichte, Ethnographie und Topographie der ἐντὸς Λ. und die Spekulationen der alten Geographen über die Ausdehnung und Bewohnbarkeit des Erdteils, der bis weit in das . nachchristl. Jhdt. hinein zum großen Teile eine Terra incognita blieb, zusammenzustellen.

Die ersten Nachrichten über die Völker L.s verdanken wir den Ägyptern. Die früheste Bezeichnung für eine Gruppe libyscher Nachbar-stämme des Pharaonenreiches, die in der ältesten hieroglyphischen Literatur nachweisbar ist, war Jeh en u (Thnw); diesem Namen wurde ebenso wie [150] Libye (Name) 150

dem der beiden anderen Fremdvölker, der Semiten (eimw) und aithiopischen Hamiten (Nehesi) das Ideogramm des gekrümmten Kampfstockes (meist unrichtig als ,Bumerang* bezeichnet) beigefügt (Möller ZDMG 1924, 37). Die Tehenu sind ebenso wie die Ägypter, mit denen sie auch in ihrer Sprache verwandt sind (Möller 42), und die aithiopischen Begä, Ababde und Biäärln Hamiten; sie haben auf den ägyptischen Reliefs 10 stets rotbraune Hautfarbe und schwarzes Haar.

Sie lebten, wie aus den ägyptischen Beuteberichten hervorgeht, hauptsächlich von Viehzucht; ihre Kleidung bestand aus Halsbändern, verzierten Schnüren und Bändern über der Brust und Gürteln um die Hüften, die – sonderbarerweise auch bei den Frauen – mit Phallostaschen und bei den Männern hinten mit einem Tierschwanz versehen waren; auch Tierfelle und Fischhäute sind auf den Denkmälern in Übereinstimmung mit 20 der späteren Schilderung Strabons (XVII 828) als Kleidung nachweisbar (Möller 39f.). Auf dem Kopfe, der lang herabwallendes Haar und eine hochgedrehte Stirnlocke aufzuweisen pflegte, trugen die libyschen Krieger Federn, wie noch in römischer und byzantinischer Zeit die Nasa-monen (Dio Chrys. or. 72; II p. 185 Arnim, Coripp. IV 908. 972. VI 510. VII 543). Die Tehenu bewohnten offenbar hauptsächlich die Oasen westlich von Ägypten, aber auch das Faijüm (die 30,Insel der Federträger¹), den späteren libyschen Nomos, die Mareotis im westlichen Delta und dieses selbst wohl bis nach Sais, ebenso im Süden Ägyptens eine nach ihnen Thnt genannte Landschaft in der Gegend von Ambe (Möller 43f.).

Im Gegensatz zu ihnen treten seit dem Ende der VI. Dynastie, der letzten des ,Alten Reiches* (um 2400 v. Chr.), die Tuimah (7Wt) auf, die mit ihrer hellen Haut, die sie zu tätowieren pflegten, ihren blauen Augen und ihrem rotblon-40 den Haar an nordische Völker erinnern und vermutlich mit den Iberern Spaniens verwandt waren (Meltzer Gesch. d. Karthager I 41. 65. 431ff. Wackernagel Arch. f. latein. Lex. XIV [1905] 1ff.). Ihre Tracht stimmt nur in der Halsschnur mit der der Tehenu überein; ihr kürzer geschnittenes Haar ist auf der rechten oder auf beiden Seiten zu Zöpfen geflochten; den Kopf bedeckt eine mit Federn besteckte Fellkappe (Möller 45). Ferner trugen sie nach den bildlicnen Dar-50 Stellungen Ohrringe und Gewänder aus bunt bemaltem Ziegenleder (vgl. Herodot. IV 189. VII 71. Diod. III 49, 3. Sil. Ital. III 276); die Phal-lostasche scheinen sie von den Tehenu entlehnt zu haben (Möller 47). Nach einer Vermutung Möllers (a. O. 48) hat sich ihr Name in dem der Ἀδυρμαχίδαι erhalten, die danach libysch etwa *T-(D)urmah geheißen hatten. Die Tuimah drangen in die Wohnsitze der Tehenu ein und wohnten neben ihnen ebenfalls in den Oasen und 60 südlich von Ägypten am Nil. Ihnen entsprechen zweifellos die ξανθοὶ Λίβνες des Ps.-Skylax (§ 110) und ξανθαὶ Λίβυσσαι des Kallimachos (hymn. II 86: vgl. Lucan. Phars. X 129–131) mit ihren blauen Augen (Paus. I 14, 6). Noch im Mittel-alter und bis heute findet sich dieses blonde Bevölkerungselement in ganz Nordafrika bis zu den Kanarischen Inseln.

Der dem griechischen Λίβνες entsprechende [151] 151 Libye (Name)

Name Libu (Rbw), von dem bekanntlich auch das biblische Lehabim und Lübïm abgeleitet ist, kommt zuerst bei der Invasion der sog. Seevölker in Ägypten unter Merneptah (um 1300 v. Chr.) vor, unter denen neben diesen Libyern im engsten Sinne auch die Meswes auftraten. Die Libu wohnten wohl schon damals im Hochlande von Barka, wo sie später als erstes afrikanisches Volk den Griechen bekannt wurden. Die Meswes (Ma-sawasa, Mswà) sind wahrscheinlich die späteren Μάξυες (Herodot. IV 191), Μάζυες (Hekat. bei Steph. Byz.) oder Μάζικες (Ptol. IV 2, 5 u. ö.); noch jetzt nennen sich die Berber meist Amazigh (plur. Imusagh, Imazlghen, Imagighen u. ä.; vgl. Oric Bates The Eastern Libyans, London 1914, 42). Nach Aussehen und Tracht stimmen die Meswes mit den Tehenu, die Libu mit den hellen Tuimah überein (Möller 51). Bei einem zweiten Einfall der Seevölker und Libyer zur Zeit Bamses’ III. werden weitere Berberstämme erwähnt. Aus ägyptischen Quellen sind uns außer den genannten noch folgende bekannt (Bates 46f.):

1. die Imukehek (Breasted Anc. Bec. of Egypt II § 42);

2. die Qeheq, Verbündete der Libu (Brea-sted III § 588. IV § 410); vielleicht identisch mit nr. 1 ;

3. die Qaiqes (6y$X, Breasted IV § 402. 405) ;

4. die Asbet (a. O. IV § 405), die mit den Hasbytae (Plin. n. h. V 34) oder Ἀσβύται (var. Ἀσβήταε Herodot. IV 169. Ptol. IV 4, 6 p. 669 Müller; bei Späteren meist Ἀαβνσταή gleichgesetzt werden (Möller 53);

5. die Aqbet (Breasted II § 70), vielleicht = supηΓλsup·4; ,

6. die Saided (‘-f/Jÿ; Breasted IV § 405), nach Möller a. O. vielleicht die Σεντιτες (var. Σέντιδες, Σέττιδες ; Ptol. IV 5. 12 p. 692 M.);

7. die Hes (Η, ;, Breasted a. O.), nach Brugsch die Αὐοέες (Herodot. IV 180; Avons Apollod. frg. 109, FHG I 450) ;

8. die Beqen (ßgX; Breasted a. O.), die man bei der Gleichwertigkeit von I und n in libyschen Dialekten it den Βάκαλες (var. Κάβαλες, Herodot. IV 171) zusammenstellen darf.

Daß die Libu unter allen diesen Stämmen schon damals hervorragten, geht daraus hervor, daß ihr Fürst Meraje sämtliche Stämme, die ini J. 1220 v. Chr. in Ägypten einfielen, anführte.

Außer diesen Stammesnamen kommen in späteren ägyptischen Inschriften auch die Namen einiger Oasen der libyschen Wüste vor, nämlich (Bates 48, 5):

1. die .große Oase* (Schäfer Äg. Ztschr. XLII 124ff.) Kenemt oder ,die Oase des Südens* (ut-res), jetzt Wah ebgärga;

2. die Oase Desdeset, j. W. Dähil;

3. Ta-lhet, vielleicht j. Oase Farafra;

4, Seqd-³imjt, die ,Palmenfelder‘, möglicherweise j. Siwa.

Zu Anfang des 12. Jhdts. v. Chr. wurden diese Oasen von Bamses III. mit Ägyptern besiedelt (Breasted IV § 213). Andererseits scheinen auch libysche Stämme in starker Zahl in Ägypten eingewandert zu sein, wo sie sich den stammverwandten Ägyptern schnell assimilierten. So bestieg schließlich der Tehenuhäupt- [152] Libye (älteste Kunde) 152

ling Kerome, dessen libysche Vorfahren wir durch sechs Generationen zurück verfolgen können (s. Breasted IV § 787), im J. 945 als Sesonq I. den Pharaonenthron. j

Über die benachbarten Oasen scheint die 3 Kenntnis L.s. bei den alten Ägyptern nicht hinaus- ! gereicht zu haben. Die entfernteren der oben j aufgezählten libyschen Stämme wurden ihnen nur 1 durch ihre Einfalle in das Nilland bekannt. Die j

10 griechische Erforschung des Erdteils kann sich daher nicht auf ägyptisches Wissen aufgebaut haben; nur bei den Ländern am oberen Nil ist von der Auswanderung ägyptischer Söldnertruppen nach Sjshrt eine schwache Kunde zu den Griechen gedrungen, die sich über Herodot noch bis in spätere Zeit verfolgen läßt (s. den Art. Sirbi-tum), und von den aithiopischen Stämmen der Πτοεμγανεις (Ptol. IV 7, 10 p. 784 M.) und Ptonebari (Plin. n. h. VI 192) hat man vermutet,

20 daß ihre griechischen Namen ägyptischen Ursprungs sind (,Land der Fani* und ,Land der [E]bari‘: Marquart Die Benin-Sammlung des Reichsmuseums f. Völkerkunde in Leiden, 1913, CCXVIII).

Bei den Griechen finden wir in den homerischen Epen die erste dunkle Kunde von L., wenn auch der Begriff Erdteil ihnen noch fremd ist. Neben Ägypten, das den Griechen von alters-her bekannt war, werden in der Ilias dieAithiopen

30 (I 423) und die Pygmäen (III 6), beide am Okeanos, erwähnt Unter den letzteren sind vermutlich Zwergvölker Innerafrikas zu verstehen, von denen vielleicht über Ägypten dunkle Kunde bis nach Hellas gedrungen war. In der Odyssee ist bereits die Kenntnis des Westens etwas aufgehellt: hier wird zuerst L. (IV 85. XIV 295) als Name der südwestlichen Küstenländer des Mittelmceres und das Volk der Lotophagen (IX 84. XXIII 311) angeführt; es werden westliche

40 und östliche Aithiopen unterschieden und der Riese Atlas genannt, mit dessen Namen zuerst bei Herodot (IV 184) ein Berg im fernen Westen bezeichnet wird (vgl. Aischyl. Prom. 348).

Als erste Griechen sollen sich in L. um 639 v. Ohr. dorische Kolonisten von Thera an der Ostseite der Halbinsel Barka angesiedelt haben; vielleicht waren aber dort bereits in bedeutend früherer Zeit aiolischc (thessalische) und pelopon-ncsische Stämme eingewandert (Gercke Herm.

501906, 447H. Malten Philol. Unters. XX 112ff.

125f.; vgl. o. Bd. XII S. 159). Schon um 800 v. Chr. hatten die Libyer durch die Gründung Karthagos, der im folgenden Jahrhundert die Anlage anderer phönikischer Emporia an den Syrten folgte, auch im Westen das Küstengebiet allmählich verloren. Außerhalb des Küstenrandes scheinen allerdings die Karthager den libyschen Eingeborenen gegenüber stets in der Minorität geblieben zu sein, wenn cs auch undenkbar ist, daß

60 das panische Element überhaupt erst in der römi -sehen Kaiserzeit dorthin vorgedrungen sein sollte. Aus der Tatsache, daß dort fast ausschließlich neupunische Inschriften gefunden worden sind, zu schließen, es habe ,erst in der Römerzeit ein punisch sprechendes Laudgebiet gegeben* (Kah r-stcdt-Meltzer Gosch, d. Karth. III 109) ist ebenso falsch, wie wenn man wegen der ver schwindend geringen Zahl griechischer Inschriften [153] 153 Libye (Hekataios)

aus der Diadochenzeit in Asien jenseits des Tauros die seleukidische Kolonisation bestreiten wollte. Ebensowenig beweist das Auftreten numidischer Räuberbanden in karthagischem Gebiete das Fehlen einer staatlichen Organisation; das Seeräuberunwesen an den Küsten Italiens in Roms mächtigster Zeit und die Barbareneinfälle in den blühendsten Grenzprovinzen des Kaiserreichs (auch Africa!) bieten dazu genügend Analogien. Schon Herodot (IV 197) und vielleicht auch Hekataios 1 (vgl- frg. 338 b) stellten die eingewanderten Griechen und Phoiniker mit den eingeborenen Libyern und Aithiopen auf die gleiche Stufe. Ob freilich der phoinikische Einfluß bis nach Γαράμη in Fexzän eingedrungen ist, wie Krüger (bei Norden Germ. Urgesch. 512) vermutet, ist recht fraglich.

Die griechischen Kolonisten drangen von Plataia und Aziris im Gebiete der Giligamai westwärts in das der Asbystai vor und gründeten 2 dort Kyrene. Kurz vor 570 rief der Fürst dieses Stammes, namens θόίχράν, den Pharao Apries gegen sie um Hilfe an; der Ägypter zog heran, würde aber bei Irasa und der Quelle Theste zurückgeschlagen (Herodot IV 159). Da um diese Zeit die Bevölkerung der Ammonsoase zur Hälfte ägyptisch, zur anderen ,aithiopisch‘ d. i. libysch war (Herodot II 32), stand vermutlich die Mittelmeerküste östlich der Kyrenaike größtenteils unter ägyptischer Oberhoheit wie später zur Zeit des ί Kambyses und Xerxes unter persischer (Herodot III 13. VII 184). Die libyschen Stämme wurden fast allenthalben von der Küste in das Binnenland zurückgedrängt; trotz vereinzelter Erfolge (Herodot IV 160) blieben sie doch den Griechen gegenüber stets in der Defensive. Kambyses soll von Theben aus ein Detachement gegen die Ammonier geschickt haben, das nach deren späteren Angaben auf dem Zuge von der Stadt Oasis zum Ammonion durch einen Sandsturm-völlig begraben worden sei (Herodot III 26). Dieser schwerlich geschichtliche Bericht (vgl. Bates 174f.) ist noch dadurch bemerkenswert, daß nach ihm Oasis (j. Wah el-Qärga) von Samiern τῆς Αἰοχριωνίης φυλῆς, vermutlich in ägyptischen Diensten befindlichen Söldnern, bewohnt war (über samische Seefahrer und Kolonisten vgl. Pa-nofka Res Samiorum 1822, 14ff. Bolchert in Sieglins Q. u. Forscbgn. XXVIII 60). Unter Dareios I. kam es zu einem neuen Krieg zwischen Persern und Kyrenäern. Den Anlaß dazu bot die Ermordung des Königs Ἀλαζίρ von Barka und seines Schwiegersohnes Arkesilaos, in deren Namen sich deutlich die Mischung griechischer und libyscher Elemente ausspricht. Der persische Satrap Argandes eroberte Barka, dessen Bewohner nach Baktrien deportiert wurden (Herodot IV 1,64–203). Auf dem Rückzüge erlitten die Perser durch die Libyer starke Verluste. Herodot zählt hier in einem längeren Exkurse die ihm bekannten libyschen Stämme auf und fügt auch über das Innere des Landes, soweit es damals bekannt war, wertvolle Nachrichten hinzu (IV 168–196).

Der Inhalt dieses Abschnittes stammt offenbar (trotz Strenger in Sieglins Quellen und Forschungen XXVIIbSl) größtenteils aus Hekataios. Von der bedeutsamen Erweiterung der [154] Libye (Hekataios) 154

Kenntnis L.s, die in dessen γης περίοδο; zum Ausdruck kam, können wir uns aus den sonst erhaltenen Fragmenten nur eine schwache Vorstellung machen. Neben den bereits erwähnten Pygmäen (frg. 328a bei Jacoby FGrHist I 43) kennt er im libyschen Aithiopien die Völkerschaften der Σκιάποδες (frg. 327), die Skylax vielmehr in Indien, also bei den östlichen Ai-thiopen, sucht,, der Μάρμακες (frg. 325) und die 0 vijooi Ὑααεῖς (frg. 326). Am Mittelmeer sind aus seiner Küstenbeschreibung mehrere Ortsnamen und die einiger libyscher Stämme bekannt (frg. 332 Ψύλλοι am Ψυλλικος κόλπος, der Syrte He-rodots; frg. 334 Μάζνες) frg. 336 Ζανηκες, [frg. 338 b Λιβυφοίνικες; frg. 337 Ζύγαντες als Bewohner der Stadt Ζνγαντίς, sonst Γυζάντες genannt). Er weiß, daß bei der Stadt Μέγασα (frg. 335) die [Λίβυες] οἰτοφάγοι καίάροτήρες beginnen; sie ist wohl am Tritonsee zu suchen, der nach !0 Herodot (IV 186. 191) die Grenze zwischen den

Λίβυες νομάδες κοεοφάγοι τε καὶ γαλακτοφάγοι und den westlichen ἄροτηρες Λίβυες bildet. Auch die Westküste des Erdteils ist Hekataios bekannt; die Erwähnung von Μέλισαα (frg. 357), dem Flusse Λίζα; (frg. 355, wohl = Lixos) und einem benachbarten See Δούριζα legen es nahe, bei ihm Bekanntschaft mit den geographischen Ergebnissen der Fahrt Hannos anzunehmen, wenngleich dieser Annahme auch gewisse Bedenken entgegen-50 stehen (Jacoby FGrHist I 372, 11: ,ob Hekat.

auch von Hannos Fahrt Kenntnis hatte, ist nicht absolut sicher, aber sehr wahrscheinlich*).

Die Unternehmung dieses Karthagers kann nur von der Insel Kerne ab als Entdeckungsreise bezeichnet werden, während ihr Hauptzweck, die im Auftrage der karthagischen Regierung erfolgte Ansiedelung von 30000 (?) Puniern an der marokkanischen Küste, natürlich bereits eine genauere Kenntnis dieser Siedelungsgebiete zur Voraus-40 Setzung gehabt haben muß. So sind vermutlich schon Tartessier (Avien. or. mar. 113f. Schulten Tartessos 81), deren Erkundungen wiederum durch Männer wie den Samier Kolaios den Griechen vermittelt werden kennten, und gewiß auch Punier (oder Tyrier? Eratosth. b. Strab. XVII 826. 829) vor Hanno in diese Gegenden gekommen. Auch auf sie könnten die Kenntnisse des Hekataios zurückgehen. Die bekannte 3jährige Umsegelung Afrikas, die in Nechos Auftrag phoini-50 kischen Seeleuten geglückt sein soll (Herodot IV 42), hatte ebensowenig genauere Kunde über Ausdehnung und Küsten des Erdteiles hinterlassen. wie die mißlungene des Persers Sataspcs (a. o. IV 43), der immerhin nach den Angaben der karthagischen (nicht samischen, wie Berger Gesch. d. wiss. Erdk.² 62 will) Gewährsmänner Herodots von den Säulen des Herakles und dem Vorgebirge Soloeis noch viele Monate weit nach Süden bis zu einem Zwergenvolk gelangte. Hanno’s 60 Reisebericht ist uns als der einzige, in dem genauere authentische Angaben über die atlantische Küste L.s uns erhalten sind, besonders wertvoll. Ein Vergleich mit dem Material späterer Geographen zeigt, daß Hanno bedeutend weiter nach Süden vorgedrungen ist als alle Expeditionen des späteren Altertums und daher noch bis in die Zeit des Ptolemaios die einzige brauchbare Grundlage für die kartographische Darstellung der süd- [155] 155 Libye (Hekataios)

lieberen atlantischen Küste L.s blieb. Da der Bericht in der uns vorliegenden Gestalt eine griechische Übersetzung des punischen Originals ist, weichen die teilweise übersetzten oder helle-nisierten Ortsnamen von denen anderer Quellen vielfach ab und lassen sich in der Regel nicht mit Sicherheit identifizieren, zumal der Text noch obendrein oft fehlerhaft überliefert ist. Doch scheint so viel festzustehen, daß das als letzte Etappe der Fahrt genannte Νότου κέρας eine Bucht oder breite Flußmündung an der Guineaküste war, also mindestens unter 5° nördl. Breite lag. Die griechische Veröffentlichung des Expeditionsberichtes, von dem vorher anscheinend nur Einzelheiten bekanntgeworden waren, muß in den geographisch interessierten Kreisen starkes Aufsehen erregt haben, und durch seine schlichte Sachlichkeit erschien er glaubwürdiger als die phantastisch ausgeschmückten Nachrichten späterer Reisender (wie Ophelas). Es ist sehr wahrscheinlich, daß er zuerst durch einen so vielge-lesenen Autor wie Ephoros weiteren Kreisen bekannt wurde (Müllenhoff DAI89*. Bol ehert in Sieglins Quellen u. Forsch. XV, 60; bezweifelt von Goebel Westküste Afrikas 16), nicht durch einen so unbekannten Schriftsteller wie Charon von Karthago (Strenger Q. u. Forsch. XXVIII 22; vgl. Bolchert a. O.), von dem es überdies fraglich ist, ob er nicht vielmehr in der römischen Kaiserzeit gelebt hat (so Kahrstedt III 25, 1).

Kehren wir zu Hekataios zurück, dem, wie wir sahen, möglicherweise schon diese wertvolle Bereicherung des geographischen Wissens in irgend einer Form zugänglich geworden war, und der seinerseits vermutlich als Quelle des Exkurses Herodots über L. zu gelten hat. tMehr noch als bei Ägypten gewinnen wir das Bild von Hekataios' Behandlung L.s nicht aus den Fragmenten, sondern aus Herodots Λιβνκος λόγος (IV 168–199), der eigentlich unter die Fragmente aufgenommen werden müßte, weil er geradezu ein Exzerpt aus Hekataios ist, mit wenigen Veränderungen, Zusätzen und Abstrichen... Das hier gegebene geographische Bild hat Herodot II 31ff. mit der in Kyrene aufgenommenen Erzählung der Nasamonen [s. u.] verbunden. L. wird in vier vom Nil zum Atlantischen Ozean ziehende Streifen zeriegt:

1. οἰκουμένη II 32; παραθαλάσσιοι IV 181. Die Zone geht ἄπ' Αἰγυπτου μέχρι Σολόεντος ἄκρης, ἡ τελευτρ τῆς Λιβύης (II 32) und wird durch den Tritonsee in die Osthälfte der ΛΙβυες νομάδες κρεοφάγοι τε καὶ γαλακτοπόται (IV 186) und die weniger bekannte Westhälfte der ἄροτηρες Λίβυες (IV 191. Hek. frg. 335) zerlegt... Die Fragmente beschränken sich ganz auf diese Zone.

2. θηριώδης Λ. II 32. IV 181;

3. die ὀφρὺη ψάμμου IV 181 ;

4. die ἐοήμη II 32. IV 181. 185.

Den Süden des Erdteils nehmen die Aithio-pen ein, von den Libyern durch den westöstlichen Oberlauf des Nil getrennt. Die Zonen zerfallen wieder in Quadrate von je 10 Tagereisen Seitenlänge. Wie in Asien werden Nordsüdlinien der Völker gezogen; z. B. Nasamonen Garamanten Augila Wüste. Auch aus Skylax, der den engen Anschluß Herodots an die Perie- [156] Libye (Herodot) 156

gese bestätigt, ist für L. vieles zu gewinnen' (Jacoby FGrHist I 371f.). – Im Übrigen sei auf Jacobys Ausführungen o. Bd. VIIS. 2731ff, verwiesen, die meines Erachtens durch Strenger (21), Großstephan (phil. Dies. Straßb. 1915, 3lf.) u. a. nicht widerlegt sind.

Herodot hat mit diesen Auszügen aus Heka-taios vereinzelte Nachrichten kombiniert, die er Kyrenäern oder Karthagern verdankte. Wenn 10 dabei die Westhälfte L.s sehr kurz abgetan und Karthago gar nicht erwähnt wird, so liegt das offenbar an der Unfertigkeit seines Werkes (Jacoby o. Bd. VII S. 2732).

Von libyschen Stämmen nennt Herodot an der Küste von Osten nach Westen:

1. die Ἀδνρμαχίδαι vom Nildelta bis zum Hafen Plynos:

2. die Γιλιγάμαι von dort bis zur Insel Aphro-disias (j. es-Sarqîje oder el-Hammäm); westlich 20 von ihnen :

3. die Ἄσβνοται im Binnenlande von Kyrene;

4. die Αὐοχίααι (von den bei Hekat. frg. 330 und Kallimach. bei Steph. Byz. s. Αὐοιγδά erwähnten Αὐσιγδοί sind sie wohl zu unterscheiden: Jacoby FGrHist I 372 z. St.) südlich von Barka, die bei Euhesperis (j. Benghazi) an die Küste stießen;

5. die Βάκαλες (var. Κάβαλες, s. o.), ein kleiner Stamm bei Taucheira;

30 6. die Νασαμώνες, die südlich weithin bis

nach Augila streiften;

7. die Ψύλλοι, die zur Zeit des Hekataios noch am Ψνλλικὸς κόλπος èv τῶ Λιβνκφ κόλπῳ gewohnt hatten (frg. 332, FGrHist I 332), später aber nach Süden gezogen und in der Wüste untergegangen sein sollen, so daß zur Zeit Hero-dots die Nasamonen ihre ehemaligen Sitze innehatten (vgl. auch Gell. noct. Att. XVI 113);

8. die Γαράμαντες im Süden von ihnen; ein 40 furchtsamer, waffenloser Stamm (Herod. IV 174). Da Herodot weiter unten (IV 183) im Gegensatz dazu die Garamanten als ein gewaltiges Volk schildert, das die τρωγοδύτας Αἰθίοπας zu verfolgen pflegte, ist wohl an der ersten Stelle der Name in unseren Hss. nach Mela (I 47) und Plinius (n. h. V 44) in *Γαμφάσαντες zu verbessern (Bates 53);

9. die Μάκαιθ die Nachbarn der Nasamonen an der Küste, wohnten am Kinyps;

50 10. die Γινδάνες, westlich von ihnen ;

11. die Λωτοφάγοι saßen an einem Vorgebirge im Westen des Gebietes der Gindanen, mit denen sie von anderen Autoren besser gleichgesetzt werden (Steph. Byz. Γινδανες ἔθνος Λιβνκον λωτοφάγον κτλ.); denn ihr aus Homer (Od. IX 84ff.) stammender Name war nur von ihrer Hauptnahrung, die übrigens auch die der Machlyer war, hergenommen ;

12. die Μάχλυες (Ptol. IV 3, 6 Μάχρυες; gO Steph. Byz. s, Αἰάζυες · Μάχμες) bis zum Tritonfluß und -see. Dieser Fluß bildete, wie bereit« erwähnt wurde, eine wichtige ethnographische Scheidelinie zwischen den nomadischen und den seßhaften Stämmen. Leider lassen sich Fluß und See nicht mit Sicherheit lokalisieren: R. Neumann (Afrika westlich vom Nil nach Hero-dot, Halle 1892) sucht zu zeigen, daß wir wenigstens bei Herodot in dem See die Sebha öiriba [157] 157


Libye (Herodot)

zwischen Hadrumetum (Sasa) und Hammämet, in dem Flusse den Wed Zerud zu verstehen haben; ähnlich hält Rouire (Rev. de géogr. XXXVIII 1896, 343f.) den See für die Buhairet Kelbia und den Fluß für den Baghla. Dagegen entscheidet sich C. Perroud (De Syrticis em-poriis, Faris 1881, 19f.) für die Gleichsetzung mit dem Sott el-Öerid und dem Flüßchen Tarf el-mä’. Vermutlich besaßen die Griechen selbst zunächst keine genaue Kenntnis dieser Ursprung-1 lieh der mythischen Geographie angehörigen Gegenden, scheinen sie sich aber später ungefähr an der kleinen Syrte gedacht zu haben.

