RE:Marinos 1

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
unvollständig  
Dieser Text ist noch nicht vollständig. Hilf mit, ihn aus der angegebenen Quelle zu vervollständigen! Allgemeine Hinweise dazu findest du in der Einführung.
Neuplatonischer Diadoche aus Neapolis in Palästina
Band XIV,2 (1930) S. 17591767
Bildergalerie
Register XIV,2 Register m
Link für WP   
* {{RE|XIV,2|1759|1767|Marinos 1|[[REAutor]]|RE:Marinos 1}}        

Marinos. 1) Marinos aus Neapolis.

Leben. Neuplatonischer Diadoche, stammte aus Neapolis (Sichern) in Palästina (Damaskios Dat Leben des Philosophen Isidoros. Wiederhergestellt v. Asmus, Lpz. 1911, 87, 28), war Samaritaner und trat zum Hellenismus über angeblich wegen religiöser Neuerungen in seiner früheren Konfession, die ihm nicht behagten, wohl aber wegen der großen materiellen Vorteile, die ihm der Eintritt in die Platonische Akademie zu Athen gewährte (Dam. 94, 25). Im 5. Jhdt. sind ja mehrere jüdisch-heidnische Konvertiten nachweisbar, die sich der neuplatonischen Philosophie beflissen (Dam. 84, 4. 88. 2. 81, 19. 87, 35), darunter zwei platonische διάδοχοι: Domninos und M. Das Geburtsjahr des M. ist nicht überliefert. Man kann es auf Grund anderer Daten vermutungsweise um 440 ansetzen. Er hörte den Proklos (Marin. 27 p. 164, 42B.²; Dam. 27, 34); es läßt sich noch feststellen, daß er ihn u. a. Platons Polit, und die orphischen Gedichte (Mar. 27) interpretieren hörte. Im Kommentar des Proklos zur platonischen Polit, wird einmal M. als Zuhörer namentlich (II 96, 2 K.l, einmal als Schüler angesprochen (ω φίίε ἐταίρε II 327, 13 K.); zweimal (II 2C0, 30. 327, 13) werden Auslegungen des M. als möglich (μήποτε) in Erwägung gezogen. Nach dem, was wir von der Aufteilung des Lehrstoffes in der Athener Akademie zwischen Diadochen und Unterlehrern wissen (Dam. 130, 10; vgl. Marin. 26 p. 164, 36 B. 2. Dam. 127, 5. 92, 17), hat also M. während der διαδοχή des Proklos studiert. Dann war er als Unterlehrer des Proklos tätig: so unterwies er den Isidoros im Aristoteles (Dam. 27, 31), den Damaskios im Quadrivium (Dam. 89, 3). Den Isidoros kann er nur gelegentlich seines ersten Aufenthaltes in Athen unterrichtet haben, nach der plausiblen Berechnung von Asmus (B. Z. XIX 282) um 474. Damaskios muß in der letzten Zeit vor des Proklos Tode bei M. gehört haben, da er die (platonische) Philosophie beim Diadochen Zenodotos trieb, was – wenn es nicht während des Scholarchates des unfähigen Hegias geschehen sein sollte – auf eine sehr kurze Schulleitung durch Hegias schließen läßt. Als Proklos mit 70 Jahren siech wurde (Marin. 26 p. 164, 21 B.²) und die Nachfolgeschaft bedenken mußte, kam vor anderen M., als sein Unterlehrer, für die διαδοχή in Frage. Bei der Spaltung der Athener Schule in einen aristotelesfreundlichen und einen aristotelesfeindlichen Flügel wurde dem peripatetisch orientierten M. ein rein platonischer Gegenkandidat gegenübergestellt. Es war Isidoros. Andere Kandidaturen besaßen neben diesen beiden keine ernste Bedeutung. Der Kampf wurde heftig geführt* wenn auch die äußere Form der Höflich- [1760] Marinos (Neuplat.) 1760-

xeit gewahrt blieb. Gegen M. wurde von der Isidorospartei geltend gemacht: sein Magenleiden (Dam. 90, 15. 91, 34); das Übelwollen des Archon (Graindor Chronol. des archontes athén., Brux. 1921, 271) und Patricius Theagenes (Dam. 93, 24), der überdies zu den Wohltätern der Akademie zählte Dam. 94, 19. Marin. 29 p. 165, 44 B²); ein gegen M. gerichteter Volksaufruhr in Athen, der ihn zum Schutze seines Lebens zur Flucht 10 nach Epidauros nötigte (Dam. 95, 1). Sogar eine

