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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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– Hier hast du einen Rubel! Und mit einer seltsamen Demut wischte er sich sein Gesicht ab.
Und jetzt setzte sie sich neben ihn mit einem bösen, verächtlichen Lachen.
– Vielleicht soll ich dich noch einmal anspucken?
– Wofür?
– Weil du gut bist.
Er lächelte.
– Also dafür spuckt man einem ins Gesicht?
– Ja, eben dafür – und nur deswegen.
– Hier hast du noch fünf Rubel und laẞ mich in Ruh’.
Er gab ihr ein Goldstück.
– Ich gebe dir den Rest zurück, lachte sie höhnisch – sie spuckte ihm wieder ins Gesicht und verschwand – in der Ferne hörte er ein irres Lachen – nein! ein wüstes Gewieher, wie von einer trunkenen Stute.
Nun, sie hatte Recht, dachte er, ganz in sich hineingekrochen, für eine so elende und billige Güte war der Lohn hoch genug.
Und mühsam schleppte er sich weiter.
Jemand vertrat ihm den Weg.
Qui vive? lachte Czerkaski heiser.
Ein baumlanger, schwarzer, verwilderter Geselle – ganz wie ein wüster Charakter aus einem Schauerdrama: sein einziger Faustschlag hätte genügt, um ihn, der doch nur deswegen hinausging, um ein Kind glückselig zu machen, in das Jenseits zu befördern, aber sonst sah der Fremde sympathisch aus, und er hatte keine Angst.
– Was willst du? fragte er ihn.
– Glaubst du, daß ich dich berauben will? Du irrst dich.
– Also was?
– Ich habe meine Mutter totgeschlagen.
– Warum?
– Damit sie sich nicht quälen sollte.
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 20. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/22&oldid=- (Version vom 31.12.2025)