RE:Lippitudo

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Augenkrankheit
Band XIII,1 (1926) S. 723726
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Lippitudo [...] [724] [725] [726] Lippitudo ist, wie schon Lichtenstädt Jahns Jahrb. III (1827) 402ff. richtig gesehen hat. ein recht allgemeiner Ausdruck für Augenkrankheit; am geratensten ist es, lippus einfach mit .augenkrank*, lippire mit ,augenkrank sein, schlimme (böse) Augen haben⁴ zu übersetzen. Etymologisch gehört der Stamm zu λίπος .Fett¹ und ἀλείφω ,einölen, salben*. Die Krankheit hat also offenbar ihren Namen von den schleimigen oder eitrigen Absonderungen des Auges erhalten. Als dann die griechische Medizin von den Römern übernommen wurde, deckte sich der Begriff I. völlig mit den ὀφθαλμοὶ λημωντες der Hippo-kratiker. Daher übersetzt Celsus de med. VI 6, 1 aus Hippocr. Prorrhet. II 18 (IX 44 L.) die für die ὀφθαλμοὶ λημωντες gestellten Prognosen wörtlich als für die /. gültig; sie gründen sich auf die Beobachtung der Schwellung (οἰδημά, tumor) und der Tränen- und Schleimabsonderung [724] (δάκρνον, lacrima; λήμη, pituite). Gleichzeitig paßte die mit Rücksicht auf die Schleimsekretion gewählte lateinische Bezeichnung vorzüglich zu der von der griechischen Medizin vertretenen Theorie, daß jede Augenkrankheit auf einen vom Gehirn zum Sehorgan sich ergießenden- Schleimstrom zurückzuführen sei, und so erweitert sich der Begriff zu dem Umfange der hippokratischen ὀφθαλμία. Infolge dieser humo-10 ralpathologischen Auffassung läßt sich ein scharf begrenztes klinisches Bild in modernem Sinne nicht gewinnen. Nach Hirschberg Geech. d. Augenheilkunde im Altert. 247, 2 begreift I. Katarrh, Granulation und Eiterfluß der Bindehaut nebst den Folgezuständen in sich. In demselben Sinne sagt Magnus Die Augenheilkunde der Alten 263: ,Unter I. werden die allerhetero-gensten Zustände zusammengefaßt. Die mannigfachsten Arten der Bindehauterkrankungen als 20 Katarrhe, Trachom, Blennorrhoe, die Erkran

kungen der Cornea, Panophthalmitis, sodann eigentlich alle Augenerkrankungen, welche mit einer reflektorischen Vermehrung der Tränensekretion einhergehen, wie z. B. Iritis, akutes Glaukom u. a. m. sind im Begriff I. enthalten⁴. Celsus bemüht sich (nach griechischem Vorgang) durch Zusätze enger begrenzte Krankheitsbilder zu gewinnen. So nennt er VI 6, 29 eine arida I. (ξηροφθαλμία), die unserem unkomplizierten 30 Bindehautkatarrh entspricht; 31 redet er von

scabri oculi (Blepharitisarten und chronische Konjunktival-Affektionen), 27 von einer I. ex aspritudine, unter der alle schweren, mit Schwellung und Verdickung der Bindehaut einhergehenden Schleimhauterkrankungen, wie unser Trachom, die verschiedenen Blennorrhöeformen, die infektiösen Katarrhe zu verstehen sind, und 32 sagt er, bisweilen caligare oculi ex lippitudine consueruntj wobei wir an das Heer der Sehstö-40 rungen zu denken haben, welche mit und ohne

sichtbare Veränderungen der brechenden Medien in Erscheinung treten (Magnus a. O. und Deutschmanns Beitr. zur Augenheilkunde VII 257ff.).

