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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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Ihre Stimme:
»Du bist so still. Aber ich weiß, was du tust: Du weinst.«
Er zuckt auf.
»Du hältst mich für schwach? Ich bin es nicht: ich trage deine Tat. Ich bin imstande, dich zu wollen mitsamt deiner Tat.«
Er schlägt sich auf die Brust.
»Da sieh! ich liebe dich noch jetzt. Umso mehr liebe ich dich, umso mehr!«
Da erstarrt er: hinter dem Vorhang lacht sie gellend.
»Held, der du bist!«
Sie tritt hervor.
»Liebtest du mich nicht für meine Unschuld? Aber auch die Schuld hat ihren Reiz.«
Bei seiner Berührung:
»Ach, fort! Du ekelst mich, mit deiner heroischen Sinnlichkeit.«
»Ich? Du wagst? Du, die mich zu Grunde gerichtet hat?«
Sie sieht ihn an.
»Nicht ich dich … Dein Opfer ist unnütz, mein Held; denn Alles war nur Scherz.«
»Das ist nicht wahr!«
»Kein freundlicher Scherz; aber du mußt ihn mir nachsehen: man hat mich, seit einem Jahr, an das Leben im Grausen gewöhnt … Nun? Ich bin noch deine unschuldige Frau, du bist noch mein Retter. Alles ist, wie du es dir gewünscht hast.«
»Du machst dich lustig?«
»So den Kopf zu verlieren! Und du hast in der Verhandlung jeden Widerspruch vernichtet. Du weißt, daß nicht mein Kleid durch sein Blut geschleift ist, sondern der Vorhang, den er im Todeskampf ergriffen hat. Würdest du vor Gericht die Aussage hingenommen haben, daß er am Fenster unter den Messerstichen
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/15&oldid=- (Version vom 31.12.2025)