Von den westlich – oder genauer wohl zunächst nördlich – davon wohnenden libyschen Stämmen kennt Herodot noch

13. die Avises (s. o.), die ebenfalls an den Tritonsee stießen und noch zu den Nomaden gerechnet wurden;

14. die Μάξυες (IV 191; ob damit die von ί Hekat frg. 334 erwähnten Μάζυες gemeint sind, ist wegen des Lemmas ol Λιβύης νομάδες fraglich, Jacoby FGrHist I p. 373 z. St.); jetzt Amazigh. Sie wohnten westlich bezw. nördlich von den Auseern. Dann folgen

15. die Ζαύηκες (var. Ζάβυκες) in der späteren Zeugitana regio (Plin. n. h. V 23 u. ö.) und schließlich

16. die Γύζαντες (var. Ζύγαντες) im späteren Βυζάκιον (Polyb. III 23, 2). ί

Für die nach Herodot aus karthagischer Quelle stammenden Berichte von dem stummen Tauschhandel der Karthager mit den Libyern, die jenseits der Säulen an der Ozeanküste wohnten (IV 196), ist offenbar Hekataios als Mittelquelle anzusehen (Meltzer I 233ff.; von Neueren ohne genügende Gründe bezweifelt), der wohl dem gleichen Berichte den Ortsnamen Μέλισσα (frg. 357, s. o.) verdankte. Von den je 10 Tagereisen voneinander entfernten Oasen, die Herodot nicht ohne Berechtigung (Meltzer I 443) als ἄλος κολωνοί bezeichnet, haben wir bereits oben gesprochen. In der Erforschung des Niloberlaufes und in seiner Auffassung von der Ausdehnung L.s suchte Herodot über Hekataios und die ionische Geographie hinauszukommen. Hekataios hatte sich die Ozeangrenze L.s als Kreissegment des Umfanges der Erdscheibe vorgestellt (Jacoby o. Bd. VII 2702f.). Als radial verlaufende Nord uird Ostgrenze galten ihm die Mittelmeerküste und der Nil, der dem südlichen Okeanos entströmte (frg. 302 Jacoby). Herodot bekämpft diese Auffassung in zwei Punkten: in der Behandlung des Nilproblems und in der damit zusammenhängenden Frage der östlichen Begrenzung L.s. Die Nilgrenze – die übrigens bei Hekataios von nebensächlicher Bedeutung gewesen sein muß, da er L. als eine Halbinsel Asiens betrachtete – konnte als vollständige Wassergrenze eigentlich nur so lange Geltung beanspruchen, als man den Ursprung des Stromes im Okeanos suchte. Diese Ansicht lehnt aber Herodot mit entschiedenen Worten ab (II 21). Allerdings vermag er noch keine endgültige Lösung der Nilfrage zu geben; doch deutet er seine Auffassung mehrfach an. Die geheimnisvollen Eröffnungen des γραμματιστῆς τῶν ἴθων χρημάτων τῆς Ἄθηναιης m Sais über die Quellen des Nils und eines nach [158] Libye (Herodot) 15b

Süden fließenden Flusses in den Bergen Κρωφί und Μώφι zwischen Syene und Elephantine vermag er ohne weiteres aus eigener Anschauung und Erkundung zu widerlegen: der Strom war vielmehr noch 112 Tagereisen weit südlich von Elephantine befahren worden, nämlich 56 Tage bis Meroe und ebensoviele weiter bis zu den ἀντόμολοι (II 29f.). Diese Entfernungsangaben führen uns mit Sicherheit in die Sumpfgegend .0 unterhalb der Mündung des Bahr al-Ghazal (9°

nördl. Br.); und daß diese Gegend wirklich gemeint ist, beweisen Herodots wenig beachtete Worte Über den dortigen Nillauf: ρεεὶ δὲ ἀπὸ ἐσπέρης τε καὶ ἠλίον δυσμεων. Bedenkt man, daß die Nilbarre an dieser Stelle für die Stromschifffahrt bis weit in das 19. Jahrhundert hinein ein unüberwindliches Hindernis geblieben ist, und ferner, daß man von den daselbst einmündenden, zwar anscheinend verhältnismäßig wasserarmen !0 (Piets ch Ztschr. Ges. f. Erdk. 1911, 106), aber

an Gesamtlänge dem Weißen Nil nicht weit nachstehenden westlichen und südlichen Nebenflüssen (Bahr el-’Arab, Bahr el-Ghazäl u. a.) dort leicht näheres erfahren konnte, so erscheint Herodots Annahme eines westlichen Ursprungs des Stromes nicht so unbegründet und absurd, wie sie gewöhnlich hingestellt wird. Übrigens erstreckte sich die Erforschung des oberen Nils durch die zwei Seneca (nat. qu. VI 8) bekannten Centurionen, 30 die bis zu den immensas pdludes, quarum ezitum neque incolae noverant, neque sperare quisquam potest, nicht weiter als diese um mindestens ein halbes Jahrtausend älteren Fahrten. Denn die unmittelbar auf die Schilderung dieser Sümpfe folgenden Worte der Centurionen: ibi vidimus duas petras, ex quitus ingens vis fluminis cxcide-bat, können unmöglich auf eine 5 Breitengrade südlicher gelegene Stelle (unter 4° 5' n. Br.) bezogen werden (so Kiepert Alte Geogr. § 188. 40Müller Ptol.-Ausg. I 2, 776a. Langenmaier

Ahh. d. Hamburger Kolonialinst XXXIX, 1918, 71 u. a.). Ich möchte vielmehr annehmen, daß in der Gegend des Sees No (Nuba palus-, s. u.) wirklich ein bis dorthin unterirdisch oder stark verdeckt strömender Flußlauf zwischen Felsen auftauchte, den man neuerdings, falls er überhaupt noch existiert, noch nicht wiedergefunden hat, und den im Altertum viele für den eigentlichen Nil ansahen (s. u. zu Poseidonios).

50 Mit diesen sicheren Kenntnissen kombinierte Herodot die Erzählung von fünf nasamonischen Jünglingen, die eine (angeblich eigens zur Feststellung der Nilquellen geplante) Entdeckungsreise durch die libysche Wüste unternommen hatten. Sie waren von ihrer Heimat unweit der Mittelmeerküste zuerst [südlich] durch die οἰκεομένη, die θηριώδης und die ἔρημος (zunächst entnimmt Herodot offenbar sein Wissen aus Heka-taios), dann aber nach Westen (πρὸς ζέφυροι6θ ἄνεμον) tagelang durch die Wüste gezogen, bis sie in ein Land mit großen Sümpfen und zu einer Stadt gelangten, die ein kleingewachsenes Negervolk bewohnte. An ihr floß in westöstlicher Richtung ein Strom vorbei, in dem sie Krokodile sahen (ob es sich dabei wirklich um dunkle Kunde vom Oberlauf des Niger handelte, wie Giesinger u. Suppl. Bd. IV S. 570 annimmt, ist sehr zweifelhaft). [159] 159 Libye (Herodot)

Etearchos, der König der Ammonier, von dem Herodots kyrenäische Gewährsmänner von dieser Expedition der Nasamonen gehört hatten, hatte vermutet, daß sie den westlichen Oberlauf des Nil im inneren L. entdeckt hätten, und Herodot glaubt eine Bestätigung dieser Annahme in der Analogie der Stromrichtung des Istros zu finden, τοῖσι ἐμφανέσι τὰ μὴ γινωσκόμενα τεκμαι· ρόμενος (Jacoby FGrHist I 368 bestreitet wohl mit Unrecht hier die Originalität dieser Methode bei Herodot). Wir werden unten sehen, wie diese Anschauungen noch bis in das späteste Altertum, als die wahre Lage der Nilquellen im Süden längst richtig erkannt und die Ursache seines Hochwassers erklärt war, nachgewirkt haben.

Der zweite Punkt, in dem Herodot von He-kataios abwich, war seine Bekämpfung der in der ionischen Geographie allgemein geltenden Abgrenzung L.s gegen Asien durch den Nil (II 15f.). Er führt dagegen zwei Gründe an: Ägypten müßte man dann auf beide Erdteile verteilen, und das Delta wäre als vierter Erdteil zu rechnen. Die Ionier hatten offenbar bei der Abgrenzung der Erdteile das von ihnen allein als Αἰγυπτος bezeichnete Delta als Insel aufgefaßt und wie die übrigen Inseln unberücksichtigt gelassen oder zu einem der beiden Erdteile gerechnet (vgl. Ps.-Aristot. περὶ κόσμου 3 p. 393 b 32 ff) . Auch dieses Problem wird ebenso ausführlich noch bei Strabon erörtert und schließlich durch den Kompromiß zu lösen versucht, daß man das eigentliche L., die ἐντός A., zu einem Teile des gleichnamigen Erdteils machte (Ptol. IV 6, 8. Eutrop. 6, 9. Ammian. Marc. XXII 16, 24). Welche Abgrenzung Herodot wünschte, ist nicht ganz klar. Die Umsegelung L.s führt er (IV 42) als Beweis dafür an, daß es περίρρυτος sei πλὴν ὄσον αὐτῆς πρὸς τὴν Ἀσίην οὐρίζει, wobei man zunächst an die Ostgrenze Ägyptens denken möchte. Andererseits trennt er aber wieder deutlich Ägypten von L. (II 17): οὐρισμὰ δὲ Ἀσίη καὶ Λιβὺη οἰδαμεν οὐδέν ἐὸν ὄρθω λόγω εἰ μὴ τοὺς Αἰγυπτίων οὐρους, womit nur die Westgrenze gemeint sein kann, da er diese Meinung durch einen Götterspruch bestätigt findet (II Iß), nach dem die von Libyern bewohnten, aber vom Nil bewässerten Städte Μαρέη und Ἄπις zu Ägypten gerechnet werden. Nach diesen Andeutungen scheint er zwar nicht das Delta, wie er Hekataios vorwirft, aber ganz Ägypten und Aithiopien als vierten Erdteil anzusehen. Den Kanal, durch den Dareios den Nil mit dem Arabischen Meerbusen verbunden hatte, als Grenze anzuerkennen, widerstrebte ihm, da es sich um eine künstliche Schöpfung handelte (IV 39: ὅν λήγουσα εἰ μὴ νόμῳ). An die Landenge von Suez hat er offenbar überhaupt nicht gedacht.

Im Süden L.s wohnten nach Herodot (III 17) ἐπὶ τῆ νοτίη θαλάσση die sagenhaften μακρόβιοι ἈΙθίοπες (über sie Halliday Class. Quar-terly 1924, 53ff.). Sie werden als μέγιστοι καὶ κάλλιστοι ἀνθρώπων πάντων geschildert (III 20); zu ihnen gelangten freilich nur die allein ihrer Sprache mächtigen Ichthyophagen aus Elephan-tine als Gesandte des Kambyses. Etwa in der Gegend zwischen dem Nilknie und diesen südlichen Aithiopen dachte sich Herodot wohl die mythische Heimat des Dionysos, Νύση ἡ ὑπὲρ Αἰγυπτον ἐοῦσα ἐν τῆ ἈΙθιοπίη (III 146). [160] Libye (Periplus) 160

Wie Herodot, so scheinen auch der Verfasser des dem Skylax zugeschriebenen Periplus und Eudoxos von Knidos ihr ethnographisches Material zum großen Teil Hekataios zu verdanken (Jacoby FGrHist I 373 zu frg. 334; 337). Bei Ps.-Skylax (um 347 v. Chr.) werden genannt (GGM I 81ff. Müller): 1. ἌδυρμαχΙδαι. 2 Μαρμαρίδαι, die Bewohner der Marmarike, auf spätägyptischen Denkmälern Mer-mer-ti (D r o y s en Gesch. 10 d. Hellenism. II 2, 64, 1). 3. Νασαμωνες. 4. Μάκαι. 5. Λωτοφάγοι. 6. *Γύζαντες oder θΖύγαντες (cod. Λίβυες ψ πάντες ἔθνος; f ἄπαντες ΛΙβυες). Für den hekatäischen Ursprung spricht auch, daß hier wie bei Herodot keine westlicheren Stämme mehr genannt werden.

Entdeckungsgeschichthch wertvoll ist der Schluß des Periplus (§ 112), in dem die Westküste Afrikas völlig unabhängig von Hannos den Hellenen damals noch unbekanntem Bericht be-20 schrieben wird. Dadurch, daß die topographische Nomenklatur beider nur selten übereinstimmt (so scheint Hanno's Λίξος ebenso wie der Ξιων des Ps.-Skylax dem j. Wed Dra* zu entsprechen), wird die Lagebestimmung der einzelnen Stationen der beiden Periploi sehr erschwert (vgl. die Art. Gorgades insulae o. Bd. VII S. 1595 und Hesperium prom. Bd. VIII S. 1248f.). Der sog. Skylax erklärt die Küste südlich von Kerne wegen der Untiefen und Algen für unbefahrbar; 30 er schließt mit den Worten: λέγουσι δὲ τινες ... εἶναι ταύτην [τὴν] ὑάλατταν συνεχή, ἀκτὴν δὲ εἶναι τὴν Λιβύην.

Die letzten Autoren, die in vorhellenistischer Zeit L. behandelten, waren Eudoxos von Knidos, Ephoros und Aristoteles. Für sie wie für zahlreiche andere Forscher, deren Namen und Ansichten Diodor, Aristoteles, Lydos u. a. aufzählen und gelegentlich miteinander verwechseln, ist die Frage nach dem Ursprung des Nils das Haupt-40 problem, mit dem ein zweites eng zusammenhängt, das der Existenz eines Äquatorialozeans. Die Hauptschwierigkeit lag in der scheinbaren Unmöglichkeit, in der διακεκαυμένη Schneeberge oder selbst starke Regengüsse anzunehmen, und in dem unerklärlichen Anschwellen des Stromes im Sommer. Von den verschiedenen Theorien und Erklärungsversuchen sind für die Geographie L.s drei besonders wichtig: die Herleitung des Stromes aus dem Westen, aus dem Osten und aus der 50 südlichen Antioikumene.

Die erste Ansicht teilt, wie wir sahen, schon Herodot. Er konstatiert aber nur das Vorhandensein eines wasserreichen, nach Osten fließenden Stromes in der libyschen Wüste, ohne für seine Herkunft eine weitere Erklärung zu suchen. Der Massilier Euthymenes, der vielleicht vor Pytheas, aber schwerlich, wie Berger (Wiss. Erdk.² 134) u. a. (Jacoby o. Bd. VI S. 1510) annehmen, vor Herodot gelebt hat, scheint nach 60 der glaubhaftesten Version seines Berichtes bei Athenaios deipn. II 87 (90 p. 282 ed. Schweigh.) an einen Ursprung aus einem »Binnensee oder Küstensee, der an einer westöstlich laufenden Küstenstrecke mit dem Ozean nur so in Verbindung stand, daß er zur Zeit der Etesien von außen her überflutet wurde, während er sonst, wie hinzugefügt ist, trocken lag‘ (so Berger 133, dessen Interpretation allerdings nicht über [161] 161 Libye (Promathos) jeden Zweifel erhaben ist), zu glauben. Auch bei ihm wird das Vorkommen von Krokodilen und Flußpferden in dieser Küstengegend zur Bekräftigung seiner Theorie angeführt. Ob Euthymenes diese Ansicht wirklich auf Grund eigener Anschauung aufgestellt hat (a. O. φησίν αὐτὸς πεπλευκώς), ist fraglich; jedenfalls fand sie in der von ihm gebotenen Fassung wenig Beifall, da man aus ihr schon im Altertum mit Recht oder Unrecht geschlossen hat, der Atlantische Ozean müsse nach seiner Ansicht süßes Wasser enthalten (Belege: Berger 133, 1).

Ein gewisser Promathos von Samos (der Name kann richtig überliefert sein, vgl. Daebritz o. Bd. VII S. 2362) scheint zur Vermeidung dieser Folgerung in der gleichen Gegend ein Gebirge angenommen zu haben, das schneebedeckte Ἄργνρονν ὄρος, auf dem τὸν Νείλον τὸ ρεύμα τὸ πρώτον und der Χρεμέτης δς εἰς τὴν ἔξω ρεὶ θάλατταν entspringen (Aristot. lib. de inundatione Nili 194, 26 Rose = meteor. I 13, 21 p. 350 b; daraus Basil. hom. 3, 6 bei M igné G. XXIX 68 A durch Vermittelung des Posei-donios, vgl. Gronau Pos. und die jüd.-christl. Genesisexegese, 1914, 85L). Mit letzterem ist zweifellos der gleichnamige Fluß bei Hanno (§ 9) gemeint, dessen Name in dem einzigen cod. Pa-lat. Heidelberg. 398 zu Χρετης verstümmelt ist, und mit dem Promathos anscheinend aus Ermangelung einer anderen Benennung den bei Hanno folgenden ἔτερον ποταμὸν μεγαν καὶ πλατόνθ γέμοντα κροκοδείλων καὶ ἴππων ποταμίων meinte. Mit diesen zusammen hat Promathos zwei andere ἐκ τῶν Αἰθιοπικῶν ὀρῶν entspringende Flüsse, ὁ τε Αἰγῶν καὶ ὁ Νύαις genannt, die man mit Unrecht ebenfalls im westl. L. gesucht hat (Bolchert 61.64). Wahrscheinlich liegen die äthiopischen Berge südl. vom vermeintlichen Nil· knie, also im südlichen L.; der Nysis dürfte seinen Namen Herodots Νύση (s. o.) verdanken und ist offenbar auch mit den Nisicathae und Nisitae (var. Nysitis) bei Plinius (n. h. VI 194) zusammenzustellen, die ebenso wie die südlichen Aithiopen Herodots als geschickte Bogenschützen bezeichnet werden (schwerlich aber mit den ägyptischen Ne-W-Negern, von deren Namen R. H a r t m a n Die Nigritier I 60, Nysa ableiten wollte). Noch der Geograph von Ravenna (118, 17 – 119, 3) nennt die vier Flüsse Agon, Nisis, Chremetis et Nuchul (Über diese Bezeichnung des Nils s. u.). Diese älteren Vorstellungen begegnen uns auch bei Pomp. Mela (III 96f.): in herum [seil. Aethio-pum Hesperion] finibus ions est quem NÜi esse aliqua credibile est: nunc ab [A; Nuchul ab vulg. Frick; Nusab Müller Ptol. I 740f.] incolis dicitur, et videri polest non alio nomine adpeßari sed a barbaro ore corruptus. alit et papyrum et minora quidem eiusdem tarnen generis animalia. aliis amntbus in oceanum vergentibus soins in me-diam regionem et ad orientem abit, et quonam exeat incertum est. inde coGigitur Nüum hoc fonte con-ceptum actumque aliquandiu per invia et ideo gnetum, iterum se ubi adiri possit ostendere: cete-mm spatio quo absconditur ejfici, ut hic alio ce-dere, fite aliunde videatur exsurgere. Hier ist offenbar nur an eine westliche – nicht nordwestliche (s. u.) – Quelle gedacht, wie aus der Nennung der Aethiopes Hesperii und dem Fehlen

Pauly-Wieeowa-Kroll XIII [162] Libye (Iuba) 162

einer Erwähnung Mauretaniens hervorgeht; bei den cdii amnes ist wohl vor allem an den Χρεμέτης zu denken. Leider ist der Name der Nil-quelle verderbt und es bleibt fraglich, ob wir mit dem Geogr. Rav. Nuchul [s. o.], mit der Tab. Peut. Nus ab oder vielleicht eher mit Plinius (s. u.) Ni gris lesen dürfen.

Auch die Lehre des Promathos konnte denen, die den Nil im Westen entspringen ließen, nicht 10 genügen, da das schneebedeckte Silbergebirge bei ihm nach dem, was wir über den Chre[mejtes wissen, gewiß in der heißen Zone gedacht war. Im Gegenteil: auf einem so langen Wege durch die heiße Wüste hätte der Nil seinen Wasserreichtum gerade verlieren müssen. Diese Bedenken suchte man anscheinend durch zwei Annahmen zu beseitigen. Die eine, die in der Hypothese seines unterirdischen Laufes bestand, findet sich in einer Strabonstelle (VI 275), die, wie 20 Strenger (70) richtig vermutet und ein Vergleich mit Strab XVI 750, sicherstellt, auf Po-seidonios zurückgeht. Danach versinkt der Nil ev τῆ Λιβὺη μικρὸν πρὸ τῶν πηγῶν (oberhalb dieser »Quellen¹, die an das Auftauchen des Stromes bei den Centurionen Neros erinnern [s. o.], führte er also wohl schon bei Poseidonios einen anderen Namen, vgl. u.). Die Gewissenhaftigkeit des Apameners, der als weitere Beispiele den unterirdischen Lauf des Orontes (vgl. Bian ck en -30horn Grundzüge der Geologie... von Nordsyrien, 1891, 19) und den erst neuerdings wieder entdeckten Tigristunnel (Lehmann-Haupt Armenien einst und jetzt I, Berlin 1910, 431ff. 540) anführt, läßt vermuten, daß ihm auch hier bestimmte Nachrichten vorlagen, die sich bei der völligen Unerforschtheit der libyschen Wüste südlich der Kufraoasen vielleicht erst in Zukunft verifizieren lassen werden.

Noch älter als dieser Erklärungsversuch ist 40 vielleicht der zweite, daß man das Quellgebiet des Stromes aus der heißen Zone weit nach Norden an den schneebedeckten Atlas verlegte. Wir finden diese Version wenn nicht schon bei Da-lion, falls man dessen Vacathi, die er nach Plinius (n. h. VI 194) ab ea parte Nili quae supra Sortes maiores oceanumque meridianum protendi-tur ansetzt, mit den mauretanischen Βακονάται oder Οὐακουαταί des Ptolemaios (IV 1, 5) gleichsetzen darf, so doch bei Vitruv (VIII 2, 6f.) an 50 einer Stelle, deren Tendenz, Mauretanien als Ursprungsland des Stroms zu erweisen, man auf König Iuba zurückführen möchte (andersS t re n g e r 70): im Maurusia, quam nostri Mauritaniam appâtant, ex monte Atlante (oritur) Dyris qui oHus ex septentrionali regione progreditur per occiden-tem ad lacum Heptagonum [sic] et mutato nomine dieitur Agger [vgl. Geogr. Rav. 119, 6: Eger appellatur [quem] Nilum vocitant], deinde ex heu Êeptabolo [sic] sub montes desertos subter-60 fluens per meridiana loca manat et infinit in pa-ludem quae Nusap) appellatur; circumcingit Meroen eqs. – Δύρις oder Δύριν (j. Idrär-nderen), nach Polybios (bei Strab. XVII 825 und Plin. V 13: Dirim) die einheimische Bezeichnung des Atlas, ist hier wohl nur eine falschlieh in den Text geratene Glosse, an deren Stelle vielleicht Giris oder mit Müller (Ptol.-Ausg. I 741) nach Orosius (s, u) Earas zu lesen ist. Daß Vitruv 6 [163] 163 Libye (Iuba)

hier auf Iuba zurückgeht, nehmen auch Oder und Capelle an (N. Jahrb. XXXIII 353, 2).

Sicher als Quelle bezeugt ist Iuba bei Plin. n. h. V 51f: Nilus incertis ortus fontibus... originem, ut Iuba rex potuit exquirere, in monte inferioris Mauretaniae non procul oceano habet, lacu protinus stagnante quem vocant Niliden. Bestimmte Fischarten und die Krokodile werden dann wieder als Beweis dafür verwendet; außerdem aber ein vermeintlicher zeitlicher Zusammen-: hang zwischen den Niederschlägen in Mauretanien und dem Anschwellen des Nils. Ex hoc lacu profusus indignatur filtere per harenosa et squalen-tia eonditque se aliquot dierum itinere, mox alio lacu maiore in Caesariensis Mauretaniae gente Ma-saesylum erumpit et hominum coetus veluti circum-spicit, iisdem animalium argumentis, iterum ha-renis receptus conditur rursus XX dierum deser· tis ad proximos Aethiopas, atque ubi iterum sensit hominem, prosilit fonte, ut verisimile est, iUo quem nigrum [lege: Nigrim] vocavere. Inde Africam ab Aethiopia dispescens, etiamsi non protinus populis, feris tarnen et beluis frequens silvarumque opifex, medios Aethiopas secat cognominatus Astapus, quod illarum gentium lingua significat aquam e tenebris profluentem. Ähnlich erklärt Iuba die Namen der beiden angeblichen Flußarme Astabores und Astusapes, nach deren Vereinigung der Strom erst Nil heiße, während er vorher einige Meilen weit Giris genannt werde; Aigyptos bei Homer und Triton bei anderen gelten ihm für Namen des gesamten Stromes.

