RE:Sophron 1

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Hauptvertreter des syrakusanischen Mimos, 5. Jhdt. v. Chr.
Band III A,1 (1927) S. 11001104
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Sophron. 1) Hauptvertreter des syrakusanischen Mimus. Über ihn berichtet Suidas: Σ. Συρακούσιος’Αγαθοκλέους καὶ Δαμνασυλλίδος · τοί; δὲ χρόνοις ἤν κατὰ Ξερξην καὶ Εὐριπίδην, καὶ ἔγραφε μίμους ἀνδρείους καὶ γυναικείους' εἰσὶ δὲ καταλογάδην, διαλέκτῳ Δωρίδι. καὶ φαοὶ Πλάτωνα τὸν φιλόοοφον ἀεὶ αὐτοίς ἐντυγγάνειν, ὡς καὶ καθεύδειν ἔπ αὐτῶν ἔοθ δτέ. Hier sind die beiden Datierungen nach Xerxes und nach Euripides unvereinbar, letztere wird durch Phot. s. Ῥηγίνους bestätigt, der S.s Sohn Xenarchos Zeitgenossen 40 des Tyrannen Dionysios nennt, erstere wird auf einer Verwechslung mit Epicharm beruhen, mit dem 8. nicht selten zusammengeworfen wird. Seiner Natur nach gehört der Mimus, die realistische Darstellung einer Einzelszene aus dem Alltagsleben, kaum zur Literatur, aber S.s Kunst hatte ihn in die literarische Sphäre erhoben. Daß man sich später mit 8. beschäftigt hat, und uns wenigstens ein Schatten seiner Kunst erhalten ist, wird ausschließlich Platons Interesse für ihn 50 zu danken sein. Platon muß in Syrakus Handschriften S.s gelesen und nach Athen gebracht haben, Diog. Laert. III 18: δοκεὶ δὲ Πλάτων καὶ τὰ Σώφρονος τοῦ μιμογράφου βιβλία ἠμελημένα πρώτος εἰς Ἀθήνας διακομίσαι καὶ ἤθοποιηοαι πρὸς αὐτὰ · ὰ καὶ εὐρεθναὶ ὑπὸ τῆ κεφαλὴ αὐτοῦ. Ausdrücklich bezeugt Platons Interesse für S. zuerst Duris bei Athen. XI 504 b. dann wird die Geschichte oft wiederholt, daß man nach Platons Tode die Mimen S.s unter seinem Kopf 60 gefunden habe (Val. Max. VIII 7 ext. 3. Quintii, inst. or. I 10, 17; vit. Plat. p. 7, 10 Did. Olympiod. vit. Plat. p. 2, 22 Did.). Platon selbst nennt S. nie, aber man hat mit Recht Anspielungen auf S. bei ihm gefunden: Staat V 451 C erklärt er es für recht μετὰ ἀνδρεῖον δράμα παντελώς διαπεραν$εν τὸ ὑπναικεῖην ἄθ πεοαίνειν, das geht, wie Rich. Förster (Rh. Mus. XXX 316 und XXXV 471) bemerkt hat, auf die Einteilung [1101] der Mimen des S. in ἀνδρείοι und γυναικείοι, denn in Attika gab es keine ἀνδρεία und γυναικεία δράματα-, ferner hat v. Wilamowitz (Anti-gonos von Kar. 285, 18) die Stelle in Staat X 606 C ἐν μιμήσει, κωμφδικὴ ἡ καὶ Ἰδία auf komische Werke in prosaischer Form (vgl. Staat II 366 E), also auf S. bezogen. Von Platon hat Aristoteles das Interesse für S. übernommen, er rechnet seine Mimen trotz der prosaischen Form zur Poesie, Poet. 1, 1447 b 9ῖ οὐδέν γὰρ ἄν ἔχοιμεν ὀνομά1 ὄαι κοινὸν τοὺς Σώφρονος καὶ Σεναρίου μίμους καὶ τοὺς Σωκρατικοὺς λόγους, Vgl. auch die bei Athen. XI 505c erhaltene Stelle aus der Schrift Περὶ ποιητῶν. Die Frage, ob die Mimen zur Poesie zu rechnen seien, hat noch Philodem beschäftigt, s. Περὶ ποιημάτων (Ha US rat h Jahrb. f. Philol. Suppl. XVII 270 frg. 72 und 263 frg. 53). Das Interesse für S. wurde neu belebt, als Theokrit in mehreren Gedichten auf seinen syra-kusanischen Landsmann zurückgriff. Die Scholien ί zu Theokr. 