RE:Meleagros 7
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| Von Gadara, Kyniker | |||
| Band XV,1 (1931) S. 481–488 | |||
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7) Meleagros von Gadara, Anhänger der kyni-schen Sekte, Verfasser von Satiren im Stile des Menippos, Urheber einer Sammlung von Epigrammen, der er seine vielen eigenen Gedichte einverleibt, um daraus, nach früheren Anthologien (s. u.) einen poetischen; ,Kranz/ (στέφανος) zu flechten. – Die Literatur über M. ist nicht besonders umfangreich, aber sehr inhaltsvoll. Nach den älteren Arbeiten von Manso, A. C. Meinecke, Graefe, Passow, Weigand, Benndorf sind hier zu nennen: C. Dilthey Index schol. Gotting. 1887, 40. 1888, 35. Weiß-h ä u p 1 Die Grabgedichte der griech. Anthologie 1889, IS. 68f. Suse mihi Alexandrin. Literat.
1ΪΠΓ
I 46f. II 5550. Reitzenstein Epigramm ἡ Skoiion 1893, 103. 139, 2. 276; s. o. Bd. VI
S. 95f. Radinger Eranos Vindob. 1893, 3045.; Meleagros von Gadara 1895, eine noch heute außerordentlich wichtige Schrift; Der Stephanos des Meleagros von Gadara, Philo! LIV, 1895, 2975. Ouvré Méléagre de Gadara 1894, gründlich, aber etwas sentimental über M.s Liebesleben.
v. Wilamowitz Berl. KlassikertexteV1 (1907) 75f. S.-Ber. Akad. Berl 1918, 750f.; Hellenist. Dichtung, 1924, 226. Wifstrand Acta philol. Suec. XXIII, 1924, Mise. 62f.; Studien z. griech. AnthoL 1926, eine der besten Arbeiten über den Dichter, Herrlinger Totenklage um Tiere in der antiken Dichtung, Tüb. Beitr. z. Altertw. VIII, 1930, 29. 93. – Über M.s Leben müssen wir uns fast ausschließlich an seinen eigenen Bericht halten, den er nach der Art seiner Vorbilder KaUimachos (Anth. PaL VII 525) und Leonidas (ebd. 715), aber diesen beiden gegenüber voH wichtigtuerischer Ausführlichkeit, in drei Variationen (VII 417–419) gibt. Geboren war er demnach in Gadara als Sonn dee Eukratee, und zwar, wie die nicht anzuzweifelnde Notiz des 2. Lemma-tiaten (Stadtmüller Ausgabe I 69) über seine Aimie bemerkt (θκμασεν bri Σέλευκου τοῦ ἔσχατου, d. h. etwa 96 v. Chr.: s. Stähelin o, Bd. III S. 1245L), ca. 140 v. Chr., wozu die Erwähnung des zwischen 160–150 geborenen Antipatros Sftdooe (Susemihl II 552) in VII 428 stimmen würde*). Sein Mannesalter verbrachte er in Tyros, als Greis hielt er sich zuletzt in Kos auf. Nach jenen seinen Zeugnissen hat er sich zuerst auf dem Gebiete der menip-pischen Satire betätigt (417, 4 πρώτα Μενιππείοις συντροχάσας χάρισιν co 418, 6. 421, 9 s. U.); M.s Kynismos beweist dann nicht nur dieses sein Interesse, sondern noch deutlicher die σκηπτροφόρος σοφία des ep. XII 101, die der Dichter durch die Liebe überwunden werden läßt, sowie auch sein weltbürgeriicher Trost über die Geringschätzung, der er als Angehöriger der syrischen Rasse 'begegnet zu sein scheint (VII 417, 5L). Ob er die syrische und phönikische Sprache wirklich beherrschte, geht aus der bloßen An- [482] Meleagros 482
führung der Grußformeln leider (419, 7f.; s. dazu Stadtmüllers Ausgabe II 1, 285) nicht mit unmittelbarer Gewißheit hervor. Überhaupt aber muß man sich hüten, in den orientalischen Vertretern der griechischen Literatur überall östliches Wesen, das ja selbst nicht auf eine Formel gebracht werden kann, zu wittern. Menippos’ Humor ist durchaus in griechischem Wesen verwurzelt, und M.s dichterischer Charakter ist 10 nicht »syrisch* (s. u. S. 487). Irgendwie scheint dann