Neben deutlichen hekatäischen Zügen (Entfernung von 2X 10 Tagereisen; Unterscheidung der οἰκουμένη, θηριώδης und ἔρημος) zeigen die Ausführungen Iubas starke Anklänge an die des Vitruv, bei dem wohl mit HeptaboluS und Hep-tagonus der gleiche von Iuba in Ostmauretanien erwähnte See gemeint ist. Den Sumpf oberhalb von Meroe, als dessen Name bei Vitruv wohl Nusap (s. u.) = Νοῦβα λίμνη zu ergänzen ist, haben H. Kiepert (Atlas antiqu. tab. I), K. Müller (Ptolem. I 2, 740b) und Marquart (Beninsammlung CCLXXXVIII) wohl richtig mit dem jetzigen See No an der Mündung des Bahr el-Ghazäl in den Nil gleichgesetzt, der seinen alten Namen den Νοῦβαι oder Νουβαῖοι verdankte, die Ptolemaios an seinen Ufern – freilich weit vom Nil entfernt – ansetzt.

Durch die zweimalige Nennung der Aithiopen versuchte Plinius wohl ungeschickt den Bericht Iubas aus Mela zu ergänzen, der jedoch, wie wir oben sahen, an eine viel südlichere Gegend gedacht hatte. Daß Plinius wirklich mit Mela übereinzustimmen glaubte, geht aus den Worten VIII 77 hervor: apud Hesperios Aethiopas fons est Nigris, ut plerique existimavere, Nüi caput – argumenta quae diximus persuadent, während er V 44 allerdings nur sagt: Nigri fluvio eadem natura quae Nilo. Nach diesen Stellen und nach Solinus (32, 5 Momms.) ist auch bei Plin. V 52 Nigrim zu lesen; Solin’s Ausführungen über den Nil (32, 1ff.) gehen fast ausschließlich auf Plinius zurück.

Daß die ,Ermittelungen' des Königs Iuba (,potuit exquirere*) nur auf literarischen Nachforschungen von recht zweifelhaftem Wert beruhten, zeigt außer Solinus (82, 2: hoc adfir- [164] Libye (Iuba) 164

mant Punici libri) Ammian. Marc. XXII 15, 8: rex autem Iuba Punicorum confias textu libro-rum a monte quodam oriri eum [NilumJ exponit, qui situs in Mauritanie, despectat oceanum, hisque indiciis hoc proditum ait, quod pisces et herbue et beluae similes per eas paludes gignuntur. Auch hier wird dann kurz auf die nominum diversitas des Nil hingewiesen. Auf der Peutingertafel sind dem fl. Girin, der aus der Gegend der Memno-W cones Ethiopes, mit denen die südaithiopischen Μεμνονεῖς (Ptol. IV 7, 10 p. 784f. M.) gemeint sind, von den Boecoten Montes nach links (Westen oder Süden?) fließt und am unteren Kartenrand (in den Okeanos?) mündet, die Worte beigeschrieben: Hoc flumen quidam grin uocant. alij nilum appelant, dicitur enim sub terra etyopum in nylum ire lacum. Davon getrennt ist weiter rechts der langgestreckte Lacus Nusap. Lacus Nüodicus gezeichnet, rings umgeben von Bergen 20 mit der Beischrift Hy montes subiacent paludi simili meotidi per quemty Hilus transit. Dem See, dem eine spätere Hand mit roter Tinte Hic lacus Tritonum beigeschrieben hat, entströmt rechts der fl. Edus qui diuidit asiam et libiam. Infolge der Verzerrung der Karte ist cs nicht deutlich ersichtlich, wo der Zeichner bezw. die ,alii‘ sich die Nilquellen dachten.

Auf Iuba geht letzten Endes auch Cass. Dion (LXXV 13, 3–5 ed. Boiss.) zurück: ἐκ γὰρ τοῦ 30 Ἄτλαντος τὸν ὀροῦς σαφώς ἀναδίδοται [sc. ὁ Νείλος]. τούτο δὲ ἐστιν ἐν τῆ Μακεννίτιδι παρ’ ἄντω τῶ ὤκεανῳ πρὸς ἐσπέραν, καὶ ὑπεραίρει πολυ πλεῖστον ἀπάντων ὄρων... χιόνος τε οὐν ἄει διὰ ταῦτα πεπλήρωται, καὶ τὸ νδωρ ἔζ αὐτης παμπληθές ὑπὸ τὸ θέρος ἀφίηοιν. ἔστι μὲν γὰρ καὶ ἄλλως ἐλώδη πάντα τὰ περὶ τοὺς πρόποδας ἀντου, τότε δὲ ἐπὶ μάλλον πληθύνεται, καὶ ἐκ τούτου τὸν Νείλον τὴν ὠραίαν ἐπαύξει * πηγὴ γὰρ ἐστιν αὐτοῦ, ὤσπερ που καὶ τοῖς κροκοδείλοις καὶ ἄλλοις ἔκα4θ τέρωθι ὀμοίως γεννωμένοις τεκμηριοῦται. καὶ θαυμάση μηδείς εἰ τὰ τοῖς ἀρχαίοις °Ελλ: θιν ἄγνωστα ἐξηυρήκαμεν * πλησίον γὰρ οἱ Μακεννῖται τῆ Μαυριτανία τῆ κάτω οἰκοῦσι, καὶ πολλοὶ τῶν ἐκεὶ στρατενομενων καὶ πρὸς τὸν Ἄτλαντα ἀφικνοῦνται (danach bei Zonar. 12, 9 p. 551f. B.). Die Μακανῖται sind nach Ptolemaios (p. 586 M.) und dem Itinerarium Antonini (Macenites) ein Volk im westlichen Mauretanien in der Gegend von Miknäs (Mequinez, westlich von Fès, vgl. Mar-50quart Benin-Sammi. CXXVI).

Bei einigen römischen Geographen des 4. und 5. Jhdts. n. Chr. finden wir neben der gewiß infolge der Autorität des Ptolemaios vorgezogenen Annahme einer südlichen Nilquelle die Version Iubas als Variante angeführt; so bei Iulius Ho-norius, der neben dem Nil noch einen Nilotis kennt: fluvius Nilotis nascitur in Athlantieo cam-po. qui currens lacum efficit, qui Nilotis appeUa-tur, sine aliquo exitu. currit milia CI. (GLM 52, 1 60 Riese). Zweifellos ist hier Iubas Nil gemeint, der auf der Karte wohl namenlos war und daher nach dem See benannt wird. Zu der Beschreibung des Nil selbst fügt der »zweite Interpolator*, wie ihn Kubitschek (Wien. Stud. VII 294) nennt, noch, ohne sich auf jenen Nilotis zu beziehen, die Worte bei: habet ramum de se exiens ab Ethiopia hic Nüus, quod meat ab Aegypto usque ad terminum Libiae fid est Africae) [165] 165 Libye (Iuba)

ïibi est templum Neptuni inter Pentapolim et Tri-pokin.. - (GLM 51, 8). An dieser Stelle ist offenbar auf der Karte das Wiederauftauchen des vom lacus Nilotis ab unterirdisch fließenden Flusses zu denken; die Rekonstruktionen von Kubit-schek (310) und Miller (Mappaemundi VI Taf. 4) sind jedenfalls unrichtig.

Noch bestimmter sprechen sich gegen Iubas Ansicht Orosius (GLM 60, 1ff. – I 2, 31 ed. Zangenmeister) und die hier mit ihm fast wörtlich übereinstimmende Kosmographie des sog. Aethicus (a. O. 93, 16ff.) aus: Hunc [Nilum] aliqui auctores ferunt haut procul ab Athlante habere fontem et continuo harenis mergi, inde in-teriecto brevi spaiio vastissimo lacu exundare, at-que hinc oceano tenus orientent, versus per Aethi-opica deserta protabi, rursusque inflexum ad sini-«tram ad Aegyptum descendere. Quod quidem verum est, esse huiusmodi fluvium magnum, qui tali ortu talique cursu sit, et re vera omnia Nili mon-stra gignat, quem utiqueprope fontem barbari Para nominant, ceteri vero accolae Nuhul vacant. Sed hic in régions gentium, quae Libyoaegyptiae vocantur, haut procul ab ido fluvio, quem a litore maris Rubri prorumpere diximus [nämlich dem Nil, der nach ihnen in loco q. d. Mossylon emporium aus diesem Meere auftaucht], immenso lacu acceptas absumitur; nisi forte occulto meatu in alveum eius, qui ab oriente descendit, éructai. ,Wir sehen also, daß man schon in alter Zeit das Wadi Dafa und das Wâdl Nul (Nuchul, j. Nün) miteinander vermengte und den Namen Nuchul (später Nül) mit dem Nil verknüpfte. Auch die Erzählung des al-Mustari b. al-Aswad, er habe in der Wüste die Quelle des Nil gesehen, geht vermutlich anf eine antike Legende zurück* (Marquart Benin-Sammi. CXXVII).

Schließlich finden wir bei Laur. Lydos de mens. (IV 107 p. 147 Wuensch) ein wörtliches Exzerpt aus der Schrift eines unbekannten Χρηστὸς ὁ Ῥωμαίος, vielleicht eines 360 n. Chr. aus Africa nach Kpel berufenen Grammatikers (Hieronym. Chron. oL284. Partsch Ber. Sächs. Ges. LXVIII2,19, 3): ἐπὶ τῆς δύσεως ὄρη μέγιστα Mal ὑψηλότατα εἰσιν, θ τὴν Αἰβύην ἀπὸ τῆς ἌΙθιοπΙας χωρίζουσι, τούτων ταῖς ἐσχάταις ρίζαις τὸ Ἀτλαντικὸν ἐπιπῖπτον πέλαγος, ἔνθεν τὴν ἀρχὴν ἈΙθιοπία ἀπὸ τῆς δύσεως λαμβάνει, ὑπὸ τοίνυν τούτοις τοῖς ὄρεσι λίμναι εἰοιν εἰς ἄπειρον πλατύτητος ἠπλωμέναι. Dann fährt er nach einer Schilderung dortiger Ichthyophagen und Kannibalen, in denen Partsch (a. 0- 21) die Vorfahren der heutigen Imraguen an den Buchten der Rio d’Oro-Küste erkannt hat, fort: ἐκ τούτων δὴ τῶν λιμνῶν, ἄς καλοῦσιν ἐκείνοι Χαά;, ἐκρεὶ λεπτὸτατὸν τὶ ρεύμα καὶ μόλις ὄρωμενον, ὅπερ εἰς στενοὺς τόπους καὶ κατὰ μέρος ἐκ διαφόρων μερῶν εἰς κοίτην ἰδίαν καταπῖπτον ὄψιν ποταμου λαμβάνει, ὄντος δ' ἄν εἰὴ ὁ Νείλος, ὄοτις ἐπὶ διαφόρων κλιμάτων εἰλούμενος γίνεται διά. τόπων δασέων καὶ ἀνοδεύτων. Die weitere, leider lückenhafte Schilderung seines libyschen Laufes schließt damit, daß er διὰ τῶν ἀοικήτων τοῦ νότου μερῶν nach Meroe fließt. Ich glaube, daß hier fast unverändert die Ansicht des Euthy-menes erhalten ist, der sich ja auf eigene Erkundung berief (s. o.), und daß mit den ὄρη gar nicht der Atlas, wie Partsch (19, 21) annimmt, sondern das Silbergebirge gemeint ist. [166] Libye (Nillauf) 166

Alle diese Stellen über den westlichen Nillauf sind für uns die wichtigsten, meist einzigen Zeugnisse der Anschauungen, die über das unerforschte L. herrschten. Sie zeigen, wie allgemein diese Ansicht verbreitet war, die, wie wir sehen werden, auch die wenigen Forschungereisen-den im Inneren L.s bestätigt zu finden vermeinten und die noch auf der Ptolemaioskarte trotz der richtigen Zeichnung des oberen Nils starke Spuren 10 hinterlassen hat; sie zeigen schließlich, wie späte Autoren (Cass. Dio) diese Theorie als die neueste, den ἀρχαίοις Ἤλλησιν unbekannte Wissenschaft ausgeben zu dürfen glaubten. Dies ist um so auffallender, als bereits Aristoteles in seiner Schrift περὶ τῆς τοῦ Νείλου ἀναβάοεως (verkürzt lateinisch erhalten als liber de inundacione NiU ed. V. Rose Aristot. pseudepigr. 633–39) auf Grund einer kritischen Musterung aller vorher geäußerten Ansichten und neuer Erkundungen, 20 die damals Alexander eingezogen haben soll, zu der richtigen Überzeugung gekommen war, daß die Nilschwelle in den starken Sommerregen des äthiopischen Hochlandes ihre Ursache haben müsse (Partsch Abhandl. Sächs. Gesell. 1909, 593ff. Corssens Versuch [Philol. LIIIV 32–38], die Schrift dem Kallisthenes zuzuweisen, scheint mir nicht gelungen; er stützt sich dabei fast allein darauf, daß sie eine Ansicht enthält, die Olym-piodor nicht wie andere dem Aristoteles, son-30dern seinem Schüler Theophrastos zuschreibt). Aber schon Aristoteles’ Schüler Dikaiarchos hat höchstwahrscheinlich wieder eine Ansicht verfochten, die der des Euthymenes sehr nahekam (Lyd. de mens. IV 107 p. 147 W.; die Ausführungen Bergers 376f. sind wenig überzeugend). Übrigens besaß Aristoteles von den »äthiopischen Bergen* gewiß nicht, wie Partsch annimmt, so genaue Kenntnis, daß er speziell an den Blauen Nil (Takkazë) und den See Koloe (j. Tzana) ge-40 dacht haben muß, auf welch letzteren auch das stagna per que Nilus fluit (p. 639 lin. 137 Rose) schlecht passen würde. Derart genaue Messungen wie sie zuerst 1902 und 1904 (!) über die Wasser-mengen der verschiedenen Quellflüsse angestellt wurden (die Ergebnisse übersichtlich bei Pietsch Ztschr. d. Ges. f. Erdk. 1911, 102–115), sind im Altertum undenkbar. Vielmehr wird er sich das Quellgebiet des Nil in ähnlicher Weise schematisch vorgestellt haben, wie es die Ptolemaios-50 karte aufweist, und bei den stagna doch wohl an die Sumpfgegend an der Einmündung des Bahr el-Ghazal gedacht haben. Denn er weiß (hist anim. IX 2 p. 597a 5), daß die Kraniche aus dem skythischen Norden εἰς τὰ ἔλη τὰ ἄνω τῆς Αἰγυπτου δθεν ὁ Νείλος ρεί ziehen, also in das »Vogelparadies* am Weißen Nil, das kürzlich der Schwede Bengt Berg so anschaulich geschildert hat (Mit den Zugvögeln nach Afrika, Berl. 1924, 93ff.). Eine ähnliche Ansicht hatte 60 schon Eudoxos von Knidos ausgesprochen; er ließ aber, wohl im Anschluß an Nikagoras von Kypros, den Strom in endlosem Lauf aus der Antioikumene, in die er die äthiopischen Berge versetzte, quer durch die διακεκαυμένη zu beiden Seiten des Äquators, die er sich offenbar nicht als Ursprungsort solcher Wassermassen vorstellen konnte, nach der Oikumene fließen (frg. 64f. ed. Giesinger Stoicheia VI 37ff. mit Nachtr. S. [167] 167 Libye (Nillauf)

137; s. u. Suppl.-Bd. IV S. 582). Gegen die üblichen Versuche, die westliche Herkunft des Stromes aus der übereinstimmenden Fauna zu erklären. war möglicherweise des Eudoxos Angabe gerichtet, daß es auch an einer Quelle bei Kal-chedon Krokodile gebe ὄμοιους τοῖς èv Αἰγυπτό) (frg. 48 Gies.).

Auch die dritte Möglichkeit, daß der Nil weit aus dem Osten, ja Nordosten, komme, hatte viele Anhänger gefunden und mußte von Aristo-1 teles bekämpft werden. Auch auf sie müssen wir hier näher eingeben, da sie in analoger Weise wie die entgegengesetzte nicht ohne Einfluß auf die Vorstellungen geblieben ist, die damals und noch späterhin über den Südosten des dunklen Erdteils verbreitet waren.

Während das antike Wissen über den Westen L.s ähnlich wie über den Europas im allgemeinen mehr auf nüchtern-sachlichen Berichten beruhte, herrschten über den Osten von jeher ähnlich i phantastische Vorstellungen wie über das östliche Asien, und aus verschiedenen Gründen glaubte man einen Zusammenhang dieser beiden Wunderländer annehmen zu müssen. Darauf führte das Vorhandensein von Aithiopen hier und dort, dessen Kenntnis man schon bei Homer konstatierte. Wie wir sahen, nannte Hekataios (und ebenso Antiphon frg. 117 Blaß p. 138) in L. Σκιάποδες, die Ktesias nach Indien versetzte (Plin. n. h. VII 23); ferner scheint Hekataios die goldgrabenden ! Ameisen Indiens als äthiopische* bezeichnet zu haben (Reese Die griech. Nachr. über Indien, Leipzig 1914, 70). Pygmäen, Trogodyten, Ichthyophagen kommen in Indien wie in Äthiopien, aber freilich auch wohl anderswo vor. Wichtiger ist eine andere Übereinstimmung. In der nm 130 v. Chr. verfaßten Schrift des Agathar-chidcs περὶ τῆς Ἐρυθράς θαλάσαης, der Plinius offenbar seine Ktesiaszitate verdankte (Marquart Philol. Suppl. VI 1893, 541. Reese 72,· 2), werden in die Beschreibung der äthiopischen Ichthyophagen Züge der asiatischen ,Kostkinder des Meeres* (ix τῆς ὑαλάττης σιτονμενοί) in Kar-manien und Gedrosien eingeflochten (K. Müller GGM I 129 zu § 31), die Ῥιζοφάγοι (GGM I 141), Γυμνήται κυνηγοί (a. O- 144) und 2χρίδοφάγοι (148) werden hier in Äthiopien und bei anderen (bes. Ailianos) in Indien lokalisiert, und die Natur und Sitten der afrikanischen Κυναμολγοί werden genau ebenso beschrieben (Diod. III 31 Λ2 Phot. in GGM I 152f.) wie bei Ktesias die des gleichnamigen indischen Volkes (Ailian. π. ζφων XVI 31 p. 276f. Hercher. Marquart Beninsammlung CCVII). Dennoch geht es kaum an. einen Schriftsteller wie Agatharchides, der schwerlich für seine παράδοξα ἔργα Originalität beanspruchte, des wissentlichen Plagiats zu bezichtigen. Wie mir scheint, ist nur eine Erklärung aller dieser Übereinstimmungen möglich, nämlich daß sich diese Autoren die Ἐρυθρὰ θάλασσα als Binnenmeer (wie Damastes bei Strab. I 47) und die ostafrikanische Küste als unmittelbar in die indische übergehend vorgestellt haben, also bei jenen ,Aithiopen* ebensowohl an Indien wie an die südlichste Ostküste Afrikas denken konnten. So verlegt auch Pollux (onom. V 41 vol. I 272 Bethe) den Wohnsitz der Hundemelker in den unbestimmten Süden, περὶ τὰ ἔλη τὰ μέ- [168] Libye (Nillauf)

168

σημβρινά. Nun kann aber diese Vorstellung nicht erst von Agatharchides oder Ailianos (so Marquart CCXV 3) stammen. Wir wissen vielmehr aus Aristoteles' Polemik, daß sie bereits im 4. Jbdt. weitverbreitet war und Artaxerxes Ochos fast verleitet hätte, einen indischen Fluß, den er wegen seiner Krokodile für den Oberlauf des Nils hielt, abzuleiten, um dadurch Ägypten von sich abhängig zu machen. Er erfuhr von Oden indischen Onitdli – wofür mit Partsch (Abb. Sächs. Ges. 1909, 565) Cini[ce]fali zu lesen ist –, daß dieser Fluß ins Rote Meer münde, daß jedoch ein zweiter ebenfalls Krokodile beherbergender Strom von demselben Gebirge (Aktes oder ähnl.) komme und das Rote Meer an der Außenseite umfließe. Nach Partsch (566) verdankte der Stagirite diese Nachrichten vielleicht einem Verwandten, der als Arzt am Perserhofe gelebt hatte, Athenagoras, dem Sohne des 10 Arimnestos. Die indischen Κυνοκέφαλοι kennen wir aus Ktesias (Ἰνδικά § 20–23), nach dem ihr einheimischer Name Καλύστριοι (nach Marquart CCIX aus *Σαδύστριοι = altpers. *sa-dauzstr = ,Hund‘ + ,melken* entstellt) lautete; mit den von Herodot (IV 191) und Plinius (n. h. VI 191) genannten libyschen κυνοκέφαλοι haben sie natürlich nichts zu tun. da es sich dort offenbar um eine Affenart handelt.

Auch Alexander d. Gr. glaubte noch im Hy-30 daspes und Akesines den oberen Nil gefunden zu haben, bis er durch Nearchs Fahrt eines Besseren belehrt wurde (Arrian. anab. VI 1, 2. Strab. XV 696. Tkae o. Bd. VI S. 887). Und Aristoteles konnte über das Rote Meer nur konstatieren: ,Diesseits von jenem Meer fließt der Nil offenkundig nicht, jenseits aber ist ein Lauf des Nil, wenn auch vielleicht möglich, so doch nicht erwiesen¹ (Partsch 565). Ebenso gesteht noch Polybios (III 38, 1), daß καὶ τῆς 40 Ἀσίας καὶ τῆς Λιβύης, καθὸ συνάπτουσιν ἄλληλαις περὶ τὴν Αἰθιοπίαν, οὐδεις ἔχει λέγειν ἀτρεκώς ἔως τθν καθ' ἠμάς καιρῶν, πότερον ἠπειρὸς ἔστι κατὰ τὸ συνεχές τὰ πρὸς τὴν μεσημβρίαν ἡ ὕαλαττη περιέχεται. Ptolemaios liait trotz der bedeutend erweiterten Kenntnisse über Südasien das Indische Meer für ein Binnenmeer, und noch Prokopios von Kaisareia war der bestimmten Meinung, der Nil entspringe in Indien (de aedif. VI 1, 6).

50 Mit diesen Vorstellungen hängt es auch zusammen, wenn Profan- und Kirchenschriftsteller des späteren Altertums Südarabien, das seit den ersten Jahrzehnten des 4. Jhdts. unter äthiopischer Herrschaft stand (Steph. Byz.: Ὀμηρίται, ἔθνο: ἈΙθιόπων, Μαρκιανος [Anfang des 5. Jhdts.] ἐν περίπλῳ ά; ContiRossini Riv. degli stud. Orient. IX 1921/3, 378), oft mit,Indien* bezeichnen. So nennt Malalas nach dem Sprachgebrauch seiner Zeit den arabischen Limes schon unter 60 Diocletian τὸ Ἰνδολέμιτον (308, 9 Bonn) und spricht von Ἰνδοὶ Ἀμερίται, Ἴνδοι Σαρακηνοί u. ä. (435, 9. 457, 6f. 458, 15. 18). Eusebios (hist. eccl. V 10, 3) und Hieronymus (de vir. ill. 36. Migne L. ΣΧΙΠ col. 651) nennen die Aithiopen ,Inder* und Rufinus (h. e. I 9. Migne L. XXI c. 478 B) spricht von Aelhiopia eique adhaerens ci-terior India (ebenso Socrat. h. e. I 19, Migne G. LXVII col. 125 B: Ματθαῖος δὲ τὴν Aiθio- [169] 169 Libye (ümschiffting)

πίαν * Βαρθολομαῖος δὲ ἔκληροντο τὴν ἄννημμενην ταύτη Ἰνδίαν). Man sprach mit deutlicher Beziehung auf Arabia felix von den glücklichen Indern* (Sophron. p. 7 ed. v. Gebhardt); andererseits verstand man aber auch unter Indien das Land der Brachmanen, also Hindustan (Hieron. ep. 70. Migne L. XXII 667). Alle diese Beispiele (die der Kirchenschriftsteller gesammelt bei Aigrin Dict. d’hist. et de géogr. eccles. III 1924, 1160f.) zeigen, wie verbreitet diese An-1 schauungen waren.

Wer an ein im Süden geschlossenes Rotes Meer (dieses stets im weiteren Sinne des Altertums gedacht!) glaubte, mußte natürlich alle Nachrichten von Umsegelungen L.s für erdichtet halten. Ebenso muß aber auch Nikagoras von Kypros wegen der Herkunft des Nils aus der Antioikumene und aus uns unbekannten Gründen ein späterer Autor, dessen Spuren Martini (Rh. Mus. 1897, 354) bei Kleomedes (de mot. 2 cire. I 2 p. 28, 5f. Ziegler) nachweist, die Existenz eines Äquatorialozeans geleugnet haben, worin ihnen Geminos folgt (el. astr. XVI 1ff., p. 162 Manit.); sie nahmen wohl eine unbewohnte Zone und dahinter wiederum Aithiopen an. Ob dies auch für Endoxos von Knidos gilt (so Gie-singer u. SuppL-Bd. IV 8. 582), ist fraglich: vielleicht suchte er schon solchen Einwürfen, wie sie später Aristoteles gegen Nikagoras erhob, dadurch zu entgehen, daß er den Nil von den An·, tiMiones unter dem Äquatorialozean hindurchfließen ließ (vgl. Mela I 54). Derartige submarine Flußläufe spielen bekanntlich bei den Geographen eine große Rolle; so behauptete man auch vom Nil, er tauche auf Delos wieder als Inopos auf (Strab. VI 271 u. a.). Auch Ephoros muß im V. Buche seines Geschichtswerkes, in dem er die Geographie Asiens und L.s behandelte, zu diesen Fragen Stellung genommen haben; doch läßt ein kurzes Fragment bei Plinius (n. -h. VI 199) seine Ansichten nicht klar erkennen: Ephorus auctor est a Rubro mari navigantis in eam [seil. Cernen insulam] non posse propter ar-(tores ultra quasdam columnas (ita appellantur par· vae insulae) provehi (nach Partsch Ber. Sächs. Ges. LXVIII 2, 39 die Straße von Bäb el-Man-deb; doch ist eher an einen Ausgang der gesamten Ἐρυθρά zu denken: Capelle Berl, ph. Woch. 1910, 1435. Gieeinger Stoich. VI 112, 1). Ephoros war offenbar der erste, der sich für die Landenge von Suez als Ostgrenze des libyschen Erdteils entschied (E. A. Wagner Die Erdbeschr. des Timosth. v. Rhodos, Lpz. 1888, 42).

