RE:Lukios 6

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Von Patrai, Schriftsteller von Metamorphosen
Band XIII,2 (1927) S. 17981802
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6) Lukios von Patrai.

Person. Apokrypher, kaum wirklicher prosaischer Schriftsteller, dessen Pränomen L. allein bekannt ist, während Nomen und Kognomen, das ihm mit einem Bruder C. gemeinsam gewesen sei (Lukians Ὄνος 55 ἄμφω δὲ τὰ λοιπὰ ὀνόματα κοινὰ ἔχομεν), einer Textlücke in Lukians ,Esel‘ 55 zum Opfer fielen. Wenn es für die Führung der Beinamen auch keine Regel gab, bleibt es doch auffällig, daß sich die beiden Brüder im Pränomen und nicht im Kognomen unterschieden hatten. Nach der Namengebung und nach der Gastfreundschaft der Familie des L. mit dem ἄρχων τῆς ἐπαρχίας, d. i. dem praeses provinciae (Magie De Romanor. iuris publ. vocabulis in graecum serm. conversis, Lpz. 1905, 85) ist L. wohl als Römer gedacht. Nach Luk. Ὄνος 55 hätte er besonders Geschichten geschrieben (ἱστοριῶν καὶ ἄλλων συγγραφεύς), während sein Bruder C. Dichter und Seher gewesen sei. So hätten die Brüder beide Hauptzweige der Literatur (Prosa und Vers) unter sich geteilt, was kaum zufällig [1799] ist. Photios bibl. 129 las — wenn er sich nicht durch die Ich-Erzählung täuschen ließ — unter dem Namen des L. ,Verwandlungen‘ in mehreren Büchern.

Veröffentlichungszeit der Metamorphosen des L. Terminus ante quem ihre Bearbeitung durch Lukian (Λούκιος ἢ ὄνος) und Apuleius (met.). Daß Lukian und Apuleius unabhängig voneinander dasselbe Werk bearbeiteten, konnte ja zufällig geschehen, kann aber auch dahin deuten, daß die Metamorphosen des L. eine auffallende Neuerscheinung darstellten. Man käme da etwa auf 160 n. Chr. als Erscheinungszeit. Auf Grund von Apul. met. I 2. II 3 gelangten Helm Apul. II 2 p. VII und Sinko Eos XVII 150 zu ähnlichen Ergebnissen. Den Weg halte ich aber für falsch. Wenn Iuv. VI 334 wirklich auf die Metamorphosen des L. anspielt (Schmid Philol. L, 314 A. 17), müssen sie an den Anfang des 2. oder gar ins 1. Jhdt. hinaufrücken.

Überlieferung. Die Metamorphosen des L. sind im Originale nicht erhalten. Photios (bibl. cod. 129) las sie noch im 9. Jhdt., berichtet aber genauer nur über Buch I. II. Auf Grund seines Zeugnisses kann man Lukians ,Esel‘ mit den Metamorphosen in Verbindung bringen und auf Grund der so gewonnenen Vorstellung vom Inhalt der Metamorphosen des L. die Metamorphosen des Apuleius als eine freie Bearbeitung der beiden ersten Bücher des L. erkennen.

Titel und Umfang. Μεταμορφώσεων λόγοι διάφοροι (Phot. bibl. 129 p. 96 b 13B.) = Verwandlungen in mehreren Büchern. Der Originaltitel hat gewiß die genaue Bücherzahl ausgewiesen.

Inhalt. Die ersten zwei Bücher erzählen die von Lukian gerettete Geschichte der Verwandlung des L. von Patrai in einen Esel und seine Rückverwandlung samt seinen Erlebnissen als Esel (Phot. bibl. 129 p. 96 b 17). Über den Inhalt der späteren Bücher läßt sich nach Phot. 4 p. 96 b 32 vermuten, daß außer Verwandlungen und Rückverwandlungen von Menschen in Tiere und aus Tieren (samt ihren Erlebnissen in der Tiergestalt), auch Verwandlungen von Menschen ineinander berichtet wurden, wobei man an Geschichten, wie bei Phlegon Mir. IV–X denken mag. Die allgemeine Inhaltscharakteristik bei Phot. p. 96 b 27 bezieht sich auf die beiden ersten Bücher und auf den ihnen entnommenen ‚Esel‘ Lukians: danach strotzten beide Schriften einerseits von fabelhaften Erdichtungen, andererseits von unflätigen Unaussprechlichkeiten. Diese Kennzeichnung ist richtig, läßt sich aber auch auf die übrigen Bücher ausdehnen: die Fabeleien bezeugt für sie Phot. p. 96 b 15; die Schlüpfrigkeiten verlangte die γλυκύτης, eine Stilform, in die nach Phot. p. 96 b 14 L. gerne überging. Nach ihrem fabelhaften Inhalte stellte Phot. bibl. 166 p. 111 b 34 die Metamorphosen des L. mit den Ἀληθεῖς ἱστορίαι Lukians, mit den uns bekannten griechischen Romanschriftstellern und mit Anton. Diogenes zusammen, den er für Wurzel und Ursprung dieser Gattung hielt. Daraus kann man vielleicht folgern, daß auch die folgenden Bücher der Metamorphosen des L. als Erlebnisse, und zwar als Reiseerlebnisse des L. (über das Lokal der B. I. II: Arnim Wien. Stud. XXII 177f.) gegeben waren.

