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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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üblich ist, wenn nicht der König von Spanien sich damals hauptsächlich über die wichtige Frage der Gedankenfreiheit hätte ausholen lassen und die Aufforderung: »Drängt euch zu meinem Sohn, erforscht das Herz der Königin«, erst ganz zum Schluß an den Besucher gerichtet hätte, während Herr Münz sofort dem Familiendiner zugezogen wurde und kaum in Sophia angekommen, auch schon hinter der Königin und dem Kronprinzen Boris her war. Eine gewisse Parallele ergibt sich nun wieder insofern, als der Marquis Posa erklärte, er sei soeben aus Flandern und Brabant angekommen und auf verbrannte menschliche Gebeine gestoßen, während der Münz aus Leipnik kommt, aber immer wieder versichert, er komme aus Konstantinopel, und er vermisse in Sophia die pittoresken Spuren der Vergangenheit, überhaupt sei hier alles so kultiviert, daß er den Eindruck habe, »in einer neuungarischen Provinzstadt zu sein, so wenig orientalisch finde er die Stadt«. Ein kräftiges, ein großes Volk, meint Herr Münz, und auch ein gutes Volk, alles was man will, und so viele reiche, blühende Provinzen, aber – »ich habe, Majestät, auf dem Wege hieher nach Sophia sehr wenige Schlote gesehen. Die Industrie scheint in Bulgarien noch nicht viel entwickelter zu sein als in der Türkei«. Fürwahr, eine freie Sprache. Münz kann nicht Fürstendiener sein. Der König »fixiert sein Gegenüber«; ganz wie jener andere, der den Marquis bald mit einem Blick der Verwunderung, bald mit Erstaunen, mit Erwartung, mit Überraschung betrachtet. Aber Münz braucht seinen König nicht mehr zu erziehen. »Ich hatte«, bekennt er, »in dem König einen Mann von Temperament und Selbstbewußtsein vor mir, und ich müßte ihn so einschätzen, auch wenn er nicht König wäre. Es ist doch selbstverständlich, daß es einem Publizisten, der auf seine Reputation hält und dem jede höfische Gesinnung fern ist, schlecht anstünde, sich unter dem Eindrucke einer freundlichen Aufnahme von dem Glanz einer Krone dermaßen blenden zu lassen, daß er ihren Träger in einer die Öffentlichkeit irreführenden Weise überschätzen wollte. Hie die Majestät des Königs – hie die vollste Unabhängigkeit des Publizisten!« Hi hi! Der Münz kann also nicht Fürstendiener sein! Da kann man eben nichts machen. (Der König ist bewegt.) Nach aufgehobener Tafel möchte Münz am liebsten sagen: »Mein Herz ist voll – der Reiz zu mächtig, vor dem Einzigen zu stehen, dem
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 48. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/50&oldid=- (Version vom 31.12.2025)