11, arg. bei Wendel (frg. 4 Kaibel) bezeugen τὴν δὲ τῶν φαρμάκων ὑπόθεσιν ἐκ τῶν Σώφρονος μίμων μεταφέρει, das geht auf den Mimus ταὶ γυναίκες αἱ τὰν ἔΜν φαντὶ ἔξελαν; wir erfahren auch aus dem Argument zu Theo-krits Gedicht: τὴν δὲ Θεστυλίδα δ Θεόκριτος ἀπειροκάλως ἐκ τῶν Σώφρονος μετήνεγκε μίμων und das wird durch S. frg. 5 K. bestätigt, wo eine Thestylis als Dienerin in ähnlicher Weise genannt wird wie bei Theokr. II 18. Ebenso! lesen wir im Argument zu Theokrits Adoniazu-sen (XV) παρέπλααε δὲ τὸ ποιημάτιον ἐκ τῶν παρὰ Σώφρονι Ποθμιὰ μενῶν. Auch hier hat der Vers XV 2 ὄρη δίφρον Εὐνὸα αὐτφ ein Seitenstück in S. frg. 10: φέρ' ω τὸν δίφρον. Schwer· lieh ist aber eine sehr weitgehende inhaltliche Übereinstimmung zwischen Theokrits und S.s Gedichten anzunehmen, der Kern von Theokrits Φαρμακεύτριαι, die Liebesgeschichte der Simaitha, ist erst in hellenistischer Zeit möglich. Theokrit -übernahm von S. wohl mehr das Äußere und die Stimmung, in den Zauberinnen die nächtliche ’ Zauberhandlung mit ihren seltsamen Eiten, in den Adoniazusen die Schilderung der zungenfertigen, die Dienstboten scheltenden und ihre Männer durchhechelnden Weiber. Ähnlich wie Theokrit wird Herodas in seinen Mimiamben zu S. stehen; so sichere Übereinstimmungen mit ihm wie bei Theokrit sind aber bisher bei Herodas nicht nachgewiesen (s. o. Bd. VIII S. 1090ff,). In hellenistischer Zeit hat sich dann auch die Philologie mit S. beschäftigt. Ein Werk des Apollodor Περὶ Σώφρονος wird häufig zitiert (Athen. III 89a. VII 28le. f und 309c.d. Schol. Arist. Vesp. 525. Schol. B Hom. E 576); da Athen. VII 281e sagt: Ἀπολλόδωρος ὁ Ἀθηναῖος ἐν τῶ τρίτω περὶ Σώφρονος τῷ εἰς τοὺς ἀνδρείους μίμους, werden die beiden ersten Bücher den μίμοι γυναικείοι gegolten haben, ein viertes Buch zitiert der (von Kaibel CGF 1153 übersehene) Scholiast zu Aristophanes’ Wespen. Apollodor erläuterte, wie Athen. III 89a und VII 281 e.f zeigen, einzelne Stellen unter Voranschickung eines Lemma, wie Didymos den Demosthenes im Berliner Papyrus (s. Leo Gött. Gel. Nachr. 1904, 257). Daß Apollodor auch*eine Ausgabe des S. gemacht habe, ist zwar nicht überliefert, darf aber für sehr wahrscheinlich gelten, da eine Aus- [1102] gäbe Epicharms von ihm bezeugt ist (Porphyr. vit. Plot. 24). Die Scheidung der μίμοι γυναικείοι und ἀνόρεΓοί kann auf Apollodor nicht zurückgeführt werden, wenn die oben angeführte Auslegung von Plat. Staat V 451 C zutrifft. Daß S. im Schulbetrieb des 1. Jhdts. n. Chr. noch einen Platz hatte, bezeugt Statius, der ihn silv. V 3, 158 unter den von seinem Vater in Neapel erklärten Schriftstellern nennt; dazu paßt, daß .0 Demetrios Περὶ ἐρμηνείας lebhafteres Interesse für S. zeigt, und daß in Oxyrrhynchos (P. Oxyr. II 301) ein Sittybos mit der Aufschrift Σώφρονος μίμοι γυναικείοι aus dem 1. oder 2. Jhdt. n. Chr. gefunden worden ist. Noch im 6. Jhdt. hat Chorikios von Gaza S. gelesen (Apol. mim. ed. Graux Kev. de philol. I 215 § III).

