Seite:Die Fackel Nr. 301–302.djvu/62
| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
|
|
»,Daily News‘ bringen folgenden keineswegs erfreulichen Bericht über das Aussehen und das Befinden König Eduards: Nach der soeben überstandenen Influenza ist des Königs Schritt nicht mehr elastisch zu nennen …«
| * | * | |||
| * |
Bekanntlich halten es jetzt die Leute, die »Komödche machen« und jedem illustrierten Erpresser, Fünfguldenmann und Kulissenschnüffler »Grüß Gott, Doktor!« sagen, mit der sittlichen Entrüstung. Es geht um das Problem der »Prostitution« ihrer Kolleginnen, und die wollen und wollen sie nun einmal nicht dulden, weil die Gottesgabe einer munteren Liebhaberin, sich hinzulegen, viel weniger Strapaze kostet und viel mehr allgemeine Anerkennung findet, als der Entschluß, den »Hüttenbesitzer« hinzulegen. Der von der Bühne vertriebene Hanswurst ist jetzt in der Gestalt der Moral wiedergekehrt und macht die Gebärden des im Vordergrund agierenden bürgerlichen Pathos nach. Sie wollen sich verbürgerlichen und fangen selbstverständlich bei der Sittlichkeit an und bei der kunstfeindlichen Ambition des Geschlechtsneides. Nun könnte ja trotzdem ein Theaterdirektor ein schuftiger Mißbraucher der Abhängigkeit sein. Aber bezeichnend ist, wie sich die Sozialpolitik dieses Standesbewußtseins vor allem des Tonfalls der Moral bedient. Der Bericht der Neuen Freien Presse über den Fall des Berliner Direktors Zickel macht diesen Drang sehr anschaulich. Und nachdem es durch zwei Spalten in Andeutungen schrecklichster Art gegangen ist und der Herr Zickel beschuldigt wurde, sich nicht nur an einer anderen jungen Schauspielerin »vergriffen«, sondern »sogar bei der Beseitigung der Folgen mitgewirkt zu haben«, schlägt die Setzmaschine die Hände über dem Kopf zusammen, und man liest den folgenden Passus:
Diese wie eine andere Schauspielerin behaupten,
daß Dr. Zickel in seinem Bureau unsittliche Annäherungen
Lustspielhaus engagiert worden ist, daß sie schließlich in
irgendwie einer Verfehlung schuldig gemacht zu haben. Die
Angaben der Damen müßten mit großer Vorsicht aufge-
versucht habe. Dr. Zickel bestreitet in allen diesen Fällen,
zum Teil durch Briefe, die von den Damen selbst stammten,
die Angaben zu widerlegen.
Ich bin ganz derselben Ansicht.
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 60. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/62&oldid=- (Version vom 31.12.2025)