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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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Carlos lebhafter und klüger, Nicolas verträumter und ruhiger. Aber beide zeigen ihre Verwandtschaft in der Beeinflussung durch Doktor Bürstenfeger.
Dieser, ein Bild des deutschen Lehrers, ist Pedant aus Idealismus und Idealist aus Pedanterie. Als Lehrer hat er kein Verständnis für die Kinder, sondern nur Sinn für Didaktik. Aber die Kinder sind für seine Ruhe und Güte empfänglich und lassen sich von ihm menschlich beeinflussen. Im ersten Kapitel lügen sie noch nach Herzenslust und bekräftigen ihre Lügen durch Eide. Aber nach seinen schönen, eindringlichen Worten gehen sie in sich, erröten, wenn sie ertappt werden und weinen vor Scham. Sie werden weich, fast sentimental und färben, auch wenn sie langsam seine komischen Schwächen wittern, immer mehr von Doktor Bürstenfeger ab. Carlos und Nicolas werden nie wie Doktor Bürstenfeger werden; aber sie werden ihn einmal lieben und als Freund betrachten.
Nicht nur auf ihren Lehrer reagieren Carlos und Nicolas gleich. Sie werden gemeinsam von wesentlichen Dingen berührt, und von gleichen Stimmungen befangen. Schmied verwendet diese innere Einheitlichkeit zur Charakterisierung der Kinder und zur Spiegelung der Umgebung. In Frage und Antwort sind sie wechselseitig Hintergrund und Relief, Teile der Handlung und Werkzeuge der Psychologie. Ihr klarer Kinderblick sieht das Klare und dringt nach Klarheit. Daher beleuchten sie nicht nur sich selbst, sondern auch die anderen. Indem aber alle Dinge in einen äußeren oder inneren Bezug zu den Kindern gebracht sind, scheint das Lebensgetriebe ohne sie nicht denkbar. Bald sind sie die Handelnden selbst, bald das Gegenspiel: im ersten Band vorwiegend Kreisfläche, im zweiten vorwiegend Zentrum. Und bezeichnenderweise ist ihr tiefstes Erlebnis auch die tiefste Szene des Buches. Es ist die Nacht, in der sie wach in der Kajüte liegen, um die Versenkung der Leiche einer Greisin zu erwarten. Hier ist die Schilderung, durch künstlerische Kontraste bewegt, einfach und visionär.
Im ersten Band, den »Kinderjahren in Argentinien«, folgt ein Abenteuer dem anderen. Fehlt noch den skizzenartig gereihten Erzählungen künstlerisch verdichtete Einheit, so ist doch jede einzeln fest gefügt und gesteigert, geschmückt mit neuen und eindringlichen Bildern. Die Exotik ist nicht Zweck, sondern das zufällige Milieu[WS 1],
nicht ein Behelf des Dichters, sondern ein Teil des Dichterischen in
Anmerkungen (Wikisource)
- ↑ Vorlage: Miileiu
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 32. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/34&oldid=- (Version vom 31.12.2025)