RE:Lykortas

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Aus Megalopolis, Förderer d. Achäischen Bundes
Band XIII,2 (1927) S. 23862389
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Lykortas (Λυκόρτας) aus Megalopolis, Sohn des Thearidas (IG IV 1421 = Sylt³ 626, wo in den Anmerkungen Näheres über seine verwandtschaftlichen Beziehungen, vgl. auch Hiller v. Gaertringen Ἤφημ. ἀρχ. 1914, 135), Vater des Thearidas (IG IV 1422 Syll.2 235. IG V 2, 535 – Syll.² 309) und des Geschichtschreibers Polybios (Polyb. XXII 3, 6 ὁ παρ' ἤμων πατήρ. Inschr. v. Olymp. 302 = Syll.³ 686. Paus. VIII 9, 1, vgl. IG V 2, 304. Lukian. makrob. 22. Bei Suid. s. Πολύβιος korrupt Λύκιος)· Dieser bezeichnet ihn in seinen Historien als den Be-iestiger (βεβαιωτῆς) und dritten großen Förderer des Achäischen Bundes nach Aratos und Philo-poimen (Polyb. II 40, 2). Uns begegnet L. zum erstenmal 192 v. Chr. als achäischer Reiterführer (ἴππαρχος) in einem siegreichen Gefecht gegen 20 Nabis (Liv. XXXV 29, 1). Drei Jahre später (189) weilte er zusammen mit seinem politischen Gegner Diophanes als Bundesgesandter in Rom, um die Meinungsäußerung des Senats Über den Streit anzuhören, der zwischen den Achaiern und den vom Bunde abgefallenen Spartanern ausgebrochen war. Schon bei dieser Gelegenheit zeigt sich in L. deutlich das von seinem Gesinnungsgenossen Philopoimen geteilte Streben nach größtmöglicher Unabhängigkeit von Rom. Wah-30 rend Diophanes den Entscheid ganz dem Senat Überlassen wollte, forderte L. gemäß den von Philopoimen mitbekommenen Instruktionen für den Bund das Selbstbestimmungsrecht (Liv. XXXVIII 32, 6–8, vgl. Niese Griech. u. mak. Staaten III 44. Täübler Imperium Romanum I 222. Holleaux Rev. étud. grecques XXXIV 409. 416t). Wiederuiû als Gesandter begab sich L. 188 mit Theodoridas und Sositeles nach Ale-xandreia, um mit König Ptolemaios V. Epipha-40 nes die bestehende Symmachie zu erneuern (Polyb. XXII 3, 6). Obwohl er von dieser Reise als Geschenk des Lagiden 6000 eherne Peltasten-rüstungen und 200 Talente in bar zurückbrachte, entspann sich in der Bundesversammlung 187, als die erneuerte Symmachie ratifiziert werden sollte, eine erregte Diskussion; da weder Philopoimen, der als Strateg die Reise veranlaßt hatte, noch L. und seine Mitgesandten darüber Klarheit schaffen konnten, welcher von verschie-50 denen früher mit dem Ptolemäerreich abgeschlossenen Symmachieverträgen nun eigentlich erneuert war, wurde auf den Einspruch des Ari-stainos die Ratifikation verschoben (Polyb. XXII 12, 2–12H. = 9, 2–12 B.-W., zur Chronologie vgl. Niccolini La confederazione achea 150. 290 gegen Bouché-Leclercq Hist. des La-gides I 394. Beloch Griech. Gesch. III 2. 145. Hiller v. Gaertringen IGV2p. XXVI). Inzwischen hatte die gewaltsame Niederwerfung 60 Spartas durch den Achäischen Bund das Mißfallen des Senats erregt, dem dessen Kommissar Q. Caecilius Metellus (s. o. Bd. III S. 1206 Nr. 81) bei einer Zusammenkunft mit den Bundesbehörden in Argos scharfen Ausdruck gab (187 v. Chr., zur Chronologie vgl. Niccolini La confederazione achea 152. 291). Philopoimen, L. und Archon vertraten ihm gegenüber den Standpunkt, daß die in Sparta getroffenen Anordnungen im [2387] 2387 Lykortas

