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hätte mich getötet, ohne meine Träume: die Träume von gütigeren, geistigeren Menschen, die ich lieben konnte. Es mußte sie geben, in der Ferne oder in der Zukunft. Desto sehnsüchtiger liebte ich die unbekannte Menschheit, je trostloser die Menschen sich mir verrieten. Ich gewann Mitleid mit ihnen: so mächtig machten mich meine Träume. Ich war erwachsen und schön geworden. Damals fand ich ihn.«

Sie lehnt sich, einen Augenblick, weich gegen die Tür, die Hand am Griff, als wollte sie eintreten.

»Er war ein großer Arzt, er rettete Hunderte, und doch kannte er ihre Krankheiten, ihre Häßlichkeiten. Er konnte, was ich gewollt hätte: er rettete sie.«

Sie kehrt sich von der Tür ab.

»Mußte er nicht fühlen wie ich? Er war einsam durch sein Wissen, er war gezeichnet vom Ruhm. Mußten wir beiden Fremden uns nicht vertrauen?«

Sie stürzt in die Mitte des Zimmers. sie schüttelt die gespreizte Hand.

»Statt dessen: bewundere die sinnlose Grausamkeit der Dinge. Er wollte nicht verstehen, sich nicht und mich nicht. Ich weiß heute, daß er Furcht hatte; er trumpfte auf das unbewußte und schlechte Leben, er wälzte sich darin, wie ein entflohener Sträfling. Für mich, die ich ihn an die Wahrheit erinnerte, faßte er Haẞ. Er verleugnete mich. Aus der Gefährtin, die zu ihm kam, machte er ein Geschlechtstier. Hörst du?«

Er senkt den Kopf.

»Ich erkenne den Weg, den wir gegangen sind.«

Aber er schüttelt sich.

»Nein! Nicht diesen!«

Sie tut einen Schritt auf ihn zu.

»Doch! Als du mich kennen lerntest, war ich unterwühlt von Begierden. Ekel und Unersättlichkeit warfen mich umher. Den, der mich geliebt hätte, ich hätte ihn in einer Umarmung still machen wollen, um mein Herz und diese Welt still zu machen. Wenn ihr

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Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/12&oldid=- (Version vom 31.12.2025)