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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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produzieren zu lassen. Das erstemal hat ihn die Neue Freie Presse
geschändet, dann aber hat sie ihm nicht gewehrt, als ihm die
Sache Spaß zu machen anfing. En amour trop n’est pas assez.
Wenn man nun ein solches Schauspiel ablehnt, so kommt man
bei der Dummheit leicht in den Verdacht der Respektlosigkeit.
Denn die Dummheit sieht nicht, daß man dem Alter den
höchsten Respekt erweist, wenn man die respektlose Hand der
Hure schlägt, die auf offenem Markt die Hülle von seiner Scham
gehoben hat.
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»Zum Faktum Taussig noch eine Frage. Wie hoch schätzen Sie den Betrag, den Popper durch die Machinationen an der Firma Taussig eingesteckt oder sich widerrechtlich angeeignet hat?« »Meinen Sie durch das Abreißen der Zettel?« »Ja, und auch durch andere Manipulationen.« »Wir haben ja von anderen Manipulationen nichts gehört?« »Ich werde sie schon bekanntgeben. Hat nicht Popper bei der Taussigware auch Indigopreise angerechnet?« »Nein, davon ist mir nichts bekannt.« »Wurde nicht Partieware von Kohn & Nußbaum, die Popper zurückgenommen hat, unter die Waren von Taussig hineingemischt?« »Ja, es wurde von Kohn & Nußbaum zurückgenommene Ware an Taussig anstatt Popperware geliefert.« »War es nicht abgepofelte minderwertige Ware?« »Es war Retourware.« »Ist Ihnen was bekannt, daß Ornstein den kaiserlichen Rat Popper mit Prügel bedroht hat?«
Dieses Milieu, das einem blinden Griff des Staatsanwalts zehn Schwurgerichtssessionen mit Betrug füllen könnte, hat sich kürzlich an die Schwelle der Justiz gewagt, um seine Ehrensorgen auszutragen. Nie ist das Pathos der Gerechtigkeit besser verhöhnt, und nie der antisemitische Ruf dieser Stadt wirksamer dementiert worden. Die Neue Freie Presse hatte dennoch einige Bedenken, ihre Abonnenten im Gerichtssaal in der Sprache sprechen zu lassen, die sie gewohnt sind, und machte den Dolmetsch für die Kultur. So entstand, zumal bei der Aussage des Zeugen Meschulem Pilpel, ein gewisser Widerspruch zwischen der Ethik, die im Gerichtssaal vertreten, und der Sprache, in welche sie nachträglich gekleidet wurde. Die Neue Freie Presse bedachte nicht, daß sie jene Ethik dadurch erst preisgab. Es war umso unehrlicher, als die Zeugen im Prozeß Popper im Gerichtssaal genau so sprachen, wie sie es nach langjähriger Lektüre der Neuen Freien Presse gewohnt sind, und von dieser nunmehr gezwungen
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 55. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/57&oldid=- (Version vom 31.12.2025)