Rose und Lilie


[435]

 Rose und Lilie.

Die Rose liebt die Lilie,
     Sie steht zu ihren Füßen.
Bald lös’t die Glut ihr schönstes Blatt,
     Es fällt, die Braut zu grüßen.

5
Die Lilie bemerkt es wohl,

     Sie hätt’ das Blättlein gerne;
Der Wind verweht’s, und Blatt nach Blatt
     Jagt er in alle Ferne.

Die Rose doch läßt nimmer ab,

10
     Läßt immer neue fallen;

Sie grüßt, und grüßt sich fast zu todt,
     Doch keines trifft von allen.

Das lezte fängt die Lilie
     Und thut sich dicht zusammen;

15
Nun glüht das Blatt in ihrem Kelch,

     Als wie ein Herz voll Flammen.

 Fr. Hebbel.