M. auch mit Römern in Verbindung getreten zu sein; er hat von der lanx satura läuten hören und verwendet sie als Bild, um XII 95, 10 eine Anzahl von schonen Knaben dadurch zuisammenzu-fassen*). Von allem aber, was ihm die Heimat oder die Fremde an Anlegungen geboten hat, wissen wir nichts und dürfen unsere Unkunde auch nicht durch phantasievolle Vorstellungen, wie sie z. B. 0 u v r é zu entwickeln liebt, verschleiern. Genug, 20 M. versuchte sich zuerst auf dem Gebiete der me-nippischen Muse, worüber wir außer durch ihn selbst auch durch Athenaios 157 b. 502 c unterrichtet werden, während Diogenes Laertios VI 8, 100 teils Unwesentliches, teils Falsches mitteilt. So weiß denn der Deipnosophist (157 b) von M., daß er ἐν ταῖς χάρ ἴσιν ἔπιγραφομεναις ἔφη τὸν Ὄμηρον Σύρον ὄντα τὸ γένος κατὰ τὰ πάτρια Ἰχθύων ἀπεχομενοῦς ποιήσαι τοὺς Ἀχαιοὺς δαψιλείας πολλῆς οὐσης κατὰ τὸν Ἐλλήσποντον; ἡ 30 μόνον ἀνέγνωσε συγγραμμάτων αὐτοῦ τὸ περιέχον λεκίθου καὶ φακῆς σύγκρισιν (,Streit des Linsenpurés und der dicken Linsen*; v. W i -lamowitz Antigonos von Karystos 295); ferner (ebd. 502 c) lesen wir ein Zitat aus seinem Symposion*: καν τοσούτωι πρόποσιν αὐτώι βαρεῖαν ἰιέάωκε, χυτρίδια βαθέα δώδεκα. Damit ist nicht viel anzufangen (Susemihl I 46), doch wird uns unten noch ein menippisches Motiv in-metrhalb der Epigramme begegnen. Denn auch 40 in diesen kommt sein kynischer Witz und Humor, was bisher noch nicht genügend beachtet worden ist, zum Ausdruck.
M. ist nun der erste Schöpfer eines »Stephanos*. Durchaus nicht der erste Veranstalter eines poetischen Sammelbuches; haben doch die Forschungen der letzten Jahrzehnte, eines Reitzenstein, Radingers, Wif-strands zu der richtigen Erkenntnis geführt, daß dem Gadarener schon kleinere Liederkränze 50 vorgelegen haben. Man stellte, wie sich dabei eigentlich von selbst versteht, Epigramme verwandten Inhalts, also auch Variationen, wie sie ja bereits auf Grabinschriften standen, zusammen, worauf auch die Papyri führen (Berl. Klas-sikerteite V 1, 75. S.-Ber. Akad. Berl. 1918, 750f., s. auch Wifstrand 29ff.). M. hat jedoch, elegant wie oft, daraus etwas Neues entwickelt, indem er, worüber besonders Radin -ger 88ff.; Philol. 2972. nachzulesen ist, ein 60 doppeltes Anordnungsprinzip befolgte: er gruppierte einen Hauptdichter mit einer Reihe anderer unter gleichzeitiger Beobachtung inhaltsverwandter Themen, ein Vorgehen, das sich noch aus unserer heutigen Anthologie des Kephalas