[1800] Tendenz. Nach Phot. p. 96 b 31 schrieb L. seine Metamorphosen in vollem Ernste, wie auch im Glauben an die Richtigkeit der Verwandlungen und des übrigen Firlefanz und Geschwätzes der heidnischen Mythen; der Spotter Lukian sei dagegen auch hier seinem (rationalistischen) Standpunkte treu geblieben. Das mag man nun wörtlich nehmen und in den Metamorphosen des L. eine bloße Paradoxographie erblicken, oder aber man kann an eine romanhafte Darstellung denken, in der der Verfasser den Ernst nur wegen der durch die Gattung geforderten Wahrscheinlichkeit der Erzählung wahrte. Die Anwendung der Ich-Erzählung u. ä. Beglaubigungsmittel (Schissel Novellenkränze Lukians, Halle 1912, 88ff. Werner Herm. LIII 237f. Weinreich Senecas Apocol., Berlin 1923, 20ff. Mesk Philol. LXXX 304; bes. Hermog. Meth. 28 p. 445, 1 R.) entspräche beiden Möglichkeiten. Die letztere Annahme empfiehlt die γλυκύτης der Diktion und die durch sie verursachte Schlüpfrigkeit der Erzählung. Somit wäre die Wirkung der Metamorphosen des L. auf die καινότης des Stoffes gebaut gewesen, ein künstlerischer Standpunkt, den Lukian im Zeuxis bekämpfte (Schissel Novellenkränze Luk. 2).

Stil. Nach Phot. p. 96 b 15 steht der Stil der Metamorphosen im Gegensatz zu ihrem Inhalte. Im Inhalte suchte L. nach Photios Wunderbarkeit bis zum Überdruß, im Stil vermied er ungewöhnlichen Ausdruck (καινοτομία), also die καινοπρεπῆ σχήματα (Hermog. Id. I 12 p. 306, 4 R.), die den Stil geziert machen, sondern ist deutlich (σαφής), und zwar rein (καθαρός) und ein Freund der Lieblichkeit (φίλος γλυκύτητος). Er verwendet somit nur allgemein geläufige und als solche allgemein verständliche Gedanken (Hermog. 227, 2. An. Seg. 81), die keines Kommentars bedürfen (Hermog. 227, 4) und nichts Tiefgründiges und Geklügeltes an sich haben (Hermog. 227, 4), sondern die Dinge darstellen, wie sie sind (Arist. IX 393, 12 W.) und in ihrer natürlichen Abfolge (Arist. 393, 9. An. Seg. 82), ohne alle fremde Zusätze (Hermog. 227, 20. Arist. 393, 11. An. Seg. 84). Die Fabeleien und Schlüpfrigkeiten in diesem Gedankenmaterial kommen auf Rechnung der γλυκύτης (Hermog. 330, 24. 333, 4). Die Darstellung vermeidet jede andere, als rein erzählende Wiedergabe der Gedanken (Hermog. 228, 22). Der Stil verschlingt nicht durch Partizipialkonstruktionen (Hermog. 229, 19) die Gedanken ineinander, sondern setzt diese voneinander ab und verdeutlicht ihren Zusammenhang durch Hinweise, Abschlußformeln und Ankündigungen (Arist. 393, 15. An. Seg. 82). Die gewählten Worte sind trivial, nicht tropisch, aber bezeichnend und sehr sinnfällig (Hermog. 229, 8. Arist. 393, 18. An. Seg. 85). Genau so präsensentiert sich Lukians ,Esel‘, der ja nach Phot. p. 96 b 20 treu dem Stile des Originals folgt.

