Seite:Das Wesen der Architektonischen Schöpfung.pdf/22
die Klarheit des Gesetzmässigen, die Uebersichtlichkeit der wiederkehrenden Teile, die Regelmässigkeit und Reinheit ihm die eigentliche Befriedigung gewähren. So bevorzugt der Mensch sehr bald die gradgewachsenen Stämme vor den krummen, beseitigt vorsätzlich die Spuren des zufälligen Wachstums und der Abhängigkeit von wechselnden Einflüssen der Umgebung, indem er die Rinde abschält und die
Borke glättet oder zurechthaut, und so bleibt in den Ebenen, die er als Wände aufrichtet, in den Pfosten und Pfeilern, die sie halten, wie in allen Einzelformen der spätern tektonischen Gestaltung die Vorliebe für abstrakte Regelrichtigkeit der Linien, Flächen und
Körper als charakteristisches Wirkungsmittel der Architektur bestehen, ja es weckt wol gar jede Abweichung davon das Gefühl der Abirrung in andre Gattungen der Kunst. Die Architektur ist also Raumgestalterin nach den Idealformen der menschlichen Raumanschauung.
Es ist die Befriedigung eines tiefinnerlichen Bedürfnisses, wenn die menschliche Hand ordnend und gestaltend eingreift in die wirkliche Umgebung; aber
die Notwendigkeit ihres Verfahrens kommt uns erst zum Bewusstsein, wenn wir sehen, wie es aus dem Innersten unserer Organisation entspringt. Mit der fühlbaren Aufrichtung – wenn ich so sagen darf – des Rückgrats unserer Anschauung beginnt das architektonische Schaffen in uns. In dem Axensystem der
Koordinaten ist das natürliche Bildungsgesetz aller räumlichen Produktion des Menschen wie in einer zwingenden Formel vorgezeichnet. Es äussert sich mit Notwendigkeit sofort in ganz besonderem Sinne,
August Schmarsow: Das Wesen der architektonischen Schöpfung. Karl W. Hiersemann, Leipzig 1894, Seite 18. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Wesen_der_Architektonischen_Sch%C3%B6pfung.pdf/22&oldid=- (Version vom 16.8.2025)