Seite:Die Fackel Nr. 301–302.djvu/30
| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
|
|
Es gibt Menschen, die zur Welt kommen, um hundsfottiert zu werden.
Als jüngerer Bruder wurde er von den älteren hundsfottiert; wenn sie gefehlt hatten, beschuldigten sie ihn, und er kriegte Schläge.
Da, mit fünf Jahren, verfluchte er die Stunde seiner Geburt und wollte sterben. Aber er ging zuerst in die Küche und beklagte sich der Köchin gegenüber, die er für seine Freundin hielt. Sie verriet ihn sofort und erzählte es den Eltern, das Kind habe sein Geständnis zurückgenommen, das ihm eben unter Marter abgerungen war. Das angebliche Verbrechen sollte darin bestehen, daß er, der Fünfjährige, von dem Portwein der Alten getrunken habe. Ein fünfjähriges Kind sollte aus einer geöffneten[WS 1] Flasche so viel Portwein getrunken haben, daß es zu merken war, während man dem Kind keinen Rausch anmerkte. Das glaubten die Eltern!
Da wurde er wieder gemartert und gezwungen, zu bekennen, erstens daß er den Portwein getrunken, zweitens, daß er eben gelogen, als er leugnete.
Darauf mußte er um Verzeihung bitten, sowohl daß er den Wein ausgetrunken, wie daß er gelogen habe.
Wenn er darauf nicht ein Lügner fürs ganze Leben wurde, so zeigt es wohl, daß er diese Anlage nicht besaß.
Solche Marterszenen wiederholten sich mehrere Male.
Welchen Blick sollte dieses Kind auf Leben und Menschen bekommen? Zuerst wurde er ängstlich vor
allem, War immer furchtsam, man würde ihn anklagen;
- ↑ Aus dem schwedischen Manuskript. Die Buchausgabe der Bekenntnisse erscheint erst 1911.
Anmerkungen (Wikisource)
- ↑ Vorlage: geöffnete
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 28. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/30&oldid=- (Version vom 31.12.2025)