Vision des Proklos über die διαδοχή des Isidor hat man in Umlauf gesetzt, wenn andere Asmus die betreffenden Fragmente Dam. 90, 25 richtig deutete. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß die Isidorospartei die politischen Schwierigkeiten herbeiführte oder doch nährte, wenn man gewahr wird, daß auch Asklepigeneia, die Gattin des Theagenes und Tochter des Archi-ades und der Plutarche (Marin. 29), eine Urenkelin 20 des großen Plutarch von Athen, die Kandidatur des Isidoros begünstigte (Dam. 96, 9). Der wahre Grund, warum die reinen Platoniker um Isidoros die Nachfolgeschaft des M. bekämpften, war seine peripatetische Gesinnung. Das geht unzweifelhaft aus der Charakteristik hervor, die dem M. durch den rein platonischen Damaskios zuteil wird und die ihm bei Damaskios unter geringen Schwankungen mit allen Philosophen gemeinsam ist, die nicht intuitiv, sondern diskursiv dachten, die sich 30 also von der logischen Notwendigkeit und der formalen Richtigkeit der Argumentation bestimmen ließen statt ohne solche Umwege in unmittelbarer Erkenntnisschau sich zur Gottheit aufzuschwingen. So gesteht Dam. (88, 16) dem M. Fleiß zu, wie dem Aristoteles und Chrysippos (Dam. 25, 11); aber er nennt ihn geradezu seicht (Dam. 88, 36), wie den Domninos (Dam. 81, 24) und zu matt (ἄτονος), um zur intuitiven Erkenntnis aufzusteigen (Dam. 89 a, 25), wie es auch 40 Aristoteles und Chrysipp waren (Dam. 24, 4. 25,

12) und wie es Doros war, solange er noch in den Banden der peripatetischen Logik schmachtete (Dam. 117, 14ff.; vgl. Eunap. V. Ph. 432 Wright). Die Kommentare des M. zu Platon verfehlen somit ebenso den platonischen Geist (Dam. 89, 21. 28, 1), wie die des Domninos (Dam. 81, 24). Damit aber über die peripatetische Haltung des M. gar kein Zweifel bestehen könne, wird (Dam. 90 a, 4) ausdrücklich gesagt, daß er sich in seinem 50 Parmenideskommentare den Erläuterungen des

Plotinschülers Castrieius Firmus und des Gale-nos, also zwei peripatetisch-platonischen Eklektikern anschloß, statt den reinen, von Aristote-lismus freien Erklärungen der seligen Männer, nämlich der zu einem hohen Vergottungsgrade aufgestiegener Syrianos und Proklos. M., der die Absichten seines Rivalen Isidoros auf den Lehrstuhl des Proklos scheinbar begünstigte (Dam. 95, 26), wurde dennoch aus nicht mehr bestimm-60 baren Ursachen der Nachfolger seines Meisters

Proklos, als dieser April/Mai 484 (Graindor 273) starb. Das Verhalten des M. zu Isidoros blieb während seiner ganzen διαδοχή ein gespanntes. Der Gegensatz der durch M. und Isidoios vertretenen Richtungen in der Athenerchuie spricht sich auch in denjenigen Werken des M., die ich dieser Periode seines Lebens zuweisen möchte, deutlich aus: im erhaltenen Nachrufe auf Prok- [1761] 1761 Marinos (Neuplat.)

