RE:Melinno

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
unvollständig  
Dieser Text ist noch nicht vollständig. Hilf mit, ihn aus der angegebenen Quelle zu vervollständigen! Allgemeine Hinweise dazu findest du in der Einführung.
Dichterin einer Ode an Rom
Band XV,1 (1931) S. 521523
Bildergalerie
Register XV,1 Register mb
Link für WP   
* {{RE|XV,1|521|523|Melinno|[[REAutor]]|RE:Melinno}}        

Melinno, Dichterin einer Ode an Born, die Stob. III 7, 12, durch Mißverständnis des Inhalts, wie schon Grotius sah (ganz verfehlt dagegen ist S. Malzows Versuch, De Erinnae Lesbiae vita et reliquiis, Petersb. 1836, die Ode an Erinna züzuteilen. Schneidewin Ztschr. für die Altertumswiss. 1836,209–216, und Welcker KL Schr. II löOff.) aufbewahrt hat. Die Überschrift nennt sie gewiß unrichtig eine Lesbierin (noch Christ-Schmid⁶ II 326. Bechtel Hist. Personennamen 304 [wobei er auch die Überlieferung stillschweigend in Μελίννω korrigiert] und Diehl Anth. Lyr. IV 315). Doch verwendet sie im allgemeinen einen dorischen Dialekt (Wünsch o. Bd. IX S. 168. Mei ster Gr. Dial. I 23. – O. Hoffmann und J. Bechtel bei ihren Darstellungen des äolischen Dialektes verlieren kein Wort auf das Gedicht), und die drei Äolismen sind nicht mehr als formale Reminiszenzen an den lesbischen Ursprung der Versform. Es ist daher nicht angebracht, die Äolismen durch Änderungen vermehren zu wollen, wie es Diehl (nach Grotius) noch tut. Lesbische Herkunft ist von Stobaios oder seinem Gewährsmann wohl nur aus der Tatsache erschlossen, daß die Ode in dem sapphischen Versmaß gedichtet ist (S c h n e i d e-win 214, der auf die Tatsache hin weist, daß Stobaios selbst das Ethnikon nicht, oder sehr selten, hinzufügt. Birt De Romae urbis nomine XII. Weniger wahrscheinlich ist die Ansicht von Welcker Kl. Schr. II 165, wonach das Ko-gnomen wegen Nachahmung Sapphos gegeben wurde.) Der höchst seltene Name, der wie es scheint, sonst nur IG II 1868 Μελινω (4. Jhdt.) IG XII 5, 1091 (5. Jhdt.) Mätvfrja, aus Kar-thaia in Keos, vorkommt, deutet gewiß auf Lo-kroi hin, wo die bekannte Dichterin Nossis um 300 v. Ohr. das kleine Kind einer ihrer Gefährtinnen Αὐτομελιννά (Anth. Pal. VI 353) nennt, d. h. ,echte Melinna' (vielleicht richtiger Μελιννω, da diese letzte Form in das Versmaß nicht so gut hineinpaßt). Nicht unwichtig ist es auch, daran zu erinnern, daß Keos, woher eine der beiden gleichnamigen stammt, ebenfalls eine lo-krische Kolonie war (s. o. Bd. III S. 1169. Suppl.-Bd. III S. 194f.). Hier zu Lokroi, auf das schon der Dialekt hindeutet (auch Nossis schrieb dorisch), wo seit altersher eine lange Reihe von Dichtern, darunter noch eine Frau (die selbst eine eifrige Nachahmerin und sogar Rivalin der Sappho war, Anth. Pal. VIII 718) tätig waren (s. o. Bd. XIII [522] Melinno

δ22

S. 1359f.), wo der höchst seltene Name auch in Dichterkreisen tatsächlich vorkommt, wo eine überschwengliche Verherrlichung Roms üblich war (vgl. die Roma-Pistismünzen, o. Bd. XIII S. 1338f. und den Kultus der Roma Aeterna aus der Kaiserzeit CIL X 16),[1] wo schließlich die Frauen immer sehr hervortraten (o, Bd. XIII S. 1Î55–1259. 1345L), ist wohl mit Sicherheit diese Dichterin anzusetzen. Über ihre Zeit da-10 gegen ist viel gestritten worden. Die früher herrschende Ansicht macht sie zur Zeitgenossin der Nossis (so Welcker Kl. Schr. II 160ff., der die ältere Literatur vollständig bespricht. Schneidewin a. O. und Del. III 454–456. v. Scala Der Pyrrh. Krieg, Exc. III 180–183), und identifiziert sie mit der Melinna der Αὐτομέλιννα des Gedichts (nach Melhorns Vorgang, Anm. zu der Anth. Lyr. 1827 S. 124). Dies wird vielfach verneint, und die Namens-20 Identität ist in der Tat kein ausreichendes Argument, da nichts in dem Epigramm der Nossis auf die dichterische Begabung ihrer Gefährtin hindeutet, was bei einer solchen Gelegenheit kaum fehlen dürfte. Das Gedicht ist zwar kein Meisterstück, aber ebensowenig ist es schlecht, und obwohl der Stil ohne Zweifel hellenistisch ist, darf man kaum ein Gedicht hin und her datieren auf Grund ästhetischer Urteile über den Inhalt, wie es Susemihl Gesch. d. gr. Lit. II 530, 56 30 tut. Mir scheint es genau so gut als der größere

