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und alles, alles wieder – »So leb’ denn wohl« und »media in vita« und »En amour« und der Jüngling schifft wieder in den Ozean und wieder fehlt »panta rhei«! Warum fehlt »panta rhei«?! Ist es ein Alpdruck oder ein Wiederdruck des Alps? Warum hat man dann um Gotteswillen »panta rhei« vergessen! Was ist überhaupt geschehen? … Da finde ich zwischen dem Titel »Aphorismen und kein Ende« und dem Motto »Quousque tandem« den folgenden Passus:

(Infolge eines technischen Versehens in der Osternummer unvoll- ständig abgedruckt und deshalb hier wiederholt. Anmerkung der Redaktion.)

Ah! Also doch »panta rhei« vergessen! Da heißt es suchen … Aber nicht dieser, sondern drei andere Gedanken sind nachgetragen. Nun entsteht die bange Frage, warum man diese drei Gedan- ken nicht besonders nachtragen konnte, sondern, um sie zu bringen, die vierzig wiederholen mußte. Nein, ich glaube nicht an dieses Motiv. Die Wiederholung der Untat muß ein anderes haben. Und sie hat es! Sie hat es in einem kleinen Schreibfehler des Verfassers, der wirklich nicht besonders richtiggestellt werden konnte. Nicht weil er zu geringfügig, aber weil er für die Struktur liberaler Gehirne zu bezeichnend ist. Die Einschaltung der fehlenden drei Aphorismen ist nur ein dummer Vorwand des vollständigen Wieder- abdrucks; dieser mußte der Berichtigung eines einzigen Wortes vorgezogen werden. Denn das Wort lautet: »Dreyfus«.

Sokrates fiel als ein Opfer fanatischer Priester … und egoistischer Agrarier (Salomon Dreyfus, Orpheus, Histoire générale de Religions) – was alles fällt nicht heutzutage diesen Mächten zum Opfer!

In der neuen Fassung aber lautet der Satz:

Sokrates fiel … … (Salomon Reinach, Orpheus etc.) … …

Bei Salomon Reinach hatte der alte Unger selbstverständlich an den Bruder Josef gedacht und bei Josef Reinach selbstverständlich an Dreyfus … Nun finde ich aber, daß es dem Greisenalter durchaus ziemt, solchen Assoziationen ausgesetzt zu sein. Es ist menschlich, ja es ist in dem vorliegenden Fall, wo es sich um Dreyfus handelt, sogar human. Was aber dem Greisenalter nicht ansteht, ist: den Irrtum wieder gutzumachen und damit eine Treffsicherheit des Denkens anzusprechen, zu welcher es nicht fähig ist. Und ein schimpfliches Verhalten der Umgebung eines alten Mannes ist es, ihn dazu zu animieren und seine Schwäche ein zweitesmal sich

Empfohlene Zitierweise:
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 54. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/56&oldid=- (Version vom 31.12.2025)