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| Krausche, Carl Samuel: Camenzer Wochenschrift, 23. März 1848 | |
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Ruhe und Ordnung, welche in dieser Versammlung herrschte, haben die Arbeiter bewiesen, daß auch sie für die Segnungen der Freiheit reif und ihrer würdig sind. (Stsbztg.)
Deutschland. Nur sehr wenige deutsche Fürsten haben ihren Völkern noch nichts gewährt, und während man in Baden, Würtemberg, Baiern, Hessen und Sachsen die früheren aristokratischen Ministerien abgedankt und an deren Stellen volksthümliche Männer berufen hat, ja sogar auch Oesterreich diesem Beispiele gefolgt ist, denkt man in Hannover und Braunschweig das Volk mit den selben Versprechungen hinzuhalten, die man seit bereits 33 Jahren gegeben. Mögen die neuen Vorgänge in Berlin und Wien diese hartnäckigen Fürsten eines Bessern belehren und den Wünschen des Volkes geneigter machen, denn auch der König von Preußen, – der doch in der Thronrede bei Eröffnung des Vereinigten Landtags am 11. April 1847 sehr energisch erklärte: „keiner Macht der Erde solle es gelingen, ihn zu bewegen, das natürliche, gerade in Preußen durch seine innere Wahrheit so mächtig machende Verhältniß zwischen Volk und Fürst in ein constitutionelles zu wandeln, und daß er es nun und nimmermehr zugeben werde, daß sich zwischen unsern Herr Gott im Himmel und sein Land ein beschriebenes Blatt, gleichfalls eine zweite Vorsehung eindraͤnge, um uns mit seinen Paragraphen zu regieren“ – ist andern Sinnes geworden, leider aber erst, nachdem viel Bürgerblut vergossen worden. (Siehe unten die Nachr. aus Berlin.)
Nach 33jähriger Thätigkeit hat der deutsche Bundestag gefunden, daß die alten freien deutschen Reichsfarben, Schwarz, Roth, Gold, ein vortreffliches Abzeichen für ein einiges und freies Deutschland abgeben und diese zu tragen erlaubt. Deutsche Maͤnner: v. Gagern, Ihstein, Romer, Welcker, Stettmann, Binding, Willich schreiben zum 30. März eine Versammlung von frühern oder jezigen Staͤndemitgliedern nach Frankfurt a. M. aus, um die Freiheit und das Wohl Deutschlands in der That zu berathen und den Anfang eines deutschen Volksparlaments zu gründen, In dieser Sache kann kein Aufschub, keine diplomatisch-langsame Verhandlung eintreten, denn 30 Jahre der Geduld sind nachzuholen; wer nicht mit will, moge zurückbleiben!
Am Odenwald und Spessart, wo Baden, Wuͤrtemberg, Baiern und Hessen-Darmstadt zusammenstoßen, wo vor 300 Jahren der Bauernkrieg ausbrach, sind jetzt wieder die Bauern im rohesten Aufstande. Aber darüber kann man sich nicht wundern: diese Leute fordern jetzt noch fast dieselben Befreiungen von Lasten und Plackereien, die sie schon vor 300 Jahren vergeblich verlangten. Man hat die Zeit ohne den nöthigen Fortschritt vorüber gehen lassen, es ist daher ganz natürlich, daß die Bauern die jetzigen Ideen’, welche Deutschland erregen, zunächst auf ihr noch sehr im Argen liegendes materielles Wohl beziehen und nach ihrer Art Verbesserung fordern. Hätte man ihren feudalen Zustand früher zeitgemäß reformirt, so würden jetzt keine Schlösser abgebrannt und keine Gewaltthaten verübt werden. –
Frankreich. Die franzoͤsische Republik scheint nicht auf festen Fuͤßen zu stehen, ihre wunden Punkte sind die Arbeiterfrage und die Geldklemme. Die letztere ist offenbar eine Folge der vorigen Regierung, aber die jetzige Umwaͤlzung, das augenblickliche mißtrauische Zuruͤckhalten des Verkehrs hat die tiefe Zerruͤttung der finanziellen Lage aufgedeckt und blosgelegt, welche unter Louis Philipp planvoll versteckt und täuschend vertagt wurde, Die Arbeiterfrage wird noch große Verlegenheiten und gewaltige Stuͤrme erregen, aber sie konnte nicht långer verschoben werden, sie liegt unabweislich in den jetzigen socialen Verhaͤltnissen und muß gelöst werden. Der provisorischen Regierung wird dies wahrscheinlich nicht gelingen, sie hat jedoch den Muth gehabt, sie aufzugreifen und ihre Lösung vorzubereiten, die übrigen Völker werden an den Versuchen lernen. Bis jetzt haben die europäischen Fuͤrsten diese Frage fortwährend abgewiesen und bei ihnen lag die egoistische Meinung im Hintergrunde: wir werden noch so hinkommen und uns forthelfen und wollen lieber diese unangenehme Loͤsung den Nachkommen überlassen, sie werden nun aber doch an deren Lösung nun bald denken muͤssen.
Krausche, Carl Samuel: Camenzer Wochenschrift, 23. März 1848. C. S. Krausche, Kamenz 23. März 1848, Seite 3. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Camenzer_Wochenschrift_1848-03-23.pdf/3&oldid=- (Version vom 26.7.2025)