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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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»Du? Du bist es gewesen? Gabriele! Mitleid! … Vorhin, einen Augenblick, glaubte ich, Du beschuldigtest mich. Was willst du sagen? Eins ist Wahnsinn wie das Andere. Liebte ich dich nicht, ich würde lachen.«
Nachdem er umsonst gewartet hat:
»Du treibst Spott, du willst mich verwirren, ich lache.«
Er setzt sich – und springt wieder auf.
»Ich glaube dir nicht. Du bist krank. Du lügst, ich weiß nicht warum. Ich will nichts wissen.«
Schreiend:
»Du bist unschuldig!«
Sie sieht ihn an.
»Leiser! Wir sind verloren, wenn man uns hört.«
Er erschrickt. Er lehnt drüben, halb abgewendet, die Stirn in die Hand, indes sie vor der Tür im Schatten hin und hergeht und spricht.
»Wem schulde ich Rechenschaft. Man sei froh, wenn ich keine fordere. Ein Leben wie meins darf nicht geschaffen werden, es ist – ja, es ist die Widerlegung jedes andern … Als Mädchen von vierzehn Jahren schon erfuhr ich, was noch Greise nicht zu sehen brauchen: unsere Zwecklosigkeit und unsere Unverbesserlichkeit. Jede Lüge, jeder Schmutz des Gefühls hinterließ mir ein Mal für immer, einen blutunterlaufenen Eindruck. Ich hatte die Gabe, nackte Seelen zu sehen und manchen Tag saßen mir am Tisch Fratzen gegenüber, vor denen es nur Davonlaufen gab. Schon damals war ich eine Fremde, und die Andern sahen es, wie heute unsere Gäste. Keine Tat war nötig.«
Er schluchzt auf.
»Gabriele! Mein Leben, um deine Tat zurückzukaufen!«
»Das Schlimmste aber war der Spiegel. Ich war hassenswerter als Alle; denn zu ihren Lastern hatte ich auch noch das, daß ich sie durchschaute … Ich
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 9. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/11&oldid=- (Version vom 31.12.2025)