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erkennen läßt (s, besonders auch W i f s t r a n d). Denn soviel steht nun fest, daß der Lemmatist (Stadtmüller I 68) mit seiner Angabe: ὄδτος ὁ Μελέαγρος .,. ἐποίησεν .. τὸν τουτονὶ τὸν τῶν ἐπιγραμμάτων στέφανον: συ νέταξεν δὲ αὐτὰ κατὰ στοιχεῖον im Unrecht ist, wennschon man diese Mitteilung hat retten wollen. M. hat nun diese Dichter seinem Kranze, dessen Blumen er auf spätgriechische, nicht etwa syrische, ziemlich schwülstige Weise charakterisiert, einverleibt: Anyte, Moiro, Sappho, Melanippides, Simonides, Nossis, Rhia-nos, Erinna, Alkaios von Mytilene, Samios, Leonidas, Mnasalkes, Pamphilos, Pankrates, Tymnes, Nikias, Euphemos, Damagetoe, KaUimachos, Eu-phorion, Dioskurides, Hegesippos, Perses, Dio-timos, Menekrates, Nikainetos, Phaennos, Si-mias, Parthenios, Bakchylides, Anakreon, Archi-lochos, Alexandros Aitolos, Polykleitos, Polystratos, Antipatros Sid., Hermodoros, Poseidip-pos, Hedylos, Asklepiades, Platon, Aratos, Chaire-mon, Phaidimos, Antagoras, Theodoridas, Pha-nias – dazu noch ἄλλων τ' ἔρνεα πολλὰ νεο· γραφὰ (v. 55), also ζ. B. Agis, Aristodikos, Karphyllides, Herakieitos, Theaitetos u. a. (Radin ger 92, 1); andererseits fehlen in unserer jetzigen Anthologie aus dieser bunt durcheinandergewürfelten Reihe Melanippides, Euphemos, Parthenios, Polykleitos. – Diesen seinem Freund Diokles (Anth. Pal. IV 1, 3; XII 257, 5) gewidmeten Kranz stellte also M. im Alter zusammen, wie wir aus VII 417–419, einer melea-grischen Reihe, erkennen; er nahm somit eine recht erhebliche Zahl eigener Gedichte in seine Sammlung auf. Aber schon weit früher hatte er gelegentlich solche Blumen gepflückt: das beweisen innerhalb der Fülle seiner Nachahmungen jene Epigramme, die zugleich mehrere Dichter variieren, z. B. VII 182: vgl. Erinna 712, 5 -|-Antip. Sid. 164, 4; VI 163: vgl. Leon. Tar. IX 322 -f- Antip. 323 (Wifstrand 43f.). – Seine Epigrammendichtung wird in Tyros entstanden sein, seine päderastische Richtung mag hier Nahrung, wenn auch nicht unmittelbare Anregung gefunden haben. Denn Anth. Pal. XII 256, 11f., der Preis des tyrischen Knabenhains, genügt doch nicht, um uns nun gerade in dieser semitischen Stadt einen Herd jenes Lasters und der entsprechenden Dichtung sehen zu lassen, den wir gerade in Griechenland festgegründet erkennen müssen; hat doch auch M. selbst der Insel Rhodos dasselbe Lob zubilligen wollen (XII 52, 6 γλνκνπαιδά). So handelt es sich nun um das Eigentum M.s, das, im allgemeinen bekannt, nur zu einem kleinen Teile nicht völlig feststeht. Ihm gehört demnach in der Anth. Pal. IV 1. V 8. 24 (Φιλοδήμου fälschlich A, Μελεάγρον wegen des Namens der Heliodora Jacobs). 57. 96. 136. 137. 139–141. 143. 144. 147–149. 151. 152. 154–157. 160. 163. 165. 166. 171–180. 182. 184. 187. 190–192. 195–198. 204. 208. 212. 214. 215. VI 162. 163. VII (12 ἄδ„ für M. v. Wilamowitz). 13 (Leonidas-M. A, für M. Wifstrand, für Leonidas v. Wilamowitz). 79 (mehrfach M. abgesprochen). 182. 195. 196. 207 (352 ἄδ. A, Μελεάγρους). 417–419. 421. 428. 461. 468. 470. 476. 535. IX 16. 331. 363 (gegen Echtheit Dilthey; s. u.). [484] Meleagros 484
453 (s. u.). – (XI 223 wegen des Namens in v. 1 Φαβορῖνος unmöglich). XII 19. 23. 33. 41. 47–49. 52–54. 56. 57. 59. 60. 63. 65. 66 (ἄδ., aber sehr meleagrisch). 68. 70. 72. 74. 76. 78. 79. (ἄδ. Anth. Pal., τοῦ αὐτοῦ, d. h. Μελεάγρου in Sternibachs Appendix [Melet. Gr. 58]). 80–86. 92. 94. 95. 101. 106. 109. 110. 113. 114. 117. 119. 122. 125–128 (130 M, M. P a s -sow). 132. 133. 137. 141. 144. 147. 154. 15710–159. 164. 165. 167. 256. 257. XVI 134. 213.