Ios; in seinem verlorenen Parmenideskommentare, den man wegen seiner ablehnenden Haltung zum Kommentare des Proklos nach dessen Todt an* setzen muß und in dem gleichfalls verlorenen Phileboskommentar, der uns durch Dam. 27, 34 als nach dem Tode des Proklos verfaßt bezeugt ist und den ich auf Grund von Dam. 90 b, 6. 89 b, 22 den Erläuterungen zum Parmenides folgen lasse. Als des M. Ende nahte, regte sich neuerdings die reinplatonische Richtung in der Athener Akademie. Ihre Vertreter faßten die διάδοχη des Isidoros ernstlich ins Ange und beorderten den Damaskios zu seiner Einholung nach Alexandreia (Dam. 118, 34). Isidoros folgte dem Bufe und reiste langsam (8 Monate: Dam. 121, 21) nach Athen. Der Widerstand des M. konnte während dieser Zeit nicht gebrochen werden. Er setzte sich also für Hegias ein (Dam. 129, 37). Der gehörte gar nicht der Richtung des M., also nicht dem peripatetischen Flügel an, übertrieb vielmehr den platonischen Mystizismus dermaßen, daß ihm die Philosophie zur bloßen Mantik wurde (Dam. 130, 21). M. hat also sogar die Sorge für seinen philosophischen Standpunkt dem Hasse gegen den früheren Rivalen geopfert. Die platonische Richtung der Schule siegte aber zunächst über die Opposition des Diadochen. Als M. die οἰαόοχή dem Hegias offen anbot, nahm die Schule dessen Bescheidenheitsverzicht sehr gegen den Willen des M. an (Dam. 129, 32). Dieser mußte also dem Isidoros die Nachfolge anbieten (Dam. 130, 6). Doch war die Würde zu einem Titel entwertet (Dam. 130, 10), weil man die Interpretation der platonischen Schriften, d. i. die Lehrverpflichtung des Diadochen, faktisch von ihr getrennt hatte. Dieses Lehramt dürfte Hegias erhalten haben. Zu Beginn des Frühlings eines unbestimmbaren Jahres (Dam. 131, 37) starb M. Schriften: M. hat wenig veröffentlicht (Dam. 88, 35). Suidas s. Μαρίνος a weiß so außer von dem Nachrufe auf Proklos nui noch im allgemeinen von etlichen anderen philosophischen Untersuchungen zu sagen, in denen man aber nicht mit Fabricius (Marin. XXI B.¹) ein bestimmtes Werk erblicken darf.

Folgende Schriften von M. sind mir bekannt geworden :

1. Ein von M. Cantor Vorlesungen über Gesch. d. Math. I³ 282 richtig als Vorrede zu den Δεόμενα des Eukleides bezeichnetes Schrift-chen. Es wird von der handschriftlichen Überlieferung dwch die Angabe ἀπὸ φωνῆς μαρίναν φιλοσόφου als Vorlesung des M.s bestimmt (vgl. Serruys Rev phil. 35, 71. Marc BZ 21, 588), die er offenbar gehalten hat, als er als Unter· lehret des Proklos das Quadrivium tradieren mußte. Auf einen dieser Vorrede folgenden Koni* mentar deutet auch die Bezeichnung des Schrift-chens in Menges ältester Hs. (Vat. gr. 204 s. X) als 'ὑπόμνημα (Schumrick Observ. ad rem librar. pertin., Diss. Marburg 1909, 91). Die Vorrede scheint aber auch gesondert überliefert worden zu sein, was den Verlust des Kommentars herbeiführte. Daher paßte der Titel nicht mehr und wurde von den jüngeren Hss. in die für Einleitungen üblichen Bezeichnungen προλεγόμενα (Vat. gr. 1038 s. XIII) oder προύεωρία (Vat. 204 m² s. XV; vgl. Gramm, gr III 158, 14ff.; Rhet.

?Äu]y-Wi«owÄ-Kroll XIV [1762] Marinos (Neuplat.) 1762

gi. VII 35, 1 W.) geändert. Auf einen folgenden Kommentar scheint mir auch hinzudeuten p. 248, 15 M., während der Vorverweis p. 236, 9 in der Kinleitung selbst noch realisiert wird. Die Einleitung des M. zerfällt nun in eine solche zur πραγματεία oder θεωρία vom δεδομένοι (234, 1–256, 2; vgl. zu dieser Bezeichnung 252, 21. 254, 21. 254, 6. 256, 2) und in eine solche zur βίβλος (256, 2–25; vgl. 254, 15. 22. 256, 7. 11.

