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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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Juristen Josef Unger keinen Vorwurf daraus, daß er in sein Notizbuch alles Mögliche einträgt; man nimmt es ihm nicht einmal übel, daß er es gedruckt haben will; man empfindet es nur als eine unerhörte Behelligung, daß die Neue Freie Presse unter dem provokanten Titel »Aphorismen und kein Ende« und mit dem provokanten Motto: »Quousque tandem?« diese Geschwätzigkeit bietet, die von dem Schein der Altersweisheit lebt und in Wahrheit selbst den Glauben an eine geistige Vergangenheit beirrt. Es gehört zu den stärksten Infamien, deren diese abgetakelte Meinungshure fähig ist, sich zur Dekoration ihres Rufs mit Greisen zu umgeben, deren hemmungsloses Unvermögen öffentlich bloßzustellen und das Andenken an deren Blütezeit bei jenen zu kompromittieren, die sich bei solchem Schauspiel nicht vorstellen können, daß es je anders war. Die geistige Schändung eines Greises sollte schwerer gestraft werden, als die leibliche Kinderschändung. Man hat den maẞlos widerwärtigen Eindruck, daß ein reklamesüchtiger Zahnarzt auf der Straße einen Mann zusammengeklaubt hat, der nicht mehr gehen kann, und dem er den Mund aufreißt, um den versammelten Passanten zuzurufen: »Und Zähne hat er auch keine mehr! Meine Adresse ist Fichtegasse Nr. 11.« Es gibt eine Altersgrenze für Professoren. Aber wir haben die bösen Zeiten des Aphoristikers Gersuny mitmachen müssen, und wenn einer aufgehört hat, Zivilprozeß vor- zutragen, was er schließlich ganz gut »bis in hundert Jahr’« tun könnte, darf er in vollster geistiger und körperlicher Frische Aphorismen schreiben. Der alte Unger trägt in sein Notizbuch ein, was ihm heute und andern Denkern schon zur Zeit des Bürgerministeriums durch den Kopf gegangen ist, und er wird nicht verhindert, es uns noch zu zeigen. So erfahren wir:
Als ich meine Demission als Minister erhielt und das Haus vor dem Schottentor verließ, summte ich das Raimund’sche Couplet (mit einer kleinen Variante) vor mich hin:
So leb’ denn wohl,
Du Bretterhaus!
Ich zieh’ vergnügt
Aus dir hinaus.
Es ist sehr zuvorkommend, daß er in Klammern »mit einer kleinen Variante« hinzufügt, man hätte die feine Pointe sonst nicht gemerkt. Unger hat aber auch tiefere Gedanken. So notiert er zum Beispiel:
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 52. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/54&oldid=- (Version vom 31.12.2025)