Verhältnis zu Lukians Ὄνος. Schon Photios (p. 96 b 21) kannte die Entstehungszeit der Metamorphosen des L. nicht mehr und war daher für die Bestimmung ihres Zeitverhältnisses zum lukianischen ,Esel‘ auf innere Gründe angewiesen. Er hält Lukian eher für den Nehmenden und bezeichnet dies Nehmen als fast abschreiben (μόνον οὐ μετεγράφησαν p. 96 b 17) [1801] oder als Plagiat (τὸ ἐκεῖθεν ὑποσυληθέν p. 96 b 26). Die Textänderungen Lukians bestanden ja nur in der Epitomisierung von Buch I und[WS 1] II, die sich nach Photios folgendermaßen vollzog: 1. Die (der erstrebten Klarheit halber) breite Darstellung des Vorbildes wurde geschmälert (p. 96 b 22), was man sich im Sinne von An. Seg. 68 geschehen denken muß. Es sind also zunächst alle (von uns oft vermißten) Übergänge und Hinweise gefallen; ferner blieb weg, was aus dem Gesagten erschlossen werden kann, der Deutlichkeit wegen aber gesagt worden war. 2. Was an Stoffpartien der Absicht Lukians nicht diente, wurde weggestrichen; alle Abschweifungen, Episoden, weitausholenden Entwicklungen, Häufungen von Erlebnissen (An. Seg. 67. 65) gingen also unter. Den Rest fügte Lukian mit den Worten und Sätzen der Vorlage selbst zu einem einzigen Buche zusammen, dem er auch einen neuen Titel geben mußte, da es ja nur einem Abschnitte der Metamorphosen des L. entspricht (Phot. p. 96 b 25). Es war also methodisch falsch, aus dem Sprachgebrauche dieser Epitome die lukianische Verfasserschaft des ,Esels‘ erweisen zu wollen, wie es Neukamm De Luciano Asini auct. Diss. Tübingen 1914 unternahm. Bei einer durchschnittlichen Zeilenlänge von 20 Buchstaben, die man nach den herkulanensischen Rollen ansetzen darf (s. o. Bd. III S. 954, 44), enthält der lukianische ‚Esel‘ ca. 2500 Zeilen, für eine romanhafte Erzählung eine normale Buchlänge (Birt Kritik und Hermeneutik, München 1913, 293). Somit dürften met. I. II in Lukians Ὄνος um die Hälfte ihres Umfanges gekürzt vorliegen. Den nächsten Zweck der lukianischen Bearbeitung hat Phot. p. 96 b 28 wohl richtig erkannt: Gegensatz zum gläubig auftretenden L., d. i. rationalistischer Spott über den Wunderglauben. Lukian hat nun die geistige Umstellung der Vorlage durch die geringsten der möglichen Aenderungen zu bewirken gesucht: durch Kürzung unter tunlichster Beibehaltung des originalen Wortlautes. Er hat somit ein epideiktisches Virtuosenstück vollbracht und letzten Endes gewollt: Parodie der Vorlage mit ihren eigenen Worten. Die breite Diktion der Vorlage mag ihm diesen Einfall nahegebracht haben. Ob Lukian die literarische Gattung oder die Person des Verfassers mit treffen wollte, kann nicht mehr ausgemacht werden. Die rein literarische Absicht reicht zur Erklärung seines Unternehmens hin. Wie weit dem Lukian sein Vorsatz gelungen ist, vermag ohne die Vorlage nicht mehr entschieden zu werden. Keine Parodie ist ja ohne Original voll verständlich und wirksam.

Verhältnis zu den Metamorphosen des Apuleius. Der Umfang der zehn Bücher Metamorphosen des Apuleius, für die die zwei ersten Bücher des L. die Quelle bildeten, dann der bei Apuleius võllig veränderte Stil und die Abweichungen in den parallelen Partien von Lukian (allein schon in den Namen!) beweisen zur Genüge, daß Apuleius eine ganz freie Bearbeitung geliefert hat, die für die Wiedergewinnung des L. nirgends mit Sicherheit und überhaupt nur dort zu verwenden ist, wo sie durch Lukians Ὄνος gedeckt erscheint, wo sie [1802] also bei Lukian in Umrissen Erhaltenes, aber im einzelnen sichtlich stark Gekürztes deutlich und sinngemäß zu vervollständigen scheint. Die Idee der Rahmenerzählung und die Masse der lose eingefügten Schaltgeschichten dürfte also apuleianische Zutat sein. Nur die Tendenz wahrte Apuleius gegenüber Lukian: Apuleius erzählt gleich L. ernst (σπουδάζων). Sonst könnte er weder das Entzauberungswunder in Buch XI 1 als ἀρετή der Isis darstellen, deren Myste er selbst war, noch sich XI 27 dem Patrenser ausdrücklich substituieren wollen.

Stoffgeschichte. Aus volksläufigen Erzählungen läßt die Metamorphosen zusammengefügt sein Werner Herm. LIII 249ff.

Literatur: Alle möglichen Abhängigkeitskombinationen zwischen L., Lukian, Apuleius und fast alle möglichen Deutungen der Tendenz der Metamorphosen des L. sind schon vorgetragen und bekämpft worden, weil man versäumte, Phot. bibl. 129. isoliert zu interpretieren. Für den noch zu leistenden erschöpfenden Vergleich zwischen Lukian und Apuleius enthält diese Literatur Brauchbares. Die ältere, gesammelt von Ben Edw. Perry The Metamorphoses ascribed to Lucius of Patrae; Its Content, Nature and Authorship, Diss. Princeton (Lancaster) 1920. Schanz-Hosius Gesch. röm. Lit. III³ 106. Christ-Schmid Gesch. gr. Lit. II⁶ 2, 737. Sonst vgl. 0 Cocchia Riv. filol. XLVII, 358. 365. Gruppe Philol. Wochenschr. XLI 363. Dee De ratione quae est inter Asin. Ps.-Lucian. Apuleique Met. libros, Diss. Leiden 1891.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: und und