Aus dem Gesagten geht hervor, daß man ein einfaches lippire nur ganz allgemein verstehen darf. Es ist falsch, wenn man aus Cic. Tusc. IV 81: citiusque repentinus oculorum tumor sa-natur quam diuturna lippitudo depellitur heraus-50 lesen will, daß die I. in der Regel langwierig ist; man hat zu übersetzen: schneller wird eine plötzliche Schwellung der Augen geheilt als eine langwierige Augenkrankheit vertrieben wird. F u -kala Deutschm. Beitr. VII 144 schießt weit über das Ziel hinaus, wenn er I. als Trachom auffaßt und behauptet, Cicero (ad Att. VII 13. 14. VIII 12. 13. IX 10. X 14. 17), Horaz (sat. I 5, 30. 49) und der jüngere Plinius (epist. VII 21) hätten an schwerem Trachom gelitten. Aller-60 dings sind die südlichen Länder, wie Ägypten nebst dem übrigen Nordafrika und auch Südeuropa von dieser Krankheit stark heimgesucht, aber die von F u k a 1 a beigebrachten Stellen besagen nur, daß die drei genannten Römer damals augenkrank waren; vgl. Wegehaupt Deutschm. Beitr. VII 171 und Magnus ebd. 257. Überdies ist Cic. ad Att. IX 10 ganz allgemein von aegritudo die Rede; diese Stelle fällt also weg. [725] Dagegen hat Seneca, wie es scheint, an chronischem Trachom gelitten und ist schließlich auf dem rechten Auge durch Keratektasie an Glaukom erblindet; vgl. das eingehende Gutachten über die Doppelherme des Sokrates und Seneca, Berlin, Altes Museum nr. 391 (abgebildet z. B. Archäol. Zeitung XXXVIII Taf. V. Bernoulli Röm. Ikonogr. I Taf. 24), das Voss i u s bei Friedrich De Senecae libro de constantia sa-pientis, Gießen 1909, lOlff. abgibt. - Bei der 10 ärztlichen Behandlung bekämpfte man in humoralem Sinne den Schleimzufluß. In leichteren Fällen begnügte man sich mit Ruhe und Diät; Cels. VI 6, 1 E: prima omnium sunt quies et abstinenlia. Ergo primo die loco obscuro cubare decet sic ut a sermone quoque abstineat; nullum cibum adsumere, si Heri polest, ne aquam qui-dem. So reist der jüngere Plinius im verhängten Wagen, am Aufenthaltsorte liest und schreibt er nicht, sondern studiert nur mit den Ohren im2( verdunkelten, aber nicht finsteren Zimmer; er badet, weiFs zuträglich ist, trinkt ein wenig Wein, weiTs nicht schadet. (Bad und Wein wirken zerteilend auf die scharfen Säfte, der Wein außerdem als Schlafmittel, Cels. VI 6, SB, C.) Cicero diktiert seine Briefe, und Horaz versagt sich das Ballspiel und begibt sich zur Ruhe. S. auch Plaut. Mil. 1108, Bei schwerer Erkrankung wurde abgeführt und zur Ader gelassen (Cels.).