wohlverstandenen Interesse der Spartaner selbst gelegen seien und ohne Verletzung menschlicher und göttlicher Rechte (ein Gedanke, der bei L. später mehrfach wiederkehrt, vgl. Liv. XXXIX 37, 16f. Polyb. XXIV 10, 4 H. = 8, 4 B.-W.) nicht rückgängig gemacht werden könnten (Polyb. XXII 13, 8 H. = 10, 8 B.-W.). Als in Rom die Sache zu Beginn des J. 186 nochmals vom Senat verhandelt wurde, erhob Metellue heftige Anklagen gegen Philopoimen und L. Der Senat beschloß, die spartanische Angelegenheit durch eine abermalige Gesandtschaft untersuchen zu lassen (Polyb. XXII 16, 8 H. = 12, 8 B.-W.). In Erwartung derselben berief L., der vom Herbst 187 bis zum Herbst 186 zum erstenmal Strateg des Achäischen Bundes war im Sommer 186 (vgl. Niccolini 291. 294) eine Bundesversammlung nach Kleitor (Liv. XXXIX 35, 5. 7). Auf die hier im Namen des Senats von Ap. Claudius Pülcher (s. o. Bd. III S. 2847 Nr. 294) vorgebrachten Rügen antwortete L. in einer bedeutsamen Rede, die sein Sohn Polybios in seinem Geschichtswerk ausführlich wiedergegeben hat (danach [vgl. Holleaux Rev. ét. gr. XXXIV 410f. 420 gegen Täubler Imperium Romanum I 224] Liv. XXXIX 36, 5–37, 17, vgl. Paus. VII 9, 4). Er rechtfertigte eingehend das Verfahren gegen Sparta und verfocht in würdiger Weise den Standpunkt der nationalgesinnten Partei, deren Programm die unbedingte Erhaltung der Unabhängigkeit und die Ablehnung römischer Einmischungen bildete (vgl. die entgegengesetzte Beurteilung durch Mommsen Röm. Gesch. I* 749 und Colin Rome et la Grèce de 200 à 146 avant J.-Chr. 224). Bei der Versammlung erntete die Rede gewaltigen Beifall; Claudius aber riet den Achaiern.drohend und höhnisch, sich Rom zu fügen, solange ihnen dies noch ohne Zwang freistehe. Wahrscheinlich war L. 184/3 zum zweitenmal Bundesstratege und wurde darum im folgenden Jahr als Stellvertreter seines erkrankten Nachfolgers Philopoimen mit dem Oberbefehl zur Niederwerfung des im Frühling 182 ausgobrochenen messenischen Aufstandes betraut (vgl. Niccolini 159. 297. 299ff.). Er rückte an der Spitze des Heeres aus, konnte jedoch den Übergang über die stark-besetzten Pässe nicht erzwingen, sondern mußte sich zurückziehen; kurz darauf stürzte sich der alte Haudegen Philopoimen, ohne von L.s Verbleiben Kunde zu haben, noch fiebernd, mit einer kleinen Reiterschar ebenfalls in den Kampf, wurde gefangen genommen und mußte den Giftbecher trinken, Mai (Büttner-Wobst Beitr. zu Polybios, Beil. z. Jabresber. d. Gymn. z. heil. Kreuz in Dresden 190O/1, 10. Swoboda Ztschr. f. d. österr. Gymn. LXV 340; Lehrb. d. griech. Staatsalt. III⁶ 402, 6) oder Juni 182 (Niccolini 226), Liv. XXXIX 50, 7. Paus. IV 29, 11. VIII 51, 5f. Plut. Philop. 20. Iustin. XXXII 1, 9, dazu Nic-colini 159f. 292tf. 297–300. Im Herbst 182 zum drittenmal als Bundesstratege gewählt (vgl. Niccolini 161. 301), richtete L. einen erfolgreichen Einfall nach Messenien, vollzog mit Mäßigung die Rache für seinen Vorgänger (Polyb. XXIII 12, 7. 16, I. 6–13. Plut. Phile p. 21. Parts. VIII 51, 8) und bewirkte etwa Mitte November 182 (Niccolini 301) in einer zweiten na'h Megalopolis einberufenen σύνοδο; die Wie- [2388] Lykortas 2388

