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»Sollen wir denn wieder das Ufer verlieren? Laẞ mich denken. Du hast es nicht getan … Hast du es getan?«

»Ich weiß es nicht«.

Er umfaßt seine Schläfen.

»Du weißt es nicht. Du entrinnst mir wie Sand. Du warst meine feste Erde, mein Selbstvertrauen.«

»Ich hatte dir Genie gegeben, die höchste Männlichkeit.«

»Ach! das Wesen, in das wir unsere Seele senken. Die Frau! Die Frau! Wir rechnen mit ihr, wir bauen auf sie, fürs Leben, über das Leben hinaus: – und wir kennen sie nicht!«

Er läßt die Arme sinken. Müde:

»Du hast erreicht in dieser Stunde, daß ich mich selbst nicht mehr kenne. Du hast mich mehr erleben lassen, als ich auf Erden für möglich hielt. In einer Stunde hast du mich alt gemacht.«

»So weißt du nun, wie denen zu Mut ist, die mit der Seele leben. Ich, siehst du, habe an Menschen Alles erfahren, was sie zu geben haben, und vom Erkennen und Fühlen bin ich so abgenützt« – sie betastet sich – »als sei die ganze Haut mir wund gerieben … Dennoch aber bleibt diese qualenreiche Kraft, die Seele auf Berge zu treiben und in Abgründe … Man ist über Mondgebirge gewandert und durch Sterne, die noch brennen. Was soll ich dir sagen! Man hat so Ungeheures vor Augen, daß es Nacht scheint und daß die Wirklichkeit nicht den Wert hat von Träumen. Und ihr fragt nach meiner Unschuld.«

»Ich weiß, daß du keine Frau bist wie andere.«

»Ich bin eine Frau wie andere.«

Sie schlägt sich auf die Brust.

»Seid doch Menschen!«

Sie mißt ihn lange.

»Du wolltest mich lieben, weil meine Unschuld dein Werk war.«

Empfohlene Zitierweise:
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 16. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/18&oldid=- (Version vom 31.12.2025)