Dazu kommt noch Anecd. Par. IV 385, 11 Cramer (s. Dilthey Ind. lect. 1887, 4ff.), abgesehen davon, daß Anth. Pal. V 152. XII 76–78 sich nn zwei der meleagrischen Anthologie ähnlichen Sammlungen auf Papyrus finden (Wila-mowitz, Berl. Kl. Text. 75f. Wifstrand 30ff.). Andererseits gilt es, sich trotz Sternbachs wichtiger handschriftlicher Ergänzung zu XII 79 vor einer Erweiterung des meleagri-20 sehen Besitzstandes durch allerhand ἄδηλα, wie
z. B. XII 99. 156, zu hüten, denn der Gadarener hat bereits mehrere herrenlose Stücke seiner Blu-menlese eingegliedert und ist natürlich selbst skrupellos von Unbekannten variiert worden (s. auch Wifstrand 59fl.). Kaum zu erwähnen wäre es endlich, daß der Dichter nach Art der antiken Poeten, einzelne Sammlungen seiner Epigramme bekannt gemacht hat. So enthält unter seinen Grabinschriften auf sich selbst VII 417, 7 30 einen derartigen Hinweis auf ein abgeschlossenes
Buch (Reitzenstein 139, 2; s. auch S u s e-m i h 1 II 558 Anm.), nicht anders, als ja auch XII 257 den Stephanos beschließt.
Man kann nicht von einer ,Entwicklung‘ M.s sprechen, wie sie Radänger 113 zu skizzieren versucht hat. Der Dichter blieb sich von Anfang an gleich; ja wir vermögen noch zu erkennen, wie eng selbst seine menippische Schrift-stelderei mit seiner Epigrammatik zusammen-40 hängt. Zeigt diese an sich schon zuweilen skeptisches Wesen*), so treten andererseits auch Züge eines starken Selbsthumors hervor. M. belustigt sich über seinen, des kynischen Philosophen, Sündenfall (s. o.); er schließt sein Grabgedicht auf sich selbst (VII 417) mit einem Scherz über seine ältliche Weitschweifigkeit; in köstlicher Parodie jener weinerlichen Gedichte auf tote Tiere betrauert er VII 207 ein armes Häschen, das sich überfressen habe. Aber weit lauter redet 50 IX 453 **), die dringende Bitte an Zeus um Erbarmen mit dem klagenden Opfertiere, auslau- [485] 485 Meleagros
fend in einen spöttischen Schluß, ein echtes σπονδογέλοιον, dessen menippischen Ursprung uns die lukanische Schrift περὶ θvwbv 12 (Helm Lucian und Menipp 350) sowie der aus Varro schöpfende Arnobius VII 9, verrät. Man kann also sein Dichten nicht in einzelne Perioden Zerfällen, ganz abgesehen davon, daß ihm, der nur eine ziemlich beschränkte rein historische Bedeutung besitzt, dadurch auch zuviel Ehre geschähe. – Sein Wesen hat nun Reitzenstein (o. Bd. IV S. 95f.) in glänzender Charakteristik erfaßt, hat uns M. als den asianiechen Rhetor voll Überlegtester Kunst der Pointenbildung, voll überspitztestem Spiel mit vorgetäuschten Leidenschaften kennen gelehrt. Eitelkeit veranlaßt ihn, seine Gedichte durch ihre Verbindung mit den Poeten der Vorzeit noch bekannter zu machen und jedem Leser das Geschick seiner variierenden Nachahmungen vor Augen zu rük-ken. In ihm gewinnt die nichtige Gaukelei mit Motiven und Worten, wie sie sein von ihm bezeichnenderweise so hochgeschätzter Vorgänger Antipater von Sidon getrieben, ihren Höhepunkt, bis dann der schlichte Krinagoras wieder einfachere Töne anschlägt. Denn Nachahmung, künstlichste Umsetzung ist