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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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Er streichelte liebkosend die Westentasche, in der das einzige beglückende, alle Tore des Jenseits zuverlässig erschließende Mittel ruhte.
Was ist Liebe, was Geld diesem erlösenden Mittel gegenüber!
– Nun, so laß uns ordentlich trinken – sprach er dem Mädchen gütig zu.
Das Kind aß und trank und schaukelte sich auf seinen Knien.
– Jetzt bin ich bald fertig, dann werde ich dir zeigen, was ich kann … Ich kenne geheime Lüste, die … die …, sie flüsterte ihm etwas ins Ohr …, das ist wie Feuer, noch mehr …
Er lächelte.
– Nun, ich werde dir nicht schuldig bleiben.
– Oh du mein süßes Ferkel – sie schmiegte sich an ihn und küßte ihn an das Ohrläppchen.
– Du mein goldenes Kükelein – lachte er heiser und traurig, umfing sie mit einem Arm und mit dem anderen griff er in die Westentasche nach der gläsernen Eprouvette.
– Wonach suchst du? fragte sie ihn plötzlich unruhig.
– Nichts, nichts – ich habe Kopfschmerzen – ich habe hier ein Pulver.
– Der Kopf tut dir weh?
– Bald hört es auf.
Sie wurde wieder ruhig. Schmiegte sich noch fester an ihn an, grub sich mit ihren Lippen saugend in die seinen, und manövrierte mit frechen, schamlosen Händchen an seinen Beinen.
Er ließ es geschehen, goẞ Branntwein in ein Glas, schüttete den ganzen Inhalt der Eprouvette hinein und stellte es abseits.
– Was bist du so kalt? fuhr sie ihn plötzlich unmutig an.
– Ich? kalt? – nun dann mußt du mich warm machen. Du hast dich doch unlängst gebrüstet, daß du einen Toten lebendig machen könntest …
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 26. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/28&oldid=- (Version vom 31.12.2025)