Wie Alexander d. Gr. durch die von ihm veranlaßten, wenn auch gewiß während der Feldzüge nur hastig und en passant (ἔπιδρομαδην Strab. II 69) ausgeführten Nachforschungen das Hauptproblem der Afrikaforschung so gelöst hatte, daß es dem kritischen Aristoteles οὐκετὶ πρόβλημα darstellte, so bildet überhaupt sein Zug nach Ägypten, mit dem die Hellenisierung des alten Wunderlandes begann und in Alexandreia das erste Wissenschaftszentrum der griechischen Welt erstand (Partsch Ägyptens Bedeutung für die Erdkunde 1905), den wichtigsten Markstein in der alten Entdeckuhgsgeschichte des Erdteils. Freilich beschränkte sich die Hellenisierung auf [170] Libye (Eratosthenes) 170 das untere Nilgebiet und einzelne Häfen am Ara' bischen Meerbusen, und die im Auftrage der Ptolemäer ausgeführten Expeditionen scheinen hauptsächlich wirtschaftlichen Zwecken gedient zu haben (vgl. Strab. XVII 789), wenn sie auch gewiß manche wertvolle Bereicherung des geographischen Wissens dieser Zeit znr Folge hatten. Man ist aber leicht geneigt, die Fortschritte der Kenntnis Äthiopiens und des inneren L.s zu 0 hoch einzuschätzen. So ist es offenbar unrichtig, wenn Partsch (Ber. Sächs. Ges. a. O. 58) die in Volksnamen wie Elephantophagen, Strutho-phagen, Akridophagen, Kynamolgen, Trogodyten enthaltene »biologische Charakteristik* erst auf .Beobachter der Ptolemäerzeit* zurückführt; nach den obigen Ausführungen scheinen vielmehr Ar-temidoros, Agatharchides u. a. die trockenen Küstenbeschreibungen des Roten Meeres (über ihre Verfasser vgl. Berger 385f.) durch der-!0 artige meist vorhellenistische Schilderungen wunderbarer Völker und Tiere zu »Reiseromanen und geographischen Utopien* erweitert zu haben (vgl. Kroll Studien zur Verständnis d. röm. Lit., Stuttg. 1924, 320f.). Auch der mehrfach gerühmte Wissensdurst des Ptolemaios Philadel-phos galt wohl mehr den zoologischen Merkwürdigkeiten der südlichen Länder als ihrer Geographie (Strab. XVII 789. Diod. III 36, 3). Daß aber auch rein wissenschaftliche Interessen ge-50 pflegt wurden, zeigen Dikaiarchos’ Feststellung der Lage Syenes auf dem Wendekreise (Berger 373ff.) und Philons Beobachtungen über die Dauer des Zenitstandes der Sonne in der Breite von Meroc (Hipparch. bei Strab. 1177. Berger Die geogr. Frg. des Hipparch 15. 46; Wiss. Erdk.² 413, 3). Dation (FHG IV 376) soll nach Plinius (n. h. VI 183) weit über Meroe hinaus gelangt sein; doch läßt sein Bericht über den libyschen Oberlauf des Nil (s. o.) seine Glaub-10 Würdigkeit in etwas zweifelhaftem Licht erscheinen (gegen Berger o. Bd. IV S. 2022) und legt es nahe, in seiner Schrift einen geographischen Roman in der Art des ἀνάπλους ἐκ Μεμφεως, den Amometos unter Ptolemaios II. verfaßte (FHG II 396), zu sehen. Neben ihm nennt Plinius von älteren Schriftstellern über Äthiopien noch Aristokreon, Bion, Basilis u. a. (vgl. über sie Droysen Gesch. d. Hell. III 1, 308, 1).

Die Weite und Tiefe, die die geographische 50 Wissenschaft in der frühhellenistischen Zeit gewonnen hatte, fand ihren Ausdruck in dem Werke des bedeutendsten Geographen des Altertums: Die Vorstellungen, die Eratosthenes von L. besaß, sind uns wenigstens in rohen Zügen bei Strabon überliefert.

Die Umrisse des Erdteiles glichen nach ihm einem rechtwinkeligen Dreieck, dessen Hypotenuse die ganze Ozeanküste zwischen den Aithio-pen und Maurusiern bildete, während die des 60 Mittelmeeres und der Nillauf nebst seiner Verlängerung bis zum südlichen Ozean die beiden Katheten darstellten (Berger 400 mit Fig. 9, wo aber die Insel Kerne unrichtig angesetzt ist, vgl. Strenger 25f.). Ein den Parallel von Alexandreia um 3750 (Strab. II 125), den von Karthago um 2850 Stadien überragender Vorsprung an den Säulen wurde dabei außer acht gelassen (vgl. Bolchert 24, der jedoch über- [171] 171 Libye (Eratosthenes)

sieht, daß diese Aufbiegung nach Norden fast ganz auf das westlich von Karthago fallende Drittel der Nordküste beschränkt ist). Als Länge der Mittelmeerküste werden 21 500 Stadien (τουλάχιστον, Strab. I 64), als die der Ostgrenze 13–14000 (Strab. XVII 825), genauer wohl 13400 Stadien (I 63) angegeben; die Länge der Hypotenuse muß demnach etwa 26 000 Stadien betragen haben. Die Südspitze verlegte er hypothetisch in die Breite des Zimtlandes (XVII 825) und scheint an dessen Küste das Νότον κέρα; Hannos, dessen Fahrt er sich – vielleicht nach Ophelas (XVII 826; vgl. Frick Burs. Jahresb. XXIII 1880, 553) – seltsamerweise in südöstlicher Richtung vorstellte, als südlichsten Punkt L.s angenommen zu haben (vgl. unten zu Poseidonios).

Auffallend könnte es erscheinen, daß noch Eratosthenes den Nil als Ostgrenze L.s ansieht und sogar Strabon, obgleich er Herodots Bedenken dagegen wiederholt, sich doch nicht recht entscheiden kann, ob er an seine Stelle die Landenge von Suez einsetzen soll. Strenger (3. 27) will sogar, durch Behauptungen Forbigers (Alte Geogr. I 89, 29) irregeführt, bei Strabon ,nicht weniger als fünf verschiedene Bedeutungen des Wortes L.* feststellen; vergleicht man aber die dafür zitierten Belegstellen, so findet man es dort stets in dem gleichen Sinne, nämlich für das Land westlich vom Nil (μέχρι Νείλου, μ. τῆς τοῦ Νείλον ρύσεως) oder Teile davon gebraucht. Wir sind leicht geneigt, die seit Ptolemaios und noch jetzt allgemein übliche Abgrenzung des Erdteiles als selbstverständlich und naturgemäß anzusehen. Für die Nilgrenze sprachen jedoch im Altertum gewichtige Gründe. Man empfand L. immer stark als ethnographischen Begriff, das Land der Λίβυες, die nur westlich von Ägypten wohnten, während die östliche Wüste schon frühzeitig von Araberstämmen, also Asiaten, besiedelt worden war. Das spricht sich nicht allein in den Bezeichnungen der νομοὶ Λιβύης und Λραβία bei Ptolemaios für den westlichsten und östlichsten Teil des Deltas aus (schon Herod. II 158 nennt Pathumos eine Stadt Arabiens, und LXX Gen. 45, 10 heißt Gosen Γεσεμ Ἀραβίας), sondern man unterschied auch in hellenistischer Zeit bei den Nomoi, die sich über beide Nilufer erstreckten, zwischen ihrem ,libyschen⁴ und arabischen⁴ Teil (Beispiele, wie κωμῶν τῆς Λιβύης τὸν Παθυρίτου, τῆς Λ. τὸν Κοπτίτου bei Kuhn Stadt, und bürgert Verf. d. Röm. Reichs II 488 Anm. 4250; 495 A. 4300). Es handelte sich also um volkstümliche Bezeichnungen, die sich nicht durch wissenschaftliche Theorien ohne weiteres ausrotten ließen.

Das Werk des Eratosthenes, das wir als Verkörperung des hellenistischen Wissens zu betrachten pflegen, bedeutet in der Zeichnung L.s entschieden einen Rückschritt gegenüber Herodots Zeit. Während bei Herodot der Nil noch ebensoweit südlich von Meroe bekannt ist, wie diese Stadt von Elephantine (Syene) entfernt liegt, rechnet Eratosthenes (auf den Strab. XVII 825 zweifellos zurückgeht) von Syene bis Meroe 5000 Stadien, von dort bis zur Grenze der διακεκαυμένη 3000 und, da die Südspitze (κορυφή) L.s ungefähr (πώς) in diese Zone falle, von Meroe [172] Libye (Eratosthenes) 172

bis zu ihr nur 3–4000 Stadien. Zu dieser südlichen Verkürzung L.s kommt noch seine zunehmende Verschmälerung gegen Süden hinzu, durch die der Teil des Landes, von dem man θὰ τὸ ἀπρόσιτον nichts wußte, auf ein Mindestmaß reduziert wurde. Während dieser Fehler seiner Karte später, vielleicht zuerst von Posei-donios, verbessert wurde, hinterließ seine viel zu südliche Ansetzung Karthagos (die allerdings 10 schon frühere Geographen ebenso falsch geboten

haben können) ihre deutlichen Spuren auf den Karten des Agrippa und Ptolemaios und wurde erst durch die italienischen Seekarten des Mittelalters richtiggestellt. Überhaupt war er offenbar über die Küste westlich von Karthago ebenso schlecht unterrichtet wie sein Gewährsmann Timosthenes von Rhodos (Marciani epit. 3. GGM I 566) und die meisten seiner Zeitgenossen. Andererseits begegnet uns bei ihm zum erstenmal 20 eine genauere Vorstellung von dem Nillauf um

und unterhalb von Meroe, seinen Nebenflüssen Astaboras und Astapus und den ethnographischen Verhältnissen Aithiopiens. Von den südlichen Nilquellen sagt er nur recht unbestimmt (Strab. XVII 786), daß manche unter Ἀστακούς (bei Iuba hieß, wie wir sahen, das letzte Stück des Westnil so) einen anderen Fluß verstehen ρέοντα ἐκ τινων λιμνῶν ἀπὸ μεσημβρίας καὶ σχεδὸν τὸ κατ' εὐθείαν σώμα τὸν Νείλου τοντον ποιεῖν, 30 Jedenfalls waren die Hypothesen über eine Her

kunft des Stromes aus dem fernen Osten oder Westen für ihn durch die Schrift des Aristoteles erledigt; das zeigen seine Anspielungen (Procl. in Plat. Tim. p. 22D I p. 121 Diehl: ὄνδε ζητειν χρηναὶ αἰτίαν; Strab. XVII 790 εἰ γὰρ ἄρα, τοῦτ ἔχρην ζητεῖν.. .) auf Aristoteles’ Wort οὐκέτι πρόβλημά ἐστιν (Partsch Abh. Sächs. Ges. 1909, 575, 1). Doch scheint sich bei ihm noch eine Spur einer vierten Ansicht zu finden, 40 die vielleicht auch Aristoteles andeutet, nämlich

daß der Nil sein Wasser unterirdisch aus den Euphratsümpfen erhält (vgl. Pausan. II 5, 3. Philostr. vit. Apoll. I 14); denn auch er kennt diesen unterirdischen Lauf, läßt ihn jedoch in die Lagunen bei Rhinokolura (Sirbonissee) münden (Strab. XVI 741; anders Berger 438). Die Streitfrage, ob er die Äquatorialzone für bewohnbar gehalten hat oder nicht (Partsch Ber. Sächs. Ges. LXVIII 2, 55, 1), ist für L. insoθθ fern belanglos, als es nach ihm eben nur bis an

ihre Grenze heranreichte; er könnte jenen Gedanken also nur bei der streng genommen zu Asien zu rechnenden Zimtküste oder Taprobane erwogen haben.

Wie Eratosthenes das innere L. im einzelnen sich vorgestellt und beschrieben hat, können wir nicht mehr feststellen, da Strabon hierfür wohl fast ausschließlich Poseidonios benutzt hat. Außer einigen allgemeinen Bemerkungen über die Kli-00 mata geht auf ihn (über Hipparchos) nur das Zitat aus Straton von Lampsakos zurück, der im Anschluß an Aristoteles eine einstige Geschlossenheit des Mittelmeeres und seine Ausdehnung bis zur Ammonsoase und vielleicht auch tief nach Ägypten hinein nachzuweisen gesucht hatte (Strab. I 49f.). Auch Hipparchos setzte sich in seiner Kritik des eratosthenischen Werkes mit dieser Hypothese auseinander: im übrigen dürfte dieser [173] 173


Libye (Polybios)

Mathematiker und Astronom kaum nennenswertes Material über däs innere L. beigebracht haben (Berger Geogr. Fragm. d. Hipparch, Lpz. 1869; Wiss. Erdk.2 458–487).

Eine neue Periode der Entdeckungsgeschichte L.s beginnt erst wieder nach dem Fall Karthagos. Die Sperre der punischen und libyschen Häfen, die wohl mehr als Ausdruck der feindseligen Stimmung der Bevölkerung, denn als offizielle Maßnahme der karthagischen Regierung 10 zu verstehen ist, hatte für die griechische Wissenschaft die schlimme Folge, daß unkontrollierbare Behauptungen und phantastische Erfindungen das gute alte Periplenmaterial überwucherten und vermischten. So wurden Amazonen (Ps.-Callisth. p. 136–138a bei Ausfeld Der griech. Alexan-derroman 1907, 102–104) und Gorgonen, Pane und Satyrn (Mela III 9. Plin. VI 197. 200; wohl Menschenaffen, vgl. Jeep Rh. Mus. 1897, 218f.) nach L. versetzt, unter dessen sagenhaften Städ- 20 ten auch Hannos Insel Kerne wiederkehrt (Diod. bibl. III 52ff.). Es ist wohl kein Zufall, daß die erste Expedition nach der Westküste L.s, von der wir wieder näheres erfahren, während der Belagerung Karthagos durch Scipio stattfand. Im Auftrage des römischen Feldherrn fuhr Polybios – anscheinend nahm auch Panaitios an der aus reinem Forschertrieb (πρὸς φιλομάθησιν, vgl. Norden Germ. Urgesch. 32) unternommenen Reise teil (Cichorius Bh. Mus. LXIII 222) –30 mit einer Flotte an der Küste entlang bis zum Lixos, dem Wädl Dafa. Er suchte den Atlas, dessen höchste Erhebungen er schon in der Mitte seiner Fahrt an der mauretanischen Westküste bemerkte, richtiger zu lokalisieren als seine Vorgänger, die ihn an die Grenze Mauretaniens verlegt hatten, wo nach ihm nur ein πρόπους ὕστατος πρὸς δύσιν, genannt αἱ Κώτειςθ hervorragte (Strab. XVII 825). Durch vorsichtige Interpretation der kurzen Polybiosfragmente bei Plinius 4( (n. h. V 9. VI 199) und Strabon (XVII 825f.) lassen sich noch einige Züge seines Berichtes, den er im XXIV. Buche seines Geschichtswerkes veröffentlichte, rekonstruieren (Strenger 28–32). Neue Entdeckungen waren ihm nicht beschieden, da er nicht weiter gelangte, als die Gaditaner zu fahren pflegten (Strab. II 99); doch beobachtete er, wie später Poseidonios (Strab. XVII 827), gewissenhaft die Tier- und Pflanzenwelt des Landes (Plin. V 9). 5

Über den möglichen Zusammenhang L.s und Asiens an der äthiopischen Küste wagte Polybios keine sichere Entscheidung zu treffen (s. o.) und scheint sich überhaupt über den unbekannten Süden recht zurückhaltend geäußert zu haben. Die Bewohnbarkeit der heißen Zone behauptete er in einem περὶ τῆς ὑπὸ τὸν ἰσημερινὸν οἰκήσεως betitelten Schriftchen auf Grund der Autopsie seiner Gewährsmänner (Geminos el. astr. XVI 32 p. 176 Manitius), ohne daß wir freilich 6 über diese weiteres feststellen können, als daß sie ihre Forschungen auf Veranlassung τῶν èv Ἀλεξάνδρειά βασιλέων angestellt hatten (a. O. XVI 24 p. 174, 4 M.). Wenn er sein Urteil damit begründet, daß die Äquatorialregion ὑψηλότατη ἐστί (Strab. II 97), so ist es nicht ganz sicher, ob er dabei 'wirklich, wie Poseidonios (a. O.) seine Worte auffaßte, an die Wölbung der [174] Libye (Poaeidonios) 174

Erdkugel dachte oder das äthiopische Hochland unter den Gleicher verlegte (Berger Erdk.² 509).

Wie Eratosthenes als Hauptvertreter der frühhellenistischen Geographie gelten kann, so verkörpert sich in Poseidonios die durch die beginnende römische Weltherrschaft und die geistige Eroberung Roms durch Hellas ermöglichte ungeheuere Erweiterung dieser Wissenschaft. Der Wert seiner geographischen Forschungen beruht auf der Autopsie, die er sich auf weiten Reisen erworben hatte, und die sich bei ihm mit einer durch gründliche Vorkenntnisse geschärften Beobachtungsgabe paarte. Wie weit ihm L. bekannt war, entzieht sich unserer Kenntnis; das bereits erwähnte Fragment (Strab. XVII 827) handelt von seinen Beobachtungen an Affenhorden, die er auf der Fahrt von Gadeira nach Italien an der libyschen Küste angestellt hat.

Der Vergleich der Umrisse L.s mit einem Trapez bei Strabon (II 130), das zu der von Eratosthenes angenommenen Dreiecksform im Gegensatz steht, stammt zweifellos von Poseidonios. Der Grund der verschiedenen Zeichnung liegt aber nicht in einer abweichenden Abgrenzung L.s gegen Asien (so Strenger 27. 36); denn gerade an der erwähnten Strabonstelle wird Asien μέχρι Νείλου und L. bis zur Grenze Ägyptens und Äthiopiens gerechnet, wie es denn überhaupt sehr fraglich ist, ob Poseidonios an ¹ Isthmosgrenzen der Erdteile gedacht hat (vgl. Berger 91ff.; die von Strenger 54, 4 angeführten Stellen beweisen für Poseidonios nichts, und auch περὶ κόσμου 3 sind beide Ansichten nebeneinandergestellt, wenn auch die der Isthmosgrenzen bevorzugt wird), Vielmehr sagt Strabon deutlich, daß die Ozeanküste von Äthiopien bis zu einem bestimmten Punkt (μέχρι τινός) der des Mittelmeeres parallel läuft. Dieser Punkt kann doch wohl nur nach Hannos Ἔσπερον κε-) ρας benannt worden sein, während die Südostecke ebenso wie vermutlich die Südspitze (κορυφή) des Eratosthenes Νότου κεράς geheißen haben wird. Artemidoros bezeichnet später mit diesem Namen vielmehr die Ostspitze L.s, bis zu der seine Kenntnis reicht (die freilich nach der üblichen Abgrenzung zu Asien gehört ’); denn er sagt, daß man dahinter gen Süden herumfährt (Strab. XVI 774). Ptolemaios, bei dem der Süden L.s als breite Landmasse mit der) Antioikumene zusammenhängt, übernimmt gleichwohl diese Ansetzung; da jedoch durch die bei Marinos verarbeiteten Küstenbeschreibungen (s. u.) für die beiden östlichen Kaps bereits die Namen Ἀρώματα (j. Räs Asir oder Öarad Ha-füni, portug. Guardafui) und Ζίγγις (j. Räs Ha-fun) feststehen, südlich von Rhapta und dem Vorgebirge Prason (den Endpunkten dieser Peri-ploi) aber das Νότον κέοας nicht untergebracht werden konnte, weil die Küste dort nach Osten 0 umbog, so fugte Ptolemaios das in diesen Quellen (Ptol. I 17, 5 p. 46 M.) fehlende Kap kurzerhand zwischen den beiden Stationen Ἀπόκοπα und μικρὸν αἰγιαλόν (also etwa bei dem jetzigen Räs el-aswad) ein (ähnlich, aber nicht ganz zu treffend Strenger 37). Verbinden wir auf der Ptolemaioskarte das Ἔσπερον κέρας (8° n. Br.) mit dem 'Ἀρώματα ἄκρον (6° n. Br.) oder dem Νότον κέρας (1° n. Br.) durch eine Gerade, so [175] 175 Libye (Poseidonios)

erhalten wir ungefähr die der Mittelmeerküste parallele παρωκεανῖζις des Poseidonios, wenn auch die westöstliche Ausdehnung L.s bei ihm natürlich keineswegs die gleiche gewesen zu sein braucht. Wir sehen also, daß auch für ihn L. eine Insel (im Sinne des Eratosthenes bei Strab. I 65) war; wir wissen ferner, daß auch er stets für einen Zusammenhang des die Erde umgebenden Weltmeeres eintrat (Gronau Poseid. 93). Diese Vorstellung und der Umstand, daß er die Äquatorialzone für gemäßigt und bewohnbar hielt (Kleomed. I 6 p. 58, 9 Ziegler), steht in engem Zusammenhänge mit der Tatsache, daß er den damals auch gerade aus klimatischen Gründen vielfach bezweifelten Nachrichten über Umsegelungen des Erdteils keineswegs ablehnend gegenüberstand. So sind wir durch ihn auch über einen neuen Versuch dieser Art unterrichtet. Sein Bericht über die Erlebnisse des Eudoxos von Kyzikos, dessen Forschungsdrang trotz wiederholter Mißerfolge niemals nachließ, verdient um so mehr Glauben, als Poseidonios die älteren Berichte über gelungene Umsegelungen L.s bei Herodot und Herakleides Pontikos als ἀμάρτυρα ablehnt; sein Wissen über Eudoxos verdankte also Poseidonios anscheinend dessen persönlichen Mitteilungen, sei es als Hörer seiner Vorträge in Dikaiarcheia (Puteoli) und Massalia, sei es aus Privatgesprächen mit ihm in Gades. Stra-bon, der ,auf Grund seiner Abneigung gegen die Wunder der Entdeckungsreisen* (Berger 571) die Erzählung durch zahlreiche Einwände als unglaubhaft hinzustellen sucht, ist doch aufrichtig genug, schließlich zu erklären: ἔκαστον γὰρ τῶν τοιούτων οὐκ ἀδύνατον μὲν, ἄλλα χαλεπὸν καὶ σπανίως γινόμενον μετὰ τύχης τινός (II 102). Für die Entstehung der Ansicht des Poseidonios über die Gestalt L.s ist es wichtig, daß der νπερ τὴν Αἰθιοπίαν verschlafene Eudoxos dort ein angeblich gaditanisches Wrack fand, das nach den Angaben der Eingeborenen von ὄλο τῆς ἐσπέρας πλεόντων τινῶν herrührte: danach schien also die Ostküste L.s gleich hinter Äthiopien nach Westen umzubiegen. Ebenso heißt es bei seinem späteren Versuch, von Gades aus L. zu umfahren, er sei auf hoher See ἐπὶ τὴν Ἰνδικὴν ζεφύροις συνεχέσι gefahren: Strabon scheint hiernach in seinem gekürzten Bericht den Beginn der Fahrt an der Westküste übergangen zu haben, und Eudoxos muß nach der Vorstellung des Poseidonios etwa bis zur Mitte der Südküste gelangt sein, deren Anwohner sowohl den Maurusiern wie auch den Äthiopen ähnlich waren. Möglicherweise trug auch dieser Bericht dazu bei, Poseidonios in seiner Überzeugung, daß die Äquatorialzone οἰκουμένη καὶ εὐκρατος sei, zu bestärken. Denn fast bis in die halbe Breite der sog. verbrannten Zone reichte nach Eratosthenes' Schätzung das libysche Festland (8000 Stad. eüdl. von Syene, 8800 nördl. vom Äquator Strab. II 95). Dessen Maße übernahm Poseidonios und fügte hinzu, sie seien bis zum Parallel der Κινναμωμοφόρος [γῆ] naebgemessen: πλεῖταί τε γὰρ καὶ ὀδεύεται (a. O., Vgl. XVII 789). Damit spielt er wohl wieder vor allem auf die Fahrt des Eudoxos an, die ihm (neben dem von Polybios zusammengestellten Material) den Beweis erbracht hat, daß bis zur Südküste L.s, also [176] Libye (Poseidonios) 176

etwa bis in die Mitte der angeblichen διακεκαυμένη, Menschen wohnten.

Auch die Nilfrage hat Poseidonios wieder aufgerollt und ähnlich wie Aristoteles einen historischen Überblick der Ansichten älterer Forscher und Dichter geboten (Strab. XVII 790; eine ganz ähnliche Zusammenstellung der Ansichten διαφόρων ποιητῶν καὶ ἰστορικῶν περὶ τῆς τὸν Νείλου αὐξήσεως enthält der Cod. 287 10 fol. 160 der Bayr. Staatsbibliothek [Hardt Cat. cod. bibl. Bavar. vol. I tom. III 210], erwähnt in Bergers Art. Asamon Nr. 3 o. Bd. II S. 1515). Aue Strabons Tadel geht hervor, daß er dabei nochmals die Frage untersuchte, ob die sommerlichen Wassermassen wirklich, was Strabon für selbstverständlich ansieht, durch Regengüsse oder etwa aus anderen Ursachen (wie Schneeschmelze, Meerüberflutung usw.) zu erklären seien (anders Corssen Philol. 1917, 25); wir sahen oben, daß 20 er vermutlich einen unterirdischen Lauf des Stromes annahm.