allée bei ihm. Genügt schon unser beschränktes Material, um die meisten seiner erotischen, aber auch seiner wenigen anders gearteten Motive als Variation erkennen zu lassen, so dürfte sich von dem geringen, bisher noch nicht ganz aufgeteilten Rest nur dasselbe voraussetzen useen: M. fiele ja sonst auch aus seiner von ihm stets beanspruchten Rolle heraus. Nichte scheint dafür mehr zu sprechen als seine päderastischen Midria Man braucht natürlich nicht soweit zu gehen, jegliches erotische Erlebnis aus seinem Dasein zu streichen; Myisko· z. B. mag eine Wahrheit gewesen sein*), wie das Gedicht VII 476 auf den Tod Heliodoras ein echtes Gefühl widerspiegeln kann. Aber wenn M., der sich mit dem Kranz schöner Knaben soviel weiß (XII 256), solche Leporellolieten (s. auch XII 94. 95; vgl. IX 16. XII 63) seinem oft befolgten Muster Rhianos (XII 93) dankt, so wollen auch die zahlreichen Epigramme auf die von ihm außer Heliodore geliebten Zenophila, Timo Demo; Asklepios, Tryphera, Phanion u. a., von denen er Uns ebenfalls eine Liste überreicht (V 197), als reines Spiel erscheinen – ein Spiel, das in der unverschämten Selbstvariierung des ep. V 215 in XII 19, die beide als echt zu be-trachten sind, seinen Höhepunkt gewinnt. Es wäre nun zwecklos, wollten wir hier die Summe seiner Nachahmungen, Umsetzungen und steter Selbstvariierungen fein säuberlich buchen und Einzelnachweise der Motive bringen, die schon mit Sappho (frg. 130 B.
M. V 172) und Anakreon (frg. 5 D. äs V 214) beginnen und sich dann in der Reihe Erinna, Asklepiades, KaJJi-machos, Leonidas, Poseidippos, Mnaealkes, Al-
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kaios Myt., Moechos, Antipater u. a. fortsetzen (s. auch Radinger 22ff. und besonders Wifstrand 40ff.). Ich führe darum nur einige Hauptbeispiele an, die uns dieses Verhältnis und zugleich auch M.s Vorliebe für diesen oder jenen Gemeinplatz beleuchten mögen. So bietet ihm besonders Asklepiadee zahlreiche Motive. Der Dichter ist von der Liebe schon ganz zur Asche verbrannt: XII 48. 72. 74. 79 co As-10 Hepiades XII 166; Eros würfelt um M.s Leben: XII 47 cv Askl. XII 46; dem ἐρώμενος fehlt nur des Eros Ausrüstung, um selbst der Liebesgott zu sein: XII 76. 78 cv Askl. XII 75 (77). Eros ist entflogen und weilt in Zenophilas Augen: V 177 führt Askl. XII 105 aus. Ein besonders beliebtes Spiel ist dann die Beschäftigung mit dem λύχνος, den M. zuerst οὐνίστωρθ auch συμπαίοτωρ genannt hat: V 8. 165. 197. VI 62 cv> Askl. V 7, und auch die Anrede an die Nacht: 20 V 165 ist cv Askl. 164. Der Liebende ergibt sich
dem Komos: V 190. 191. XII 117 œ Askl. V 64. 167 (vgl. Propert. I 3); die Rose eines Kranzes weint über die Untreue des Geliebten: V 136, entwickelt aus Askl. V 145, aus dessen Mimen (V 181. 185) die des M. (182. 187) stammen können (vgl. Wifstrand 63), der auch Ausrufe wie τὶ δὲ τδ πλέον (V 176, 1; vgl. XVI 213) demselben (V 85, 1) nachgebildet haben wird. Weniger zahlreich und eingreifend, hie 30 und da auch nur formal sind M.s Anleihen
bei Kallimachos: V 8 co K. V 6; 136, 1 = K.
