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Das Dr. Tablg berichtet aus:

Berlin, 19. März. Ich habe wahrscheinlich das traurige Vorrecht, der Erste zu seyn mit einem Bericht über die unerhörten Ereignisse des gestrichen Nachmittags und der vorigen Nacht. Nicht ein Auge habe ich geschlossen, und ich bin noch so konsternirt, daß ich kaum meine Gedanken sammeln kann; denn Sie müssen wissen, es war gestern hier eine förmliche Revolution (nicht Auflauf oder Aufruhr etc.) im Gange, und es sind nach einer oberflächlichen Schätzung an 300 Personen vom Volke und vom Militair getödtet worden, ohne die Verwundeten zu rechnen. Man spricht gar von 1000 Todten auf beiden Seiten. Nicht blos mit Kleingewehr, sondern auch mit Kartätschen ist unter’s Volk gefeuert, welches Letztre sich diesmal nicht blos mit Steinwürfen, sondern mit Schußwaffen vertheidigt hat. – Der Zusammenhang ist ungefähr folgender. Gestern gegen Mittag war eine, aus hiesigen Stadtverordneten und einigen Rheinländern (worunter namentlich der Abgeordnete von Camphausen) bestehende Deputation beim König, um Preßfreiheit u. dgl. m. zu erbitten. Der König bewilligte das Verlangte auf der Stelle. Und sofort machte der Magistrat Dies durch Anschlagzettel an den Straßenecken öffentlich bekannt. Während nun dem Könige eine Dank und Glückwunschadresse dargebracht werden sollte und auf dem Schloßplatze eine zahlreich versammelte Menge ein Lebehoch ertönen ließ, kamen Personen von der sogenannten Schutzkommission ins Schloß gerannt und erklärten gegen die befehlshabenden Offiziere des dort aufgestellten Militairs: „sie könnten das Volk nicht mehr bewältigen und das Einschreiten des Militairs sey erforderlich.“ Dies geschah denn auch, und so entstand das Blutbad.

Der preußische Absolutismus, der sich von Gottesgnaden dünkte, ist endlich von Volkesgnaden überwunden worden. Die preußische Dynastie hat sich, statt in Purpur, in das Blut des Volkes gehüllt; zwischen der blutgedrängten Dynastie und dem preußischen Volke ist jedes Band zerrissen. – Den letzten Nachrichten von Reisenden zufolge bis zum 19. Morgens ist eine Anrede des Königs vom Balkon herab mit der weiß und schwarzen Fahne mit Steinen beantwortet und dem Rufe nach schwarz-roth-gold. Drei Regimenter sollen zum Volke übergetreten seyn. Der Aufstand war nun vollends organisirt. Der Kampf dauerte bis 19. früh fort, unter dem Sieg des Volkes. Der König soll gefangen, ein Prinz (Karl oder Waldemar) erschlagen seyn. Vor acht Tagen will hätte Friedrich Wilhelm Kaiser von Deutschland werden können. Glück für uns, daß er es nicht gemerkt hat.

Gegen Mittag (den 19.) wurde ein Erlaß, Aufhebung der Censur und ein neuverheißenes Preßgesetz an den Ecken angeschlagen. Die Berliner, welche den großen Unterschied zwischen Preßgesetz ohne Censur und Preßfreiheit nicht kannten waren in großer Freude darüber. Man jubelt: und viele Haufen brachten dem Könige Vivats. Ein Volksredner setzte dem Volke auseinander, daß die Preßfreiheit ganz etwas Anderes und dem Erlaß nicht zu trauen sey. Die Freude legte sich; man verlangte die Entfernung des Mili airs. Indem hieß es vor dem Schlosse, wo viele Tausend Bürger unbewaffnet standen: das Militair rückt aus! (aus dem Schlosse). Die Dragoner drangen gegen das Volk vor und suchten es zu zerstreuen, hieben flach, bisweilen auch scharf, ein. Das Murren begann. Die Infanterie (12tes Regiment) rückte vor und gab zwei Salven auf die unbewaffneten Bürger. Die neuschateller Schützen aber schossen ihren Offizier, der Feuer kommandirte, zuerst vom Pferde, traten zu den Bürgern über und übergaben ihre Büchsen. Es war gegen 4 Uhr. Da fielen zwei Schüsse an der Gertraudenbrücke, das Signal der Bürger zum Aufstande. Man bewaffnete sich nach Möglichkeit; die Waffenläden lieferten den Bürgern auf Unterschrift ihres Namens die Waffen aus, der Kampf wurde organisirt. Alle Wagen jeder Gattung wurden zu Barrikaden benutzt, die Frauen warfen Stühle, Tische u. dgl. aus den Fenstern zu diesem Zwecke; Dächer wurden abgedeckt, um die Steine gegen das Militair zu gebrauchen. Die Erbitterung wurde tödtlich. Die Dragoner und das Kaiser Franz Regiment (größtentheils Polen) gingen zu den Bürgern über. Die Artilleriekasernen und die Kanonen (Eisen).Gießerei brannten am Abend. Die Salven mit Kanonenschüssen gemischt dauerten bis ½4 Uhr Morgens. Die Bürger hatten noch nicht die Oberhand. Bis hieher kämpften noch keine Proletarier, kein Geselle, Lehrbursche etc., nur anständig gekleidete Bürger; man hoffte den nächsten Tag auf die Hilfe der untern Stände. Militair von außen wird nicht weiter in die Stadt gelassen, die Bürger haben die Thore besetzt; die frankfurter und schlesische Eisenbahn hat den Transport von Militair nach Berlin versweigert. Das Blutbad in Berlin ist schrecklich. Die rheinischen Abgeordneten (Beckerath, Camphausen) sollen vom Könige den 19. bis 4 Uhr Nachmittags die Zusage der Forderungen der Rheinländer verlangt haben, ohne welche die Rheinprovinzen sich lossagen würden. Die Zusage ist bis dahin nicht erfolgt, und Briefe vom Rhein lassen vermuthen, daß die Ablösung der Rheinländer schon ausgesprochen sey. – Komme dort, was Eins ist sicher: die Politik deutscher Kabinette hat aufgehört, die Politik des Volkes, ein einiges starkes großes Deutschland, beginnt. Ihr erstes Bestreben muß seyn, mit Frankreich ein Integritäts-Bündniß zu schließen. Polen wird sich erheben, Rußland wird der preußischen Dynastie Hilfe bieten; es wird den Tod finden. Das

Empfohlene Zitierweise:
Krausche, Carl Samuel: Camenzer Wochenschrift, 23. März 1848. C. S. Krausche, Kamenz 23. März 1848, Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Camenzer_Wochenschrift_1848-03-23.pdf/4&oldid=- (Version vom 26.7.2025)