RE:Linos 1
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| Volkslied bei Homer, später Trauergesang und mythologische Figur | |||
| Band XIII,1 (1926) S. 715–717 | |||
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Linos. 1) Λίνος heißt bei Hom. 11. XVIII 570tf. ein Winzergesang, der von einem Knaben zur Kithara gesungen wird, während eine Schar dazu tanzt. Nach Hesiod. frg. 97 sangen ihn alle Sänger und KithaTisten ἴν εἰλαπίναις tf χοροίς τε. Ist dabei noch von keinem Trauercharakter des Liedes die Rede, so tritt ein solcher erst bei Herod. II 79 auf. bei dem L. zudem schon personifiziert und mit dem ägyptischen Maneros identifiziert wird. In Argos erΉμίπῖ L. als der Sohn Apollons und der Aiivfrin Psamathc. der von seiner Mutter aus Furcht vor ihrem Vater Krotopos ausgesetzt und von Hunden zerrissen wird (Paus. I 43, 7. Srhnl. Hom. Il. Will 569. Callim. frg. 315): durch «'inen später berühmten Threnos habe man dann Psamathe und L. versöhnt. Die Beziehung zur Musik, die hier noch fehlt, erscheint erst in einer späteren, thebanischcn Version (Pans. IX 29. 6fj. Danach ist L.. der Sohn des Amphimaros und der Urania (Suid. s. v.), der bedeutendste Musiker seiner Zeit, der von Apoll getötet wird, weil er es waifto. sich ihm im Gesänge gkichzustcllen. Nach anderen mußte er sterben, weil er statt der Leinen-«iten solche au = Schafdärmen cingeführt hatte iSchol. Hom. 11. Will 570). Das Trauerlied um ihn sei schließlich bis zu den Barbaren ge-drungcii. Als Vater des L. wird von den meisten [716] Apollon- genannt, als Mutter verschiedene Musen (Greve in Roschers Myth. Lex. II 2, 2055L). Vor seinem Bilde wurden vor dem Musenopfer jährlich Opfer gebracht. Nach einer anderen Version war L. Lehrer des Herakles (Theocr. 24, 103. Nicom. exc. c. 1, 29 M. Clem. Al. ström. I 323) und wurde von diesem erschlagen, als er ihn beim Musikunterricht wegen Ungeschicklichkeit bestrafte (Apollod. II 4, 9. Diod. 0 III 67). Hier ist also der Held des L.-Liedes bereits zu einem Sänger spezifiziert; um den Widerspruch auszugleichen, wurden schließlich zwei Personen dieses Namens aufgestellt (Paus. II 19, 8. Prop. II 13, 8). Nachdem er aber einmal zur Musik in Beziehung gesetzt war, ging das Fabulieren seinen Weg: er wurde zum Empfänger der dreisaitigen Lyra (s. d.), zum Erfinder einer neuen Saite, der λιχανός (Diod. III 59), ja sogar des Liedes, des Rhythmus und !0 der Musik überhaupt (Anon. bei Censor. 12.
