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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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»Ich gebe zu, daß ich selbstsüchtig war. Aber wer die Selbstsucht einer Liebe nicht erträgt, ist ihre Aufopferung nicht wert.«
»Möglich. Möglich;« – und sie zieht sich bis drüben in den Winkel zurück.
»Und ihr meint mit der Unschuld, für die ihr mich liebt, eine Tat, die nicht getan ward: Jener dort –«
Sie wendet sich halb nach der Tür im Schatten.
»– eine Untreue, du einen Mord. Ich aber war unschuldig, weil ich dich liebte: und du hättest ein Mörder sein können, oder ein Heiland … Ach! bleibe dort, laß mich allein. Du hast mich schon allein gelassen.«
Sie hüllt sich in die Falten des Vorhanges, ihre Hand tastet rückwärts nach der Wand. Mit verlorenem Blick:
»Ich hätte dich so sehr geliebt. Meine Liebe wäre einfach gewesen, von der Einfachheit der Vielerfahrenen, die das Leben hinter sich lassen, um im Dunkeln zu lieben, ohne Fragen, mit geschlossenen Augen, weder mit ihrer Tugend noch mit ihrem Laster, jenseits der Qual der Seelen, die werben, kämpfen, einander enthüllen: ganz offen und schlicht mitten im Geheimnis, wie Tiere oder wie Engel.«
»Gabriele!«
Er stürzt vor sie hin. Sie fährt mit der Hand in sein Haar. Heißer:
»Und ohne Grenzen! Wie die Umarmungen dieser Männer, dieser Frauen matt und unvollkommen sind! Wie weit bleibt zurück hinter mir, was sie Leben nennen! Man muß so viel von den Menschen erlitten haben wie ich, um ihrer Einen so lieben zu können, wie ich.«
»Gabriele! Warum habe ich dich verloren?«
»Du: du weißt nicht, was ich von dir erträumt habe, wen ich in dir sah. Du beherrschtest den Prozeẞ, und du schienst ihn zu verachten. Du sahst aus, als sagtest du mir: Geduld! Bald lassen wir dieses
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 17. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/19&oldid=- (Version vom 31.12.2025)