10 19. 22) des Eukleides über das δεδομενον. Die Bucheinleitung wird im μερισμός, der das Schrift-chen (234, 1–3) eröffnet, gar nicht erwähnt, was auf eine affektierte wissenschaftliche βραχύτης καὶ συντομία, nicht auf einen Teitverlust im Anfänge gedeutet werden muß. Ist doch p. 256, 2 die Bucheinleitung als A n h a n g zur πραγματείαEinleitung deutlich gekennzeichnet (προσκείσΦω)'. Die payav«/a-Einleitung behandelt drei Punkte; besonders breit im Sinne des Aristoteles 1. den

20 Begriff des .Gegebenen* (234, 4–252, 18); dann

2. die Nützlichkeit seiner Behandlung (252, 19–254, 4), ebenfalls ein typisch aristotelischer Einleitungspunkt (vgl. z. B. Arist. 101 a 25. 1094 a 22. 1355 a 21 usw.); 3. die Wissenschaft, unter die es fallt (p. 254, 5–27). Also der mittelplatonische Facheinleitungstypus, den z. B. zu erkennen gibt Albinos Πρόλογος I 2 p. 225, 5D: ἄρεσκει δὲ τῷ φιλοσόφῳ (Platon) περὶ παντὸς οὐτινοσοῦν τὴν σκεψιν ποιούμενον τὴν οὐσίαν τοῦ

30 πράγματος ἰξετάζειν, ἔπειτα τὶ τούτο δύναται καὶ τὶ μή, πρὸς τὶ τε χρήσιμον πίφυκε καὶ πρὸς δ θὴ (supνλsupί Pt. Phaidr. 237 C D. 26Γ OK Nur gibt M. statt einer Einteilung des Gebietes, die dem Punkte τὶ τούτο δύναται gewöhnlich entspricht, ein Kapitel über den Wissenschaftebereich, in den das δεδομένον gehört. Dies Kapitel gehört sonst zum Bestände der Bucheinleitung (vgl. z. B. Gramm gr. III 124, 22–23. 161, 25 –26H Rhet. gr. VII 17, 15 W. Rh. Mus, LXIV

40 572, 34 usw.). Daß dem M. dabei gleichwohl der mittelplatonische Punkt τὶ τούτο δύναται vorschwebte, beweist mir die Formulierung p. 252, 24. Man darf aber nicht übersehen, daß M. in seine ay/iarfia-Einleltung auch sonst Kapitel, die in eine Bucheinleitung gehören, mischt; Kapitel, die er dann in seiner Bucheinleitung aus-, fallen läßt, z. B. 252,14–18 über die Beschuldigung, daß Eukleides keine Definition des Moμένον gegeben batte. Sie entspricht in den Ein-

50 leitungen zu Hermog. Περὶ στάσεων der Verteidigung gegen den Vorwurf, daß Hennogenes nicht mit einer Definition der Rhetorik begonnen habe (vgl. Rhet. VII 35. 22ff.; Athanas., Rh, Mus. LXIV 555, 23. 573 A 2). Oder M. spricht schon p. 254, 13 über Autor (συγγραφεν;) und Titel (ejwygay) des Buches, obwohl diese Punkte der Bucheinleitung p. 256, 2ff. vorzubehalten gewesen wären. Den ersten Punkt der payrem-Einleitung, die Begriffsbestimmung, behandelt M., wie gesagt,

60 in der ausführlichen Genauigkeit der damaligen Logik. Er gibt so ,Vorbestimmungen' (242, 5) der Begriffe, mit denen er operiert, ähnlich wie Ammonios (Comm. Arist. gr. IV 3 p. 1, 5) und breiter Elias (Comm. XVIII 1 p. 3, 30ff.) oder gar die Scholiastea zum Thraker Dionysios (z. B. Gramm, gr. III 8, 8. 9, 23. 106, 26–109, 35. 115, 20–121, 39. 156, 28–157,27 usw.). M. geht aus von den Begriffsbestimmungen des δεδομίνον,

56 [1763] 1763 Marinos (Neuplat.}})

