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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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| DIE FACKEL | ||
| Nr. 301–302 | 3. Mai 1910 | XII. JAHR |
Im Toilettezimmer. Die alte Frau entkleidet die junge.
»Was hast du? Deine Hand blutet?«
»In deinem Schleier stak eine Nadel.«
»Gib doch acht! Ich habe genug Blut gesehen.«
»Armes Kind, arme kleine Gabi. Du darfst verlangen, daß dieser dich glücklich macht.«
»Ich hätte es mir verdient.«
»Weißt du noch, wie ich traurig war, als ich dich für – jenen schmückte, für deinen ersten Mann? Du warst voll Vertrauen, ein unschuldiges Kind. Mir aber ist’s jetzt, als hätte ich Ahnungen gehabt.«
»Schweig, schweig doch!«
»Ich will sagen: Dieser wird dich glücklich machen. Und hättest du ihn denn bekommen, wenn der Andere nicht – auf solche Art geendet hätte?«
Sie zieht der Herrin den Rock herab, sie umarmt ihre Knie.
»Gabi, kleines Herz, als ich dir in unserem alten Kinderzimmer durch die Scheiben die Leute zeigte, da wußten wir beide noch nicht, wie böse sie gegen dich sein würden. Und doch hatte jener dich so sehr gequält; es war dein Recht, daß er umkam.«
»Du sprichst, als ob ich’s gewollt hätte.«
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 1. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/3&oldid=- (Version vom 22.3.2026)