Außerdem wandte man örtliche Mittel an. Um- 31 schlüge auf Stirn und Augen sollten schon am ersten Tage den Schleimzufluß herabsetzen, die Schmerzen lindern und das Verkleben der Augen verhüten (Cels.). Vom zweiten Tage an strich man Kollyrien (s. d.) ein, Cels. VI 6, 1 M; vgl. Horat. sat. I 5, 30. War das Sehvermögen an und für sich oft stark vermindert (s. o.; vgl. die scherzenden Worte des jüngeren Plinius a. O.: gallinam, ut a te missam, libenter accepi; quam satis acribus oculis quamquam adhuc lippus pin- 4 guissimam vidi; Horat. epist. I 2, 52; aufs Geistige übertragen Pers. I 79), so sieht der lippus noch weniger, wenn seine Augen mit Medikamenten bestrichen sind. Daher sagt Horat. sat. I 3, 25: cum tua pervideas oculis mala lippus inunetis; die Erklärung inunctis = non curatis. wie sie Gandiglio Riv. filol. XLII 114. 582 gibt, ist verfehlt, vgl. Horat. epist. I 1, 28. Cels. VI 6. 26. 35. 37. 38. 39. Plin. n. h. XXV 142. XXVIII 107–172. XXIX 115–132 5 und Rasi Riv. filol. XLII 300. Die Xatur-geschichte des Plinius nennt sehr viele, auch prophylaktische Mittel gegen I., zum Teil sind sie abergläubisch; s, d. Inder s. lippire u. ä. Bei Scribonius Largus, der lippire nur c. 135 gebraucht. tritt an die Stelle der I. die epiphora (= impetus oculorum, imp. lippitudinis). Aber Mare. Emp. c. 8 wendet neben dem griechischen wieder häufig das volkstümliche Wort an. auch dort, wo er den Text aus Scribonius entlehnt. ( Auf den Augenarztstempeln wird die I. 45mal genannt (Sontheimer Festsehr. der Alter-tümersamml., Stuttgart 1912, 80). Die I. war also im alten Rom und seinen Provinzen weit verbreitet. Veranlaßt wurden die Augenkrankheiten durch grelles Sonnenlicht, Rauch, Staub. Salböl (Paul. Aeg. III 22, 2. Oreib. ad Eunap. IV 13. Aet. VII 3) und Unregelmäßigkeiten der [726]

RE:Liquet

Lebensweise (Pers. V 77 ταρρά lippus). Die Anhänger des Asklepiades erblickten in der Hitze der Luft eine Hauptursache der I. (Cael. Aurel, a. m. I 2, 32). Wenn jedoch Lichtenstädt aus Gels. praef. 30: saepe eliam causas apparere ut puta lippitudinis, vulneris, neque ex his patere medicinam schließt, man habe im Altertum im Gegensatz zu der eben genannten Vielheit eine einzige, allgemein anerkannte äußere Veranlassung der I. angenommen, die wir nicht kennen, so mißversteht er Celsus, der doch nur sagen will, im einzelnen Falle könne man sehr oft die äußere Veranlassung, eben Sonne, Rauch usw. feststellen. Bei der Häufigkeit der I. war der Augenkranke in der Großstadt Rom eine typische Erscheinung; da sein Leiden ihn zur Untätigkeit verurteilte, so konkurrierte er mit den Barbieren als Verbreiter der Tagesneuigkeiten, Horat. sat. I 7, 3: omnibus et lippis notum et tonsoribus) esse. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die L eine Modekrankheit war, und daß wohlriechende Kollyrien im kaiserlichen Rom auf den Toilettetisch der Leute von Stand gehörten, vgl. Böttiger Kl. Schr. III 414. Auch die Kollyrien waren der Mode unterworfen, Gal. XII 725. Augenspezialisten treten seit dem 1. Jhdt. v. Chr. anfangs vereinzelt, dann aber in Massen auf, s. o. Bd. II S. 2310 und Art. K ὀλλύρ i ov.

0 Liquentia. 1) Heute Livenza, ist nach der erst im 7. Jhdt. bei Venantius Fort. mist. prol. Paul. Diac. hist. Lang. II 12 genannten Piave (Plavis) einer der bedeutendsten Flüsse der Carnischen Alpen (115 km), die in die venetischen Lagunen von Concordia münden, und mag daher nach Nissen I 195 mit der Piave dieselbe Mündung gehabt haben, so daß sich daraus das Fehlen der größeren Piave erklärt. Plin. n. h. III 126: flumen L. ex montibus Opiterginis et Oportus eodem nomine. Das von L. und Piave umflossene Gebiet führt den Namen nach den* Hauptort Opitergium, heute Oderzo; der Hafen L. ist heute Caorle (CIL V 21[1] p. 185), der Fluß L. trennt also Carner und Veneter. Vgl. Serv. Aen. IX 679. Paul. Diac. 5, 39. Rav. 4. 36. Tab. Peut. (Licenna) und CIL V p. 185.[2]

[Kind. ]
  1. Corpus Inscriptionum Latinarum V, 21.
  2. CORPUS INSCRIPTIONUM LATINARUM I2 ff. 185