die er in der Literatur vorfand. Er ordnet sie nach ihrer logischen Genauigkeit in νπογραφαί, die er 248, 20 auch ὀνομαστικοὶ ὄροι nennt, also in Begriffsbestimmungen, die nur durch ein Merkmal den Begriff des δεδομένον bestimmen, wie die des Apollonios (234, 15), Diodoros (234, 17), Ptolemaios (234, 19) und ungenannter Theoretiker (236, 2) und in solche, die ihn durch Angabe der Gattung und spezifischen Differenz, also formal vollständig, definieren. Die σύνθετοι ὀρισμοί (250, 23) gibt er 236, lOff. bekannt. Darauf wendet er sich (236, 20) zur Vorbestimmung der einzelnen, in den angeführten zwei Gruppen verwendeten Begriffe. Die Vorbestimmung gilt jenen Begriffen selbst und ihrem Gegenteil, nämlich 1. dem τεταγμένον (238, 1 ausgemacht), 2. dem γνώριμον (238, 25 bekannt), 3. dem πόριμον (240, 9 einleuchtend), 4. dem βητόν (240, 28 kommensurabel) und ihren Gegenteilen. Sie wurden einzeln oder zu zweit zur Bestimmung des δεδομένον gebraucht und laufen im allgemeinen auf das καταληπτόν, das Begreifliche und Erfindliche hinaus, dessen Arten sie also sind. Nach dieser Vorbestimmung ermittelt M. (242, 6) Übereinstimmung (κοινωνία) und Unterschied (διαφορά) der genannten vier Begriffe, und zwar nach zwei Methoden (vgl. 246, 23). Er verfahrt also gleich Porphyrios in der Εἰσαγωγή, in der zuerst die fünf Begriffe, über die daselbst gehandelt wird, bestimmt werden, worauf (Comm. Arist. gr. IV 1 p. 13, 9ffB.) ihre Übereinstimmungen und Unterschiede klargelegt werden. Nun (248, 10) bestimmt M., was das δεδομένον ist. Zunächst kehrt er sich gegen diejenigen, die es als Einräumung eines Opponenten erklären, eine Stelle, die erst durch Pappos Syn. VII 2 (II 634', 25ff. H.) voll verständlich wird. Gegen Pappos polemisiert denn auch M.: für ihn ist eben das δεδομένον ein πόριμον und nicht gleich dem ποριστικον γένος der ἀνάλνσις, was er ja 240, 25 ausdrücklich feststellte. Hat er sich so die unerwünschte Zweiteilung der ἀνάλνοις durch Pappos vom Halse geschafft, ist ihm nun die Bahn frei für den eigenen τέλειος ὄρος des δεδομένον (248, 28). Dessen Feststellung begleitet er, wie es in dieser Einleitungsliteratur üblich ist, mit einer theoretischen Bemerkung (250, 2: Gramm, gr. III 121, 19–22). Er entscheidet sich für γνώριμον als Gattung und πόριμον als spezifische Differenz. Alle anderen Begriffsbestimmungen weist er – gemäß der zeitgenössischen Methodik (Schissel Archiv System. Philos. 28, 67) – positiv und negativ als unvollständig nach, und zwar a) die νπογραφαί, b) die ὀρισμοί. – In der Bucheinleitung behandelt M. kurz folgende Punkte: 1. Definition (περιγραφή) der Wissenschaft über das δεδομένον überhaupt und über dasselbe in spezieller Anwendung auf das vorliegende Buch, das er als Verfahren kennzeichnet, das eine Elementarlehre über die gesamte Wissenschaft vom Gegebenen enthält (256, 2–8). Die Definition der Wissenschaft vom Gegebenen dient ihm somit nur als Übergang von der πραγματεία zur βίβλος; 2. Nutzen der Wissenschaftslehre und so desBuches über das Gegebene (256, 8–10). 3. Einteilung des Buches nach den Arten des Gegebenen (256, 10–16). 4. Ausgangspunkt und Verlauf der Wissenschaftslehre im Buche des Eukleides, d. i. [1764] Marinos (Neuplat.) 1764

Anordnung (taft;) desselben (256, 16–18). 3 a + 4 a. Eine zweite Einteilung und Anordnung (256, 18–22). 5. Lehrart des Eukleides in seinem Buche. Also die Bucheinleitung, die mit mehr oder mit weniger Punkten begegnet bei Ammo-nios (Comm. Arist. gr. IV 4, 1, 4). Olympiodoros (Comm. XII 1 p. 12, 19–13, 6. 18, 18–25, 23). Syrian zu Hermog. Id. 108, 7R. Gramm, gr. III 123, 25ff. 159, 6ff. = Doxapatres Rh. Mus. LXIV 10 573f. usw. Warum dem M. gegenüber diesen Einleitungen οὐγγραφευς und ἐπιγραφή fehlen, habe ich schon begründet. Statt des σκοπός dieser Einleitungen hat M. {{{1}}} Definition) und neu kommt hinzu das Stück über den Ausgangspunkt des Buches (256, 16 ἤρξατο δὲ ἀπὸ κτλ.-, vgl. Albin. Prol. IV 1). Diese beiden Hauptstücke entstammen der stoischen Einleitungsform, die uns vorliegt im καθόλου λόγος Sext. Emp., Pyrr. hyp. I 5, 209. Gramm, gr. III 20113, llff. Kritische Ausgabe des besprochenen Schriftchens von H. Menge Euclid. VI 233–257 mit lateinischer Übersetzung.

