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haben bei all unsrer historischen Bildung Mühe, den Wert zu ermessen, den jede solche Raumgestaltung für den Menschen von damals haben musste, der sie schuf und drinnen lebte. Nur unvollkommen gelingt es, die Genugtuung solchen Aufbaues auch uns zu Gemüt zu führen und damit den rein aesthetischen Inhalt dieser Kunstwerke aufzuweisen oder gar aufs Neue zum Genuss zu bringen. Das liegt daran, dass dieser Kunst eine Verkörperung konkreter Ideen ebenso wenig gegeben ist wie der Musik, deren alten oder altmodischen Kompositionen auch unsre moderne Phantasie nicht genügend entgegen kommt, um leicht und schnell die Brücke zwischen Hören und Fühlen hinüber und herüber zu schlagen.
Aber aus der grauen Vorzeit klingt auch zu uns noch die Sage von Prometheus, von dem Gewaltigen, den Zeus mit Demantbanden an den Felsen geschmiedet, um friedliche Ordnung zu stiften unter dem Menschengeschlecht, trotz dem gefangenen Riesen, den die Wellen beklagen und befreien möchten in brausender Umarmung. Und wenn wir dann an die Tempel der Olympischen denken, begreifen wir, weshalb der Grieche, der so schwungvoll gedichtet, den Schöpfer der Bauwerke als ἀρχιτέκτων ἀνήρ
neben den Poeten und Philosophen stellt, der ihm seine Weltanschauung aufbaut, und weshalb der Denker vor dem Angesicht des Weltschöpfers selber keinen höheren Ehrentitel zu stammeln weiss, als „summus architectus“.
August Schmarsow: Das Wesen der architektonischen Schöpfung. Karl W. Hiersemann, Leipzig 1894, Seite 32. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Wesen_der_Architektonischen_Sch%C3%B6pfung.pdf/36&oldid=- (Version vom 23.8.2025)