Auch das wenige, was Strabon im Anschluß an die Beschreibung der Syrtis und Kyrenaia über deren Hinterland zu sagen weiß, verdankt er offenbar Poseidonios. In der Aufzählung der libyschen Stämme (II 131 und XVII 835 besser als 838) werden nach den meist schon bei He-kataios und Herodot genannten Küstenvölkern Μαρμαρίδαι, Ψύλλοι, Ναααμώνες, τῶν Γαιτούλων 30 τινές, livrai (die Σέντιτες bei Ptol. IV 5, 12 p. 692 M.; Meineke corr. Ἀσβύσται) und Βυζάκιοι als Bewohner einer zweiten Zone die Γαίτουλοι, in einer dritten die Γαράμαντες, Φαροναιοί und Νιγρῖται (var Νίγρητες XVIII 828) und 9–10 Tagereisen südlich davon die Αἰθίοπες am Okeanos erwähnt. Für die Zonen finden sich bei ihm auch ähnliche Bezeichnungen wie bei Herodot; doch anstatt mit θηριώδης usw. sind sie passender und einheitlicher nach floristischen 40 Kennzeichen benannt (vgl. noch jetzt biläd el-gerid ,Palmenland¹): 100 Stadien weit reicht die δενδροφόρος γῆ, weitere 100 das Gebiet, in dem man noch säet, aber wegen der Dürre nur Gestrüpp und Wurzeln gedeihen (ich lese ριζοτροφεί, da die negative Charakteristik [ούκ] ὀρυζοτροφεί sinnlos ist); dahinter erstreckt sich die Silphionregion (300 Stadien ἡ μικρφ πλειόνων breit), auf die ἡ ἀοίκητος καὶ ἡ τῶν Γαραμάντων folgt. Beachtenswert ist die Schlußbemer-50 kung οὐδ' ἄν ἔχοιμεν λέγειν τοὺς ὄρους οὐτὲ τῆς Αἰθιοπίας οὐτὲ τῆς Λιβύης, ἄλλ' οὐδὲ τῆς πρὸς Αἰγύπτῳ τρανῶν, μὴ τὶ γὲ τῆς πρὸς τῷ ὤκεανω, die wir wohl getrost dem Poseidonios zuweisen dürfen (unentschieden Strenger 137), da schwerlich ein anderer wissenschaftlich hoch genug stand, um die Grenzen zwischen wirklich Erforschtem und Unbekanntem so bestimmt und klar bezeichnen zu können (vgl. dagegen Plinius und Ptolemaios).

60 Von Poseidonios stammt wohl auch die Ansetzung der Μακάρων νήσοι (s. d.) vor der maurusischen Küste, also ihre Gleichsetzung mit der Madeiragruppe, die uns zuerst bei Plutarch (Sert. 8) uud Sallust (hist. frg. I 100; II p. 43 Maurenbr.) begegnet (C. Müller Stud. z. Gesch. der Eidk. im Altert., Bresl. 1902, 7. Strenger 14).

Auch Artemidoros behandelte im VII. Buche [177] 177 Libye (Römer)

seiner γεωγραφούμενα L.; da ihn aber Strabon t nur bei der Küstenbeschreibung benutzt (Str enger

i 140), weil er seine Angaben über das Binnen-

! land, das er von der Gegend oberhalb von Kyrene

f bis zur Westküste von μετανάοται Λωτοφάγοι be-Ç wohnt sein ließ, verwarf (XVII 829), wissen wir, L abgesehen davon, daß er die Gaituler und Pharusier 2 erwähnt hat (Steph. Byz.), kaum noch etwas von I seiner Darstellung Inner-L.s.

f Seit Caesar 100 Jahre nach dem Falle Kar-1

thagos Numidien als Provinz Africa nova ein-

L gerichtet hatte, war auch für die Erforschung der westlichen Sahara eine breitere Basis geschaffen, so wie sie die hellenisierte Kyrenaika längst für die östliche bildete. Der erste, der hier unter besonders günstigen Bedingungen neue Forschungen anzustellen vermochte, war König ( Iuba II. In Rom erzogen und mit griechischer Wissenschaft vertraut, wurde er durch Augustus König von Numidien, das er 25 v. Chr. gegeni Mauretanien eintauschen mußte. Auch der pu-nischen Sprache war er, wie wir sahen, mächtig I (vgl. auch Norden, Germ. Urgesch. 892,D, studiorum claritate memorabilior etiam quam regno; sein Interesse galt unter anderem besonders der Geographie. Daß er darin früh für eine Autorität galt, zeigt sein geographisches Gutachten für die geplante Orientexpedition ( I v. Chr.) des Prinzen C. Caesar (Plin. n. h. VI 141. Norden 435, 1). Wie Ptolemaios Philadelphos verband er mit den ί geographischen Forschungen zoologische. So ließ er ein Krokodil des Nilides lacus im Iseion seiner Hauptstadt loi Caesarea ausstellen (Plin. V 51) und verschaffte sich ein Paar der außergewöhnlich großen Hunde der Insel Canaria (a. O. VI 205); das VIII. Buch der plinianischen Naturgeschichte geht hauptsächlich auf ihn zurück (Münzer Beitr. zur Quellenkrit. des Plin. 411ff. Ahlgrimm ► De Iuba Plinii auctore in n. h. de animalibus libris, Progr. Schwerin 1907). Auch sonst hat Plinius sein Werk stark benutzt; doch bei seiner gedrängten Schreibart und Zitierweise ist es schwer, Iubas Anteil reinlich herauszuschälen (s. u). Nach dem zu schließen, was wir mit Sicherheit auf ihn zurückführen können, war der Afrikaner ein Vertreter jener wüsten Gelehrsamkeit, bei der es weniger auf die Genauigkeit des Inhalts als auf die Fülle des Stoffes ankam (Peter Schul-progr. Meißen 1879). Plinius hat ihn natürlich auch in der Beschreibung L.s in weitgehendem Maße und zwar zweifellos direkt (Jacoby o. Bd. IX S. 2391) benutzt. Von den vier Routen der Indienfahrer, die er bei der Behandlung des arabischen

। Meerbusens aufzählt (Plin. VI 96ff.), entnimmt

’ er Iubas Werke die drei ersten (Kornemann

Janus I 57). Bei der Beschreibung der Trogody-tike sagt Plinius von ihm: victetur diligentissimc persecutus haec und entschuldigt eine Unvollständigkeit, die er bei ihm fand, mit der Möglich-

  • keit, das ihm vorliegende Exemplar könne fehlerhaft abgeschrieben sein (VI 170). Am mossyli-[ti]schen Kap ließ Iuba das Atlantische Meer beginnen, durch das man an seinem mauretanischen Reiche vorbei mit dem Nordwestwind (!) nach Gades

L¹ fahre (Plin. VI 175). Das Kap entsprach bei J™ a80 er κορυφή des Eratosthenes, dessen Dreiecksform L.s ef demnach übernahm. Da Plinius an jener Stelle die Beschreibung des Ara- [178] Libye (Römer) 178

bischen Meerbusens noch nicht beendet liât, erklärt er: cttius [Iubae] iota sententia hoc in loco subtra-henda non est; später aber, bei der Beschreibung der Atlantischen Küste Afrikas, läßt er im Gegensatz zu Iuba mit Varro (vgl. Mela III 100) die Küste erst bei dem Hesperu Geras nach Westen und zum mare Atlanticum umbiegen (VI 199). Indes scheint doch auch ein großer Teil der Beschreibung Westlibyens auf Iuba zurückzugehen; 0 so haben wir ihn schon als Vertreter der Ansicht vom westlichen Ursprung des Nils kennengelernt, fur die er sich anscheinend auf Dalion berief (vgl, Plin. n. h. VI 194; gegen Klotz Quaest. Plinian. 205, der diese Stelle nicht beachtet hat). Überhaupt mag Plinius seine Zitate aus griechischen Autoren häufig Iubas Werk entnommen haben; Wendungen wie sic prodit Bion; Iuba aliter (VI 179) brauchen keineswegs einen Wechsel der Quelle anzuzeigen (so K1 o t z 4 3). Die Quellenscheidung bei K1 o t z Ï0 (204–206), der alles, was nicht zu Iubas Ansichten paßt, Isidoros von Charax zuweist, ist zwar sehr bestechend, da durch sie alle Widersprüche der plinianischen Darstellung bei seinen Gewährsmännern behoben werden; es ist aber recht zweifelhaft, ob wirklich Isidoros, der in der Beschreibung L.s nirgends erwähnt wird, als Quelle für sie eine solche Rolle spielte, während es andererseits sehr wohl denkbar ist, daß auch Iubas Werk als eine ähnlich unselbständige Kompilation wie die des 30 Plinius einander widersprechende Notizen und Exzerpte enthielt. Unter solchen Umständen ist eine Quellenscheidung bis ins einzelne kaum durchführbar.

Aus Strabons Beschreibung des inneren L.s ist bereits das Wesentliche mitgeteilt, da sie fast ausschließlich auf älteren Werken beruht. Ebenso unselbständig scheint die Behandlung L.s bei Pomponius Mela zu sein; sie beruht wohl, wie schon die übereinstimmende Anordnung des Stoffes 40 zeigt, in den Hauptzügen auf Varro (Vivien de St. Martin Le Nord de l’Afrique 148; die von Goebel Westküste Afr. 40, 1 erwähnte Diskrepanz ist unwesentlich); eine stark verfälschte Darstellung von Eudoxos’ Fahrt verdankt er Cornelius Nepos (III 90). Bei ihrer Kürze enthält seine Darstellung kaum Neues.

In die Zeit zwischen Strabon und Plinius fallen eine Reihe römischer Unternehmungen zur Sicherung der Südgrenze des Beiches, die zugleich für 50 die Entdeckungsgeschichte L.s nicht ohne Bedeutung waren (vgl. im allgemeinen Norden 434–450). Sie begannen mit der Strafexpedition (19 v. Chr.) des L. Cornelius Baibus gegen die Garamanten in Phazania (j. Fezzän), über die Plinius (V 37) nach dem offiziellen Feldzugsbericht referiert. Als wichtige Punkte nennt er (V 35f.) Älele, Cüliba und in der Gegend von Sabrata Cydamus (j. Ghadämes); dahinter erstreckt sich von Osten nach Westen das Schwarze Gebirge 60 (mons Ater s. Niger, j. Harüg el-aswad), hinter ihm die Wüste mit den garamantischen Städten Thelgœ, Débris und Garama (j. öerma). Dann zählt er die Stationen des Zuges gegen die Garamanten der Reihe nach auf, wobei er die bereits erwähnten Orte übergeht (außer Débris** var. Deerit und dem mons Niger), und schließt mit dem edelsteinreichen mons Gyri (Ptol. IV 6, 3 p. 736, 6 M.: to Γίργιρι ὄρος). [179] 179 Libye (Börner)

Der Proconsul von Africa, Lentulus Cossus, gelangte 6 v. Chr. im Kampfe gegen die Gaetuler bis in die südlichen Atlasländer (Cass. Dio LV 26ff. Oros. VI 21. Flor. II 12, 40. Vell. II 16). Der Legat Cornelius Scipio unternahm 22 n. Chr. im Kleinkriege gegen Tacfarinas einen Streifzug nach den suffugia Garamantum (Tac. anri. III 74). Etwa um dieselbe Zeit schlug der Proconsul P. Sul-picius Quirinius die Mannariden und Garamanten (Flor. IV 12, 41. Iordan. p. 32, 20 Momms.). Bedeutsamer war wiederum die Erkundung der Südseite des Atlas durch Suetonius Paullinus, der im Verlaufe des Krieges gegen die Mauretanier unter Aedemon über das Gebirge zehn Tagereisen weit bis an den Fluß Ger (s. o. Bd. VII S. 1366) vordrang (Plin. V 14f.). Er beschrieb in ähnlicher Weise wie schon Iuba die uralten Wälder des Gebirges, dessen Gipfel von ewigem Schnee bedeckt waren, dahinter die schwarzen Sandwüsten, die vor Hitze unbewohnbar waren, und schließlich in der Nähe des Flusses Ger die hauptsächlich von Hundefleisch lebenden Canarii, in denen schon Vivien de St. Martin (Nord de Γ Afr. 109. 372. 411; vgl. auch Marquart Benin-Sammlung CLXVII) die Vorfahren der mittelalterlichen Qam-nürtja erkannt hat, von deren Lebensweise Edrïsï das gleiche berichtet. Hinter ihnen wohnten die Perorser, die bereits als Aithiopen bezeichnet werden. Für die Kritik der Ptolemaioskarte (s. u.) ist es wichtig, daß wir in diesem Feldzugsbericht ein unzweideutiges Zeugnis dafür besitzen, daß dieses Volk unweit der mauretanischen Grenze gewohnt hat (Viv. de St. Martin 411).

Zu Beginn der Regierung Vespasians riefen die Bewohner von Osa (Tripoli) bei einem Konflikt mit Leptimagna (j. Lebda) die benachbarten Garamanten zu Hilfe. Der Statthalter ."von Africa schlag sie zurück und folgte ihnen in ihr Gebiet, wo es infolge der fortgeschrittenen Erforschung dieser Wüstenstriche (locorum notitia) möglich war, einen Abkürzungsweg, der in 4 Tagen nach Garama führte und praeter caput saxi hieß, ausfindig zu machen; die Garamanten hatten sich vergebens bemüht, ihn durch Zuschüttung der Brunnen unzugänglich zu machen (Plin. V 38. Tacit. hist. IV 50. Solin. 30).

Auch in Äthiopien drangen die arma Romana weit nach Süden vor, allerdings nicht weiter, als griechische Söldner bereits vor Herodot gelangt waren. Unter Augustus eroberte und plünderte der Praefectus Aegypti P. Petronius das obere Niltal bis Napata und rückte im Ganzen von Syene 870 mp. weit (Plin. VI 181f. Strab. XVII 880. Cass. Dio LIV 5), also nach den bei Plinius folgenden Distauzangaben bis nahe an die Insel Meroe vor. Nero, der ebenfalls ein bellum Aethio-picum plante, sandte einen Tribun mit einem Prätorianerdetachement nach Meroe, der unterwegs genaue Vermessungen vorzunehmen und dem Kaiser über seine Erkundungen ausführlich zu i berichten hatte. Aus den erhaltenen Bruchstücken des bei Hofe eingereichten Memorandums über diese Unternehmung (Plin. VI 181. XII 19) geht hervor, ,daß auch Verwaltungs· und Finanzinteressen bei der Expedition ins Spiel kamen* (Diels Abh. Akad. Berlin 1885, III 30f.). Meroe diente offenbar als Operationsbasis für eine weitere rein wissenschaftliche Reise zweier Centurionen zur Er- [180] Libye (Periplus) 180

forschung der Nilquellen, die aber wohl nur bis zur Nilbarre an der Mündung des Bahr al-Ghazäl vordrangen (Sen. nat. quaest. VI 8, 31.; s. o.).

Es ist das Verdienst des Plinius, die geographisch wichtigen von diesen Feldzugsberichten in seine Beschreibung L.s eingefügt zu haben, die dadurch bedeutend an Wert gewinnt. Die übrige Darstellung des inneren L.s ist ein Gemisch von fabelhaften und mehr oder minder verbürgten, 10 meist durch Mittelquellen (hauptsächlich Iuba) hindurchgegangenen und verfälschten Nachrichten der verschiedensten Autoren. Der geringe Zusammenhang dieser aneinandergereihten Notizen, der sich am deutlichsten in der häufigen Verwendung verschiedener Namensformen für die gleichen Dinge verrät (z. B. Oechalicae V 44 = Oeealices VI 194; Nepata VI 181 = Nabata 184 = Napata 189; Pdlugges VI 191 = Phalliges 192), die Kürze des Stils, der ,renferme plus de choses 20 que de mots* (Vivien de St. Martin 148), und die dadurch bedingte geographisch unklare Darstellung machen es unmöglich, ein einheitliches Bild des plinianischen L.s zu rekonstruieren. Wichtig sind einige Entfernungsangaben; daß quidam in südlicher Richtung von Meroe 30 Tagereisen bis zum oceanus Aethiopicus rechnen (VI 196), ferner, daß die Trogodyten 7 Tagereisen südwestlich von den Amanten hausen, die ihrerseits 12 Tage westlich von den Syrtes maiores wohnen 30 (V 34); endlich die Berechnungen des Agrippa, nach denen die (westöstliche) Länge Africas (L.s) 3798 mp. betrage, als (nordsüdliche) Breite des Kulturlandes nirgends mehr als 250 mp., in der Wüste aber bis zu den Garamanten, soweit man sie kannte, 910 m. p. gemessen seien. Die letzten Zahlen gehen anscheinend auf amtliche Vermessungen zurück: die 250 mp. stimmen genau, während die 910 mp. (statt etwa 500 mp.) sich daraus erklären, daß man vor der Zeit Vespa-40 sians noch nicht das compendium r/ae zu den Garamanten (Plin. V 38; s. o.) kannte und noch den Umweg über den Harüg el~aswad berechnete. Sie beweisen vor allem, daß die Sahara nicht weiter als bis zum 26. Grad n. Br. bekannt war, was wiederum für die Beurteilung der Darstellung der ἐντὸς Λ. bei Ptolemaios wichtig ist. Daß man weiter westlich noch bedeutend weniger weit in die Wüste vorgedrungen war, geht schon daraus hervor, daß der Mauretanierkönig (!) Iuba 50 noch an der Dreiecksform L.s festhalten konnte, bei deren Annahme sich die nordsüdliche Ausdehnung des Landes nach Westen hin immer mehr verschmälerte.

Iuba kannte, wie wir sahen, den arabischen Meerbusen nur bis zum Kap von Mossylon (nach Glaser, Skizze II 198 j. Räs gamsir); allerdings war ihm bereits im azanischen Meere die Insel des Dioskurides (j. Soqoträ bekannt (Plin. VI 153; Klotz, Quaest. Plin. 200), in der man mit Unrecht 50 immer wieder eine indische deîpa sukhâdâra hat erkennen wollen (vgl. dagegen Blau ZDMG XXVII 307, 5. N ö 1 d e k e bei J e e p Rh. Mus. 1897, 232). Unschätzbare Kunde über den weiteren Verlauf dieser Küste bringt zum erstenmal der anonyme Periplus des ErythraeischenMeeres. Dieser ,von einem alexandrinischen Kaufmann zusammengestellte Merchants and Mariners Guide* (Mar-quart Benin-Sammi. CCLXXXIII) ist ,weder die [181] 181 Libye (Periplus)

Beschreibung einer selbsterlebten Seereise, noch ein Pilotenbuch, sondern ein von einem alexandrinischen Exporteur zu Nutz und Frommen der ägyptischen Kaufmannschaft aus verschiedenen Berichten zusammengestellter Handelsführer für den Indischen Ozean* (a. O. CCCXXXVI1). Seine Datierung ist umstritten. Auf eine nicht näher begründete Notiz A. Herrmanns (Ztschr. Ges. f, Erdk. 1913, 553, 3) hin pflegt man ihn jetzt in der Regel nach 87 n. Chr. anzusetzen (Norden Germ. Urgesch. 442, 2. Kornemann Janus I 59). Doch beruht diese Notiz wohl nur auf Angaben chinesischer Quellen, nach denen in diesem Jahre die Beziehungen zwischen Parthien und China wiederaufgenommen wurden (Herrmann in Sieglin's Quell, u. Forsch. XXI 8), während im Periplus nur (§ 64) vom chinesischindischen Handel über Baktrien, d. h. das damalige Tocharenreich, die Rede ist. Mit Fabricius (p. 137, Anm. zu 57f. seiner Ausg.) und Marquart betrachte ich vielmehr als einzigen zeitlichen Anhaltspunkt die Erwähnung des vorletzten Nabatäerkönigs Μαίιλας (Mäliku II); den Terminus ante quem bietet eine Inschrift von Dumör aus dem zweiten Regierungsjahre seines Nachfolgers Rabb’el 11, das jedoch nicht dem J. 75 (= 410SeL; soSachau, Littmann und Marquart), sondern 70/1 n. Ohr. (405 Sei.) entspricht (Euting Nabat. Inschr. 94. Clermont-Gann e au Recueil d’Arch. Orient. VIII [1924] 262f.). Wenn auch Plinius, wie schon seine Unkenntnis der afrikanischen Küste südlich von Aromata zeigt, den Periplus nicht benutzt haben kann, so beweist das doch bei der oben gekennzeichneten Art und Bestimmung des Schriftchens nichts gegen diese zeitliche Ansetzung, und die wichtigen Schlüsse, die Kornemann (Janus a. O.) aus seinen historischen Nachrichten auf die n e -r n i s c h e Orientpolitik zieht, passen ebenfalls zu der früheren Datierung (gegen Ende der Regierung Neros; v. Gutschmid Gesch. Irans 135: 70 n. Chr.).

Der Periplus beginnt mit dem Itinerar der afrikanischen Küstenfahrer (§ 1–18) bis nach Rhapta und der Insel Menuthias. Von Mosyl-lon, bis wohin Iuba die Küste nur beschrieben hatte, führt es an der Βαρβαριχὴ ἤπειρος entlang über die Quelle * Νειλοποτάμιον (cod. νειλοπτολεμαίου; Müller GGM I 266 z. St. vergleicht mit Recht die von Artemidor bei Strab. XVI 774 erwähnte ποταμία Νείλος λεγάμενη) und das Vorgebirge Ἐλέφας (noch jetzt Räs el-fil ,Elefanten-kap‘) nach dem Emporion 'Ἀρώματα (Kap Guarda-fui), der Πάνω κώμη (j. qubbet Banna oder Binna am Räs eAlï) und dem Emporion Ὀπώνη (j. Hafün). Diese Handelsplätze dienten dem regen Warenverkehr mit der inneren 'Ἀριακή und Βαρύγαζα (j. Baröc) in Indien; daraus erklärt sich die bei Plinius VI 175 hinter dem portus Mossylites angefügte Notiz: aliqui unum Aethio-piae oppidum ultra ponunt in litore Baragaza (var. barigaza). Für die weitere Beschreibung der Küste von Azania (arab. Agän) stand dem Verfasser offenbar nur geringwertiges Material zur Verfügung; die Festlegung der einzelnen Etappen wird daher von dort an immer schwieriger (vgl, die Art. Apokopa, ‘Paytoi und θαραπίωνος). Nach einer wichtigen Angabe [182] Libye (Ptolemaios) 182

am Ende des Abschnittes (§ 16), die wohl auf ganz Azania zu beziehen ist, unterstand diese Küste damals dem Könige τῆς πρώτης γενομένης Ἀραβίας und wurde von dessen Vasall, dem Maφαρείτης τύραννος (Kurfürst der Ma'afir) verwaltet; ähnliche Zustände herrschten in der zweiten Hälfte des 5. Jhdts. (Conti Rossini Riv. dgl. stud. or. IX 380f.). Auch die Schiffahrt lag völlig in den Händen der mit der Örtlichkeit und 10 den Eingeborenensprachen vertrauten Araber, wie

dies dort noch bis in die neueste Zeit der Fall ist (Sprenger Alte Geogr. Arab. 255). Wahrscheinlich ist daher auch das Itinerar aus arabischen Quellen übersetzt. Dahin weisen Ortsnamen wie Ἀρώματα (arab. bei al-Qwärizml: Madinat al· Tib. die ,Stadt der Wohlgerüche'), die der beiden ⁹Απόκοπα (,Abstürze*, wohl arab. al'aqdba) und des großen und kleinen Αἰγιαλός (arab. as-sahil, plur. sawähil; vgl. noch jetzt weiter südlich die 20 8wähili-Küste !); daneben finden sich solclie von

offenbar ägyptischem Gepräge, wie ὁ Σαραπίωνος δρόμος, ὁ Νίκωνος, wobl aus τὸ Νίκι gräzi-siert, wie trotz Müller (der Τονίκι schreibt) bei Ptolemaios (I 47, 14. 767, 1 M.) zu lesen ist (vgl. Νικίον im Delta!), und Μενονθιας νήοος (dazu Müller Ptol.-Ausg. I 767a). Als äußerstes Emporion Azanias wird 'Ῥάπτα genannt, dessen Name von den ραπτὰ πλοιάρια (,genähten Rindenbäumen*, vgl. v. Luschan Aus der Natur 301907. Partsch Ber. Sächs. Ges. LXVII1 II 30),

richtiger wohl vom arab. rabata ,binden* (Glaser Skizze II 207 u. a.) abgeleitet ist. Der Hafen dieser Stadt ist wohl mit Tkaé an der Mündung des Pangani (Ruwu) zu suchen (s. den Art. 'P ἀψιοί); die einem schwachen Namensanklang zuliebe vorgeschlagene Gleichsetzung mit dem unbedeutenden Rabika in der Nähe(!) des Rufigi-Deltas (Langenmaier, München phil. Diss. 1916, 8, 5. Philipp Berl. phil. Wochenschr. 401918, 1114) ist mit Recht bestritten worden (von

Häberle bei Langenmaier Abh. Hamb. Kolonial-inst. XXXIX 1918, 84). Hier bricht die Beschreibung der Küste ab: ὁ γὰρ μετὰ τούτον; τὸν; τόπους ὠκεανὸς ἀνερεύνητος ὧν εἰς τὴν ὄνσιν ἀνακάμπτει καὶ τοῖς ἀπεστραμμένοις μέρεοι τῆς Αἰθιοπία; καὶ Λιβύης καὶ Ἀφρικῆς κατὰ τὸν νότον παρεκτείνων εἰ; τὴν ἔαπεριον ὀνμμίογει ἀάλαοσαν (§ 18). Diese unrichtige Vorstellung von einem Umbiegen der afrikanischen Küste gleich 50 hinter Rhapta wurde zwar wenig später als irrig erwiesen, aber nur, um der noch viel gewagteren Hypothese einer Land Verbindung Ostafrikas mit China Platz zu machen.

