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geistige Band verloren gegangen sei, das alle Teile des Ganzen und alle Mittel zum Zwecke zusammenhält. Schon der Ausdruck ,,Bekleidungskunst", mag er auf die paradoxe Ansicht auch eines hochbegabten und gelehrten Künstlers wie Gottfried Semper zurückgehen, kann praktisch nur Veräusserlichung Folge haben. Und der Ausspruch Eduards von Hartmann ,,die Architektur sei Tektonik" ist schon ein wörtlicher Widerspruch, bei dem wir verwundert fragen, sollte der Grieche so völlig ohne Sinn und Verstand die Baukunst als ἀρχιτεκτονική, als grundlegendes, ursprüngliches, wir möchten sagen ,,uranfänglich reines Schaffen" von den technischen Leistungen des Handwerks unterschieden haben? In der Tat scheint es heute, als ob man nicht Antwort wisse, was die Architektur eigentlich sei. Bei aller Gelehrsamkeit unserer historischen Bildung fühlt fühlt man überall Entfremdung durch und vermisst den warmen Anteil des inneren Menschen an ihren Werken und ein natürliches Verhältnis zu dieser Kunst.
     Sollte es da nicht an der Zeit sein, einmal die Frage nach ihrem Ursprung und innersten Wesen zu stellen? Die genetische Betrachtungsweise, die der Geschichtswissenschaft so lange schon geläufig ist und heute auch die Naturwissenschaft durchdringt, könnte nicht minder in der Kunstwissenschaft, die zwischen beiden in der Mitte steht, ihre heilsamen Früchte tragen. Es gälte nur statt der Aesthetik „von Oben" und ,,von Unten", die man mit Fechner noch jetzt einander gegenüberstellt, vielmehr eine Aesthetik von Innen zu versuchen, und mit der Architektur, die solange durch eine Aesthetik von Aussen

Empfohlene Zitierweise:
August Schmarsow: Das Wesen der architektonischen Schöpfung. Karl W. Hiersemann, Leipzig 1894, Seite 7. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Wesen_der_Architektonischen_Sch%C3%B6pfung.pdf/11&oldid=- (Version vom 17.8.2025)