Seite:Das Wesen der Architektonischen Schöpfung.pdf/18
säulengetragenen herrlichen Dach des Hellenengottes, von der Karaibenhütte bis zum Reichstagsgebäude, — so können wir, möglichst allgemein ausgedrückt, sagen, sie sind samt und sonders Raumgebilde, — und zwar gleichgültig aus welchem Material, von
welcher Dauer und Konstruktion, oder welcher Durchbildung der tragenden. und getragenen Teile. „Wesentlich ist nur die Raumabschliessung“ sagt auch Eduard von Hartmann; aber seine nähere Bestimmung „für einen realen Zweck der Raumbenutzung“ schiesst über das nächste Ziel eben schon hinaus. Der Hinweis auf das Schutzbedürfnis des Menschen gegen die Unbilden der Aussenwelt, wie jeder andre Hinweis auf einen realen Zweck ist verfrüht, solange es sich um aesthetische Untersuchung handelt. Die von aussen kommenden Anregungen geben nur die Gelegenheitsursache, den Anlass zur Betätigung des menschlichen Könnens. Jeder leiseste Versuch des Menschen zur Herstellung einer Raumumschliessung setzt zunächst in dem Subjekt die Vorstellung des gewollten Raumausschnittes voraus, und damit kommen wir auf die letzte Voraussetzung, die Anlage zu der Anschauungsform, die wir Raum nennen.
Die psychologische Tatsache, dass durch die Erfahrungen unseres Gesichtssinnes, sei es auch unter Beihülfe andrer leiblicher Faktoren, die Anschauungsform des dreidimensionalen Raumes zu Stande kommt, nach der sich alle Wahrnehmungen des Auges und alle anschaulichen Vorstellungen der Phantasie richten, ordnen und entfalten, — dieser Tatbestand ist
August Schmarsow: Das Wesen der architektonischen Schöpfung. Karl W. Hiersemann, Leipzig 1894, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Wesen_der_Architektonischen_Sch%C3%B6pfung.pdf/18&oldid=- (Version vom 23.8.2025)