deraufnahme Messeniens in den Achäischen Bund (Polyb. XXIII 17, 1, vgl. 16, 12). Durch die glatte Erledigung des inessenischen Aufstandes war sein Ansehen bedeutend gewachsen, und so vermochte er noch im J. 182 als Stratege (vgl. Niccolini 165, 1 und 2) auf einer außerordentlichen Bundesversammlung (σύγκλητος, vgl. Swoboda Staatsalt. ἼΠ6 391, 1. 394) in Sikyon auch die Wiederaufnahme Spartas, das sich wäh-10 rend des Messenierkriegs loyal verhalten, in den Achäischen Bund durchzueetzen (Polyb. XXIII 17, 5–11. 18, 1). Damals bat ihm die dankbare πόλις τῶν Λακεδαιμονίων im epidaurischen As-klepiosheiligtum eine Statue errichtet (IG IV ’ 1421 – SylL³ 626). Sehr wahrscheinlich bewirkte L. während seiner dritten Strategie (181) auch, daß nun endlich die seit 187 pendente Ratifikation der Symmachie mit Ägypten vollzogen wurde (Polyb. XXIV 6, 4, einleuchtend

20gedeutet von Niccolini 172, 2). In Anerkennung dieses Verdienstes wurde er im J. 180 mit seinem Sohn Polybios und Aratos (dem Enkel des berühmten, s. o. Bd. II S. 391, 23ff.) zum zweitenmal für eine Gesandtschaftsreise nach Ägypten bestimmt, deren Zweck die Übermittlung des Dankes für die früheren ptolemäischen Geschenke und; die Entgegennahme einer neuerdings angebotenen Gabe von zehn vollständig ausgerüsteten Funfzig-ruderern bildete. Doch unterblieb die Reise, weil

30 gerade damals die Nachricht vom Tode des Königs Ptolemaios V. Epiphanes eintraf (Polyb. XXIV 6, 3–7). In demselben Amtsjahre 181/0 (Strategie des Hyperbatas, vgl. Niccolini 163f. 302. 310 gegen N i e s e III 59, 1) lag der achäischen Bundesversammlung eine römische Note vor, worin wiederholt die Restitution der spartanischen Verbannten gefordert wurde; L. beantragte, an den gefaßten Beschlüssen festzuhalten: auch in Rom werde man schließlich begreifen, daß beschworene 40 Gesetze nicht umgestoßen werden könnten. Die Synode beschloß, durch Gesandte in Rom im Sinne des L. vorstellig zu werden (Polyb. XXIV / 10, 2–7 H. = 8, 2–7 B.-W.). Aber der zum Gesandten erwählte Kallikrates wirkte vor dem Senat in entgegengesetzter Richtung, intrigierte auch nach seiner Rückkehr gegen L. und seine Partei im Sinn unbedingter Unterwürfigkeit gegen Rom und erreichte im Herbst 180 seine Wahl zum Strategen (Polyb. a. O. § 8ff. Chronologie

50nach Niccolini 164f. 302). Dadurch scheint L. für längere Zeit aus seiner leitenden Stellung im Achäischen Bunde verdrängt worden zu sein, vgl. Werner De Polybii vita et itineribus (Diss. Leipz. 1877) 14. Erst ein Jahrzehnt später hört man wieder von L.: als bei einer Bundessynode (vgl. Swoboda a. a. O. 391, 1) im J. 170 C. Popillius und Cn. Octavius als Abgeordnete des Senats erschienen, ging das Gerücht (ἔλελοπο), sie seien entschlossen, die Parteihäupter L., Archon 60 und Polybios als Römerfeinde (ἀλλοτρίου; ὑπάρχοντας τῆς τῶν Ῥωμαίων αἰοεσεως) anzuklagen, die sich nur notgedrungen ruhig verhielten und auf den geeigneten Moment zum Losschlagen warteten; aber in Ermanglung eines geeigneten Vorwands mußten die Römer ihre Absicht fallen lassen (Polyb. XXVIII 3, 7 –9). Kurz darauf (Sept. 170. vgl. Niccolini 170. 3Ü2ff.) sprach sich L bei ( einer Beratung der Häupter derNationalpartei (τοῦ; [2389] 2389 Lykos

