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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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Aber warum nicht auch »Panta rhei«? Neuer als solche Gedanken ist nun dieser:
Nicht übel. Und gewiß kann auch ein Zitat mein eigener Gedanke sein. Aber in welchem Zusammenhang soll uns die Berufung des alten Unger auf die Thekla irgend etwas bedeuten? Und was fangen wir gar mit dem Satz an:
Dann freilich :
In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling,
Still auf gerettetem Boot treibt in den Hafen der Greis.
Auch das ist ein Aphorismus von Unger. Das ist nun schon eher möglich, weil es beziehungsvoller ist. Wenn man aber anderseits bedenkt, daß das persönlichste Erlebnis des Greises erst nachfolgt? Daß die Neue Freie Presse ihn aus dem Hafen mit Gewalt wieder hinaustreibt und allen Gefahren wieder preisgibt?
schließt Herr Unger. Aber diese Art ist wohl die schrecklichste. Und nicht genug an dem. Kaum, daß der alte Mann endlich doch Ruhe hat und Ruhe gibt, zerrt ihn die Neue Freie Presse noch einmal ins Boot, um ihn dann ins Wasser zu stoßen. Wie das? Nun, Aphorismen und kein Ende hieß es, das Leben ist lang, es währet siebenzig Jahr, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahr, und dann kommen erst die Aphorismen, unter denen sich aber auffallenderweise dieser Satz aus Psalm neunzig nicht befindet. Aphorismen und kein Ende! Nun ja, aber wenn die Osterfeiertage vorüber sind, ist doch alles vergessen, Sonntag und Montag wird der Skandal besprochen, aber am Dienstag, wenn wir wieder an die Arbeit gehen, gehört das Feuilleton der Neuen Freien Presse der Jugend, der lieben lachenden Jugend, dem sprossenden Nachwuchs, der lenzelichen Lust, mit einem Worte dem Zifferer! Da – Blendwerk der Hölle! – was ist das? Welch aberwitzige Vision narrt mich hier? Ein Alpdruck, fünfspaltig: »Aphorismen und kein Ende«. Noch kein Ende? Eine Fortsetzung? Es gibt da noch eine Fortsetzung? Und wieder das Motto »Quousque tandem!« Fiebernd überfliegt mein Blick die Spalten, und ich lese:
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 53. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/55&oldid=- (Version vom 31.12.2025)