Die kartographische Darstellung der azanischen Küste bei Marinos und Ptolemaios beruhte auf den Berichten dreier Seefahrer (Ptol. I 9 p. 22 M.), Diogenes (s. o. Bd. V S. 763f. Nr. 41), Theo -p h i 1 o s und D i s k o r o s (s. o. Bd. V S. 1086 Nr. 4). Auf die ersten beiden Autoren scheint 60 sich Marinos nur in Bezug auf die Richtung der Küste und die Gesamtentfernung von Aromata bis Rhapta berufen zu haben: Ptolemaios' Kritik ihrer Angaben ist wenigstens insofern berechtigt, als sie fälschlich behaupteten, mit schieren Nord-bezw. »Südwinden gefahren zu sein. Von Dios-koros berichtet er nur, er habe im Gegensatz zu den (nach Ptol.) übertriebenen Angaben der beiden anderen Seefahrer über die Länge ihrer Tag- und [183] 183 Libye (Ptolemaios)

Nachtfahrten offen erklärt, daß er für die verhältnismäßig kurze Strecke von 5000 Stadien von Rhapta bis zum Kap Prason viele Tage gebraucht habe. Von diesem Dioskoros stammt anscheinend die später (Ic. 17) ausführlich wiedergegebene Küstenbeschreibung τῶν ὄο τής’Αραβίας τῆς εὐδαίμονος διαπεραιουμενῶν ἐμπόρων ἐπὶ τὰ Ἀρώματα καὶ τὴν Ἀζανίαν καὶ τὰ Ῥαπτά da sie bis zum Vorgebirge Prason reicht und allein zur Kartenkonstruktion des Ptolemaios paßt. Nach ihr verlief die Küste vielmehr bis Rhapta in südwestlicher Richtung, von dort bis Prason in südöstlicher; auch die Behauptung des Diogenes, er sei in die Nähe der Nilquellseen gelangt, als er nach Rhapta verschlagen wurde, war darin zurückgewiesen worden. Die Namen der Küstenplätze stimmen z. T. mit denen des Periplus ziemlich genau überein, wenn auch– vielleicht infolge der mehrmaligen Abschrift – Distanzen und Einzelheiten hier noch fehlerhafter sind. Neu ist die Erwähnung des Kaps Ζέγγις (nach Müller j. Räs Ma"aber, nach Marquart Räs Hafün), des Berges Φαλαγγίς mit 3 Kuppen (j. Räs el gaile ?) und des Emporions Ἐσσινά, das viel zu weit nördlich angesetzt ist, wenn cs wirklich dem heutigen Wa8sina an der Αὐσινείτης ἠιῶν (cod. δνσιν εἰτενηδιωμ) des Periplus (§ 15) entspricht (Müller zu Ptol. I 765a). Da gerade dieser authentische Bericht Richtung und Länge der Fahrt von Rhapta nach Prason genau angibt, ist es undenkbar, daß beide Namen das gleiche Vorgebirge bezeichnen sollten, wie Müller glaubte (a. O. 763b); vielmehr kann Prason kaum etwas anderes als das Kap Delgado sein. Aus dem gleichen Bericht stammen wohl auch die Bezeichnungen .seichtes Meer* (Βραχεία θάλασσα Ptol. IV 8, j p. 788 M.) und vom Kap Prason ab »algenreiches Meer* (Πρασώδης ‘az.) Ptol. VII 2, 1. 3, 6. 4, 4 Nobbe) für die an diese Küste angrenzenden Teile des Indischen Ozeans, durch die in üblicher Weise (vgl. Müller 763b) die Unmöglichkeit einer weiteren Fahrt motiviert werden sollte. Ob die Angabe über Flüsse und Krokodile auf der Insel Menuthias im Periplus (§ 15) und ihre südliche Ansetzung bei Ptolemaios wirklich auf Madagaskar hindeutet, ist fraglich; Tomaschek (o. Bd. II 8, 2640) setzt sie vielmehr mit Pemba gleich.

In diesen wertvollen neuen Reisebericht hat Ptolemaios, wie wir oben sahen, ganz willkürlich das Νότου κέρας eingeschoben. Ihm gegenüber liegt eine Gruppe sonst unbekannter Inseln: Ἀμίκου νῆσος, Μνρίκη und Μηνὰ νήσοι δυό. Man könnte in den Namen der letzteren die der sagenhaften, ursprünglich ebenfalls im westlichen L. angesetzten Amazonenstädte Μήνη und Μυρίνη, die vom Meere verschlungen worden waren, vermuten (Diodor. III 53, 6. 54, 5. 55, 3); freilich können sie auch aus einem der drei Berichte stammen, wie denn die Namensform Μνρίκη (,Tamariskeninsel*) in den Hss. und bei dem Ausschreiber des Ptolemaios, Markianos (bei Steph. Byz.), allein vorkommt.

Ebenso wie an der Ostküste sind auch im Inneren L.s in der Zeit zwischen Plinius und Marinos von Tyros noch vereinzelte Entdeckungsreisen unternommen worden. Ptolemaios erwähnt in seiner Polemik gegen Marinos deren zwei: die des Septimius Flaccus und die des Iulius Maternus. Vom ersteren heißt es, er sei als geborener Libyer [184] Libye (Ptolemaios) 184

(so fasse ich wegen des folgenden ἀπὸ ἰῶν Γαραμάντων das τὸν ἐκ τῆς Λιβύης auf; vgl. zum NamenFlaccus in diesen Gegenden auch Partsch Satura Viadr. 36f.) auf einer militärischen Expedition (στρατευσάμενος) von den Garamanten nach dreimonatlichem südlich gerichtetem Marsche zu den Aithiopen gelangt. Berger (588) vermutete, hier sei der Statthalter Numidiens, Flaccus, gemeint, der (wohl 85/6 n. Chr.) die Nasamonen 10 vernichtend schlug (Zonar. XI 19. Synkell. ad ann. 75. Euseb. armen, ann. Abr. 2101; Hieron. ann. 2102). Doch hieß dieser nach einer Inschrift von Tebessa (CIL VIII 1839;[1] Suppl. 16499) vielmehr Cd. Suellius Flaccus (Stein o. Bd. X S. 676); die Annahme ließe sich also nur halten, wenn bei Ptolemaios ΣΕΠΤΙΜΙΟΝ aus ΣΟΥΕΛΛ1ΟΝ entstellt wäre. Die Nachricht über den dreimonatlichen Kriegszug bis zu den Aithiopen ist zu unbestimmt, als daß sie sich topographisch 20 verwerten ließe, und wenigstens in der vorliegenden

Fassung nicht recht glaubhaft. Von Iulius Maternus aus Groß-Leptis, also ebenfalls einem Afrikaner, berichtete Marinos (Ptol. I 8, 5), er habe den Garamantenkönig auf einem Zuge gegen die Äthiopen begleitet und sei nach viermonatlichem Marsch von Garama nach Süden in das Land Λγίανμβα der Äthiopen, ἔνθα οἱ ρινοκέρωτες συνέρχονται, vorgedrungen. Wie ungenau diese Angaben sind, zeigt eine Parallelstelle (Ptol. I 30 11, 5 [4 M.]) nach der der ebenfalls von Garama ab gerechnete Marsch vielmehr 4 Monate und 14 Tage dauerte. Marinos scheint lediglich aus diesen Entfernungsangaben berechnet zu haben, daß Agisymba 24680 Stadien südlich vom Äquator falle (a. O. I 8, 1). eine Ansetzung, die er selbst freilich schon um 12680 Stadien reduzierte (Berger 601. Auch auf der Ptolemaios-karte, auf der das Land Agisymba in Inneräthiopien südlich vom Äquator eingezeichnet ist, 40 sind keine Spuren eines dorthin führenden Itine-rars zu finden. Die Erwähnung der Äthiopen und vor allem das Vorkommen des Nashorns läßt vermuten, daß es sich um das Gebiet um den Tschadsee handelt (Berger a. O. Norden Germ. Urgesch. 440, 1).

Auch für die Westküste L.s müssen wir bei Marinos Benutzung neuerer Quellen annehmen, da die Namen von den aus Plinius und den älteren Periploi bekannten meist abweichen Doch läßt 50 es sich nicht mit Sicherheit erweisen, daß das Material aus nachplinianischer Zeit stammt, da Plinius selbst für diese Gebiete fast ausschließlich auf weit ältere Darstellungen (Varro, Iuba) zurückgreift. Jedenfalls reichte die neue Kunde nicht weiter, als Hanno vorgedrungen war; das θεων ὄχημα ist auch bei Ptolemaios die südlichste Grenze der wirklich erforschten Küste.

Überblicken wir die soeben aufgezählten Entdeckungsreisen, deren Kenntnis wir hauptsächlich 60 der Polemik des Ptolemaios gegen Marinos verdanken, so gewinnen wir ein wenn auch nicht vollständiges, so doch einigermaßen klares Bild von dem Stand des Wissens über L. zu der Zeit, als Ptolemaios es unternahm, diese Kenntnisse kartographisch zu fixieren. Diese Polemik zeigt zugleich deutlich, daß Ptolemaios auch zur Bekämpfung der Ansichten des Marinos nur dessen eigenes Material zur Verfügung stand, daß er sich [185] 185


Libye (Ptolemaios)

also anscheinend fast ausschließlich mit dessen Sichtung und Verarbeitung begnügte, ohne Neues und Eigenes hinzuzufügen.

Um so überraschender ist das Bild L.s, das die Ptolemäioskarte aufweist. So wenig es sich leugnen läßt, daß sich darin manche Fortschritte der geographischen Kenntnisse seiner Zeit widerspiegeln, steht es doch im ganzen in schroffem Gegensatz zu dem offenen Bekenntnis des Nichtwissens bei Poseidonios und paßt viel besser zu 1 den wüsten Stoffsammlungen des mauretanischen und des römischen Polyhistors.

Auffallend ist zunächst, daß im Gegensatz zu der fast allgemein durchgedrungenen Annahme eines Äquatorialozeans hier L. als fast 70Meridiangrade breiter Kontinent vom Gleicher durchschnitten wird und mit dem südlichen China durch eine Tena incognita zusammenhängt, so daß der Norden der Antioikumene als zusammenhängende Landmasse den gesamten Südrand der Weltkarte (225° i bei Marinos, 180° bei Ptol.) einnimmt. Von der Annahme einer (allerdings vor Hitze unerforsch-baren) Landbrücke nach der Antioikumene finden sich zwar auch sonst Spuren (vgl. Martini Rh. Mus. 1897, 354ff), doch scheint sie bei Marinos und Ptolemaios lediglich auf der Ansetzung von Agisymba zu beruhen, ebenso wie die 5000 Stadien weit in südöstlicher Richtung sich hinziehende Küste zwischen Rhapton und Kap Prason den Gedanken an einen geschlossenen Indischen Ozean: nahegelegt haben kann. Nur im Westen wird L. wie Europa vom Okeanos begrenzt, der aber an seinem Södende als Αἰθιοπι*ό; κόλπος (sonst auch als Ἐσπέριος κόλπος oder ebenso wie der östlichste Meerbusen des Indischen Ozeans als Μέγας κόλπος bezeichnet: PtoL IV 6, 1 p. 729. 8, 1 p. 788 M.) rings von der Terra incognita umgeben ist, die demnach bis zum Westrand der Karte um ihn herumgreift (Ptol. VII 5, 2 Nobbe. worauf zuerst Giesinger u. Suppl.-Bd. IV S. 661 aufmerksam macht). Eine derartige Darstellung L.s hat zweifellos Heliodoros im Sinne, wenn er in seinenAZθojnxd die Serer als Nachbarn und Bundesgenossen der Aithiopen auftreten läßt; mit Unrecht wurde daher behauptet, er könne ,in einem nur halbwegs wissenschaftlichen Buche dies gewiß nicht gefunden haben* (Rohde Griech. Roman 442, 1. Diels Abh. Akad. Berl. 1885, III 21, 2).

Das gesamte L. besteht auf der Ptolemaios-karte aus drei Zonen. Die nördlichste bilden die Länder am Mittelmeer: Mauretanien, Afrika, Kyrenaike und Aigyptos mit der Marmarike und dem νομὸς Λιβύης. Dann folgt etwa dreimal so breit die zweite Zone, die bis zum Äquator reicht, bestehend aus der ἐντὸς Λ. und der Αἰθιοπία ἡ νπὸ Αἰγυπτον, endlich als dritte Zone αἰεΑίθίοπία ἐνδότερα, die sich quer über den ganzen Kontinent bis zur Südgrenze der Bekannten Welt (etwa 16º 25' südl. Br.) ausdehnt. Die Zeichnung ist teilweise sehr schematisiert: die schnurgraden Landschaftsgrenzen sind ohne jede Rücksicht auf die natürlichen Bodenverhältnisse gezogen und scheinen von Ptolemaios erst nachträglich in die fertige Karte eingetragen worden zu sein. Denn jllem Anschein nach sollten ursprünglich die ebenfalls geradlinig und genau nordsüdlich gezeichneten ἈΙθαπικὸ ὄρη Äthiopien von Innerlibyen und die Λιβυκὰ ὄρη Ägypten vom Libyschen Nomos [186] Libye (Ptolemaios) iöd

scheiden; denn die westlich der äthiopischen Berge genannten 7 Völker- bezw. Ländernamen (z. B. Phazania = fcö») gehören zweifellos nach L. und nicht nach Äthiopien. Ebenso ist das Gebirge Usargala, das auf der Karte tief in Innerlibyen liegt, dessen gegebene Nordgrenze, da der Hauptfluß Afrikas, der Bagradas, auf ihm entspringt und die nördlich von ihm gelegenen Städte (wie Kapsa) sonst stets zu dieser Provinz gerechnet .0 werden (Müller Ptol. 751b). Gegen das,Innere

Äthiopien¹ wäre der Äquator die natürliche Grenze.

Die auffallende Tatsache, daß das innere L. bei Ptolemaios von zahlreichen Völkern bewohnt, von zwei großen Flüssen durchschnitten und mit einer Anzahl von Städten bevölkert ist, hat bereits frühzeitig berechtigte Zweifel an der Richtigkeit seiner Darstellung wie überhaupt an der Möglichkeit einer derartig genauen Kenntnis dieser Gebiete hervorgernfen. Doch gibt es noch bis in 30 die neueste Zeit Vertreter- der Auffassung, daß Ptolemaios wirklich eine genaue Kenntnis der Sahara und des oberen Nigerlaufes besessen habe (besonders A v e I o t Bullet, de géogr. histor. et descript. 1908, 37–80, der seine Ansicht hauptsächlich damit begründet, daß es vor dem 11. Jhdt. (!!) bis zum Senegal und Niger Christen gegeben habe; vgl. dagegen die zurückhaltenden Ausführungen über die dortige Ausbreitung des Christentums bei Duchesne Mél. d’arch. et d'hist. 50 XVI, 1896, 80 –82). Wie wir sahen, spricht das, was wir über die letzten Forschungsreisen vor seiner Zeit wissen, entschieden gegen eine solche Annahme. Dazu kommt aber noch ein zweites Bedenken: die Karte von Innerlibyen enthält zahlreiche geographische Namen (namentlich von Volksstämmen), die sich – oft ungefähr unter gleichem Meridian – in den nordafrikanischen Küstenländern wiederfinden. Man hat dies wenigstens in einzelnen Fällen längst bemerkt, aber nicht richtig 40 erklärt; so konstatiert Vivien deSt. Martin (449–467) bei mehreren Völkern, sie hätten ,leurs homonymes’ in den nördlichen Gebieten, und K. Müller deutet das Richtige höchstens an, wenn er bei einigen nordafrikanischen Völkern bemerkt, daß sie in méridionales plagas a Ptolemaeo temere transponuntur. Wir können noch deutlich die Ursache dieser Doubletten erkennen: zweifellos war daran die Benutzung und das Ineinanderarbeiten von Karten verschiedenen Maßstabes und 50 Wertes schuld. Für diese Erklärung sprechen auch andere Tatsachen. So finden wir im inneren L. τὸ Ὀναάργαλα ὄρος, ἄῳ' ὅν ρεὶ ὁ Βαγράδας ποταμὸς (p. 736, 1f. M.) und τὸ Ῥίργιρι ὄρος, ἄῳ' ὅν ὁ Kiwy ποταμὸς ρεί (736, 6), während es in der Beschreibung der Provinz Afrika nach einer anderen Karte heißt: τὸ Λίάμφαρον ὄρος... ἄῳ' ὅν ὁ Βαγρόδας ποτ. ρεί (635, 8. 11) und τὸ Ζουχάββαρι... ἄῳ' ὀὸ ρ3ὶ καὶ ὁ Κινυψ ποτ. (636, 6. 9); die Quellen beider Flüsse liegen nach dieser 60 Spezialkarte über 1 Grad von der Südgrenze Africas entfernt.' Derartige Unstimmigkeiten der Spezialkarten untereinander und Doppeleintragungen der gleichen Namen sind auch in anderen Randgebieten des Römischen Beiches bei Ptolemaios nachweisbar, aber nirgends auch nur annähernd so häufig wie bei Inner-L. Das zeigt deutlich eine Zusammenstellung dieser Dubletten : [187] 187 Libye (Ptolemaios}})

(Die beigefügten Zahlen bezeichnen die Seiten der Müll ersehen Ausgabe)

731 Σούβον ποτ. ἔκβολ. 574 Σούβονρπ, ἐ.

Σαλάγου π. ἔκβ. 576 Σαλάτα, [ebd.J

(vgl. 745 Σάλαγοι)

Χουσάριος π. ἔκβ. vgl. 577 Κονοά [ebd.; nach Müller ident]

732 Βάβα πόλις (vgl. 745 Βάβιοι) Ἀροινάριον ἄκρον

733 Ῥυσάδιον ἄκρον

741 Λιβὺη λίμνη

744 Λαραδῶν ἔθνος Μίμακες Αὐταλάλαι Πυρρον πεδίον

745 Νατεμβεῖς

Σαμαμύκιοι

746 Σουβούρπορες

Μακκόοι

Δαυχιταί

Καλεταί

Μακχούρηβοι

747 Ἀφρικέρωνες

Ἀχαῖμαι Ναβάθραι 748 Λόλοπες

Ἀστάκουροι

Ἀγαγγίναι

749 Οὐβριξ (πόλις)

Μαλαχάθ Τονκαβάθ Βύνθα

751 θοῦπαι

θαμονδοκανά (var. θαμον)

752 θουμελίδα

Γηούα

Ἰοχερεί

753 θουοπὰ (ςθ 751 θοῦπαι)

Ῥονβούνη

589 Βάβα

vgl. 595 Ἀροεναρία κολῶν ἴα

583 Ῥουσάδειοον [ebd.] 636 Λιβὺη λίμνη [Afr.] 785 JagadwvrroçfAith.] 641 Μίμακες [Afr,] Plin.V 17A«ioZoZes[Maur.] 586 Πυρρον πεδίον [ebd,] 639 Νατταβοντες [Afr., vgl. Müller 745 ad 1.]

638 Σαμαμύκιοι [ebd.] 640 Σαβούρβουρες [ebd. ;

gens Suburburum Année épigr. 1904, 144]

vgl. 642 Μάκαι

Polyb. mill 15: Μακκαῖοι

vgl. 7904ai)/i;ogOi[Aith.] Plin. VI 190: Bochi

785 Βακαλῖτις [ebd.] ??

604 Μακχούρηβοι [Nu-mid. Caes.]

vgl. Coripp, Johann. II 113.

VII 648 Ifuraces 641 Ἄχαιμενεις [Afr] 636 Ναβάθραι [ebd.] 641 Δόλοπες [ebd.] 641 Ἀστάκονρες [ebd.] 586 Ἰανγαυκανοί [Maur.

Ting.] ?

590 Οὐόβριξ [Maur.] 590 Μολοχά# [ebd.] vgl. 590 θικάθ [ebd.]? vgl. 590 Βέντα [ebd.] wohl = 753 θονοπά, s. d.

vgl. Thamugadi [Afr. ;

Müller 750b]??

vgl. 611 Θαμαρίθα

vgl. 612 Αἰγαία [Maur. ;

Müller ad 1.]??

612 Βεοκεθρή, Ὄνεοκε· δρεί [ebd.]; Plin. V 37: Viscera (natio)

vgl. 623 Ῥοῦσπαι [Afr.] 611 θούβοννα

Diese Aufzählung erweist mit Evidenz, daß es sich hier nicht (oder höchstens in einzelnen Fällen) um zufällige Übereinstimmung oder mehrfaches Vorkommen gleichlautender Namen handeln kann. Ebenso finden sich auch innerhalb der Grenzen des »Inneren L.s* selbst derartige Dou-bletten, die wohl auf ungenaue oder schlecht verarbeitete Itinerare zurückzufuhren sind» so die Φαρονσιοί p. 745, 7 und 747, 2; die Ἀρόκκαι 745, 12 λ: 'Ἀράγκαι, var. Ἀρόκκαι 748, 5 am [188] Libye (Ptolemaios) 188

Ἀράγκαόρος-, die Städte Ἰάρζειθα 731, 13 = 749, 8; Θοῦλofaat 751, 2 = 753, 1; Ἀννγάθ· 750, 1 = 751, 11 und vielleicht (? nach MüIler) Δουρδονμ 751, 6 = Τουρκούμονδα 752, 13. Die Zahl der übrigen Namen, welche die Karte der ἐντὸς Λ. füllen, wird noch dadurch etwas reduziert, daß gewisse Gruppen eng zusammengehören, wie der Fluß Γείρ (739) mit Γείρα μητρόπολης (752) und den Γειρέοι Αἰθίοπες (743); die Vorgebirge 10 Σολοεντία (731, 11) und Ῥνσάδιον (733, 1) mit den Σολοέντιοι (747, 1) und dem Ῥυαάδιον ὄρος (735, 9); das Ἀρουάλτης ὄρος (737, 6) mit den Ταρουαλταί (747, 5; mit dem berberischen Artikel la-, vgl. Schulten Geogr. Jabrb. 1911, 68) u. a. (vgl. dazu Müllers Karte tab. XXVII). Schließlich sei noch ein besonders lehrreicher Fall erwähnt. In dem Streifen Äthiopiens westlich von den ἈΙῦιοπικα ὄρη, den wir oben lieber zu Inner-L. gerechnet wissen wollten, sind an-20 scheinend als südlichstes Volk etwa am Äquator (auf Müllers Karte südlich von ihm) die θυγβηνῖται Αἰθίοπες angesetzt (785, 8). Müller hat bereits erkannt, daß damit die Νυγβηνοί (und die Nvuntot, mit denen sie zusammen genannt werden ?) in Africa (642, 2f.) oberhalb der Großen Syrte gemeint sind, die also vermutlich wegen ihrer dunkleren Hautfarbe auch als Aithiopen bezeichnet wurden und sich dann in das südlichste Äthiopien verirrten. Nun ist aber neuerdings 30 durch Inschriften die Lage der civitas Nybgenio-rum (sic; in der Chronik des Hippolytos ed. Bauer in Text. u. Unters. XXIX I p. 110 § 216 Νεβληνοί, lies *Νεβ- oder *Νυβγηνοί) bekannt geworden: sie ist zwischen Takapes (j. Ghäbes), Kapsa (j. Gafsa) und Turris Tamalleni (j. Tel-min) zu suchen und entspricht wohl dem j. Qsar el-Askar am Nordrande des Sott el-Fegeg (Gagnât Compt. rend, de l’Acad. des inscr. 1909, 568–579). Dieses Beispiel zeigt am klarsten, wie 40 wenig Ptolemaios selbst über das unmittelbare

Grenzgebiet des Römischen Reiches Bescheid wußte und wie er Völker von dort bis an den Äquator versetzte. Überhaupt ist das verzerrte Bild der Provinz Africa wie dazu geschaffen, uns vor einer Überschätzung seiner Kenntnis L.b zu bewahren: Karthago ist noch wie bei Eratosthe-nes viel zu südlich angesetzt und die Ostküste zwischen Hippon Diarrhytos und Takapes ist nach Norden gedreht, worin er offenbar Agrippa 50 folgt, der seinerseits wiederum die offiziellen

Katasterkarten der römischen Limitation (formae) benutzt, aber fälschlich Cardo und Decumanus nach den Haupthimmelsrichtungen orientiert zu haben scheint (Barthel Bonn. Jahrb. CXX [1911] 114ff.).

Versuchen wir uns nach dieser negativen Kritik eine Vorstellung davon zu machen, welches Material Ptolemaios zur Verfügung stand und was davon für eine kritische kartographische Be-60 arbeitung brauchbar gewesen wäre, so ergibt sich etwa folgendes:

1. Ptolemaios benutzte für die römischen Provinzen anscheinend die Karten Agrippas, deren Wert allerdings nicht allzu hoch einzuschätzen ist.

2. Für das Innere L. war seine kartographische Quelle wohl eine Gesamtkarte des Erdteils in kleinem Maßstabe, die außer tralaticischem Material, wie wir es aus Plinius (Varro. Iuba) kennen, [189] 189 Libye (Ptolomaios)

viele Namen enthielt, die in Wahrheit nach Mauretanien, Numidien und Africa gehörten, dort aber eben wegen des kleinen Maßstabes keinen Platz gefunden hatten.

3. Die Westküste scheint z. T. auf Grund neuer Periploi dargestellt zu sein; daneben zeigen sich aber auch hier Spuren der Benutzung jener Übersichtskarte, auf der die Örtlichkeiten der mauretanischen Küste viel zu weit nach Süden reichten. So werden auch die Perorser, die, wie wir oben nach dem Feldzugsbericht des Suetonius Paullinus konstatierten, unweit der mauretanischen Grenze wohnten, hier im äußersten Süden der ἐντὸς Λ. am Θεῶν ὄχημα angese zt (IV 6, 5 p. 744 M.).

4. Im Binnenlande sind offenbar zwei Ilinerare in die Karte eingearbeitet, die an den Flüssen Geir und Nigir (deren Namen zwar in Wahrheit identisch sind, aber hier doch offenbar zwei verschiedene Gewässer der nördlichen Sahara bezeichnen) entlang führten; aus ihnen stammt der größte Teil der aus anderen Quellen nicht nachweisbaren Ortsnamen. Die Versuche, diese Itinerare auf der modernen Karte festznlegen, haben zu keinen überzeugenden Ergebnissen geführt; hier ist wohl bestenfalls von Inschriftenfunden Klärung zu erhoffen. Doch muß man grundsätzlich der besonders von Vivien de St. Martin und K. Müller vertretenen Auffassung beistimmen, daß nur ein verhältnismäßig überaus schmaler Streifen am Rande der Wüste für die Ansetzung der ptolemäischen Positionen in Betracht kommt, daß also, wie Miller (Erdmessung im Altertum 1919, 57) richtig betont, dieser Streifen auf der Karte ,gewaltig überhöht, d. h. die Breite in drei- bis viermal größerem Maßstab gezeichnet ist als die Länge*. Diese Überhöhung finden wir übrigens auch in geringerem Maße in der Darstellung der nordafrikanischen Küstenländer; im Ganzen ist diese aber naturgemäß viel brauchbarer und enthält bei aller Unrichtigkeit der Zeichnung eine Menge neuen und wertvollen ethnographischen Materials. Von dem Winkel der Küste bei Alexandreia, den die Γονιάται (Ptol. IV 5, 12 p. 694 M.; auf einem undatierten Papyros [ca. 3.–4. Jhdt.] aus Heracleopolis magna, BGU III 935, Γονιώταῖ', vgl. Arch. f. Papyr.-Forsch. VII 102; Aegyptus IV, 1923, 161) bewohnten, bis zur Westküste Mauretaniens finden wir über 100 Völkernamen über die Karte verteilt, von denen viele sonst ganz unbekannt sind, andere wiederum auch anderwärts von Autoren oder auf Inschriften genannt werden (vgl. Schulten Geogr. Jb. XXXIV 69) Diese libyschen Stämme wohnten größtenteils an den Grenzen oder im Innern der römischen Provinzen, also außerhalb des in diesem Art. behandelten Gebietes.

