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Die Tat[1]
Von Stanislaw Przybyszewski

Es war gerade Weihnachten.

– Ja, Weihnachten, dachte Czerkaski in seinem schweren Fiebertraume.

Das Eine nur wußte er: ein Kind müßte er an diesem Tage glücklich machen. Ganz gewiß glücklich – an einem solchen Tage …

Ich muß jetzt versuchen, für ein Kind eine Mutter zu sein, das wäre eigentlich der höchste Gipfel einer wirklich großen männlichen Tat, dachte er plötzlich mit einem stillen, ehrfurchtsvollen Triumph.

Aber wo sollte er jetzt gerade das Kind aufsuchen, das er glücklich machen wollte und mußte?

Gleichwohl sprang er auf und ging frei und leicht, als hätte ihn jemand von schweren Fesseln befreit, die sich bereits in sein Fleisch einfraßen.

Er ging weit, weit vor sich hin in die Vorstadt hinaus, dicht an den Hafen, wo sich sonst niemand in so später Stunde hinauswagte.

Wie lange er so herumirrte, wußte er nicht, es mochten wohl ein paar Stunden vergangen sein. Ab und zu setzte er sich auf eine nasse schmutzige Bank in irgend einer armseligen Parkanlage, er konnte sich in diesem Hundewetter eine Lungenentzündung holen, aber was ging ihn das heute an.

An seine Ohren drang ein wüster trunkener Gesang taumelnder Matrosen, ab und zu sah er scheußliche, elende Prostituierte vorüberhuschen, vertiert im Elend und Schmutz – wie es ihm vorkam.

Eine blieb vor ihm stehen.

– Für zehn Kopeken – willst du? Und sie spuckte ihm in die Augen. -


  1. Ein Fragment aus dem Manuskript eines Romans: »Das jüngste Gericht«.
Empfohlene Zitierweise:
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 19. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/21&oldid=- (Version vom 31.12.2025)