XII 51; V 148. 149
K. V 146. XII 52, 2
= K, XII 73, 1. XII 72, 5f. c« K. 71, 5. 134, 5
(Radinger 32). – Bekanntlich bietet der Stephanos eine Fülle leonideischer Epigramme; dementspechend hat sich der Gadarener auch seiner Variierung befleißigt. Aber glücklicherweise geschah ds nicht in der platten Umsetzung jener entsetzlichen Weihgedichte armer 40 Leute oder ähnlich empfundener Epitymbia, wie sie die Leonidas-Nachtreter damals und später trieben; denn V 195 enthält doch eine starke Umbiegung des leonidischen Anathematikons ins rein Erotische *), wie denn auch M.s pädera-tisches Geständnis (XII 23) an Leonidas’ Epigramm auf einen ähnlichen Fall anklingt (VI 293). M. scheinen vielmehr die wunderlichen Gedichte des Tarentiners auf die bewaffnete Aphrodite (IX 322 oc M. VI 163)), auf ein rätselhaftes 50 Grabepithem (VII 422 cv M. 421. 428), dergleichen auch Antipater Sid, kennt (427), dazu auch das Grabgespräch (VII 163
M. VII 470)**) zur Nachahmung verlockt zu haben (Wifstrand 40ff.), nicht ohne daß er sein Muster auch in einzelnen Redefloskeln befolgt (VII 419, 1
L. 408, 1). So wird es begreiflich, daß VII 13 zwischen Leonidas und M. streitig sein konnte.
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– Von der Benutzung des Rhianos war schon die Rede, und zwar nach sehr bezeichnender Seite hin. Dementsprechend finden wir dasselbe Motiv des von den Chariten umarmten Geliebten bei beiden (XII 121, 122); in Rhianos’ Stil (s. XII 93) ist M.’ Gedicht XII 92 (vgl. Ἰξώι) wie XII 59 an Gedicht 58 des Kreters erinnert. Dazu kommt dann noch der ἔρως δραπέτης des Moschos (M. VII 177. 178, 6; s. Radinger 37), dazu ein nain bukolisches Gedicht (VII 535), ja auch den ihm sonst sehr fernen Alkaios Mess. (VII 1, 7), imitiert er nebenbei (XII 56, 7). – Es hat keinen Zweck, hier alle die noch nicht namhaft gemachten Motive, z. B. das unaufhörliche Lob der Geliebten beiderlei Geschlechts, zu verfolgen, noch auch auf die verschiedenen Situationen des Dichters (XII 52 ein Propemptikon; 84 M.s Rückkehr von einer Reise; 147 sein Eintritt in das Haus Heliodoras; das Tagelied V 172: vgl. 173; XII 137 nach altem Muster: carm. pop. 43 Diehl) einzugehen und dazu irgendwelche konkrete Vorbilder zu suchen *). Genug: eine Fülle dieser Epideiktik lag in der Luft. Motive wie das Beispiel von Zeus und Ganymedes (XII 65. 68. 70. 101) sind damals, wie übrigens auch schon früher (Theognis 1345ff.) allbekannt; die Anspielung auf Liebesfeiern am Sabbat (V 160) erinnert an Tibull. I 3, 23fL, wie das dreieckige Verhältnis (XII 109: M.’ Knabe in Ti-marion verliebt) an die Situation der Marathus-Elegie (I 8), wie ferner die Frage: Knaben- oder Weibesliebe, Kypris oder Eros (XII 41. 86. V 208)? ein Thema der Sophistik ist. In der Luft, wiederhole ich, liegt das ganze erotische Getue dieser παίγνια; zeigen uns doch auch die reizenden Motive der hellenistischen Kiftist, Eros als Seefahrer, der Verkauf der Liebesgötter, die Peinigung der Psyche durch den fackeltragenden Eros, ein Analogon nach dem anderen zu melea-grischen Gedichten ([V 190]. XII 157. – V 178 –XII 132), freilich zum Schaden des Dichters, dessen asianische Richtung, dessen Streben, das Überkommene immer stärker zu überbieten, zuletzt abstoßende Verzerrung, Karikatur von Bild und Wort hervorruft**): auch dies***) wiederum kein Charakteristikum semitischen Geistes f). – Wir sprachen von M.s Geschlossenheit, von der Einheit des Menippeers, des Epigrammatikers und [488] Meleagros 488
