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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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Das Mädchen lachte hell auf.
– Ja, ja – das kann ich, und das werde ich dir zeigen, aber zuerst muß ich trinken.
Er schob ihr das Glas zu.
Sie trank mit einem Schluck.
– Nun was? – Sie sah ihn triumphierend an. – Wer kann so trinken, wie ich?
Im selben Augenblick rissen sich ihre Augen weit auf in gräßlicher Todesangst – lange heftige Zuckungen durchliefen den schmächtigen Körper, mit den Händen griff sie in der Luft umher, man sah, daß sie schreien wollte, an den Schreien erstickte, weil sie keinen Laut herausstoßen konnte.
Dann noch ein paar heftige Zuckungen, das Auge brach, der Körper bäumte sich auf, verkrampfte sich, erstarrte …
Les suprèmes délices, lächelte Czerkaski.
Endlich eine Tat, die eines Menschensohnes würdig war!
Er legte die noch warme Leiche des Mädchens auf das Bett und küßte es andächtig auf die Stirn.
Ich habe dich errettet, betete er leise, errettet von dem Ekel des Zerfalls beim lebendigen Körper, vom Abfaulen deiner schönen Glieder, von der gräßlichen Qual, im Frost, Schnee, Kot und Regenwetter hungrig und bettelnd nach einer Mannesbestie herumsuchen zu müssen, ich habe dich errettet vor den unmenschlichen Schlägen und Fußtritten deines Zuhälters, gerettet habe ich dich vor dem Schmutz des Gefängnisses und dem Elend des Spitals – und nun schlaf – friedlich, heiter – froh …
Er atmete tief auf.
Noch einmal betrachtete er in tiefster Sammlung das tote Kind, dann schritt er in die finstere Nacht hinaus mit Trauer im Herzen, aber auch dem Gefühl eines leisen Triumphs, daß er endlich eine menschenwürdige Tat vollbracht habe.
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 27. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/29&oldid=- (Version vom 31.12.2025)