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     Am zwölften Mai, bei einsam tiefer Nacht,
Nach einem Tag, ich hatt’ ihn froh verbracht
Auf Waldeshöh’n, die wimmelnd von Gesindel,
Zum Aether strecken ihrer Fichten Spindel,
An Böhmens Gränze eine starre Wacht:
Dort nahm, der Wissenschaft und Armuth Sohn,
Ein kleines Haus mich auf seit Wochen schon,
Wo Kräuter suchend zwischen Fels und Gründen
Die Einsamkeit ich traulich konnte finden.
Am zwölften Mai, wo das Geschick mich traf –
Auf meinen Wimpern lag der Jugend Schlaf,
Doch ruhig nicht, mein Traum war wie ein Fieber –
Auf Felsen stand ich, Adler kreisten drüber;
Mir näher, näher aus dem tiefen Grau,
Der Flügel Schlag ich hört’ ihn ganz genau,
Und hört’ es immer, als der Traum zerrann.
Vernahm ich’s wirklich? Und was war es dann?
Den Atem haltend lausch’ ich vorgebeugt,
Und wahrlich – zweimal – dreimal – nah der Wand
Pocht es vernehmlich an des Fensters Rand.
Dann Schatten seh’ ich vor der Scheibe schwanken,
Ein langer Arm, ein dunkler Finger steigt;
Ich war noch jung, wie Pulver die Gedanken,
Wenn aufgeregt, erkannten keine Schranken.
Man weckt den Arzt um Mitternacht so leicht:
Gewöhnlich fänd’ ich’s jetzt, dort wunderbar;
Doch Jugend schäumt entgegen der Gefahr
Und ohne Sprudel ist kein Trank ihr klar.

     So war’s nur Neugier und verwegne Glut,
Was durch die Adern trieb das üpp’ge Blut,

Empfohlene Zitierweise:
Annette von Droste-Hülshoff: Des Arztes Vermächtniß. J. G. Cotta, Stuttgart; Tübingen 1844, Seite 461. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Anette_von_Droste-H%C3%BClshoff_-_Des_Arztes_Verm%C3%A4chtnis.pdf/5&oldid=- (Version vom 26.5.2025)