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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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kriechende Durcheinander hinter uns. unter uns. Was ist uns Schuld und Unschuld. Über der Welt, allein und stumm, befreit von irdischen Zufällen und ganz einander sicher, werden wir uns lieben. Sagtest du das nicht?« – und sie nimmt seinen Kopf zwischen ihre Hände, um ihm in die Augen zu blicken. – Sie läßt ihn los und wendet sich halb weg.
»Ich glaubte wohl nicht sehr fest, daß du mir folgen würdest; ich war schon einmal enttäuscht. Aber ich erlaubte mir Hoffnung, berauschende Hoffnung. Noch einmal öffnete ich mein Fenster, das vergittert war, den Sternen.«
Er verläßt sie und setzt sich abgewendet. Sie sagt, die Augen geschlossen:
»Ein Unbekannter, und ganz ich selbst. Das Wesen, das alles von mir weiß und nichts.«
Er faßt sich an die Stirn.
»Bin ich denn schuldig? Ich habe dich geliebt, wie ein Mann eine Frau liebt. Ich habe in dir alle meine Instinkte befriedigt gefunden. Was bleibt mir nun.«
Sie geht rasch zu ihm. Über seine Schulter:
»Dir bleibt alles, was du zu nehmen geschaffen bist. Auch ich bin für nichts anderes geschaffen. Das Gefängnis hat mir ungesunde Träumereien gemacht. Ich habe dich gequält und ermüdet. Verzeih’ mir.«
Er greift nach ihr.
»Nicht wahr, wir können uns lieben?«
»Gewiß: wie Menschen einander lieben. Man gewährt sich Vertrauen, bis zu einem gewissen Grade; man versteht sich, vermittelst Nachsicht; man ist eins, unter Vorbehalt.«
»Liebst du mich?«
Sie kniet vor ihn hin. Er umklammert sie fester.
»Liebst du mich?«
Sie beugt die Stirn unter seine Lippen.
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 18. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/20&oldid=- (Version vom 22.3.2026)