Die Zahl der erhaltenen Fragmente ist ziemlich groß, in der Sammlung von Kaibel (CGF I 154ff.), nach der ich zitiere, sind 169 verzeich-50 net, drei weitere hat v. Wilamowitz .(Herm. XXXIV 208f. und XXXVII 322) hinzugefügt. Leider sind die meisten Fragmente kurz und unergiebig, da sie ganz überwiegend von Grammatikern wegen des dorischen Dialekte angeführt werden, etwas längere Bruchstücke haben wir nur bei Demetrios Περὶ Ἐρμηνείας (θg. 24. 32. 52. 110) und Athenaios (fig. 8. 11. 12. 14–16. 24–30). An Titeln kennen wir die weiblichen Mimen Ἀκέστριαι, Tal γυναίκεςτὰν θεὸν φαντὶ ἔξελαν, Ταὶ ὑάμεναι τὰ Ἴσθμια, Νυμφοπόνος, Πενθερά und nach v. Wilamowitz’ sehr wahrscheinlicher, schon von Ahrens angedeuteter Vermutung Tal ὄνναριστωσαι. Den weiblichen Mimen wird auch der durch v. Wilamowitz (aus Cohn zu den Parömiographen 83) beigebrachte neue Titel Σ, èv Προμυθίῳ zugerechnet werden müssen, denn daß προμύθιον nicht die Einleitung zu einem μῦθος bedeutet, wie v. Wilamowitz ursprünglich annahm, sondern zu-40 sammenhängt mit der sizilischen Glosse (CGF Kaibel I S. 217 nr. 222) προμυθίκτρια = προμνήατρια * ἡ περὶ τῶν μελλόντων οὐναφθηναὶ προμιμνηακομένη καὶ συνιοτώσα, haben v. Wilamowitz selbst (Herm. XXXVII 209) und Crusius (N. Jahrb. XXV 90) richtig erkannt. Der Titel wird den /Vorspruch⁴ bedeuten und braucht wohl nicht in πρόμυθος geändert zu werden. An männlichen Mimentiteln haben wir Ἄγγελος, 'Ὤλιευς τὸν ἀγρώταν, θυννοθήρας, Παιδικὰ ποιφυξείς und, 50 nach sicherer Vennutung von Ahrens und v. Wilamowitz Γέροντες. Die Titelgebung ist also sehr abwechslungsreich, neben Berufen (die Näherinnen, der Thunfischer) haben wir Verwandtschaftsbezeichnungen (die Schwiegermutter), Altersklassen (die Greise), Menschen in bestimmten typischen Situationen (die Besucherinnen der Isthmien, die Brautjungfer, der Vorspruch, die Frauen beim Frühstück, die Boten) und noch kühnere Bildungen: ,Der Fischer den Bauer* kann 60 doch nur eine Scheltrede des Fischers gegen den Bauern bedeuten, παιδικὰ ποιφυξεῖς ,du scheuchst Schätzchen* ist ein ganzer Satz, und noch umständlicher, mit einem Relativsatz, ist der Inhalt des zweiten weiblichen Mimos im Titel ausgedrückt. Zu streichen ist der schon Kaibel verdächtige einzige mythologische Titel Προμηθεῦς; Jernstedt hat sicher recht, wenn er in frg. 51 K. für Προμηθεί schreibt Προμυθίῳ. Eine [1103] ungefähre Vorstellung vom Inhalt kann man sich noch am ersten von dem Zaubermimus Tat γυναίκες ai' τὰν θεὸν φαντὶ ἔξελαν machen, den R. Wünsch (Jahrb. f. Philol. Suppl. XXVII lllff.) sehr gut behandelt hat. Seine Deutung des Titels ,Frauen, die sagen, die Göttin treibt aus', d. h. die vermeinen, die Göttin gehe um, ist allerdings kaum haltbar; ἐξελάν wird transitiv zu nehmen sein. v. Wilamowitz führt mit großer Wahrscheinlichkeit (Herm. XXXVII 324) 1( auf diesen Mimus eine von Plutarch (de superstit. 