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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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Er stöhnt. Sie tritt nahe an ihn hin, sie spricht ihm ins Gesicht, weicher und süßer.
»Wovor hast du Furcht. Niemand weiß, daß wir uns bis zum Verbrechen geliebt haben. Vielleicht weiß der Tote es; das würde unsere Lust würzen. Ich wünschte, daß es ein Fortleben gibt, damit er um uns weiß.«
»Du bist fürchterlich. Du vernichtest mich.«
»Ich mache dich leben.«
Sie halten sich bei den Armen gepackt, als wollten sie ringen. Fast berühren sich ihre Gesichter. Er sagt, die Zähne geschlossen:
»Die glühende Blässe deiner Haut spiegelt entsetzliche Dinge.«
»Nur deine Begierde.«
»Deine tiefen Augen locken und verschlingen.«
»Nur dein Laster.«
»Dein Mund –«
»Küsse ihn doch! Für deinen Kuß habe ich es getan!«
Ihre Lippen stoßen hart zusammen und wühlen sich ineinander.
Er reißt sich los.
»So küssen Mörder! Ich bin wahnsinnig!«
»Schmecke ich nach Blut?«
Da er sie nach dem Vorhang drängt:
»Wir haben uns wohl nichts mehr zu sagen? Jetzt heißt es also genießen.«
Sie schlägt vor ihm zu. Den Kopf im Vorhang:
»Denke an mich, bis ich dich rufe. Du hast doch den Mut, an mich zu denken?«
Und sie verschwindet.
Er steht reglos, das Gesicht nach dem Vorhang. Allmählich weicht er zur Seite; die Hände vor die Augen geschlagen, taumelt er, neben dem Vorhang, gegen die Wand.
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/14&oldid=- (Version vom 31.12.2025)