In Inneräthiopien kennt Ptolemaios keine Städte. Außer dem Lande Agisymba nennt er dort 6 Gebirge, darunter das berühmte Mondgebirge (s. u.) und dns Ἀαῦχις ὄρος (s. o.), von Völkern an der Ostküste die Αἰθίοπες ἀνθρωπογάγοι und die 'Payioi Αἰθίοπες (s. d.) bei Rhapta (das jedoch zum anderen Äthiopien gerechnet ist), an der, Westküste die ἰχθνοφάγοί Αἰθίοπες, die ἐσπεριοὶ Αἰῦίοπες und die *Aθaxat ἌΟΗοπες (IV θ» 2)· Die ,Fischesser*-.kennen wir aus Diodor III 53, 6) und Lydos (de mens. IV 107; vgl [190] Libye (Ptolemaios) iw

Partsch, Ber. Sächs. Ges. LXVIII 2, 21), die ,westlichen Aithiopen* aus Strabon und Plinius (passim). Mit den Athakai hat man wohl richtig die Asachae oder Asachaei Aethiopes des Plinius (VI 191; VIII 35 nach Iuba) zusammengestellt, die von der Elefantenjagd lebten (vgl. auch die Ἀθάγαι der Inschrift von Adulis?). Denn Ptolemaios spricht unmittelbar darauf von einer χώρα πολλὴ Αἰθίόπων, ἐν ἡ ἐλέφαντες λευκοὶ πάντες 10 γίνονται καὶ ρινοκέρωτες καὶ τίγριδες. Hier zeigen

sich die ersten Spuren jenes geographischen horror vacui, der die Karten unbekannter Länder mit wilden Tieren und Fabelwesen bevölkert.

Von der Αἰθιοπία ὑπὸ Αἰγυπτον haben wir die Küste, soweit sie nicht schon früher bekannt war, bei den Entdeckungsreisen der Zeit vor Marinos besprochen. In der μεοόγειος werden südlich von der Insel Meroë nur noch 3 Städte genannt: Ἀξούμη (die meisten Hss. Αὐξούμη ebenso wie 20 Nonnosos FHG IV 180 und der PeripL m. Erythr.

§ 4 p. 40, 10 Fabric. Ἀνξωμιτῶν μητρόπολις) Ἄξονμις bei Kosmas Indikopi. pass, und Procop. b. Pers. I 19; noch jetzt wird statt Aksüm oft Auksem gesprochen: Littmann,Deutsche Aksum-Expedition I 45), Κολόη und Μάστη. Κολόη, das nach dem Periplus mar. Erythr. (§ 4) nur drei Tage von Adulis entfernt liegt, ist bei Ptolemaios zwischen dieser Stadt und der Κολὸη λίμνη (j. Tzanasee) lokalisiert (zur Lage vgl. Litt-30 mann 43. 45). Μάοτη am gleichnamigen Gebirge südlich vom Äquator im Lande der Μαοτῖται ist sonst unbekannt; es sei denn, daß sich das Volk der Μαοτῖται unweit des Faijum, das Ptolemaios (IV 5, 12 p. 694) und der oben erwähnte Papyros (BGU III 935 mit der Var. Μαοτεῖται; vgl. Μαστηνοί Philist. frg. 30 bei Steph. Byz. s. Ἐλβέστιοι FHG I 188?) kennen, hierher verirrt hat. Von Völkerschaften des südlichen Äthiopiens, die ungefähr südlich vom 10. Grad wohnten, werden 40 neben den Elephantophagen, Struthophagen, Rhizo-phagen, die wir aus Agatharchides u. a. kennen, den Μεγάβαρδοι, Πτοεμφανείς, Κα[τα]δοῦποι (so ist trotz Müller 784a gewiß zu lesen), Μεμνονεῖς, die Plinius erwähnt, noch einzelne unbekannte genannt, wie die Δηδάκαι, Πεχῖνοι, Πεσενδάραι und Κατάδραι. Am oberen Astapus bis zum Koloë-see setzt Ptolemaios die Σμυρνοφόρος χώρα an, während er ,über den Nilseen* (ὑπὲρ auf der Karte im Sinne von »nördlich¹) die Κινναμωμοφόρος χώρα 50 einträgt. Eratosthenes (bei Strab. XVI 773 f,) hatte beide Länder an die Küste verlegt, das Myrrhenland hinter Δείρη (über dessen Lage: Conti Rossini Rendiconti della R. Accad. dei Lincei XXIX, 1920, 291–298) an den Aualitischen Meerbusen, daran anstoßend das Weihrauchland (ἡ λιβανωτοφόρος) und im äußersten Süden das Zimtland. R. Hartmann (Die Nigritier in: Ztschr. f. Ethnogr. Bd. XI Suppl. 68) suchte die ptolemäischen Ansetzungen dadurch zu erklären, 60 daß in jenen binnenländischen Gegenden Weihrauchbäume, Gewürzschilfe undFieberrindenbäume vorkommen. Die Länder sind aber zweifellos durch die Küstenschiffahrt bekannt geworden und mit Eratosthenes am Arabischen und Aualitischen Meerbusen zu suchen. Anscheinend gab es überhaupt niemals ein Zimtland ,am Ostende Afrikas, das tatsächlich ebenso wie Arabien nur als Station, des Zwischenhandels, nie als Anbaugebiet für [191] 191 Libye (Ptolemaios}})

diese Gewürzpflanze der Monsunregion Bedeutung gewinnen konnte¹ (Partsch Ber. Sächs. Ges, LXVIII π :J6f. nach C. Schumann Peterm. Mitt., Erg.-H. LXXIII, 1883).

Besonders wichtig ist die vielbehandelte Darstellung des Nilquellgebietes bei Ptolemaios. Der Zusammenhang des Stromes mit dem Γείρ L.s ist deutlich aufgegeben. Obgleich noch manches, wie der südöstliche Lauf dieses Flusses, sein Verschwinden in der φάραγξ Γαραμαντική und das eines von ihm abzweigenden unterirdischen Gewässers in der Νούβα λίμνη, sich zweifellos nur als Rest dieser Hypothese erklären läßt, ist doch das Flußsystem des Geir von dem des Nils durch einen Zwischenraum von über 10 Meridiangraden und das langgezogene Äthiopische Gebirge getrennt. Der Nil entsteht durch Vereinigung der Abflüsse zweier Seen (ebenso wohl schon in der vielleicht vorptolemäischen Abhandlung des cod.. Monac. 287 Fol. 160f. [s. o.]; vgl. Hartmann Nigritier 66); wir sahen, daß bereits der Seefahrer Diogenes von den λίμναι ἐξ ὧν ὁ Νείλος ρεί gesprochen und sie nabe der Küste angesetzt hatte. Ptolemaios erklärt dagegen (117, 5 p. 46 M.), man wisse von den Kaufleuten, die vom Glücklichen Arabien nach Aromata, Azania und Rhapta fahren, daß die Richtung dieser Küstenfahrt nicht genau südlich, sondern südwestlich sei, von Rhapta bis Prason aber südöstlich, und daß die Nilseen nicht an der Küste, sondern weit im Innern lägen. Wir sahen oben, daß hier wegen der Erwähnung von Prason Dioskoros als Quelle anzusehen ist, der demnach die Behauptungen des Diogenes einer berechtigten Kritik unterzogen hatte. Denn bei der Annahme eines nordsüdlichen Verlaufs der Ostküste von Aromata ab würde diese auf der Ptolemaioskarte unter den 83. Meridian fallen, also die ihr angeblich benachbarten Nilquellseen um etwa 20–30 Grade östlicher gezeichnet sein. Die Kunde von der wahren Lage der Nilseen wird Dioskoros, wie man meist mit Recht vermutet hat, den Arabern oder durch ihre Vermittelung den eingeborenen Küstenbewohnern verdankt haben. Ob und wie weit allerdings ihre Kenntnis auf genauere Nachrichten über den Viktoria Njanza und den Albertsee (Mlbuto Nxige) oder gar den Tanganjikasee (so Langenmaier) zurückgeht, ist ganz ungewiß.

Die zwei Seen sind aber für Ptolemaios nicht die eigentlichen Quellen des Stromes. Er kennt vielmehr im ,Inneren Äthiopien' ein 10 Meridiangrade langes, westöstlich sich erstreckendes Gebirge, τὸ τῆς Σελήνης ὄρος ἄῳ' ου ὑποδέχονται τὰς χιόνας αἱ τοῦ Νείλου λίμναι (IV 8, 2 p. 789 M.). Die Frage nach Herkunft und Bedeutung des Namens .Mondgebirge* und nach seiner Lokalisierung ist seit Beginn der erfolgreichen Erforschung des Nilqnellgebietes (Mitte des 19. Jhdts.) imme erneut erörtert worden, ohne daß dabei sichere Resultate erzielt worden wären. Man hat in der Regel in Σελήνης δρος eine Übersetzung des arabischen gabal al-Qamar gesehen, dieses aber wieder für ein Mißverständnis des wahren Namens gabal al-Qumr (der ,weiße*, eigentlich ,mondfarbene Berg*) erklärt, den die Griechen von dortigen Arabern gehört hätten. In Wahrheit ist umgekehrt das arabische g. al-Qamar nichts als einer der vielen von al-Qwärizml übersetzten [192] Libye (Ptolemaios) 192 ptolemäischen Namen, den man nach unvokali-sierten Manuskripten unrichtig g. al-Qumr las (NaHino Memorie della R. Accad. dei Lincei 1894, 29). In dem syrischen Σκάριφος τῆς οἰκουμένης, einem Auszüge der ptolemäischen Geographie vom J. 569 n. Chr., heißt das Gebirge noch ,tärä [Sejlênës (geschr. [s]l’jns), von dem die drei (!) Seen des Nilos den Schnee empfangen⁴ (Corp. script, christ, orient., scr. Syri, Ser. III 10 6, text. p. 206, 7); ebenso wird es in dem Auszuge des Pappos von Alexandreia (um 290 n. Chr.), soweit er bei Moses von Chorene in armenischer Übersetzung erhalten ist, als ,Mondgebirge nahe der terra incognita' bezeichnet (p. 25 ed. Soukry, Venedig 1881). Ob die Wahl des Namens etwa mit der Annahme einer Abhängigkeit der Wasserführung des Nils von den Phasen des Mondes (darüber: Partsch Abh. Sächs. Ges. 1909, 577) zusammenhängt, wie schon Mas'udl vermutete, ist 20 fraglich; die Tab. Peut. verzeichnet bei den Garamanten einen großen See mit der Beischrift saline inmense que cum Iuna erescunt et decrescunt. Ebenso wie das aristotelischeJyvßow δρος kommt auch Σελήνης δρος als Name eines spanischen Gebirges vor (Strab. III 148. Ptol. II 5, 3. Marc. Heracl. p. m. ext. II 12), wie sich auch anderwärts Namen wie Σελήνης ἄκρον, Λοῦνα δρος U. dgl. finden. Es ist daher sehr zweifelhaft, ob diese Bezeichnung mit dem modernen ,Mondlande⁴ Unjam-30 wezi im Quellgebiet des Kägera zusammenhängt, wie seit der Entdeckung dieser Landschaft immer wieder behauptet wird. Ptolemaios gibt nicht an, in welcher Weise er den Abfluß der Schmelzwässer des Mondgebirges zu den beiden Nilseen dargestellt wissen will. In späterer Zeit finden wir die Zeichnung der Nilquellen in eigentümlicher Weise symmetrisch angeordnet und stilisiert. Eine solche Stilisierung scheinen auch die handschriftlichen Ptolemaioskarten aufzuweisen (vgl. die Welt-40 karte im Parisin. gr. 1401, abgebildet bei Miller Erdmessung im Altertum 53); freilich ist es bisher noch nicht gelungen, deren Entstehungszeit sicher festzulegen. Die arabischen Geographen kennen außer den beiden ptolemäischen Seen an der Stelle, wo sich ihre beiden Abflüsse vereinigen, einen dritten (vgl. die drei Seen in dem oben erwähnten syrischen σκάριφος), die bafiha Küra. Bei al-Jwärizmi fließen vom Gabal al-Qumr je fünf Flüsse in jeden der beiden südlichen Seen; 50 diesen entströmen wiederum je vier Flüsse, von denen sich dann die beiden mittleren vereinigen, so daß je drei in den Küräsee (bei al-0wär. namenlos) münden. Diese Darstellung blieb in der Hauptsache bei den arabischen Geographen maßgebend. Etwas abweichend, doch nicht weniger stilisiert ist die Darstellung in einer zuerst von Hudson (GGM IV, Stück VI p. 38f.) herausgegebenen Exzerptensammlung (ἀποσπασμάτια γεωγραφικά), die man mehrfach irrig in das 5. oder 6. Jhdt. 60gesetzt hat (Ganzenmüller Ztschr. f. wiss.

Geogr. VII!, 1891, 7. Langenmaier München phil. Diss. 1916, 34ff.), obgleich die Bezeichnung von Untermösien (κάτω Μυοία) als Βουλγαρία das Ende des 7. Jhdts. als terminus post quem sichert (so schon Cooley Ptolemy and the Nile 1854, 90, 9). Nach dieser Schrift kommen vom westlichen und östlichen Teil des ,großen Mondgebirges* je vier Flüsse. Die vier westlichen heißen [193] 193

Libye

1. Χερβάλας., 2. Χεμσέτ, 3. Χιαγόνας, 4. Ἰατβάλας. Die beiden ersten vereinigen sich bei der Stadt 3fr*i; die so entstandenen drei Flüsse ergießen sich in die Καταρακτων λίμνη. Auch von den vier östlichen, deren erster an das Pygmaienland grenzt, vereinigen sich die beiden ersten bald; dem Namen nach ist nur der östlichste, der Χαράλας, bekannt. Diese vier bezw. drei Flösse münden in die Κροκοδείλων λίμνη. Jeder dieser beiden Seen besitzt zwei Abflüsse; die des westlichen vereinigen 10 sich bei den Städten Χιερά und Χάζα, die des östlichen bei Χίγγος und *Äßa. Die resultierenden zei Arme, zwischen denen die Κινναμωμοφόρος γῆ liegt und die Πυγμαίοι wohnen, vereinen sich im Lande der Ἐλεφαντοφάγοι ZU dem Μεγας πο~ ταμός (d. h. dem Nil), der dann weiter bis zum Gebiete der Χαμπεσίδες fließt. Aus der Κόλε oder Κολέη λίμνη strömt ihm der Ἀστάπους zu, mit dem sich der Ἀσταβόρας bereits vorher im Lande der Αὐξονμίται vereinigt hat. Zwischen beiden 20 Nebenflüssen wohnen die Στρονθοφάγοι und an ihrer Mündung in den Nil die Μακρόβιοι, Dann trennen sich die Nebenflüsse wieder eine Strecke weit vom ,Großen Flusse* und bilden so mit ihm die große Insel Μερόη; in dieser Gegend empfängt der (westliche) Hauptfluß den ihm vom See Ψεβόλη zufließenden Γαβάχι. Nach einer kurzen Bemerkung über den weiteren Lauf folgt dann noch ein zweites kürzeres Exzerpt der gleichen Beschreibung des oberen Nils, das mit einem 30 Zitat aus Heliodors Αἰθιοπικά (X 5) schließt.

Das Fragment ist mehrfach behandelt und sein Inhalt kartographisch dargestellt worden (letzteres zuerst von Parthey M.-Ber. Akad. Berl. 1864, 355–363, auf dessen Karte wie auf allen späteren der Γαβάχι fälschlich als östlicher Nebenfluß gezeichnet ist). Es enthält offenbar die Beschreibung einer Karte und ist ein Gemisch aus ptolemäischem und nichtptole-mäischem, vielleicht auch arabischem Gut. So 4( sehen die Namen der Quellflüsse ungriechisch aus; aber nur Χεμσέτ ließe sich als ein arabisches ,der fünfte* deuten, was für den zweiten (bezw. 7.) Fluß überdies schlecht paßt. In Cha-besides (Χαμπεσίδες) hat schon Schiern (Over-sigt over det K. Danske Vidensk. Selsk. Forhandl. 1866, IV 174, 1) die Abessinier, die Bewohner von Habes (neugriech. Χαμπέσια, ein Wort, das nach Kuütgen Progr. Neiße 1876, 18, Ganzenmüller u. a. in jenem Heliodorfragment 5 vorkommen soll!) erkannt. Der Gavachi [Γαβαχί) heißt nach den Γαπάχοι auf der Westseite des Nils bei Ptolemaios (Müller 777b); der See Ψεβόλη ist also hier ebenfalls im Westen (etwa au der Stelle des Nubasees?) gedacht (über die verschiedenen Namensfonnen dieses auch als χώρα oder νῆσος bezeichneten Ψ, vgl. Müllenhoff D. A. I 322f. und Bolchert Quell, u. Forsch. XV 93). Die Pygmäen wurden, wie wir sahen, bereits frühzeitig in Zentralafrika gesucht (über g sie Combet De Pygmaeis Africanis, Diss. Nancy 1903). Auf einen wirklichen Fortschritt der geographischen Forschung könnten höchstens die Namen der beiden Nilseen hindeuten. ,Krokodilsee* scheint für den Viktoria Njanza ein recht passender Name zu sein, da er besonders reich an diesen Reptilien ist. Dagegen dürfte der ,Kataraktensee‘ seinen Namen nur einer Verwechs-

Pauly-Wissowa-Kroll XIII [194] Libye ἴυ4

Iung mit den allerdings viel nördlicheren Nilkatarakten verdanken, die sich auch auf der Karte des Edrlsl als ,Kataraktengebirge* (gabal alganä-dil) finden (Descript. de l’Afrique... ed. Dozy et de Goeje, Leyde 1886, 20, 19 = 25 d. Übers.; Conti Rossini Riv. degli studi Orient. IX 451).

An diesem Beispiele der Darstellung des Nilquellgebietes sehen wir, wie das ptolemäische Kartenbild, die letzte wissenschaftliche Leistung und Zusammenfassung der geographischen Kenntnisse der Griechen, zwar in Einzelheiten nicht selten ergänzt und geändert wurde, in den Haupt-zfigen aber für die byzantinischen und arabischen Kartographen Vorbild und Grundlag e aller späteren Darstellungen geblieben ist. Dies gilt auch von dem Kartenbild des libyschen Erdteils bei dem Geographen al-gwärizmi, das auf die Karten und Beschreibungen der späteren Araber den größten Einfluß hatte. ,Das massenhafte – bisher als solches kaum erkannte – ptolemäische Material* (v. Mäik, Denkschr. Akad. Wien LIX IV 1916, 5, 1) – dazu gehört z. B. auch die von v. Mzik (p. 30) selbst für unptolemäisch erklärte ,Vorstellung eines geschlossenen atlantischen Ozeans*, die wenigstens für sein Südende schon bei Ptolemaios (VII 5, 2; s. o.) angedeutet ist – wurde aber anscheinend nicht aus der γεωγραφικὴ ὕφηγη· σις selbst, sondern aus späteren Umarbeitungen des Textes oder der Karten übernommen, wie wir » solche von Theon, Markianos von Herakleia, Pappos von Alexandreia und dem Syrer Ja'qöb von Edessa kennen. Aus ihnen stammen die un-ptolemäischen 7 Klimata, aus ihnen offenbar die oben erwähnten Canarii cv Qamnürîja (eine Benutzung des Solinus durch die Araber, die M a r -quart Benin.-Samml. CLXVII erwägt, ist undenkbar) aus ihnen endlich wohl auch die Wiederaufnahme’ der Hypothesen eines westlichen und eines östlichen Nillaufes. Diese letzteren, die) vermutlich mit den alten Ansichten über den westlichen oder östlichen Ursprung des Stromes Zusammenhängen, finden sich zwar noch nicht bei al-gwärizml; aber seit Edrïsï uud Mas'üdi hören wir wiederholt vom NÜ von Ghana im Westen und dem von Maqdisu (j. Mogadisü an der italienischen Somäliküste) im Osten. Da Ghana dort angesetzt wird, wo auf der Ptolemaioskarte der Nigir in der Γαραμαντικὴ φάραγξ (bei al-ÿwâ-rizmï ,das niedrige Gebirge Gharamas, d. i. der 0 gabal Ghana*) verschwindet, und da wir außerdem sahen, daß eine ununterbrochene, bis ins späteste Altertum nachweisbare Tradition an dem westlichen Ursprung des Nils festhielt, so sind gewiß auch die Nachrichten über den Nil von Ghana lediglich auf antiken Einfluß zurückzuführen, nicht auf neue Erkundungen dieser Gebiete (so Marquart LXXXIV). Das gleiche gilt vom Ndu Maqdisü, bei dem man etwa an die Worte des Orosius (GLM 59 Biese) erinnert wird: Nüum ,$qui de litore incipientis maris Rubri tndelur emergere in loco qui dicitur Mossylon emporion. Die unptolemäischen Ἄγριοι (Diod. III 31, 1. Artemid. bei Strab. XVÙI 771) hat Marquart (CCXVIII, 4) als Hamag bei den Arabern wiedergefunden (vgl. Conti Rossini Riv. dgl. stud. Or. IX 36f.). Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß die auffällige Zeichnung der ägyptischen Küste bei al-gwärizml, die sich von der 7 [195] 195 Libye

ptolen/ischen dadurch unterscheidet, ,daß an die östlichste pelusische Nilmündung... sich sofort die palästinische Küste anschließt⁴ (v. M z i k 32; ebenso bei al-Battäni), sich genau ebenso bereits auf der Mädabäkarte findet.

Hat somit die wissenschaftliche Erforschung des unbekannten L.s im Altertum mit der Ptole-maioskarte in der Hauptsache ihren Abschluß erreicht, so finden wir doch bei späteren Schriftstellern noch manches ethnographisch wertvolle Material über die an den Grenzen des Römischen Reiches wohnenden Berbernstämme.

Neue Völkernamen tauchen in der Chronik des Hippolytos (um 235 n. Chr.) auf. Da aber in ihr Ptolemaios stark benutzt ist, liegt doch bei der Art ihrer Überlieferung in manchen Fällen die Möglichkeit vor, daß es sich nur um verschriebene oder verstümmelte ptolemäische handelt. Es werden in ihr Λίβυες πρώτοι καὶ δεύτεροι unterschieden (Texte u. Unters, z. alt-christb Lit. XXIX I p. 100 c. 200, 20. Chron. pasch. 56, 20 Bonn), nämlich 1. (p. 78 c. 143) die Bewohner der Λ. ἡ παρεκτείνουσα [von Ägypten] μέχρι Κορκυρίνης [1. Κυρήνης] und 2. (c. 146) die der Λ, ἐτέρα ἡ παρεκτείνουσα (ἀπὸ) Δέπ· τέως μέχρι μικρὸς Σύρτεως. Im ersten Falle ist offenbar der libysche Nomos gemeint, im zweiten das westliche Syrtengebiet, das Ptolemaios zu Africa rechnet Zwischen beiden liegt nach der Chronik die Μαρμαρίς (gewöhnlich Μαρμαρική genannt; richtiger wäre sie als Teil der Λ. πρώτη zu bezeichnen) und die Σύρτις, das Gebiet an der Großen Syrte mit den drei ἔθνη der λασαμόνες, Μάκαι und Ταυταμαῖοι. An einer anderen Stelle (p. 110 c. 216) werden die Νεβληνοί (Ptol. Νυγβηνοί, lies Χυβγηνοί, s. O.), Kviiïoi (Ptol. Κινίθιοι), Νούμιδες, Σαίοι (nach A. Bauer ,wohl nur das Ende eines Namens¹) und Νασαμόνες aufgezählt.

Die Tabula Peutingeriana nennt bei Sabrata die Bagi Getuli; weiter östlich die Garamantes und die natio Selorum, deren Name auch in Digdida municipium Selorum an der Kleinen Syrte wiederholt wird (die Ψύλλοι der Griechen?); zwischen den beiden Syrten die Syrtites und die Nesamones (zur Namensform vgl. die Etymologie bei Plin. V 33: Mesammones = mediosinter harenas sitos, also μέσους τῆς ἄμμον) an den Boecolen montes, die dem Βαικολικὸν ὄρος in Kyrenaike bei Ptolemaios (IV 4, 5 p. 668 M.) entsprechen. Unweit der Großen Syrte finden wir die Gnadegetuli und die Nigizegetuli (Ptol. IV 3, 6 p. 638 M.: Νιγίτιμοι; vgl, Nesimi Gae-tuli bei Plin. V 17 ?). Diese Völkernamen stammen vermutlich aus den Karten des Agrippa. Am Ostende des Erdteils, der bei Pernicide Por-ium (Βερενίκη) in einen spitzen Winkel ausläuft, beißt es: hie cenoeephali nascuntur-, hier sind also die κυνοκέφαλοι zu ,Hohlköpfen' geworden !

Die Angaben der Tabula Peutingeriana werden ergänzt durch die des Geographen von Ravenna, der bekanntlich größtenteils auf die gleichen Quellen zurückgeht wie die Karte. Die übereinstimmenden Itinerare sind in L. auf die Küstenländer des Mittelmeeres beschränkt; das auf der Tabula fehlende Innere L.s zerfällt bei dem Geographen von Ravenna in drei Teile: 1. die Aethiopia Garamantium (p. 6, 7. 136, [196] Libye 196

17) im Hinterland der Marmarides, Xassamones, Lotofagi atque Blegmies (soi 137. 1); 2. die Aethiopia Biboblatis in dem von Africa, Numi-d»a und Mauritania Caesariensis (6, 18. 158, 13), und 3. die Mauritania Egel (8, 2. 161, 8. 416, 11: Mauros Egel) in dem der M. Tingitana.