10) mitgeteilte dorische Beschwörung der Artemis (Hekate) zurück, in der die Göttin gerufen wird αἰτὲ κὰ ἄπ ἀγχόνας αἰξαοαsub7λsub αἰτὲ κὰ λεχοῦν δια~ κυαίσαοα αἰτὲ κ ἄν νεκρὸς μολονσὰ πεφυρμενὰ ἔοελθης, αἰτὲ κὰ ἐκ τριόδων καθαρμάτεοοιν ἐπιοπωμένα τῶ παλαμναίῳ ἄνμπλεχθς (Text nach v. Wilamowitz Griech. Lesebuch 336, 19ff.), die Frauen holen die Göttin aus jedem Ort, an dem sie sich birgt, auch aus den unheimlichsten 2( heraus. Eine Frau (oder mehrere) führt, offenbar nachts, eine Zauberhandlung aus unter Beihilfe einer Dienerin, die vor Angst den Kopf verliert (frg. 5). Die Göttin wird unter verschiedenen Beinamen augerufen (frg. 7. 5. Herm. XXXIV 208f.), Hundegebell kündet ihr Nahen (frg. 6), ein Hundeopfer bildet wohl den Abschluß (frg. 8). Der Zweck der Beschwörung ist nicht ersichtlich. Wünsch möchte diesem Mimus auch frg. 118 und frg. 15 zuweisen, aber letzteres ge-3C hört nach Ausweis des Namens Κοικόα in die Συναριοτώοαι) richtig teilen ihm Ahrens und Crusius (a. a. O. 86f.) frg. 166 zu.

Das Stoffgebiet S.s ist einzig das Alltagsleben seiner Heimat. Die Versuche von v. Wilamowitz (Herm. XXXIV 207ff.) und Reich (Der Mimus I 239ff. und Der Mann mit dem Eselskopf, Weimar 1904, 5ff.), auch mythische und phantastische Elemente bei S. nachzuweisen, haben Kaibel (Herm. XXXIV 319) und aus-40 führlicher Crusius (M. Jahrb. XXV 86ff.) widerlegt; weder in den Titeln noch in den Fragmenten ist bisher eine Spur von Märchenphantastik oder Mythenparodie festgestellt worden.

S. schrieb in Prosa (s. den o. ausgeschriebenen Suidasartikel), aber ein Scholion zu Gregor von Nazianz (CGF I 8. 153 t. 9 K.) bezeugt: ἐν τούτα) τῷ λόγω τὸν Συρακούσιον Σώφρονα μιμείται* οὐτος γὰρ μόνος ποιητῶν ρνῦμοίς τισὶ καὶ κώλοις ἐχρήσατο ποιητικῆς ἀναλογίας κατά- 50 φρονησας. Auf Grund dieses nicht sehr klaren Zeugnisses hat Norden (Die antike Kunstprosa I 46ff.) eine Anzahl längerer Fragmente (25. 26, 24. 50. 30) in Kola zu zerlegen versucht, aber v. Wilamowitz Textgesch. der griech. Lyr. 27, 3 leugnet mit Becht, daß hier bewußte rhetorische Einteilung in Kola vorliege. Sehr stark tritt bei S. der Gebrauch von Sprichwörtern hervor, den Theokrit und mehr noch Herodas von ihm übernommen haben. Der Ausdruck ist 60 sehr lebendig, für uns im einzelnen oft schwer, oder gar nicht verständlich, weil 8. die syraku-sanische Volkssprache viel treuer wiedergibt, als Epicharm.

Ausgaben von L. Ahrens De dialecto Dorica 464ff. L. Botzon Sophroneorum mimorum reliquiae, Programm des Marienburger Gymn. 1867, beide überholt durch G. Kaibel CGF I 152ff. [1104] Außer der genannten Literatur s. auch Hauler Verhandl. der Wiener Philolog. Versamml. 1893, 256ff.

[Körte. ]