Teil von Horaz’ Liedern, besonders Carmen Sae-culare und die politischen Oden überhaupt, und der gewöhnliche Poeta Laureatus dürfte stolz auf eine ebenso gelungene Leistung sein. Die vielen literarischen Reminiszenzen, soweit sie in Diehls knappem aber ausgezeichnetem Kommentar zusammengebracht sind, stammen aus früher Zeit, und kein späterer Autor als Platon ist dabei verzeichnet. Daß keine Anspielung auf das Kaiser-40 haus zu finden ist, macht es ganz unmöglich, die

Ode später anzusetzen, als etwa zur Zeit des Augustus. Genaue geschichtliche Angaben sind bei den allgemeinen Wendungen nicht zu erwarten, doch scheinen alle Ausdrücke auf eine relativ frühe Zeit hinzudeuten. Zunächst ist nichts von einem Imperium über viele Länder und Völker gesagt, nur im allgemeinen über Land und See (eine Seemacht wurde Rom bekanntlich erst in den ersten Dezennien des 3. Jhdt.), sowie über 50 ἄστεα λάων, eine Phrase, die viel besser auf die vereinzelten Städte Süditaliens und Etruriens im 3. Jhdt. paßt, als auf die großen Länder, Reiche und Völker des Imperiums nach Erlangung der Weltherrschaft, v. Wilamowitz (Timoth. Die Perser 71, 1) meint ,συ μόνα κρατίστοῦς ἄνδρας, αἰχμητάς μεγάλους, λοχεύεις: deutlicher kann die Oligarchie nicht bezeichnet werden*. Der Hinweis ist aber viel mehr auf die mächtigen und zahlreichen römischen Legionen, wie gerade die zwei 60 nächsten Verse zeigen, die ohne Pause fortfahren ἔνοτοχον Δάματρος δπως ἀνεῖσα καρπὸν ἄπ ἄν· δρῶν (sehr ansprechend Büchelers ἄρουρα am Ende, aber nicht absolut notwendig). Hier ist der Vergleich unverkennbar zwischen den unverwüstlichen Strömen der kriegsbereiten römischen Jugend und der aufspringenden Saat eines Kornfeldes, was eine Beziehung auf die kleine und schon im 1. vorchr. Jhdt. aussterbende Oligarchie [523] 523 Melinophagi

ausschließt. Auch wäre gerade dieser Vergleich zur Zeit des schnellen Geburtenrückganges des römischen Volkes, der Zeit der Lex Papia-Poppaea und der vitio parentum rara iuventus, geradezu unsinnig; dagegen würde es sehr gut in die Zeit von etwa 340 bis 201 passen, als Rom eine schier unerschöpfliche Menschenquelle zu sein schien, wogegen Etrusker, Griechen, Gallier, Sam-niten und Karthager nichts vermochten. Es bleibt nur übrig, eine passende Zeit zu suchen. Diese Ode und die bekannten Roma-Pistismünzen zwischen 275–268 v. Chr. (o. Bd. XIII S. 1338f.) sind etwa desselben Schlages, und ich sehe nicht ein, warum man das Gedicht nicht in eben jene Zeit ansetzen dürfte. Der Preis Roms ist auch nicht mehr überschwenglich, und für eine Dichterin aus Magna Graecia viel mehr am Platz, als die bekannte und viel besprochene Stelle bei Lykophron 1226–80, an deren Echtheit kaum mehr zu zweifeln ist. Zwar erinnert v. Wilamowitz an die 'Ῥωμαία, die wohl nicht vor Anfang des 2. vorchristlichen Jhdts. beginnen (s. u. Bd. I A S. 1061), niemand wird aber behaupten wollen, daß man eine Ode auf Rom nicht auch früher in Unteritalien in einer dankbaren und ergebenen Stadt habe schreiben können. Auch Schneide-win Del. III 454–456 (1839) und v. Scala stimmen dieser Datierung zu. Was nun die metrischen Gründe betrifft, wonach Birt und Usenet Rh. Mus. LV 290 das Gedicht zwischen Horaz und Statius ansetzen wollen (Heinze Ber, Sächs. Ges. LXX 65 ins letzte Jhdt. v. Ohr.), so wären diese gewiß beweiskräftig, wenn wir es mit einem lateinischen Gedicht zu tun hätten, nicht aber mit einer griechischen Ode, denn bei der fast gänzlichen Vernachlässigung der römischen Literatur von seiten auch der gebildeten Griechen, die über Rom schrieben (man denke an Plutarch), darf man gar nicht erwarten, daß die Griechen (zumal eine Dichterin aus der Provinz) sich auch nur im geringsten um die zeitweiligen metrischen Moden der Römer kümmerten. Die Sache ist ja gerade umgekehrt: Catull und seine Freunde haben die Freiheit der älteren griechischen Lyriker beibehalten, dagegen ließen sich Horaz und Statius in der Verstechnik wenigstens etwas von den Lyrikern der Alexandrinerzeit beeinflussen. Ebensowenig beweisen etwas die vermeintlichen Parallelen, die Birt aufzählt, zwischen Melinno und Vergil, da es ja ausgeschlossen ist, daß eine griechische Dichterin jener Zeit mehr als nur die Namen der römischen Dichter kannte, geschweige denn sie nachahmte. Diese vollständige Ignorierung der römischen Literatur von seiten der Griechen hat Kroll Stud. z. Verst. d. röm. Lit. 3–10 glänzend hervorgehoben, und die Sache läßt sich nicht mehr diskutieren. – Die Ode ist gedruckt und besprochen oder kommentiert von Malzow, Welcker, Birt und Diehl (am besten) in den oben angeführten Werken.

  1. Corpus Inscriptionum Latinarum X, 16.