κατὰ τὴν ἄλλην πολιτείαν ὀμογνωμονούντα; Polyb. XXVIII 6, 2) für strikt neutrale Haltung des Bundes in dem Kriege zwischen Born und Perseus aus (Polyb. a. O. § 3–5). Im Winter 169/8 traten L. und Polybios nachdrücklich für Gewährung der Waffenhilfe an die von Antiochos IV. Epi-phanes bedrohten königlichen Brüder Ptolemaios VI. Philometor und Euergetes II. ein, die durch Gesandte um 1000 Mann zu Fuß und 200 zu Pferd unter L. als Anführer und Polybios als Rei-teroberst gebeten hatten (Polyb. XXIX 23, 3. 5). Auf einer Synodos zu Korinth (Polyb. XXIX 24, 1ff.) und auf einer außerordentlichen Bundesversammlung (σύγκλητοί) zu Sikyon (ebd. 6ff. lOf. 15) wurde darüber hin und hergestritten. L. legte eindrucksvoll die früheren Verdienste der Lagiden um den Achäischen Bund dar; den von ihm beantragten Unterstützungsbeschluß suchte jedoch Kailikrates zu hintertreiben, und er hatte damit Erfolg, zumal da bekannt wurde, daß Hom die Achaier auffordern ließ, sich vielmehr an einem Versuch zur Vermittlung zwischen Ägypten und dem Se-leukidenreich zu beteiligen. Nachdem die Waffenhilfe abgelehnt war, übergaben die ptolemäischen Gesandten für diesen Fall bereitgehaltene Briefe, worin die Achaier ersucht wurden, ihnen wenigstens L. und Polybios für den Krieg zu überlassen (Polyb. XXIX 25, 7). Ob diesem Gesuch entsprochen wurde und die beiden wirklich nach Ägypten gefahren sind, wissen wir nicht; Niese III 150, 5 (vgl. 174, 6. 183, 4) hält es für ,nicht unwahrscheinlich¹, während Niccolini 174 die Frage ohne Begründung verneint und Werner 18 aus Polyb. XXIX 21, 8 (ἀντόπτη;) schließen zu dürfen glaubt, daß Polybios an der Schlacht bei Pydna (21. Juni 168) persönlich teilgenommen habe, folglich damals nicht in Ägypten gewesen sein könne. Daß in der Zeit, wo der Einfluß des Römerfreundes Kailikrates auf der Höhe stand, die Statuen des L. von den Achaiem entfernt wurden, erfahren wir aus Polyb. XXX VII 5, 1 Η. = XXXVI 13, 1 B. W., vgl. Colin a. O. 610; für die Stimmung des Korinthischen Krieges ist es bezeichnend, daß damals die Standbilder des L. an Stelle derjenigen des Kallikrates wieder zu Ehren gezogen wurden. – Zur Gesamtbeurteilung vgl. v. Scala Die Studien des Polybios I 15ff. (der wohl zu einer höheren Einschätzung des L. gelangt wäre, wenn er die Rede bei Liv. XXXIX 36f. nicht übersehen hätte) und Toepffer o. Bd. I S. 180f. = Beitr. zur griech. Altertumswiss. 191f. [Nur nachtragsweise kann noch auf die zum Teil abweichenden zeitlichen Ansetzungen von De Sanctis Storia dei Romani IV 1, 240f. 242. 245f. 402ff. hingewiesen werden: danach hätte die Aussprache mit Q. Caeeilius Metellus in Argos erst 185, die Bundessynode in Kleitor erst 184 stattgefunden, L. wäre nur 185/4 und vielleicht nochmals 182/1 Bundesstratege gewesen.] [‌Stähelin ]