Seite:Die Fackel Nr. 301–302.djvu/10

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

wo ihr sie gefunden habt. Ich verkroch mich ins Bett.«

»Und du hast nichts gesagt!«

»Es würde mich noch verdächtiger gemacht haben.«

»Mir? Du hast kein Vertrauen gehabt.«

»Du siehst, daß ich es habe, nun wir allein sind. Du liebst mich, du wirst mich schützen,« – die Hände flehentlich erhoben. »Alles das ist nicht vorüber. Du mußt wachen, wenn ich schlafe.«

Er greift sich an die Stirn.

»Wovon sprechen wir, mein Gott. Dein Mann lag am Fenster? Es war kein Blut da.«

»Es ist erst später geflossen, auf der Schwelle. Er ist nicht auf die Kniee gefallen, ihr habt Alles falsch erdacht. Er ist hingekrochen.«

»Du weißt entsetzlich viel.«

Er ringt vor ihr die Hände. Sie geht rückwärts bis in den Winkel. Im Bogen um ihn, tastet sie an der Wand hin, zur Tür. Unterdrückt:

»Komm! Ich will dir’s zeigen.«

Er stürzt vor. Mit einem Ruck hält er an.

»Was ist mit uns? Wir sind in einem neuen Hause, in unserem Hause. Die Dinge von denen du sprichst, sind nicht hier geschehen, sie haben hier keine Spuren hinterlassen und keine Geister.«

Auf sie zu, eindringlich:

»Hast du vergessen, wozu du gekommen bist? Mir zu gehören! Nicht dem Vergangenen: mir!«

»Vergangen?« – sie entzieht sich ihm. »Du wirst ihn sehen.«

»Wen?« – und er flüstert wie sie.

»Den Mörder. Du hast ihn noch nicht gesehen?«

Sie hält seinen Blick fest. Er starrt in ihre Augen. endlich nickt sie stark. Er keucht.

»Nein!«

»Ja«, – und sie wendet sich ab. Er taumelt, greift nach einem Stuhl. Er preßt sich die Brust, er ringt nach Stimme.

Empfohlene Zitierweise:
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 8. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/10&oldid=- (Version vom 31.12.2025)