Seite:Anette von Droste-Hülshoff - Des Arztes Vermächtnis.pdf/31
Das Alter kam, das Alter stellt sich ein; –
Nun vor den Augen schwebt es mir zumal,
Nun vor dem Ohre hallt es ohne Zahl:
„O bete! ringe! hilf ihm aus der Qual!“
Ach Gott! du weißt nicht, wie voll Brand mein Hirn,
Wenn mir der Dunkle nächtlich rührt die Stirn,
Genau wie scheidend er gestreckt die Hände:
Auch jetzt ich fühle wie das Blut sich dämmt.
Geduld, Geduld! Da kömmt er, kömmt er, kömmt!“
Das Blatt ist leer; hier hat die Schrift ein Ende.
So mild die Landschaft und so kühn!
Aus Felsenritzen Ranken blühn,
Der wilde Dorn die Rose hegt.
In sich versenkt des Arztes Sohn
Schwand in des Waldes Spalten schon,
An seine Stirn die Hand gelegt.
Und wieder einsam tos’t der Fall,
Und einsam klagt die Nachtigall.
Mich dünkt es flüst’re durch den Raum:
O Leben, Leben! bist du nur ein Traum?
Annette von Droste-Hülshoff: Des Arztes Vermächtniß. J. G. Cotta, Stuttgart; Tübingen 1844, Seite 487. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Anette_von_Droste-H%C3%BClshoff_-_Des_Arztes_Verm%C3%A4chtnis.pdf/31&oldid=- (Version vom 8.7.2025)