2. Kommentare zu Arist. Anal. pr. II und post. I–II. Aus ihnen erhielten sich einzelne Scholien, so im Vat. gr. 245 s. XHIf. 66 * = Paris, gr. 1917 s. Xin/XIVf. 160v (Schol. in Arist. IV 188, 46 Br. H-Comm.Arist.gr. XIII 2 p. XXVIII). Vat. 245 fol. 96f. (vgl. Mercati und Franchi de Cavalieri Codd. Vat. gr. I 318). Vgl. Muti-30nens. 149 (II E 16) fol. 78 (Studi ital. IV 481). Das Schol. 188, 46 stammt aus der Einleitung zum Kommentar der Anal. pr. II. Es gibt als σκοπός dieses Buches an, daß in ihm Aristoteles die Grundlagen zur Sophistik und Dialektik gelegt hätte, wie im I. Buch zur Apodeiktik (anders Ammon. Comm. IV 4 p. 5, 6–16, der Diog. Laert. V 1, 29 nahesteht).

3. Ein längeres Fragment aus einem Kommentare zu Arist. Περὶ ψυχῆς bei Ioann. Philo-40pon. (Comm. XV 535, 31–536, 2H.), der gegen M. ausführlich polemisiert. M. gibt eine Deutung der aktuellen Vernunft (ενεργείς νους), wobei er den Standpunkt Alexandros, des Exegeten, mit dem Plotins zu harmonisieren sucht. Alexandros identifizierte die aktuelle Vernunft mit dem Urgrunde des Seins, d. i. mit der göttlichen Vernunft (θυραθεν νους); Plotin mit der menschlichen, die er sich immer aktuell vorstellt. M. macht sich die Begründungen beider Erklärer 50 für ihren Standpunkt zunutze, kombiniert sie also und erklärt die aktuelle Vernunft als dämonische oder englische Vernunft (δαιμονικός oder ἀγγελικὸς νους). Er geht dabei offenbar aus von der Vorstellung der Tugendgrade (vgl. Porphyr. sent. XXXII 7 p. 22, 12 M.).

Diese Werke scheinen mir während der Tätigkeit des M. als Unterlehrer des Proklos verfaßt zu sein. In die Zeit der διαδοχή des M. fallen :

4. Πρόκλος ἡ περὶ εὐδαιμονίας. Nachruf auf GO Proklos, nach 37 p. 169, 47 B² gehalten vor der Sonnenfinsternis des 29. Mai 485, wie Fabricius (Marin. Procl. p. 142B¹) gegenüber Grain-dor 274 richtig sah. Der Titel zeigt Nachahmung der platonischen Dialogtitel, in derjenigen Auffassung aber, wie sie die aus der Schule des Proklos stammenden Προλ. τῆς Πλ. φιλ. 18 p. 212, 36 Η. 21 p. 214, 16Η. betätigen. Danach war der ὀκοπός der Schrift die Entwicklung der Glück- [1765] 1765 Marinos (Neuplat.)