Diod. III 59. Schol. Hom. a. a. O. Suid. s. v. L. Alcid. c. Palam. 8), der Dichtung (Tzetz. exeg. in Hom. II. XIV 13) und endlich παντοίας ὑοφίας (Clem. Alex, ström. 1 205). In der letzten Phase der Entwicklung der Sage wurde L. aus dem im Liede gefeierten Helden zum Komponisten gemacht. Plutarch, der ihn zum Zeitgenossen des Amphion macht (de mus. 3), schreibt ihm die Komposition von θρήνοι zu, 50 und schließlich wurde er wie Amphion und
Orpheus zum Ahnherrn der Kitharodie überhaupt (Plin. n. h. VII 204). Allerdings geht die Vorstellung von dem Komponisten L. nicht hoher als bis Herakleides oder besser gesagt, dessen Quelle, die sikyonische Chronik, hinauf. Lokalisiert wurde die L.-Sage zuerst in Argos (s. o.), dann in Boiotien, besonders in Theben und am Helikon und endlich in Euboia (Plut. a. a. O.), und cs fehlt nicht an Versuchen, die 40 verschiedenen widerstrebenden Angaben miteinander in Einklang zu bringen (Diog, Laert. prooem. 4. Anth. Pal. VII 616. Suid. s. v.). Außer als Musiker erscheint L. aber auch noch als Dichter, Philosoph und Grammatiker (Anwendung der phönizischen Buchstaben auf die griechische Sprache Diod. III 67. Zenob. Cent. 4, 45., Schriften über Dionysos Diod. a. a. O., über Sonnen- und Mondlauf Censorin. de d. nat. 18. eine Kosmogonie Diog. Laert. prooem. 4), doch 50 erhoben sich schon im Altertum Zweifel an dieser literarischen Tätigkeit (Paus. VIII 18, 1).
Ursprünglich bezeichnete also L. die Melodie eines alten Volksliedes. Dafür, daß djese Melodie bereits bei Homer und Hesiod Trauercharakter getragen haben solle, liegt kein genügender Grund vor, ja es ist nicht einmal ganz sicher, ob dieser älteste λίνος mit dem späteren durch den Refrain αἰλινος gekennzeichneten, der tatsächlich ein Klagelied ist (Aesch. Ag. 120. 60 Soph. Ai. 627. Eur. Hel. 172), identisch ist. Dieser Ruf wird von dem semitischen σί lanu = .wehe uns* abgeleitet (Baudissin Stud. z. somit. Religionsgesch. I 302ff.). Dann erfolgt die Personifikation des L., und zwar zunächst als einer dem Adonis u. a. verwandten Gestalt, zu deren Ehren eben jenes nunmehr ganz thre-nodisch aufgefaßte Lied gesungen wurde. Das geschah in Argos, während in Mittelgriechen- [717] land, besonders in Theben, der beklagte Heid zum Sänger gemacht und damit die Verbindung des L. mit der Musik hergestellt wurde. Jetzt gerät er unter die sagenhaften Archegeten der griechischen Musik und wurde schließlich noch zum Komponisten bekannter Lieder, ja zum Schriftsteller. Vgl. Welcker Kl. Schr. I 8fL Lasaulx Die Linosklage 1842. Brugsch Die Adonisklage und das Linoslied 1852. Mann-h a r d t Ant. Wald- und Feldkulte 218S. G r e v e 10 in Roschers Myth. Lex. II 2, 20533.
Die Sagen von L. und Koroibos sind von v. Wilamowitz S.-Ber. Berl. Akad. 1925, 230 ergebnisreich behandelt. Das argivische Fest hieß Arneis, nicht Arnis (o. Bd. II S. 1205), und fiel, wie Athen. III 99e (Klearch frg. 79) zeigt, in die Handstage; ebenso dann der Monat Ar-neios; Klearch sagt, daß an den ὑρνθόίς ἠμέραν nur die den Markt betretenden Hunde getötet wurden. Die richtige Deutung schon bei Stengel20 o. Bd. II S. 1205; anders Orth o. Bd. VIII S. 2575. L. hat mit dem Fest wohl nur insoweit zu tun, als ein Lied mit dem Refrain αἰλινον gesungen wurde; daraus und aus einigen Namen ist die ganze Sage herausgesponnen. Ferner fand sich in Megara das Grab des Koroibos mit der Gruppe: Koroibos die Poine tötend. Indem man diese mit der in der Linosgeschichte auftretenden Ker gleichsetzte, gewann man eine komplizierte Fabel, die wohl erst Kallimachos schuf und behandelte. 3θ Zu der betreffenden Stelle der Aitia gehört frg. 3 Pf., wo Kallimachos seine das bisherige Schwanken beseitigende Version einführt.