Im garamantischen Äthiopien, das an das eigentliche Äthiopien (das der Auxumiten. das der Kandake und das der Troglodyten) grenzt, 10 werden das Volk der Asbyste (136, 6), die Seen Lieumedis (6, 12; Licum et 136, 13; bei Ptol. IV 5, 11 p. 691 ἡ Λυκομήδους λίμνη im libyschen Nomos; Plin. V 27) und Äugitta (6, 13. 136, 13: Augita, d. i. Ἄνγιλα) und die montes Nattbaboni (6, 11. 136, 11: Nauvavon; die Na-babes bei Plin. V 21 und auf der Tab. Peut. segm. II 2–3) genannt, in der Aethiopia Biboblatis die Tul[l]ialodi montes (7, 3. 138, 18) und der laeus Tage (6, 20. 138, 12: Tagges)‘t 20 beide Länder durchströmt in weitem Lauf der unfern vom Ozean entspringende Ger (6, 9. 7, 4. 136, 9. 139, 1; s. o.). In der patria Egel, die am Ozean liegt und an das Land der Perosi (= Perorsi 7, 11 u. ö.) und die Salinengegend in der Tingitana (vgl. Tab. Peut. segm. II 1: Saletas Nubonenenses) stößt, befinden sich die Braeae montes (8, 5 = Plin. V 10; Praxe 161, 12) und am Ozean montes ut mons Ethna qui ardere seribuntur (d. i. das Theon Ochema, das 30 nach Plin. VI 197 aeternis ardet ignibus).

Im geographischen Teil der Historien des Orosius sind ebenfalls einzelne neue Angaben Über L. enthalten. So erfahren wir (I 2, 90), daß die Tripolitana provincia auch regio Arzu-gum hieß, quamvis Arxuges per longum Afri-cae limitem generaliter vocentur, also die Bewohner der auch von Corippus (Johann. II 148 u. ö.) als tellus Arugis (o. Bd. II S. 1499) bezeichneten Landschaft (j. Biläd el-gerld). Zwi-40 sehen Byzacium und Tripolis lag an der Kleinen Syrte der laeus Salinarum (I 2, 90. 92), auf der Tabula Peutingeriana als Saline inmense que cum Iuna creseunt et decrescunt bezeichnet (was nach Dicuil 8, 7, 1 in Cosmographia legi-tur; über die Beziehungen zur Nilquelle s. o.); es sind die jetzigen Salzseen Sott el-gerld und Sott el-fegeg gemeint. Südlich von Tripolis wohnen zwischen den Gaetulern und Garamanten die Nathabres (Oros. I 2, 90. Aethic. 44 p. 100 50Riese: Xatauros) zweifellos am ftumen Natha-bur des Plinius (V 37; vgl. auch seine Xatabu-des V 30). Das südliche Grenzgebirge Mauretaniens, das inter viram terram et harenas iacentes usque ad oceanum die Grenze bildet, heißt hier Astrixis; diese Sandwösten durchstreiften die Gangines Aethiopes (I 2, 93; Zan-genas, var. Gangeras nennt Iuba bei Plin. VI 176 einen Trogodytenstamm). Die Autololes am westlichen Ozean (I 2, 94) neißen nunc Galau-60 les (richtiger wohl Gaulalum gentes bei Isid. etym. IX 2, 124; j. Hiläla?).

Vibius Sequester (GLM 158, 13 Biese) nennt das sonst unbekannte libysche Volk der Magem-buri (aus Macurebi entstellt?).

Die libyschen Stämme hatten ihren Wohnsitz, wie schon die Ptolemaioskarte zeigt, teils innerhalb des römischen Gebietes, teils jenseits der Grenzen. Im allgemeinen scheint unter ihnen [197] 197 Libye

ein starker Wandertrieb in der Richtung gegen das Kulturland hin geherrscht zu haben, der bald zu geregelter Ansiedlung führte, bald – in Zeiten politischer Ohnmacht des Reiches – zu Plünderungen und Verwüstungen der Provinzen. Sie erforderten hier ebenso wie an den meisten anderen unbeschützten Grenzen ausgedehnte Li-mesanlagen. Auch hier bestanden sie, Wie im Orient, nicht aus einer einzigen Fortifikations-linie, sondern es wurden sowohl außerhalb des Limes vorgeschobene Posten befestigt, wie das Kastell Tisavar (Qasr Ghelane), das Präsidium von Siaoun (= Sinaun auf älteren Karten?), die Oase Cidamus (Ghadämes), wohin Severus Alexander eine vexillatio verlegte (CIL Vin 10990), Gkaria el-gharbïja auf dem Wege von Oea und Bungem auf dem von Groß-Leptis nach Fezzän (Tissot Géogr. de TAfr. II 707, 1. Merlin Compt.-R. Ac. Inscr. 1921, 244ff.), wie auch innerhalb des geschützten Gebietes Festungen angelegt, zweifellos um die dort wohnenden Berberstämme im Zaume zu halten (z. B. Γερεισά Ptol. IV 3, 11 p. 659 M., j. Ghirza, vgl. Sala-din Les monuments de Gh., Paris 1906). Die Hauptbefestigungslinie zog über das castellum Thigensium (etwa 25 km südwestlich von Capsa) und ein anderes gegen 30 km südlich von Gafsa gelegenes Fort (Schulten Arch. Anz. 1904, 131) nach Turris Tamalleni (j. Telmin), von dort als Umes Tripolitanus über Bezereos (Sidi Muhammed ben Aïssa), Tibubuci (Qsar Tarxin) und Tabalati (1. Talalati, j. Tlalet) in weitem Bogen ain Steilrand des gebel Nefuda entlang zum g. Jefren, g. Gharian und g. Tarhöna (vgl. die z. T. allerdings veralteten Karten und Skizzen bei Toutain Mél. d’arch. et d’hist. XVI 1896, 63–77 mit pl. L Méhier de Malthuilsieux Nouv. arch. des miss, scient, et litt. 1902, 271. Cagnat Armée Rom. de FAfriqueS 1913. 529). Auch hier ist der Limes eine Grenzstraße, an der in geringen Abständen besonders vor den zur Wüste führenden Pässen Kastelle von verschiedener Größe und dazwischen auch die ebenso an der syrisch-arabischen und der Donaugrenze bekannten burgi (arab. al-burg, plur. abrag, bu-rüg) und τετραπύργια liegen (zu diesen Korne-mann Klio VII 113; Èdrisï Descr. de l'Afr. p. 136 ed. Dozy-de Goeje nennt zwischen Ταῦχειρα [Qasr Tükara] und Πτολεμαις [Tul-maita) ein al-abräg al-arba'a = 4 burgi, Polyb. XXXI 26, 11 ein Τετραπνργιά am großen Kata-bathmos). Auch die Kyrenaike war durch eine Reihe von Kastellen auf dem Hochplateau des gebet el-ahdar geschützt. Die Namen der einzelnen Limeskastelle sind uns aus der Notitia dignitatum bekannt; der Abschnitt über den kyrenäischen lûmes (or. XXX auf fol. 38) ist leider verlorengegangen. Der dux Libyarum (ygl. Cod. Theod. VIII 1, 16), der nach der Notitia dignitatum (p. 2, Index 1. 40 ed. Seeck) als einer der beiden duces per Aegyptum dem Comes rei militaris Aegypti zugeteilt war, hatte das militärische Oberkommando in den beiden Provinzen ἄνω A. (Hierokl. 732, 8) und κάτω A. (733, 4; ἡ ἔγγιστα Λ. bei Athanas. ep. ad Antiochen., Migne G. XXVI col. 808 B bis), 'vie seit Diocletian die kyrenäische Pentapolis and das Gebiet östlich von ihr bis Paraito- [198] Libye 198

nion (die Marmarike) hieß (Geizer zu Georg. Cypr. 787; vgl. auch Augustin. serm. XLVI 41: Cyrene Libye, est, Pentapolis est, contigua est Africae, ad Oriente™ magis pertinet... Libya duobus modis dicitur: vel ista quae proprie Africa est, vel ilia Orientis pars quae contigua est Africae et omnino collimüanea). Von den Kämpfen zwischen den kyrenäischen Griechenstädten und den eindringenden Berbern gewinnen 10 wir ans den Briefen des Synesios von Kyrene ein anschauliches Bild (vgl. Sievers Studien z. Gesch. der Röm. Kaiser 403–412); auch hier saßen zwischen den hellenisierten Stämmen der Küste, zu denen wohl die Ashystai. Auschisai u. a. gehörten, und den βάρβαροι der Wüste noch μιξοβάρβαροι (Synes. epist. 129b. Migne G. LXVI col. 1511 C), womit wohl die Μακέται gemeint sind (Sievers 408).

Das Vordringen der Libyer ins Kulturland 20 läßt sich vor dem 3. Jhdt. nicht mit Sicherheit nachweisen. Wenn die Musulami nach späteren Inschriften (CIL VIII 270.[2] 4676. 10 667. Tou-tain Mém. de la soc. des antiqu. 1898) nördlich von Theveste, die Nattabutes bei Calama (Gelma, CIL VIII 484)[3] saßen, während sie Ptolemaios (IV 3, 6 p. 639) südlich vom Aöov 3ρος ansetzt, so kann man daraus keine Schlüsse auf eine Übersiedelung in nördlichere Gebiete ziehen (so Mommsen R. G. V 634, 2), da es sehr zweifel-30 haft ist, ob jenes Gebirge mit dem A«rθf identisch ist (s. d. Art. Aύράοιον 3ρος o. Bd.IIS.2426). Ebenso sind die Movaowot, die auf zwei Inschriften von Hanèir Seragka zwischen Cillium und Thelepte als Musunii liegiani genannt werden (Cagnat-Merlin-Chatelain Inscr. lat. d’Afrique, Paris 1923 nr. 102f.), auch bei Ptolemaios (a. O.) in Africa propria angesetzt. Erst um 250, als sich allenthalben die Schwäche des Reiches kundtat, begann eine Periode fortgesetzter Einfälle berbe-40rischer Stämme (Schulten Das röm. Afrika, 1899, 115 Anm. 167. Bates Eastern Libyans 235ff.). Um 400 tritt ein bis dahin unbekanntes Räubervolk auf, die Αὐσο[ν]ριανοί, die zusammen mit den Μακεζαί (den alten Μάκαιθ) die Umgegend von Leptimagna brandschatzten und mit den Maziken die kyrenäische Pentapolis beim-suchten, wo sie Kyrene selbst belagerten (Synes. epist. 57. 74. 104. Ammian. Marc. XXVI 4, 7. XXVIII 6, 2. 13: Austoriani. Philostorg. hist. 50 eccl. XI 8. Prisk. von Panion frg. 14, FHG IV 98. Coripp. lohann. II 89 u. oft: Austur u. ä.). In der gleichen Gegend nennt Prokopios (bell. Vand. II 21f., 28; de aedif. VI 4; anecd. 5) die Λευάῦαι (Λευκάθαι, Λεβά[ν]θαή, bei Corippus Ilaguanten (IV 797. V 166) oder Laguantan (I 144. 467 u. öfter mit vielen Varr.) genannt (Partsch Satura Viadrina, Bresl. 1896, 27. Bates 67 nr. 8). Sie waren unter Iustinian das mächtigste Volk an der Tripolitanischen Grenze, das um die Mitte 60 des 6. Jhdts, empört über den Verrat des byzantinischen Statthalters Sergios, in Byzakion einfiel und das Land einschließlich Hadrumetum schrecklich verwüstete (Procop. bell. Vand. II 21f.). Mit dem gleichen Namen Liwäta (Lüäta) pflegten später die Araber allgemein die Östlichen Berbernstamme zu bezeichnen. Zu den reichhaltigsten Quellen über die Ethnographie Nordafrikas gehört die lohannis des Corippus, in der [199] 199 Libye

die Siege der Byzantiner in Nordafrika besungen werden. Corippus war wie wenige mit Land und Leuten, Sprache und Sitten dieser Gegenden vertraut. Freilich ist die Erklärung seines Werkes durch seine poetische Form wie durch den Mangel an Vergleichsmaterial sehr erschwert. Einzelne Stämme, die Frexes (Steph. Byz. nach Herodian.: Φρήτες, ἔθνος Αἰβνκόν) und Naffur, hat man in den jetzigen Ferasls und den mittelalterlichen Nafüsa, nach denen der j. gebel Nefusa heißt, wiedergefunden (Partsch a. O. 23). Die Afa/' λυες heißen bei Corippus Imaelas (II 75) oder Mecales (III 410), die Ἀοτάκουρες (Ptol. IV 3, 6 p. 641 M.) Ästrices (II 75); die Urceliani (II 75. VI 390) kennt auch Vegetius (III 23: Urcilliani). Fraglich ist es, ob man die lfurac[es] (II 113. IV 641 VII 490. 648) mit den Beni Ifwren (Ifren) bei Ibn galdün zusammenstellen darf. Weitere Namen bei Corippus und seine Angaben über Tracht, Sitten und Gebräuche dieser Stämme hat Partsch (a. O.) gesammelt.

Wertvolle Beschreibungen von Land und Leuten enthält auch die Kriegsgeschichte des Prokopios von Kaisareia, so die Schilderung des Αὐράαον δρος und des Syrtengcbietes und die Abschnitte über Herkunft und Sitten der Maurusier (bell. Vand. II 10. 13 u. ö.; de aedif. VI 3f.). Von den Bewohnern von Κιδάμη ( Ghadämes) weiß er, daß sie Ῥωμαίων ἔναπονδοι ἐκ παλαιόν waren (de aed. VI 3). Er spricht jedoch fast ausschließlich von Gebieten, die früher völlig romanisiert gewesen waren. Die Einfälle der Berbernstämme hatten blühende Landstriche verödet; als Folge davon finden wir dort einen starken Rückgang der geographischen Kenntnisse in dieser Zeit.

Wichtiger sind die letzten Forschungsreisen des ausgehenden Altertums an der Ostküste L.s, wenn sie auch über diese selbst kaum nennenswerte Ergebnisse mehr brachten. Hier bewirkte einmal das in Nubien und Aksüm eindringende Christentum (Duchesne Mél. d'arch. et d'hist. XVI 82 – 112), ferner aber der Wunsch der Byzantiner neue Handelsbeziehungen anzuknüpfen und Persien von dem Seidenhandel auszuschließen, einen gesteigerten Verkehr im Arabischen Meerbusen, der an die Zeiten*der Ptolemäer und ersten römischen Kaiser erinnert.

Der Mönch Kosmas Indikopleustes, in seinen Ansichten über die Grundfragen der physikalischen Geographie als ,der Beschränkteste aller Beschränkten* berüchtigt (K. Kretschmer Pencks Geogr. Abh. IV 9), ist doch durch seine zu Anfang der Regierungszeit Iustinos' I (um 525) unternommenen Reisen ein wichtiger Gewährsmann für die Kenntnis Ostafrikas im 6. Jhdt. n. Chr. Dort hatte sich das Reich der schon frühzeitig aus Südarabien eingewanderten Abessinier (Haba-sät) von Aksüm (Conti Rossini Rendiconti della R. Accad. dei Lincei 1906, 39–59) allmählich stark ausgedehnt und umfaßte wohl schon frühzeitig (im 4. Jhdt. ?) einen großen Teil der Küste des Arabischen Meerbusens, besonders Adulis und die Barbaria; ob freilich die Ansprüche des Aksümitenkönigs Ἄειζανας ÇEzünâ; um 350 ?) auf Südarabien und die Länder bis zum Weihrauchlande (CIG III p. 515) auf ihren tatsächlichen Besitz gegründet waren, ist zweifelhaft. Eine dauernde abessinische Herrschaft über das Home- [200] Libye 200

ritenreich ist vor Anfang des 5. Jhdts. kaum denkbar (wegen Philostorg. hist. eccl. III 6) und jedenfalls ror dem 6. Jhdt. nicht mit Sicherheit nachweisbar (Jeep Eh. Mus. 1897» 233. 236).

Gerade als Kosinas in den Häfen Äthiopiens weilte, war der Aksümitenkönig EUesbaas (Etta-Asbeha) mit den Vorbereitungen einer Expedition gegen Arabien beschäftigt, auf der er im folgenden Jahre (526) Zafar eroberte und die Homeriten 10 (Himjar) unterwarf (Kosm. p. 72, 25 ff. ed. W i n -stedt). Über Abessinien selbst sind Kosmas’ Nachrichten verhältnismäßig spärlich; am wertvollsten ist seine Kopie der Inschrift, die König Aeizanas auf die Lehnen eines Thrones in Adulis neben die des Ptolemaios Euergetes hatte setzen lassen und die Kosmas vielleicht fälschlich für die Fortsetzung jener älteren ansah (Kosm. 74, 8 – 76,12W. Dittenberger OGIS I 285–296; Übersetzungen bei Dieterich Quellen zur Erdk. 20V 77f. und Littmann Deutsche Aksum-Ex-pedition I 42ff. mit geogr. Kommentar). Die Kenntnis des dunklen Erdteils vermochte freilich Kosmas durch ihre Abschrift schwerlich zu erweitern, da ihre topographischen Angaben trotz der beigefügten kurzen erläuternden Scholien seinen Zeitgenossen bei dem engen geographischen Gesichtskreis dieser Zeit unverständlich bleiben mußten. Auch Kosmas selbst besaß über die Teile Afrikas, für die ihm Autopsie fehlte, ganz un-30 richtige Vorstellungen. In seinem Kampfe gegen die Sphäristen mußte er auch die Ptolemaioskarte aufgeben und zu der Annahme eines südlichen Ozeans zurückkehren. Für ihn befindet sich bei Ζίγγιον (j. Käs Hafün) das στόμα τὸν ὠκεανόθ an dem man links vorbeifährt, uni durch den κόλπος (seil. Περσικός) nach Indien zu gelangen (p. 62, 26ff. W.). An diesem θκρον τῆς Αἰθιοπίας liegt im Binnenlande die λιβανωτοφόρος γῆ (das Somâliland) in der sog. Βαρβαρία. (69, 31f.), 40 und zwar unweit des Ozeans, in dessen Nähe aber auch das Land Σάσον gelegen ist (p. 70, 2). Diese χώρα ὑστάτη οὐσὰ τῶν ἈΙθιόπων, ein angebliches Goldland (darüberMarquart CCLXXXIX), ist jedoch im Südwesten von Aksüm zu suchen, da die Kaufleute auf dem Wege dorthin die Quellflüsse des Nils überschreiten müssen: περὶ γὰρ τὰ ἐκεὶ ἐστιν ἡ κορυφὴ τὸν Νείλου ποταμου (nämlich des Abbüwt oder Blauen Nils; Kosm. p. 71, 26). Nach Kosmas' Vorstellung bog also die 50 Küste L.s unmittelbar hinter dem Osthorn nach

Westen um (so richtig Marquart CCXCI); er kehrt demnach zu den Ansichten der Vorgänger des Clarines und Ptolemaios zurück und ignoriert völlig die bei diesen Geographen verarbeiteten Berichte der Forschungsreisenden des 1. Jhdts. n. Chr. Doch hatten diese Ansichten trotz des Ansehens, das die »christliche Topographie¹ genoß, keinen Einfluß auf die weitere Entwicklung der Geographie, da diese, wie wir sahen, voll-60 ständig auf Ptolemaios basierte.

Noch ein zweiter Grieche, Νόννοσος, der Sohn des Ἀβράμης und Enkel des Εὐφράσιος, unternahm wenig später (um 533) eine Reise über Φαρσάν (wohl die beiden Farsän-Inseln gegenüber von Massauwa), Adulis und Aua (o. Bd. II S. 2263) nach Auxumis an den Hof des Ellesbaas (Über Nonnosos: Krumbacher Byz. Lit.-Gesch.² 240). Nach den erhaltenen Bruchstücken [201] 201 Libye

seines Gesandt schaftsberichtes an Iustinian (FHG IV 178 – 180) zu urteilen, besaß er einen klaren Blick für all’ das Wunderbare, das ihm unterwegs begegnete; neue geographische Entdeckungen waren ihm jedoch kaum beschieden.

Literatur: Älteres Hauptwerk über L.: Vivien de St. Martin Le Nord de l'Afrique dans Tant. Grecque et Romaine, Étude hist. et géogr... ., Paris 1863. H. Kiepert Lehrb. der alten Geographie, Berl. 1878 § 171–202. Zur Ent-10 deckungsgeschichte: Berger Gesch. d. wiss. Erdk. d. Griechen², Leipz. 1903 passim. Giesinger Art. Geographie u. Suppl.-Bd. IV S. 521-685. Zu Herodot: Sparig H.s Angaben üb. die Nilländer oberh. Syenes, Diss. Halle 1889. Windberg De Herodoti ... Libyae descript., Gött. Diss. 1913. Zu Aristoteles, Strabon, Plinius und Mela: Sieglins Quellen u. Forsch, z. alt. Gesch. u. Geogr., H. 11: Klotz Quaest. Plinianae geogr.; H. 14: Detlefsen Die Geographie Afrikas bei20 Plin. und Mela; H. 15: Bolchert Aristoteles Erdkunde von... L.; H. 28: Strenger Stra-bons Erdk. von L. Zu Ptolemaios: Müllers Ausg. I 2 (1901) p. 571–790 (729–754 L. in-terior; 788–790 Aethiopia interior). Roscher Ptol. und die Handelsstraßen in Central-Afrika, Gotha 1857 (überholt). Über das Problem der Nilschwelle, auf das oben nur soweit eingegangen werden konnte, als es die Anschauungen über L. beeinflußte: Knut g en Die Ansichten d. Alten 3( üb. die Nilquellen, Progr. Neiße 1876. Partsch Abh. Sächs. Ges. 1909, 593ff. (dazu Bolchert Ilbergs Jahrb. XXVII 150ff.). Capelle Ilbergs Jahrb. XXXIII 317ff. Corssen Philol. LXXIV 16ff. Immisch Agatharchidea in S.-Ber. Akad. Heidelb., phil.-hist. Kl. X, 1919, 17f. Über Einzelgebiete: v. Klöden Das Stromsystem d. ob. Nil, Berl. 1856, Glaser Die Abessinier in Arabien und Afrika, München 1895. Littmann in Deutsche Aksum-Expedition I, Berl. 1913, 37–60 41 (,Zur Gesch. Aksums*); III (sabäische, griech. u altabessiu. Inschriften). Langenmaier Alte Kennrnis u. Kartographie der Centralafrik. Seen-region, Münchener phil. Diss., Erl. 1916, 6–37; Abh. d. Hamburg. Kolonialinst. XXXIX 1918, 84 (für das Altertum methodisch unzureichend; dazu Philipp Berl. phil. Woch. 1918, 1108–1114). Fournel Les Berbers, 2 vol., Paris 1875–1881 (älteres Hauptwerk, besonders nach arab. Quellen). Schirmer De nomine et genere populorum qui 5 Berberi vulgo dicuntur, Thèse Paris 1892. Gibbon-Bury Hist. of the décliné and fall of the Rom. emp. V 469 n. 190. Bates The Eastern Libyans, an essay, London 1914 (darin Bibliography p. 263–275; neuere Literatur über die Berbern [erschienen 1919–Mai 1922] bei Beguinot Riv. degli stud. Orient. IX 382 – 408). Goebel Die Westküste Afrikas im Altertum, Diss. Leipzig 1887. C. Th. Fischer De Harmonie Cartbag. periplo, Leipz. 1892. Illing € Der Periplus des Hanno, Progr. Dresden 1899. Knötel Der Niger der Alten u. a. wichtige Fragen der alten Geograph. Afrikas, Glogau 1866. Avelot L’Afrique occidentale au temps des Antonins, in Bull. de géogr. hist. et descript. 1908, 37–80 mit 3 Kärtchen (ganz unbefriedigend). Für die byzantinischê Zeit: Dieterich in Quell, n. Forsch, zur Erd- u. Kulturk., herausgeg. von [202] Libys 202

Stübe V I 69–100. 135–138. Antikes Material bei arabischen Geographen: Nailino Al-IJuwä-rizmi e il suo rifacimento della geografia di To-lomeo, in Atti della R. Accad. dei Lincei, Ser. V vol. 11, 1894, 1–53. Marquart Die Benin-Sammi. des Reichsmus. f. Völkerkde. in Leiden, Leid. 1913. v. Miik Afrika nach d. arab. Bearb. der Γεωγρ. ὑφήγ. des CI. Ptolem. von Muh. ibn Müsà al-Qwärizml, in Denkschr. Akad. Wien LIX IV 1916, 1–93 (dazu Ruska Geogr. Ztschr. XXIV 80). Conti Rossini Rivista degli studi Orient. IX 36f. Über Inschriften im libyschen Alphabet einige Literatur [vor 1914] bei Lüb-ker-Geffcken-Ziebarth Reailex.⁸ s. A. ferner Littmann L'origine de l’alphab. Libyen, in Journ. Asiat. 1904,423–440. Chabot Notesur l'alphabet Libyque, in Compt.-rend. de TAcad. 1917, 558ff. Schulten ZDMG 1924, 15f, nach dem das libysche Alphabet, das nach Littmann (bei Schulten a. O.) ,eine stark abgeschliffene Form des Neupunischen darzustellen scheint⁴, eng mit der von Schulten (a. O. 1–18) behandelten ,tartessischen‘ Schrift verwandt ist, was freilich gegen seine frühe Datierung dieses spanischen Alphabets (um 500 v. Chr. 1) zu sprechen scheint.

3) Λιβύη (Libia Apionis Sext. Ruf. 13), Teil der Kyrenaika, den Ptolemaios Apion den Römern vermachte; s. Ptolemaios Apion.

) 4) Libya palus, von Ptol. IV 6, 4 im Inneren

Libyens unter 35° 16° 30' verzeichnet, einen Abfluß zum Nigir entsendend. Nicht mit irgendwelcher Sicherheit zu deuten.

  1. Corpus Inscriptionum Latinarum VIII, 1839.
  2. Corpus Inscriptionum Latinarum VIII, 270.
  3. Corpus Inscriptionum Latinarum VIII, 484.