seligkeitslehro des M. an dem Leben des Proklos, als Substrat (vgl. Προλ. 16 p. 210, 25). Er mußte also den Proklos als εὐδαίμων oder μακάριος erweisen wollen. Das sagt M. selbst zu Beginn (2 p. 151, 36 B²) und am Schlüsse (34 p. 168, 25ff.) seiner darauf gerichteten Ausführungen. Die Glückseligkeit des Proklos in der Darstellung des M. ist nun nicht, wie man erwarten sollte, die neuplatonischer, sondern die peripate-tischer Lehre gemäße. Das wird besonders deutlich durch die Zusammenfassung des gesamten μακαρισμός in die peripatetische Glückseligkeitsdefinition (34 p. 168, 39); vgl. Aspas. Comm. Arist. XIX 1 p. 19, 10. M. mußte wissen, daß der reine Platoniker Proklos damit ebensowenig einverstanden gewesen wäre, wie es die reinen Platoniker der Schule mit ihrem Vormanne Isidoros zweifellos waren. So ist der Nachruf eine feindliche Programmrede und figuriert in dem Sinne, daß M. das eine sagt, das andere will (Dion. Hal. Περὶ ἔσχ. 13 p. 296, 15 R.). Auch der Eingang zeigt im Rahmen der rhetorischen Topik Spitzen gegen die im Kampfe um die Schulleitung geschlagene Opposition; so wenn M. sagt, er könne nicht länger schweigen, um nicht der Geistesträgheit und der Unfähigkeit geziehen zu werden (1 p. 151, 27). Geziehen doch nur von Leuten, die sich über seine literarische Tätigkeit so äußern konnten, wie Dam. 88, 35. Die Rede ist übrigens ein meisterhaft gelungenes epideiktisches Prunkstück, wie schon die Proömien zeigen, deren erstes (Kap. 1) in einem 33 Didotzeilen langen Satze ein Muster der περιβολή, deren zweites (Kap. 2) ein Muster der λαμπρότης darstellt. Die Durchführung der Rede geschieht im Rahmen der Kunstlehre originell, worauf M. selbstbewußt hinweist (2 p. 151, 35); er gliedert nämlich nicht, wie sonst das Hauptstück der Lobrede, die πράξεις, nach den vier Kardinaltugenden, sondern den gesamten Lebenslauf des Proklos, also das Redestück zwischen προοίμια und Schlußvergleich (3 p. 152, 14–33 p. 168, 17), nach den Tugendgraden (βαθμοὶ τῶν ἀρετῶν; Vgl. Z. B. Olympio-dor in Plat. Phaed. B § 136–142). Jeder Trgend-grad wird dann wieder nach den Kardinaltugenden geteilt Die Gliederung verläuft in großen Zügen folgendermaßen: I. Zwei προοίμια (p. 151, 1–152, 14). – II. βαθμοὶ τῶν ἀρετῶν, 1. φυσικαί entspricht den Kapiteln πατέρες (152, 12), ἔθνος, γένεσις, πατρίς, τροφή, παιδεία der Lobrede. 2. ἠθικαί (154, 29) entspricht den ἀγωγή genannten (158, 2) ἐπιτηδεύματα der Lobrede. 3. πολιτικοί (158, 5). Die Betätigung der Tugenden von diesem Grade an fällt in den Bereich der πράξεις der Lobrede. 4. καθαρτικοί (160, 12). 5. θεωρητικοί (162, 3, vgl. 12). 6. θεονργικαί (163, 42). – III. τελειότατη σύγκρισις und ἀνακεφαλαίωσή (168, 18–42). – IV. τελευτή und μετὰ τὴν τελευτήν (168, 43–169, 52). – V. ἐπίλογος (169, 53). Nach Suid. s. Μαρίνος a, hat M. seinen ,Proklos¹ auch in Hexameter metaphrasiert (vgl. Rhet. II 269, 27), ein Zeichen, wie er ihn selbst als ὕμνος eingeschätzt hat und wie sich in seiner Vorstellung Poesie und Rhetorik nur noch durch Vorhandensein oder Fehlen des Versmaßes unterschieden (ebenso Ammon. Comm. Arist. gr. IV 6 p. 11, 21).

Ausgaben und Überlieferung: Grundlegend [1766] Marinos (Neuplat.) 1766

ed, Boissonade¹, Lpz. 1814 nach dem Archetypus Par. Coisl. 249f. 60–74 s. X, dessen Stellung aber noch nicht erkannt ist und Med. Laun 86, 8 s. XV, sowie seiner Abschrift Guelfberyt. 4265 (ca. 1662); Taurin, gr. 107 (C IV 207) s. XVI (verbrannt!) und dem unvollständigen Vat. 1197 s. XVI. Von Humanisten-Hss. ist außerdem nur zu nennen Messan. 12. Boissonade gab alle älteren und seine eigenen Anmerkungen. 10 Textlich veränderter Abdruck ohne Apparat und Anmerkungen Boissonade² im Diog. Laert. Paris, Didot 1850. Text von Boissonade ¹ mit. lateinischer Übersetzung und wertvollen Anmerkungen von Cousin Procli opp., Paris 1864.