Rhetors. So hat er nicht nur seine Liebesgedichte durch stete rhetorische Figuren, sei es der διάνοια, sei es der λέξις, bis zur Überladenheit geschmückt, sondern auch, wie mehrfach bereits angedeutet (o. 8. 485), richtige Meletemata aus der Rhetorenschule behandelt. Denn mag auch die Ekphrasis der Statuengruppe: Niobe und ihrer Töchter (XVI 134) aus Antipater (131) und Theodoridas (132) zusammengenäht sein, so 10 entspricht doch die Wahl des Themas dem Interesse M.s für das literarische Genre. Und somit möchte ich mich auch für die ,Echtheit‘ des Frühllingsbildes (IX 363) nachdrücklich einset-zen das zuerst und von manchem Kritiker gefolgt Dilthey Ind. schol. 1884, 10, 1 als ,iusta ecphrasis et ad rhetorum praecepta facta* geächtet hat: eben darum, weil der Dichter Rhetor ist, stammt das wohldisponierte und diesmal in einer hübschen Pointe ausklingende Gedicht von M.
20 Über die Sprache dieses Anthologisten läßt sich nur ganz allgemein als von einem äußerst künstlichen Dichtungsmittel reden. Radin ger 61 ff. hat viel Material zusammenge-tragen, ohne es jedoch zu einer lebendigen Vor-stefiung zu bringen, vielmehr ohne dies bei unserem noch vorhandenen Mangel an lexikographischem Wissen zu können *). Wir sehen deutlich nur eines vor uns: die entsprechend der asia-nischen Rhetorik gesteigerte Ausbildung der Zu-
30 sammcnsetzungen, z. B. ἐρημολάλος, ἐρωτογράφος, ἐρωτοπλάνος, ἐρωτοπλοέω, λιγυπτέρνγοςθ μυροβόοτρνχος, μνροφεγγῆς, ὀρθροβόας, σταχνσθριξ, ὑπναπάτης, φρενοληιστῆς u. a. – Auch der Dialekt, wenn man überhaupt so sagen kann, hat nichts Charakteristisches; die alten Formen der Elegie wechseln mit dorischen, die natürlich nie die der ,severior Doris' zeigen (vgl. auch Ouvré 155fL). Dasselbe Wesen eignet auch der Metrik M.s, die durchaus in den Bahnen seiner
40 hellenistischen Vorbilder verläuft, d. h. also sich wieder in getreuer Nachahmung gefällt (R a -d i n g e r 35ff. Ouvré 207.). – War schon die sklavische Nachbildung des Leonidas, die ja auch bei M. hervortritt, ein höchst unerfreuliches Symptom der langsam sterbenden hellenistischen Epigrammatik, so ist vollends die Variation der Variation, die sich, um von einigen meleagri-schen Floskeln bei Philodem nicht weiter zu reden, später bei Rufinus und beim Gesinnungs-
50 genossen des Gadareners, Straton, zeigt, eines jener vielen Armutszeugnisse, die wir dem, was man damals unter Griechen Poesie nannte, ausstellen müssen. Merkwürdig bleibt immerhin, daß, nachdem M. längst nicht mehr nachahmenswert erschien, der Anonymus in Cramers Anecd. Paris. IV 316 das bekannte ekphrastische Frühlingslied (s. soeben) in freier Form nachgebildet hat. Aber es war eben ein rhetorisches Übungsstück, und die byzantinische Poesie verfertigte gern solche Schulaufsätze nach berühmtem Muster ***).