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Schöpfung enthalten sei, sodass ein sachverständiges Auge und eine geschulte Phantasie mit diesen Hilfsmitteln sich das Ganze zu entwickeln vermag? Sollte es damit ebenso stehen, wie mit der Partitur eines
Werkes der Tonkunst, dessen musikalische Wirkung der geübte Dirigent sich schon lesend vorauszunehmen weiss? — Es fragt sich endlich, — und diese Frage ist entscheidend für unsre Erwägungen, — ob die technisch vollendete Aufführung eines noch so monumentalen Baues für den Genuss dieses architektonischen Kunstwerks eine fundamentalere Bedeutung habe, als die technisch vollendete Aufführung durch
ein wolbesetztes Orchester für den Genuss des musikalischen Kunstwerks, — mit dem durchgreifenden Unterschied allerdings, dass die musikalische Aufführung vorüberrauscht und fast im Augenblick, wo sie ins Leben tritt, auch wieder verklingt, während die Aufführung eines Baues beharrt, ja zu dauerndem Beharren gefestigt werden kann, — nämlich wenn es
darauf ankommt. Aber kommt es für unsere gegenwärtige Frage darauf an? — Ist die aufgeschichtete Masse zweckvoll behauener Steine, wolgefügter Balken und sicher gespannter Wölbungen das architektonische Kunstwerk, oder entsteht dies nur in jedem
Augenblick, wo die aesthetische Betrachtung des
Menschen beginnt, sich in das Ganze hineinzuversetzen und mit reiner freier Anschauung alle Teile verstehend und geniessend zu durchdringen?
Sowie wir in diesem schauenden Genuss die eigentliche Hauptsache erblicken, eine Aufführung, die gleich der musikalischen beliebig wiederholt werden kann, so sinkt das technische Gerüst, der ganze Aufwand
August Schmarsow: Das Wesen der architektonischen Schöpfung. Karl W. Hiersemann, Leipzig 1894, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Wesen_der_Architektonischen_Sch%C3%B6pfung.pdf/16&oldid=- (Version vom 23.8.2025)