5. Brief über die ὑποδέσεις des platonischen Pannenides und ihre Lösungsversuche, an Isidoros und darauf gegründeter Kommentar dieses platonischen Gesprächs. Im Briefe hat M. nur die ἐπιχειρήματα des Parmenides verzeichnet und 20 wohl auch durchgezählt, also den logischen Beweisgang des Dialoges angegeben, ähnlich wie vielfach Olympiodor in Plat. Phaed. AI 2. 8 usw. und wie Porphyrios in seiner systematischen Plotinausgabe (Porphyr. V PI. 26 p. 26, 16 M.). Man zählte die ἐπιχειρήματα damals zu den Bausteinen eines Kommentares: Longin bei Porphyr. PI. 20 p. 20, 10 M. Proklos in pr. Ale. p. 300, 8ff. 301, 3 C. Προλ. τ. Πλ. φιλοσ. 19 p. 213, 18 Η. und noch der hl. Thomas Aquin. Auf Grund 30 dieser Darstellung des Beweisganges hatte M. erklärt, daß der Dialog nicht über die Gütter handle, wie Proklos nach Syrian will (in Parmen. I p. 641, 7C.), sondern nur von den Ideen (εἰδηί Dam. 89 b 33). Die Götter sind die aus dem Einen und Unmittelbaren hervorgegangenen, ihm gleichartigen, also überwesentlichen Einheiten, die das Mittelglied zwischen dem Einen Unmittelbaren und dem Erzeugten darstellen (Prokl. in Parm. I p. 644, 9 und Dam. 89 a 33). Die Auf-40fassung des M. nähert sich nach Dam. 90 a 5 sehr der peripatetisch-platonischen Galens und derdesPlotinschülersCastricius Firmus, den selbst Porphyr. de abstin. I 3 der Annäherung an den Peripatos zeiht und steht so im Gegensätze zu der rein platonischen Auffassung der μακάριοι ἄνδρες, also der reinen Platoniker Syrian und Proklos. Solche Ansichten dem Isidoros unterbreiten hieß, den extrem platonisch gesinnten Mann herausfordern. Von dem Kommentar des 50 M. ist außer der Erwähnung bei Dam. 89, 21 nur ein Fragment erhalten bei Dam. Dub. II 294, 14 R., wo M. recht geringschätzig abgetan wird.

6. Ein umfangreicher Phileboskommentar (ὑπόμνημα πολύστιχον εἰς Φίληβον ... τοῦ Πλάτωνος), den M. vor der Herausgabe dem Isidoros unterbreitet hätte (Dam. 27, 36) zur Entscheidung über eine Veröffentlichung (εἰ ἐςοιστέον εἰί' τδ β.) wohl innerhalb der Schule (vgl. M. Wundt Plotin 4). Nach dem höflichen, aber vernichten-60 den Urteile des Isidoros genügten die Erläuterungen des Proklos zu dem Gespräche, worauf M. das Werk verbrannt hätte; d. h. M. fürchtete den Widerstand der reinen Platoniker in der Schule, die offenbar durch seine peripatetische Haltung schon gereizt waren. Literatur: Zcl-1 e r III⁴ 2, 897. Leo Die griech.-röm. Biogr., Leipz. 1901, 263–266. Schis-'el Marinos v. N. und die neuplaton. Tugendgrade; Texte u. [1767] 1767 Marinos (Geograph)

Forsch, zur byz.-ng. Philol. VIII, Athen 1928. Ueberweg-Praechteri² 631ff-195*.211*. 212*. Einzelne Stellen bei Pf 1 u g k Schedae crit., Danzig 1835. Nauck Herm. XXIV I64f. Kroll Brest philolog. Abhandl. VII 1, 7. Weinreich ReÜg. Vers, und Vorarb. VII 1, 210; Herm. LI 624–629. Praechter Byz. Ztschr. XVIII 524, 4; Arch. f. Religionswiss. XXV 211ff. Schisset Byz. Ztschr. XXVI 265–272; Neophilol. XIV 49–53. Richter Byzantion III 162. [‌Schissel.] 1(